Radikaler Aufklärer

geschrieben von Lorenz Gösta Beutin

5. September 2013

Ein Buch und eine Konferenz anlässlich des 85. Geburtstags von Lorenz
Knorr

Sept.-Okt. 2006

Lorenz Gösta Beutin (Herausgeber):

„Aufklärung, Frieden, Antifaschismus. Ausgewählte Reden und Schriften“, PapyRossa, Köln 2006

Im Juli ist das neue Buch von Lorenz Knorr mit dem Titel „Aufklärung, Frieden, Antifaschismus“ erschienen, das ausgewählte Texte von 1945 bis heute enthält. Unter dem gleichen Titel findet am 2. September 2006 eine Konferenz statt.

Mit den drei Begriffen von Buch und Konferenz ist die Spannbreite des Schaffens von Lorenz Knorr charakterisiert, wie sie Ulrich Schneider in der letzten Ausgabe anhand biographischer Notizen entfaltet hat. Der Band bietet einen publizistischen Querschnitt durch diese Bereiche und ist gleichzeitig ein Zeitdokument zur Geschichte der linken, antifaschistischen Kräfte im 20. Jahrhundert, ihre bitteren Niederlagen aber auch wichtigen Erfolge.

Die Texte geben Antworten auf die Fragen, welche Konsequenzen nach 1945 notwendig gewesen wären, welche tatsächlich gezogen wurden und wie mit dieser Vergangenheit bis heute umgegangen wird. Sie zeigen ebenso Gegenperspektiven auf zur gegenwärtigen Politik des entfesselten Kapitalismus in Deutschland und weltweit.

Durch autobiographische Passagen, historische Herleitungen sowie Stichwortverzeichnis und Glossar, in dem auf wichtige, heute aber wenig bekannte Personen und Begriffe eingegangen wird, ist dies Werk nicht nur Experten und Freunden des Autors zugänglich, sondern gerade auch jenen Menschen, die erst am Anfang ihres gesellschaftspolitischen Engagements stehen. Zu Beginn des Bandes finden sich fünf autobiographische Texte, die sich unter anderem. mit dem antifaschistischen Widerstand in der CSR, den Diskussionen über das Nachkriegs­europa, der Zeit bei der „SJD – Die Falken“, dem Austritt aus der SPD und dem Generalsprozess beschäftigen.

Im zweiten Teil geht es unter der Überschrift „Faschismus, Revisionismus, Antifaschismus“ um die personellen und inhaltlichen Kontinuitäten vom Faschismus zur BRD, die Geschichte des Sozialdarwinismus, die Absolution der revanchistischen Politik der Vertriebenenverbände durch den verstorbenen SPD-Politiker Peter Glotz und antifaschistische Perspektiven. Im friedenspolitischen Abschnitt widmet sich Knorr der Geschichte der Friedensbewegung sowie spezifischen Aspekten der Frage von Krieg oder Frieden.

Die Texte von „Geschichte, Ökonomie und globale Machtverhältnisse“ behandeln den antimilitaristischen Kampf Wilhelm Liebknechts, die Auswirkungen des globalisierten Kapitalismus und den Entwurf der EU-Verfassung. Von zentraler Bedeutung ist der letzte Teil zu gesellschaftlichen Perspektiven. Hierin geht es um Ziele und Mechanismen der Kulturpolitik und -industrie, das Gedankenerbe der Französischen Revolution und das Menschenbild von Karl Marx. Die beiden letzten Texte widmen sich resümierend aktuellen Erfordernissen linker Politik im Ringen für eine „humane Weltgesellschaft der Freien und Gleichen“ (Knorr).Deren Aktualität und Notwendigkeit wird auch die Konferenz am 2. September im DGB-Haus in Frankfurt am Main verdeutlichen. Eingeladen vom Deutschen Freidenkerverband Hessen, unterstützt u. a. von der VVN-BdA, vom DGB Region Frankfurt und dem Europäischen Friedensforum, wird es neben der Eröffnung durch Monika Krotter-Hartmann vom Freidenker-Verband und der Buchvorstellung durch den Herausgeber Impulsreferate von Ulrich Schneider zum Antifaschismus, Wolfgang Richter vom Europäischen Friedensforum zur Friedenspolitik und Wolf-Dieter Gudopp-von Behm zum Thema Aufklärung geben. In der abschließenden Runde werden neben Lorenz Knorr und einigen seiner Freunde und Weggefährten alle Anwesenden die Möglichkeit bekommen, über den Weg zu einer ausbeutungs- und kriegsfreien Gesellschaft zu diskutieren.

Es ging ums Leben

geschrieben von Alfred Fleischhacker

5. September 2013

Eine Familiengeschichte aus dem Widerstand

Sept.-Okt. 2006

Peter Neuhof:

„Als die Braunen kamen. Eine Berliner jüdische Familie im Widerstand“, Pahl-Rugenstein, Euro 24,80

Zunächst begann das Leben des Autors ganz unspektakulär. Geboren 1926, von den Eltern geliebt und ohne materielle Sorgen. Doch das sollte mit den sich zuspitzenden Problemen in der Gesellschaft bald anders werden. Denn die Eltern waren alles andere als passive Beobachter der Verhältnisse. Politisch im linken Spektrum aktiv, wollten sie das mögliche tun, die Machtübernahme der Braunen zu verhindern.

