Grass und Schönhuber

geschrieben von Ernst Antoni

5. September 2013

Eine Vorwärtsverteidigung und ein spätes Bekenntnis

Sept.-Okt. 2006

Warum hat Günter Grass erst jetzt und hat nicht schon früher und warum hat er überhaupt oder hätte er nicht…? Ein Rückblick: Franz Schönhubers „Ich war dabei“ war Anfang der 1980er Jahre der missglückte Versuch einer Vorwärtsverteidigung. Man hatte ihm, der gerade Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks werden sollte, gesteckt, dass Neider in der Branche etwas über seine geheim gehaltene SS-Vergangenheit wüssten. Fast hätte der Versuch damals geklappt, hätten sich nicht kritische Leute Schönhubers in Leinen gebundenes SS-nostalgisches Landser-Heft genauer angesehen und dessen skandalöse Inhalte öffentlich gemacht. Nach längerem Zögern trennte sich daraufhin der BR von seinem leitenden Redakteur, worauf dieser beleidigt beschloss, dann halt gleich ganz offen ein Nazi zu sein.

Nicht das späte Eingeständnis seiner Waffen-SS-Mitgliedschaft warf den späteren „Republikaner“-Gründer also aus dem Rennen, sondern seine schriftlich niedergelegte Verharmlosung und Verherrlichung der Mörderbande. „Dabei“ gewesen zu sein, war in der BRD bis weit in die 1970er Jahre hinein alles andere als ehrenrührig. Politiker der großen „Volksparteien“ gaben sich die Klinke in die Hand, um bei den Treffen des Waffen-SS-Traditionsvereins HIAG ihre Aufwartung zu machen. Es handle sich da ja, wurde antifaschistischen Kritikern entgegnet, nicht um die „Totenkopf-SS“, die in den KZs gewütet hatte, sondern um einen „ganz normalen“ Wehrmachtsteil.

Daran muss erinnert werden, weil im aktuellen Grass-Getümmel oft so getan wird, als hätte es für den „Blechtrommel“-Autor fürchterliche Konsequenzen gehabt, hätte er schon früher über sein jugendliches SS-Engagement berichtet. Warum er allerdings gemeint hat, es „verdrängen“ zu müssen, wird auch aus den einschlägigen Passagen in seinem nun rasch zum Bestseller avancierten Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ nicht recht ersichtlich. Gibt und gab es doch – egal, was man im Einzelnen davon halten mag – weder im Werk noch im öffentlichen Auftreten von Grass irgendeinen Anklang an Schönhubersche Schönfärbereien der NS-Zeit und ihrer Verbrechen.

Einer, der „dabei“ war als ganz Junger – und der gerade deshalb seine künstlerischen, humanistischen und antifaschistischen Konsequenzen gezogen hat: So hätte er noch viel konkreter mithelfen können in den Auseinandersetzungen nicht nur mit alten und neuen Nazis und sich und uns genützt. Er wollte oder konnte es nicht.

Das späte Bekenntnis hilft jetzt eher jenen, die schon immer gesagt haben, dass halt alles „Schicksal“ war. Und die Waffen-SS eine „Elite-Truppe“.

„Nie wieder Krieg – nach unserem Sieg“

geschrieben von Ulrich Sander

5. September 2013

Sept.-Okt. 2006

Die verdienstvolle Zeitschrift „Der Rechte Rand“ berichtete kürzlich in Nr. 101 über Aktivitäten militanter Nazis, die sich im Untergrund abspielen. Gleichzeitig betätigen sich verbotene Organisationen unter „staatlicher Observation“ munter weiter. Und der rechte Untergrund wird sehr oft in Bundeswehrnähe aktiv. Konspirative „Schützenvereine“ üben auf Truppenübungsplätzen, und auch weitere rechte Spuren führen zur Bundeswehr und zu den Reservistenkameradschaften.

Ende April 2005 wurde die Existenz einer schwer bewaffneten neonazistischen Wehrportgruppe in Bayern offenbar. Unter den 44 Mitgliedern wurden Polizisten und Bundeswehrsoldaten ausgemacht. Immer in ihrem Arsenal zu finden: Bundeswehrwaffen.

Aus solchen Nazikreisen rekrutieren sich Gruppen, die ausgerechnet zum Antikriegstag am 1. September 2006 wieder unter der Losung „Nie wieder Krieg“ auf die Straße gehen wollen. Das passt zu der Behauptung der NPD, sie würde – wäre sie an der Regierung – sofort die deutschen Soldaten von den Auslandseinsätzen zurückzuziehen. Denn dabei würden sie nur für „Interessen der US-Konzerne“ eingesetzt.