Peter ist gerade sechs Jahre alt, als Gerhard Weiss, ein Bekannter der Familie, von einem SA-Mann beim Plakatekleben ermordet wird. Das geschieht im Norden Berlins, wo auch die Neuhofs wohnen, die, wie der Ermordete auch, der KPD angehören. Wenig später übernehmen die Nazis die Reichskanzlei. Unmittelbare Folge: Der Prozess gegen den Mörder von Gerhard Weiss gerät zur Farce. Der SA-Mann bleibt so gut wie ungeschoren. Das Auslöschen des Lebens eines Freundes der Familie wird für den Heranwachsenden zu einem Grunderlebnis. Für die Familie bricht mit dem 30. Januar 1933 eine andere Zeit an. Fortan sind sie doppelt stigmatisiert. Denn der Vater ist Kommunist und auch noch Jude. Die materielle Sicherheit ist perdu und der November-Pogrom 1938 bringt neue Einschränkungen.

Rückblickend schreibt Peter über diese Zeit: „Unsere Eltern brauchen uns nicht zu sagen, wie wir uns jetzt verhalten müssen. Sie vertrauen uns. Sie sagen uns alles. So wachsen wir als Gegner der Nazis auf.“ Peter wird noch einige Jahre zur Schule gehen und später anerkennend feststellen, dass er von den Lehrern nicht ein einziges Mal schlechter behandelt wurde als irgendein anderer Mitschüler.

Doch aus dem Hessischen treffen neue Hiobsbotschaften in Berlin-Frohnau ein. Verwandte des Vaters in Friedberg werden in der Pogrom-Nacht abgeholt und in das KZ Buchenwald gesperrt. Im Juli 1940 muss Peters Vater zu seinem Vornamen Karl den zusätzlichen „Israel“ annehmen. Als Jude gebrandmarkt, wird er zunächst in die Farbenfabrik Warnecke und Böhm in Berlin-Weißensee zur Zwangsarbeit geschickt. Zusammen mit hunderten von Leidensgefährten schuftet er für einen Mini Lohn. Viele von ihnen werden bei der „Fabrikaktion“ Ende Februar 1943 aus den Werkhallen die Vernichtungslager deportiert. Nur ganz wenige der bei Warnicke und Böhm damals Arbeitenden erleben das Kriegsende.

Karl Neuhof wird als Mitglied einer Widerstandsgruppe der KPD schon zwei Wochen früher von der Gestapo verhaftet und bleibt einige Monate als Untersuchungshäftling in einem Berliner Gefängnis. Die Mutter überwindet ihre Angst und geht in die Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße. um Näheres über ihren Mann zu erfahren. Sie landet, ohne zu wissen, wer ihr Gegenüber ist, bei Eichmann. Der – damals noch im Siegesrausch – brüllt sie an und gibt ihr den höhnischen Rat, sich als „Arierin“ beim nächsten Standesamt von dem Juden scheiden zu lassen.

In dieser Zeit hat der Vater die Stärke und Kraft zu Tagebuchaufzeichnungen, um der Familie aus der Zelle Ratschläge zur Bewältigung des Alltags zu geben und seine Gefühle und Eindrücke über Mithäftlinge festzuhalten. Durch eine glückliche Fügung sind die Niederschriften erhalten geblieben und jetzt in Auszügen in diesem Buch nachzulesen.Durch Verhöre von Mitgefangenen des Vaters gerät auch die Mutter in die Fänge der Gestapo. Man schreibt bereits das Jahr 1944, als der Prozess gegen sie stattfindet. In dessen Verlauf spricht der Vorsitzende des Gerichts eher beiläufig von „dem inzwischen verstorbenen Ehemann“ der Angeklagten. Die Mutter ist bei diesen Worten dem Zusammenbruch nahe. Dann erfahren Ehefrau und Sohn, dass das Familienoberhaupt schon im Oktober l943, wenige Tage nach dem Abbruch der Aufzeichnungen, im KZ Sachsenhausen erschossen wurde, weil die deutsche Justiz zu diesem Zeitpunkt gegen Juden nicht mehr prozessierte. Die engsten Kampfgefährten der im ganzen Reich aktiven Widerstandsgruppe wurden wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und hingerichtet, Gertrud Neuhofs Bewährungsstrafe aufgehoben. Sie kommt nach Ravensbrück.

Und wie schon nach der Festnahme des Vaters, macht sich Peter mit einem Paket für die Mutter auf den Weg in das Frauen-KZ. Inzwischen ist auch er als „Mischling 1. Grades“ zur Zwangsarbeit verurteilt. Der Eintritt in die Höhle des Löwen ist für ihn mit nicht vorhersehbaren Risiken verbunden. Doch Mut ist eine Eigenschaft, die die Familie durch die Jahre der Gewaltherrschaft begleitet. Mutter und Sohn erleben den Zusammenbruch des Hitler-Regimes.

Der Autor schildert, wie er es erlebte: „Ich habe bärenstarke Sibiriaken und T34 erwartet. Doch statt dessen Pferdegespanne. Ein Rotarmist löst sich von seinem Wagen. Er deutet auf mein Handgelenk… Und schon hat meine Uhr ihren Besitzer gewechselt. ‚Mensch, du kannst mir doch nicht die Uhr klauen‘, mehr fällt mir nicht ein. Er kann es offensichtlich doch und zieht weiter, weiter in den Krieg. Bis zum Reichstag ist es noch ein langer Weg. Was ist da schon eine Uhr…“

Ein Buch voller Spannung, voller Dramatik und etlichen Gedanken zum Leben heute.

Erinnerung an Ruth Rewald

geschrieben von Dirk Krüger

5. September 2013

Autorin eines Kinderbuches über den Spanischen Bürgerkrieg

Sept.-Okt. 2006

Ruth Rewald:

„Vier spanische Jungen“, Röderberg, Frankfurt 1987, 191 Seiten

Am 17. Juli 1942 – exakt sechs Jahre nach dem Beginn des Spanischen Bürgerkriegs und annähernd drei Jahre nach seiner Beendigung – kommt es in Frankreich, in der „Zone d’occupation allemande“ zur berüchtigten Großrazzia „Rafle du Vel‘ d‘ Hiv“. Auslöser der Aktion war die Forderung, nunmehr konzentriert die „Endlösung der Judenfrage“ auch in Frankreich durchzusetzen.

Unter den verhafteten jüdischen Frauen ist auch die 1933 zur Emigration nach Frankreich gezwungene deutsch-jüdische Kinder- und Jugendbuchautorin Ruth Rewald. Sie wird von der Gestapo in dem Dorf Les Rosiers-sur-Loire festgenommen, wohin sie im Sommer 1940 mit ihrer kleinen Tochter aus Paris vor den einmarschierenden deutschen Truppen geflohen war. Am 29. November 1940 hatten sie den Ort erreicht und sich dort niedergelassen.

Ihr gesamtes schriftliches Hab und Gut wird beschlagnahmt. Es gelingt Ruth Rewald vor ihrem Abtransport in das Konzentrationslager Auschwitz noch eine Karte an ihren Mann, Hans Schaul, zu schreiben, der in einem französischen Lager in Djelfa in der algerischen Sahara interniert ist. Die Karte trägt den Poststempel: Angers / Maine-et-Loire, 18. VII. 1942. Sie ist das letzte Lebenszeichen von ­Ruth Rewald.

Am 16. April 1945 beginnt die Rote Armee mit dem Angriff auf Berlin. Als am 2. Mai 1945 der letzte Widerstand gebrochen ist, fallen den Soldaten mit dem Roten Stern in den Kellern des Reichssicherheitshauptamtes große Mengen Akten und Schriftstücke in die Hände. Dabei stoßen sie auch auf einen Karton mit der Aufschrift: „Beschlagnahmung Ruth Gustave Schaul, geb. Rewald, 5.6.06 / Berlin, Referendarin / Deutsch.R.“ Darin enthalten sind zahlreiche Briefe, persönliche Dokumente, Fotos, Notizen, Manuskripte ihrer schriftstellerischen Tätigkeit – all das, was der Gestapo bei ihrer Verhaftung in die Hände gefallen und nach Berlin gebracht worden war. Der Vorgang hat einen hohen symbolischen Wert. Die Nazis, die dieses Leben auslöschen und vergessen machen wollten, haben durch ihr Handeln dazu beigetragen, dass dieser Plan nicht aufgegangen ist, denn der in dem Karton enthaltene Nachlass wird zunächst in die Sowjetunion gebracht und im Jahr 1957 den zuständigen Stellen in der DDR übergeben. Seitdem wird er im Zentralen Staatsarchiv Potsdam (heute Bundesarchiv) archiviert und trägt die Signatur: „90 Re 1, Nachl. R. Rewald-Schaul 1932 – 1939“.

Dort wurde er durch einen Zufall entdeckt. Selbst ihr Mann, Hans Schaul, der Dank der Hilfe der Sowjetunion gerettet werden konnte und später viele Jahre Chefredakteur der theoretischen Zeitschrift der SED war, wusste zunächst nichts davon. Dieser Fund und weitere umfangreiche Forschungen und Nachforschungen ermöglichten eine fast lückenlose Rekonstruktion des Lebens und literarischen Werkes von Ruth Rewald, das die Faschisten ausradieren wollten.

Das wohl wichtigste Manuskript dieser Zeit blieb fast 50 Jahre unveröffentlicht. Das Kinderbuch „Vier spanische Jungen“, mit dem die Autorin nach ihren eigenen Worten vor allem die internationale Solidarität mit den spanischen Kindern anspornen und selbst einen Beitrag dazu leisten wollte. In den Monaten November / Dezember 1937 und Januar / Februar 1938 lebte und arbeitete sie dafür in Spanien im Kinderheim „Ernst Thälmann“, das von der XI. Internationalen Brigade eingerichtet und unterhalten wurde. Nach Paris zurückgekehrt begann sie unverzüglich mit der Niederschrift des Buches. Sie beendete die Arbeiten am 30. September 1938.

Die zentrale Idee im Werk Ruth Rewalds ist der Humanismus. So wurde es zu einem humanistischen Protest und zu einer Alternative zu der auf Rassenhass, Unmenschlichkeit, Völkerfeindschaft und Kriegsbereitschaft zielenden Kinder- und Jugendliteratur im faschistischen Dritten Reich.