Für die Interessen der „deutschen Heimat“ wäre aber der Bundeswehreinsatz angebracht, sagt die Partei, die eine „Revision der nach dem Krieg abgeschlossenen Grenzanerkennungsverträge“ verlangt. Ausgerechnet am 1. September, dem Jahrestag des Überfalls auf Polen, wollen die Nazis nun für die Grenzrevision an Oder und Neiße eintreten. Und auch sonst ist ihre Losung „Nie wieder Krieg“ verlogen, denn sie fügen – so vor einem Jahr in Dortmund – hinzu „…nach unserm Sieg.“

Der DGB wurde von Antifaschisten aufgefordert, den Antikriegstag schützen zu lassen vor den Naziprovokationen – so wie am 27. Januar der Tag des Auschwitz-Gedenkens geschützt wurde.

Populismus – was ist das?

geschrieben von Übersetzung aus dem Englischen: Cornelia Kerth

5. September 2013

Von Graeme Atkinson, Europa-Redakteur der Zeitschrift
„Searchlight“

Sept.-Okt. 2006

Der Beitrag ist ein gekürzter und zum Teil zusammengefasster Redebeitrag, den der Autor auf der internationalen Konferenz „60 + 1 Jahre Antifaschismus“ gehalten haben. Die Konferenz fand Mitte Mai 2006 im Europäischen Parlament in Brüssel statt. Ein Konferenzband mit allen Beiträgen ist in Vorbereitung.

In den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren haben sich in ganz Europa Rechtspopulismus und rechtspopulistische Parteien entwickelt. Wenn wir dieses Phänomen betrachten, so war diese Tendenz in einer Reihe von Ländern so stark, dass sie sich profilieren und in Organisationen niederschlagen konnte, die populistische Politik in parlamentarischen Institutionen auf verschiedenen Ebenen repräsentieren. Schematisch betrachtet kann man sagen, dass dies in Österreich, Italien, Belgien, Dänemark, Holland, Norwegen, Portugal und in der Schweiz der Fall ist und dass eine grobe Übersicht über diese Tendenz hilfreich sein könnte. In Österreich, Portugal und – bis vor kurzem – Italien, haben sich diese Parteien als Junior-Partner an rechten Regierungskoalitionen beteiligt. In Dänemark und Portugal sind Rechtskoalitionen mittlerweile massiv auf ihre Unterstützung angewiesen. Hier ein Überblick über die Parteien und ihre letzten Wahlergebnisse bei landesweiten Wahlen:

„Searchlight“ ist ein monatlich erscheinendes Magazin gegen Rassismus und Faschismus, das in Großbritannien erscheint, jedoch europaweit neofaschistische Bewegungen beobachtet und analysiert.

Italien: Alleanza Nazionale: 12 Prozent (für beide Kammern des Parlaments), Dänemark: Dänische Volkspartei: 13 Prozent, Holland: Liste Pim Fortuyn: 5,7 Prozent (gegenüber 19 Prozent 2002) Norwegen: Fortschrittspartei: 22,1 Prozent (in aktuellen Umfragen jetzt bei 30 Prozent), Portugal:Volkspartei: 7,3 Prozent (vorher 8,75 Prozent), Schweiz: Schweizer Volkspartei: 26 Prozent.

Die Versuchung, alle diese Organisationen in einen Topf zu werfen und das Etikett „rechtsextremistisch“ darauf zu kleben, ist groß. Doch es wäre sehr gefährlich, das zu tun. Wir müssen sogar innerhalb der politischen Kräfte differenzieren, die wir völlig zu Recht unter der Überschrift Rechtspopulismus zusammenfassen können.

Zum Beispiel der Vlaams Blok / Vlaams Belang (VB). Dabei handelt es sich um eine Partei, die zu Teilen aus einer gewalttätigen paramilitärischen Organisation – dem Vlaamse Militante Orde – entwickelt hat, die Anfang der 1980er Jahre in Belgien Aufstände auf den Straßen inszeniert hat und derart riesige Lager von Schusswaffen und anderer Bewaffnung angelegt hat, dass sie Mitte der 1980er Jahre verboten wurde. Der VB ist tatsächlich eine faschistische Partei, die sich hinter einer populisitschen Stategie versteckt.

Die FPÖ, ihrerseits, ist eine populistische Partei, die tief in Adolf Hitlers NSDAP wurzelt.