Ruth Rewald ist nur 36 Jahre alt geworden. So ist ihr Werk relativ klein geblieben. Vieles macht den zeitbedingten Eindruck des Unfertigen. Die Zeit, in die sie hineingeboren wurde, waren ihrer Entwicklung und Reife nicht günstig. Dennoch, aus dem, was sie geschrieben und wie sie es geschrieben hat, werden wir Nachgeborenen die Verpflichtung ableiten müssen, der deutsch-jüdischen Kinder- und Jugendbuchautorin Ruth Rewald den Platz einzuräumen, der ihr und ihrem Werk gebührt.

Tabus und Geheimnisse

geschrieben von Hans Canjé

5. September 2013

Ein Konferenzband dokumentiert ihre Aufdeckung

Sept.-Okt. 2006

Eckart Spoo (Herausgeber):

„Tabus bundesdeutscher Geschichte“, Ossietzky Verlag Hannover, 248 Seiten, Euro 15,00

Tabus in der bundesdeutschen Geschichte? Gibt es die überhaupt? Das zu ergründen und nach den Ursachen dafür zu forschen hatte sich Ende Oktober 2005 in Hamburg ein Kongress mit dem Titel „Tabus der bundesdeutschen Geschichte“ (ohne Fragezeichen) zum Ziel gesetzt. Die Einladung erging von der 1998 gegründeten Bürgerinitiative für Sozialismus, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, der Geschichtswerkstatt St. Georg e. V., dem ASTA der Universität Hamburg und der in Berlin erscheinenden Zeitschrift „Ossietzky“ Nun liegen, vom Ossietzky Verlag herausgegeben, die Hamburger Kongressmaterialien vor. Untergliedert in vier Abschnitte: „Selbstentnazifizierung“, „Und andere Kontinuitäten“, „Opposition unerwünscht“ und „teile und herrsche“ ist hier versammelt, was unter anderem Historiker, Zeitzeugen und Publizisten in den 32 Vorträgen, den regen Diskussionen in fünf Arbeitsgruppen und einer resümierenden Podiumsrunde an Leichen aus so manchem Kellern der altbundesdeutschen Geschichte hervorgeholt haben. Angesichts gegenwärtiger Geschichtsschreibung, die sich erklärtermaßen noch umfassender der Durchleuchtung der Geschichte der „zweiten deutschen Diktatur“, des „Unrechtsstaates“ DDR widmen will, gemessen an der untadligen Entwicklung des anderen deutschen Teilstaates, liegt hier ein höchste informative und anregende Lektüre vor. Ist die Geschichte der Alt-BRD tatsächlich so beispielhaft verlaufen? Welche Auswirkungen hatte der zur Staatsdoktrin erhobene Antikommunismus nicht nur auf die innenpolitische Entwicklung der BRD? Kann die Geschichte des einen deutschen Staates überhaupt ohne die das anderen verstanden werden? Fragen, die beispielsweise in Heinrich Hannovers Betrachtung eines halben Jahrhunderts antikommunistisch geprägter „Rechtsprechung“ als Auftakt zum Komplex „Verschwiegene Geschichte“ Antworten finden. Otto Köhlers Vortrag über die Selbstentnazifizierung am Beispiel des ersten Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts (BVG) Höpke-Aschoff, ein „hochrangiger Mitarbeiter der Leichenfledderer und Plünderungsspezialisten“ im Dienste der faschistischen „Treuhandstelle Ost“, ist ein Meisterstück des demokratischen Enthüllungsjournalismus. Helmut Kramer, Richter an Oberlandesgericht i. R., konstatierte quasi in Fortsetzung eines Vortrages von Norman Paech: „Indem der Bundesgerichtshof die Verfolgung der Wehrmachtsverbrechen schwer behinderte, flankierte er die auf die Wiederaufrüstung gerichtete Politik der Adenauer-Ära.“ Der Hamburger Völkerrechtler hatte unter der Überschrift: „Nürnberg 1945 – 1949, alles verleugnet, verdrängt, vergessen?“ die bis heute ungesühnt gebliebenen Verbrechen der Wehrmacht in Griechenland, Weißrussland oder Serbien betrachtet.

Als Begleitliteratur zur gegenwärtigen Diskussion über die Umtriebe der Geheimdienste bieten sich die hier nachzulesenden Vorträge von Erich Schmidt-Eenbohm und Klaus Körner an. Ähnlich Aktuelles zur „Patriotismus-“ und „Leitkulturdebatte“ (bei Beleuchtung der geschichtlichen Vorbilder) ist bei Wolfgang Wippermann „Feindbild Ost“ und Kurt Pätzold „Über die Produktion von Geschichtsbildern“ zu finden. Ein empfehlenswertes Lesebuch für unsere Zeit.

Spaniens Himmel, ein Lied kehrt zurück

geschrieben von Ingrid Schiborowski

5. September 2013

Sept.-Okt. 2006

Christina Seidel, Kurt Wünsch:

„Spaniens Himmel breitet seine Sterne… oder Ein Lied kehrt zurück“, Pahl-Rugenstein, Euro 14,90

Auf einem Sommertreffen des Vereins „Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936 – 1939 e. V.“, an dem auch ausländische Gäste teilnahmen, regten diese an, für Jugendliche heute, die vom Spanischen Bürgerkrieg kaum noch etwas wissen, einen Roman zu schreiben. Er sollte das Thema nicht als ferne Geschichte, behandeln, sondern an den Erfahrungen und Problemen junger Menschen heute anknüpfen. Das Buch sollte zum 70. Jahrestag des Putsches der Franco-Faschisten erscheinen.