Die Alleanza Nazionale (AN) ist eine populistische Partei, die immer noch viele Merkmale des Faschismus trägt (nicht zuletzt in Person eines erheblichen Teils ihrer aktiven Mitglieder!) und in der direkten Nachfolge von Mussolinis Faschistischer Partei steht. Diese Parteien haben auf die eine oder andere Weise eine absolute und belegbare organische Verbindung zur faschistischen oder nationalsozialistischen Tradition.

Bedeutet dies, dass sie genauso sind wie die anderen Parteien, von denen am Anfang die Rede war? Das ist nicht der Fall, weil die anderen Parteien in dieser Liste ihren Ursprung innerhalb des politischen Mainstreams haben und wesentlich als Abspaltungen Unzufriedener von konservativen oder liberalen Parteien entstanden sind. Aus diesem Grund gehen diese Parteien im Allgemeinen keine Kooperation mit Parteien wie dem VB, der FPÖ und AN, die ihre Wurzeln oder organische Verbindung mit dem Faschismus haben, ein. Sie neigen sogar dazu, sich solchen Ansinnen zu widersetzen. (Als Ausnahme von dieser Regel gab es kürzlich Kontakte zwischen der Dänischen Volkspartei und den Hardcore-Rassisten der Schwedischen Demokraten) Wem das bisher nicht so aufgefallen ist, der sei nur an die kränkenden Reaktionen der „neuen“ populistischen Parteien nach dem Erfolg von Jean-Marie Le Pen in der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen von 2002 erinnert. Sie waren äußerst bemüht, sich von jeder Art der Beziehung oder Verbindung mit der Nationalen Front in Frankreich zu distanzieren.

Die Vorstellungen und die Politik all dieser Parteien haben Gemeinsamkeiten in zwei Hauptthemen: 1. Einwanderung / Asyl / Islamophobie und 2. Law and order (Recht und Ordnung). Darüber hinaus gibt es Annäherung im Bereich der Steuern, weil dies ein zentrales Kampagnenthema der rechtspopulistischen Parteien in Europa ist. Die populistischen Parteien in Dänemark, Holland, Norwegen, Portugal und der Schweiz sind am rechten Rand angesiedelt, aber trotz ihrer Begeisterung für eine harte Linie in den oben genannten Politikfeldern sind sie keine faschistischen, ja nicht einmal autoritäre Parteien. Abgesehen von diesen beiden Themenkomplexen haben sie mehr Gemeinsamkeiten mit Rechtskonservatismus und Ultraliberalismus als mit Faschismus und traditionellem Rechtsextremismus. Es kann sicher gesagt werden, dass sie bei weitem mehr von Margaret Thatcher und Milton Friedman geprägt sind als von Hitler und Mussolini.

In Fragen der Wirtschaft und bei vielen sozialen Themen sind sie ultraliberal, fanatische Verfechter des unbeschränkten Marktes und widersetzen sich jeder Form von staatlicher Regulierung und Eingriff. Sie sind nicht totalitär. Ihre Ideologie enthält kein Konzept der „Massen“ und ist stark auf das Individuum konzentriert. Sie sind nicht gewalttätig. Da sie sich selbst als die wirkliche Verkörperung des Mainstreams sehen, setzen sie nicht auf gewalttätige Veränderung. Sie sind nicht antiparlamentarisch oder antidemokratisch. Sie sind, allerdings und vor allem, politische Opportunisten und arbeiten nicht auf der Grundlage klar ausgearbeiteter Programmen, sondern saugen wie politische Staubsauger „populäre“ Missstimmungen, Ressentiments und Sorgen auf. Sie sind in der Lage, im parlamentarischen Rahmen zu handeln und Allianzen mit vorhandenen Mainstream-Konservativen und- Liberalen zu schmieden.

Im Juni 2005 schaffte die Enkelin des italienischen „Duce“, Alessandra Mussolini, mit einem Bündnis aus rechtsextremen Splitterparteien des Einzug ins Europaparlament. Zuvor war sie 2003 aus der Alleanza Nazionale des Gianfranco Fini ausgetreten, weil dieser bei einem Israel-Besuch den Faschismus verurteilt hatte. Daraufhin schloss sie sich dem Bündnis Alternativa Sociale an. Dem Bündnis gehören Gruppen mit terroristischer Vergangenheit wie Forza Nuova und Fronte Sociale Nazionale an.