Zur Umsetzung dieser Idee gründeten Mitglieder des Vereins die Projektgruppe „Buch 2006“. Sie sichteten Bücher, Material, Dokumente und Fotos, sprachen mit Interbrigadisten aus vielen Ländern, und gewannen die beiden Schriftsteller, Dr. Christina Seidel und Dr. Kurt Wünsch aus Halle, die auf der Grundlage des Materials einen Roman für junge Leser schrieben. Vier Jahre lang begleitete die Projektgruppe das Entstehen des Buches.

Ihre Mitglieder standen den Autoren in vielen Diskussioen über die Gestaltung und Bewertung historischer Ereignisse zur Seite. Ein für alle produktiver Prozess.

Am 16. Juli 2006, am Vorabend des 70. Jahrestages des Beginns des Spanischen Bürgerkrieges, stellten es die Autoren in Berlin vor. Wir wünschen ihm viele interessierte Leser.

Heimatbraune Dichtkunst

geschrieben von Raimund Gaebelein

5. September 2013

Niederdeutsche Heimatbewegung im Nationalsozialismus

Sept.-Okt. 2006

Ferdinand Krogmann, Waldemar Augustiny:

„‚Schöngeist‘ unterm Hakenkreuz. Ein Beitrag zur niederdeutschen Heimatbewegung im Nationalsozialismus“, VDG Verlag, Weimar 2005, 138 Seiten

Worpswede gilt Kunstbeflissenen als Künstlerdorf und Malschule. Der Barkenhoff Heinrich Vogelers und der Parisaufenthalt Paula Becker-Modersohns täuschen leicht über den erdverbundenen Naturromantizismus eines Fritz Mackensen hinweg, der schon 1911 mit anderen Worpsweder Malern einen Protestaufruf Carl Vinnens gegen die „Überschwemmung“ Deutschlands mit großen Massen französischer Bilder verfasste. Die Worpsweder Schule begründete eine „Heimatkunstbewegung“ gegen die als undeutsch denunzierten Impressionisten. 1933 wurde Fritz Mackensen vom Bremer Senat zum Direktor einer „Nordischen Kunsthochschule“ berufen, mit der Aufgabe „Aufbau arteigener Kultur im Sinne Adolf Hitlers“ (Wümme Zeitung vom 12. April1934).

Für den Worpsweder Historiker und Journalisten Ferdinand Krogmann ist „Heimatkunst“ keineswegs die unschuldige Suche nach der blauen Blume. Am Beispiel des Worpsweder Schriftstellers und Bundesverdienstkreuzträgers Waldemar Augustiny (1897-1979) versucht er, ihre tiefe Verstricktheit in die Blut-und-Boden-Mystik nachzuweisen.

Krogmanns Studie beruht auf intensivem Quellenstudium und Auswertung bis dahin unbekannter und unveröffentlichter Dokumente. Der vorliegende Band entstand aus Anlass eines jahrelangen Rechtsstreits wegen einer Zeitungsveröffentlichung des Verfassers.

Augustiny charakterisierte sich 1950 selbst als „Standhaften, der Wahres gedacht und das Eigene nicht verleugne“. Er setzte sich ein für eine von fremden Einflüssen freie deutsche Kunst, die „mit der Landschaft und den Menschen der Heimat verwurzelt sein sollte“. 1933 erschien sein erster Roman „Die Fischer von Jarsholm“, demzufolge eine Gemeinschaft „nur unter Opfern“ geboren werden kann. 1950 sollte er in einer geschönten Fassung dem Helden den Opfertod ersparen. Die dörfliche Gemeinschaft der Fischer in Augustinys Werk ist ein „Modell für die Volksgemeinschaft“. In seinem erfolgreichen zweibändigen Roman „Die große Flut. Chronik der Insel Strand“ propagierte Augustiny 1943 in übler Form das Gebot der Rassentrennung und der Reinhaltung der Rasse. Eigens zu diesem Zwecke wurde er vom Wehrdienst freigestellt. Der Untergang der Insel Strand 1634, so meinte er, beruhe darauf, dass sie „ganze Völkerschaften der Deiche wegen dulden“ musste. Fremde (Holländer und Flamen!) „beflecken das Leben der Gemeinden“, damit wird die „alte, geheiligte Ordnung“ zersetzt: „Eine Tochter, die von einem Fremden ein Kind erwartet, verdient nichts anderes als den Tod durch das Wasser“.

Waldemar Augustiny wurde zum Vorsitzenden des Entnazifizierungsausschusses in Osterholz-Scharmbeck berufen. So konnte er guten Freunden wie Georg Grabenhorst, ehemaliger Landesleiter der Schrifttumskammer Hannover, August Hinrichs, ehemaliger Landesleiter der Reichsschrifttumskammer Weser-Ems, oder Agnes Miegel Persilscheine ausstellen. 1950 begann Augustiny, sich vorsichtig von Freunden wie Hans Grimm zu distanzieren, die die Zeichen der Zeit nicht erkannt hatten und sich in ihren öffentlichen Reden „unklug“ und „herausfordernd missverständlich“ ausdrückten. Anlässlich seines 80. Geburtstags behauptete Waldemar Augustiny von sich selbst, ein halbes Jahrhundert „eingesponnen“ gelebt zu haben als freier Schriftsteller am Rande des Teufelsmoors. Zu einer kritischen Auseinandersetzung mit seinem Lebenswerk zeigte er sich weder willig noch fähig.