Das vorrangige Ziel der Rechtspopulisten ist, aus dem populären (Vor-)urteil und der zunehmenden Realität, dass die traditionellen Mainstream-Parteien alle gleich sind, sowie aus der abnehmenden Wahlbeteiligung überall in Westeuropa Kapital zu schlagen.

Mit dem Anwachsen dieses Demokratie-Defizits wird das Wahlverhalten derjenigen, die noch zur Wahl gehen unbeständiger und weniger vorhersehbar. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass Rechtspopulisten im Allgemeinen nicht über eine rassistische Ideologie verfügen, obwohl sie den so genannten „alltäglichen Rassismus“ geschickt manipulieren und instrumentalisieren. Sie sind alle anti-muslimisch, aber – mit Ausnahme des VB und der FPÖ – ist Antisemitismus für sie ein totales Tabu. Es muss auch gesagt werden, dass ihr Anti-Islamismus, der vollständig mit ihrer Einwanderungs- und Asyl-Politik verwoben ist, schon vor dem 11. September 2001 ausgeprägt war.

Derzeit existiert überall in Europa ein tief verwurzeltes Problem kultureller Diskriminierung und eine weit verbreitete Weigerung zu akzeptieren, was es bedeutet, eine multiethnische, multikulturelle Gesellschaft zu sein. In diesem Sinne bewegen sich die populistischen Parteien wie Sonnenblumen auf den alltäglichen Rassismus zu, ohne eine rassistische Ideologie zu besitzen. Der Aufschwung dieser Art populistischer Politik hat zwei wesentliche Konsequenzen: Sie verschiebt eine sich bereits nach rechts verschiebende politische „Mitte“ weiter nach rechts. Sie legitimiert die rassistische Propaganda der weiter rechts stehenden Kräfte, namentlich der Faschisten und Nazis und verschafft ihr Ansehen.

Die populistischen Kräfte lassen sich schwer bekämpfen, weil sie sich durchaus als fähig erwiesen haben, den politischen Raum zu besetzen und die politische Basis zu erobern, die früher der traditionellen Linken, in Besonderheit der Sozialdemokratie anhing. Weil die Sozialdemokraten sich von der Arbeiterklasse und der unteren Mittelklasse abgewendet haben, haben die Populisten den Versuch unternommen, in diese Lücke einzudringen und sie zu füllen. Dabei bemühen sie sich, die Ängste und Sorgen der „einfachen“ Leute anzusprechen. Darauf hat das ganze linke Spektrum noch keine Antwort gefunden. Selbst wenn die Unterstützung für die Populisten zurückgeht, profitiert davon in der Regel die konservative und liberale Rechte und nicht die Linke.

Die antifaschistischen und antirassistischen Bewegungen würden einem katastrophalen Irrtum unterliegen, wenn sie den Rechtspopulismus in seiner gegenwärtigen Erscheinungsform mit Faschismus und Nazismus verwechseln würden. Die Aufgabe besteht darin, den Rechtspopulismus auf seinem eigenen Gebiet zu schlagen. Der Versuch, ihm das Etikett „Nazi“ oder „Faschist“ anzuhängen wird uns nur diskreditieren, weil die Unterschiede zwischen „ähnlichen“ politischen Tendenzen oft genau so wichtig sind wie ihre Ähnlichkeiten.

Neofaschismus in Belgien

geschrieben von Übersetzung aus dem Französischen: Doris Pumphrey

5. September 2013

Von Manuel Abramowicz

Sept.-Okt. 2006

Der Autor ist Koordinator der RésistanceS und Autor des „Guide des résistances à l’extrême droite“ (éditions Labor, Bruxelles 2005).

Der Beitrag ist ein gekürzter und zum Teil zusammengefasster Redebeitrag, den der Autor auf der internationalen Konferenz „60 + 1 Jahre Antifaschismus“ gehalten haben. Die Konferenz fand Mitte Mai 2006 im Europäischen Parlament in Brüssel statt. Ein Konferenzband mit allen Beiträgen ist in Vorbereitung.

Eine der gefährlichsten rechtsextremen Parteien agiert in Belgien, im Herzen Europas. In Flandern repräsentiert sie mehr als 24 Prozent der Wählerschaft. In Brüssel und Wallonien wird sie bei Wahlen immer stärker, obwohl sie dort nur in kleinen Gruppen organisiert ist. Die Antifaschisten sind mobilisiert und vor Ort aktiv.