„Olga“

5. September 2013

Sept.-Okt. 2006

Vor zwei Jahren kam ein bemerkenswerter Dokumentarfilm über das Leben von Olga Benario heraus, der die Biografie der unvergessenen Antifaschistin auch der jüngeren Generation nahe brachte. Ab 31. August 2006 läuft nun ein brasilianischer Spielfilm zum selben Thema in den deutschen Kinos an. Erste, im Internet veröffentlichte Kritiken, bewerten ihn bemerkenswert schlecht. Vielleicht gerade ein Grund, sich ein eigenes Bild von dem Film zu verschaffen. „antifa“ wird in der nächsten Ausgabe berichten.

Heimatlose Vertriebene

geschrieben von Heinrich Fink

5. September 2013

Spontane Bemerkungen zu einer fatalen Ausstellung

Sept.-Okt. 2006

„Gezwungene Wege – Flucht und Vertreibung in Europa des 20. Jahrhundert“ wird veranstaltet von der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibung“.

Der Anblick von so viel Leid und Elend, das Flüchtlingen und Vertriebenen im 20. Jahrhundert aufgebürdet worden ist, macht befangen. Sinnfällig haben die Ausstellungsmacher mit großer Sorgfalt Fotos, kurze Texte, Gegenstände, aber auffällig wenige Dokumente in vier thematisch gegliederten Räumen arrangiert. Wer bisher dachte, dass geschichtliche Zusammenhänge sich erst dann erschließen, wenn die Ursachen der Ereignisse und ihrer Folgen aufgezeigt werden, erfährt, daß dies nicht der Fall sein muss. Denn die Ausgangsthese dieser Präsentation lautet: „Durch den vom nationalsozialistischen Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg erreichten Flucht und Vertreibung eine neue, erschreckende Dimension. Die Deutschen sind mit bis zu 14 Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen am stärksten betroffen.“

Sind Deutsche nicht „betroffen“ von den Millionen als Binnenflüchtlinge Vertriebener in den damals eroberten und besetzten Ländern Europas? Und von den Millionen aus ihrer Heimat zur Zwangsarbeit nach Deutschland Verschleppten? Ich frage, was ist der Unterschied zwischen ihnen und den deutschen Flüchtlingen und Vertriebenen? Erst der verlorene Krieg nahm diesen die Heimat. Was aber wäre gewesen, wenn der von großen Teilen der deutschen Bevölkerung noch im Dezember 1944 erhoffte „Endsieg“ doch eingetreten wäre? Dann wäre der „Generalplan Ost“ (in der Ausstellung nur marginal erwähnt) zu Himmlers verbindlicher Gebrauchsanweisung für den Umgang mit den besiegten Völkern des Ostens geworden: Als Slawen hätten sie kein Recht mehr auf Heimat gehabt. 31 Millionen sollten als Arbeitssklaven nach Sibirien umgesiedelt werden. Aber alle Deutschen hätten ihre Heimat behalten und das eroberte Land wäre bis zum Ural zur deutschen Scholle erklärt worden. Schon der „Alldeutsche Verband“ sah in seiner „Kriegszieldenkschrift“ vom September 1914 für Russisch-Polen und Russland eine umfangreiche Vertreibung der Bevölkerung und eine neue Besiedlung durch deutsche Bauern vor: Feindesland wird deutsche Heimat.

Eingereiht in acht erschütternde Fallbeispiele von Genozid und Vertreibung werden die beiden Weltkriege in der Ausstellung fatal verharmlost. Wer die Deutschen zu Opfern von Flucht und Vertreibung gemacht hat, erklärt eine Tafel: „Die Hauptursache für die Vertreibung der Deutschen aus den deutschen Ostgebieten war die durch Stalin betriebene und von den Westalliierten und der polnischen Regierung akzeptierte Westverschiebung Polens bis an die Oder-Neiße-Grenze.“ Es geht also nicht um gescheiterte deutsche Eroberungsinteressen, sondern um „Selbstvergewisserung um die eigene Herkunft“.

Die Fallbeispiele von unermesslichem Leid und Tod von Flüchtlingen im Jahrhundert „nationaler ethnischer Säuberungen“ und von zwei Weltkriegen in Europa, müssen sich den Vorwurf einer sentimentalen Inszenierung gefallen lassen. Weil die Ausstellungsmacher „Flüchtlinge“ nur zu einer heimat- und geschichtslosen Leidensgemeinschaft abstrahiert haben. Aber: Warum zählen die europaweit Deportierten in die deutschen Konzentrationslager nicht als Opfer? Der Genozid an Roma und Sinti bleibt unerwähnt! Der Holocaust als Ereignis sui generis wird ausgespart. Warum gilt ihnen kein Platz im „Gedächtnis der Völker“?

Frau Steinbach betonte bei der Eröffnung, dass ­diese „Ausstellung singulär“ sei, „Nichts Vergleichbares hat es bislang gegeben. Weder in Deutschland noch irgendwo anders in Europa“. Dabei wurde doch schon in unzähligen Büchern die Geschichte des deutschen Faschismus in eine Opferlitanei der Deutschen umgeschrieben. Wegen nur weniger Fehler in der Zuordnung privater Kriegsfotos musste die Ausstellung über den „Vernichtungskrieg der deutschen Wehrmacht“ überarbeitet werden. Diese, auf „Gefühle“ und „Recht auf Heimat“ orientierte, Ausstellung lässt sich nicht korrigieren. Ich fürchte allerdings, dass Neo-Nazis sich durch sie in ihrer national-egoistischen Sichtweise bestätigt sehen könnten: „Heimat“ statt geschichtsbewusster internationaler Solidarität. Das „Zentrum gegen Vertreibungen“ hat seinen Anspruch auf reaktionäre Geschichtsdeutung unverhohlen offen gelegt.

Verfolgte Homosexuelle

geschrieben von Markus Bernhardt

5. September 2013

Kritiker des Denkmals werden ignoriert

Sept.-Okt. 2006

Gemeinsam mit Jörg Fischer hat Markus Bernhardt das Buch „Schwule Nazis – und die Rechtsentwicklung in der Schwulenszene“ geschrieben, welches voraussichtlich im Oktober 2006 im Unrast-Verlag erscheint.

In Berlin mehren sich zunehmend die kritischen Stimmen bezüglich eines bereits beschlossenen Denkmals, das an die Verfolgung von Homosexuellen zu Zeiten des deutschen Faschismus erinnern soll. Das geplante Denkmal soll genau gegenüber dem Holocaust-Mahnmal in Berlin-Mitte errichtet und zum Christopher-Street-Day (CSD) im Jahr 2007 fertiggestellt werden.

Bereits am 12. Dezember 2003 hatte der Deutsche Bundestag mit großer Mehrheit die Errichtung eines Denkmals beschlossen, welches an die Verfolgung von Homosexuellen im deutschen Faschismus erinnern solle. In dem damaligen Beschluss hieß es: „Mit diesem Gedenkort wollen wir die verfolgten und ermordeten Opfer ehren, die Erinnerung an das Unrecht wach halten und ein beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben setzen“.

Wie beschlossen, veranstalteten die Initiative „Der homosexuellen NS-Opfer gedenken“ und der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) daraufhin gemeinsam mit der Berliner Kulturverwaltung einen künstlerischen Wettbewerb zur Gestaltung des Gedenkortes, an dem sich 17 Künstler beteiligten. Nach dessen Ende verständigte sich das von einer Auswahlkommission berufene Preisgericht am 25. Januar 2006 mit großer Mehrheit auf den Denkmalsentwurf des dänisch-norwegischen Künstlerduos Michael Elmgreen und Ingar Dragset.

Der Vorsitzende der Jury, Prof. Norbert Radermacher, kommentierte den Entwurf wie folgt: „Ihre sehr klar durchdachte und selbstbewusst auftretende Skulptur nimmt ganz offensichtlich Bezug auf die Stelen des Holocaust-Denkmals von Peter Eisenman, indem sie die Grundform einer Stele – deutlich vergrößert – zu einer Art Haus werden lassen, das nun tatsächlich auch ein Inneres bekommt. Wie durch ein Fenster, das schräg in eine Ecke eingeschnitten ist, blickt der Betrachter auf ein projiziertes Filmbild. Im klassischen Schwarz / Weiß sieht er eine endlos wirkende Kussszene zwischen zwei Männern. Die von Außen eher kühl oder abweisende Betonform bekommt so einen ganz intimen Aspekt. Ohne verbale Hilfestellungen oder schriftliche Erklärungen wird hier das Thema der Homosexualität direkt und doch subtil vorgestellt.“

Während die maßgeblich aus den Reihen des LSVD stammenden schwulen Wortführer der Mahnmaldiskussion kritische Stimmen aus der Homobewegung bewusst ins Abseits drängen, konstatierten sie den politisch Verantwortlichen „ein langsames Umdenken in der Erinnerungspolitik“ bezüglich verfolgter Homosexueller, welches angeblich „mit der Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag der Befreiung“ begonnen habe. Dass der Paragraph 175, nach dem Homosexuelle sowohl im Faschismus als auch unter der Regierung von Konrad Adenauer (CDU) massiver Verfolgung ausgesetzt waren, zu diesem Zeitpunkt noch immer galt, interessierte die schwulen Berufsfunktionäre dabei offensichtlich nicht weiter. Ebensowenig, wie die Kritik, die mittlerweile aus den Reihen der Homobewegung laut wird. So bezeichnete der Lesbenring, der größte Verband lesbischer Frauen in der Bundesrepublik, es als „eklatantes Defizit“, dass im Innern des Mahnmals nur ein küssendes schwules Paar, aber kein lesbisches zu sehen sein soll. Damit werde das Schicksal homosexueller lesbischer Frauen nicht ausreichend gewürdigt, so der Lesbenring.

Zuvor war das beschlossene Mahnmal bereits von linken Homo-Aktivisten kritisiert worden. Diese lehnten „die Schaffung eines nationalen Gedenkortes“, wie es der LSVD gefordert hatte, richtiger Weise konsequent ab. Schließlich darf in der Debatte nicht vergessen werden, dass Schwule mitnichten nur Opfer des faschistischen Terrorsystems waren, sondern sich wie beispielsweise der homosexuelle SA-Chef Ernst Röhm auch auf der Seite der Täter finden. Wer diesen Aspekt schwuler Geschichte nicht zu benennen bereit ist, verfälscht diese nachhaltig. Nicht uninteressant zu diskutieren wäre zudem, ob ausgerechnet der LSVD der richtige Ansprechpartner beim Thema antifaschistische Erinnerungsarbeit ist. Wurden aus diesem Verband doch wiederholt Stimmen von Funktionären laut, die der multikulturellen Gesellschaft eine Absage erteilten.

So gewollt?

geschrieben von Heinrich Fink

5. September 2013

Nazikunst als Publikumsmagnet

Sept.-Okt. 2006

Im Rahmen des Schweriner Kultursommers wird im „Schleswig-Holstein-Haus“ bis zum 22. Oktober 2006 eine Ausstellung gezeigt: „Zur Diskussion gestellt: Der Bildhauer Arno Breker“. Schwerin ist Partnerstadt von Wuppertal. Dort wurde schon in den 1990er Jahren eine Breker-Austellung von der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft und ihrem Vorsitzenden Hajo John mit Unterstützung von Ignatz Bubis, Vorsitzender des Zentrarats der Juden in Deutschland, verhindert.

Im Begleitbuch ist zu lesen, dass die Schweriner Schau durch das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Mecklenburg-Vorpommern gefördert wurde. Der „Spiegel“ weiß die Summe: 55.000 Euro. Welches Interesse kann das Ministerium an dieser Ausstellung haben?

Breker war Hitlers liebster Bildhauer. Im Begleitband wird beschrieben, dass er bei Hitler zu Abend aß und mit dessen „liebsten Architekten“, Speer, befreundet war. Er hat an der „Ausschmückung des neuen Berlin im Sinne Hitlers“ mitgewirkt und daran Unsummen verdient. Hitler pries ihn als „größten Bildhauer aller Zeiten“ und verlieh ihm das goldene Parteiabzeichen. Leni Riefenstahl hat im Auftrag des Führers einen monumentalen Film über den „Reichsbildhauer“ gedreht.

Diese Ausstellung war schon für 2005 geplant. Doch offenbar ist im Schweriner Ministerium jemandem aufgefallen, dass sie wohl nicht zum 60. Jahrestag der Befreiung vom Hitlerfaschismus passte…

Rudolf Conrades, Kurator der Ausstellung, rühmt sich, ein Tabu gebrochen zu haben: „Seit 62 Jahren hat es keine Breker-Ausstellung mehr im öffentlichen Raum gegeben.“ Wozu aber nun diese Provokation? Breker hat die Ideologie des Faschismus bewusst durch seine Kunst legitimiert: Er war der Ikonograph des Nationalsozialismus. Überdimensionale Muskelmänner, die im öffentlichen Raum aufgestellt wurden, zum Beispiel 1936 vor dem Olympiastadion in Berlin (wo sie immer noch stehen). Zur Fußballweltmeisterschaft entbrannte deshalb erneut eine heftige Diskussion. Ralph Giordano forderte in einem Aufruf zur „radikalen Säuberung“ auf. Lea Rosh wollte wenigstens die Verhüllung der Figuren des „Obernazis“. Der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, bezeichnete Breker als monumentalen Dekorateur der Barbarei und forderte die Schließung der Ausstellung in Schwerin. Aus gegen die politische Geschmacklosigkeit zog er das Angebot einer eigenen Ausstellung in Schwerin für 2007 im gleichen Haus zurück. Ist Schließen die Lösung? Aber intensiv und sachgemäß diskutieren, mit der angemessenen Kenntnis des politischen Hintergrundes, ist unbedingt notwendig. Zum Beispiel über die 1941 gegründete GmbH-Werkstatt, in der Breker Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter beschäftigte. Oder: Wo ist das Modell seiner Bronzebüste „Romanichel“, ein Sinto, im Begleitbuch rassistisch „Zigeunerjunge“ genannt, geblieben? Im Begleitband steht „…er verschwand dann aber wieder.“ Wohin? Vielleicht in das Düsseldorfer Sinti- und Roma-Lager Höherweg?

Der wiederholte Hinweis, dass Breker die uneingeschränkte Gunst Hitlers genutzt habe, um verhaftete Prominente wie den Verleger Peter Suhrkamp sogar aus dem KZ zu holen, liest sich wie eine Rechtfertigung dafür, dass Breker bei seiner Entnazifizierung tatsächlich auch nur als „Mitläufer“ eingestuft wurde (Gebühr 100 Reichsmark).

Da las ich im Gästebuch: „Es wurde Zeit, Breker wieder aus dem Vergessen zu holen.“, oder: “ Mehr davon!“ Unterschrift: „Heimattreue Jugend“.

Schon nach zwei Wochen ist diese Ausstellung ein Publikumsmagnet. Dass Breker nach 1945 prompt für Kirchen gearbeitet hat, ebenso die Tatsache, dass sogar viele Prominente, wie Adenauer, Erhard, Süßmuth, Dali sich von ihm als Büste gestalten ließen, verblüfft. War dies Brekers „Wiedergutmachung“ für seine mörderische Auftragskunst, mit der er das Bild des heldenhaften „arischen“ Menschen gestaltete und dazu beitrug, das Juden, Slawen, Sinti und Roma, Behinderte als „le­bensunwerte Untermenschen“ preisgegeben wurden? Wenn diese erste „offizielle“ Ausstellung kein endgültiger Persilschein für Breker sein soll, dann muss über sie weiter öffentlich gestritten werden.

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