Seit fast 20 Jahren ist der Vlaams Blok (VB, Flämischer Block) – heute umbenannt in Vlaams Belang (VB, Flämische Interessen) – als perfekte Inkarnation der zeitgenössischen Rechtsextremen voll in das politische Leben unseres Landes integriert. Sein Einfluss wächst bei jeder Wahl. Mit gegenwärtig 24 Prozent ist er die zweitgrößte Partei in der flämischen Region und die größte in der Stadt Antwerpen.

Der VB geht zurück auf ein 1978 gegründetes Wahlbündnis der extremsten flämischen Nationalisten, zum großen Teil Dissidenten der Volksunie (Volksunion), der historischen Partei der „flämischen Bewegung“. Die Stärke der VB beruht also zuallererst auf ihrer Verankerung in einer bedeutenden identitätsstiftenden Bewegung. Als Unabhängigkeitspartei fordert sie die Auflösung des belgischen und die Gründung eines neuen Staates, Flandern. Der Gedanke des Separatismus ist auch in allen anderen politischen Formationen im Norden des Landes zu finden. Und gerade weil diese rechtsextreme Partei ein wichtiger Teil der „flämischen Bewegung“ ist, ist es so schwer, sie wirklich zu bekämpfen.

Der Erfolg der VB rührt auch aus der aktuellen Lage der demokratischen Parteien. Im Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern wird Belgien systematisch von großen Koalitionen regiert. Es gibt kaum Unterschiede zwischen der Rechten und Linken. Die legendären Spannungen zwischen der französisch und flämisch sprechenden Bevölkerung haben enormen Einfluss auf die Bundesregierung. Der mangelnde Unterschied zwischen Rechts und Links wird durch den Nationalismus kompensiert. Die flämischen Mehrheitsparteien (die liberale VLD und die sozialdemokratische SP.A) müssen sich ständig mit den frankophonen Parteien arrangieren. Letztere werden von den radikalsten Kräften der flämischen Bewegung als das größte Hindernis für die Abspaltung Flanderns betrachtet. Von dieser Situation und der sozialen Krise profitieren auf Bundesebene die Oppositionsparteien, der VB und der CD&V (die Christlich-Sozialen, die sich mit den Ultranationalen der NVA verbünden). Der Protest gegen die Regierung wächst zugunsten der Rechtsextremen. Nach dem Muster der klassischen Rechtsextremen hierarchisch organisiert, erreicht der Vlaams Blok-Belang über Vorfrontorganisation die gesamte Gesellschaft. Seine Wählerschaft ist soziologisch sehr unterschiedlich zusammengesetzt. Mit seinem simplifizierten und opportunistischen Diskurs erreicht er die verschiedenen sozialen Schichten. In Wirklichkeit aber bleibt er sich und seinen national-faschistischen Wurzeln treu.

Auf der frankophonen Seite ist die Rechtsextreme auf organisatorischer Ebene sehr schwach. In der Brüsseler und wallonischen Region konkurriert die Front National mit anderen kleinen Gruppen (häufig Abspaltungen der FN) um die rechtsextreme Wählerschaft. Die frankophone Rechtsextreme ist gekennzeichnet durch interne Spaltung, Kleinstgruppen und die Schwierigkeit, sich einer bestimmten nationalen Identität zuzuordnen.

Bei Wahlen jedoch, wächst der Einfluss der frankophonen Rechtsextremen vor allem auf lokaler Ebene. So hat sie in den Regionalwahlen 2004 im Kanton Charleroi mehr als 18 Prozent erreicht.

Bekanntermaßen wächst die Rechtsextreme in den Zeiten der Krise und der Unsicherheit. Sie designiert die Schuldigen (Politiker und Immigranten) und bietet einfache Lösungen an. Mit ihrer starren, protektionistischen und ultrarechten Argumentation beruhigt sie auch die Bürger, die jede Solidarität mit den Opfern der sozial-ökonomischen Krise ablehnen und sich vor den Folgen der Krise für ihre eigene Sicherheit fürchten.

Auch wenn sich die rechtsextremen Parteien heute an das politische System anpassen und sich mit dem Schein der Ehrbarkeit umgeben, so bleiben sie ihrer eigentlichen Ideologie treu. Der VB und die FN in Belgien entstammen dem gleichen politischen Milieu wie die FN in Frankreich, die NPD in Deutschland, die FPÖ in Österreich oder die BNP in Großbritannien. Sie wurden von Anhängern des Dritten Reiches, von Neofaschisten und Neonazis gegründet. Ihre politischen Programme zeugen vom Weiterwirken des ideologischen Erbes. Sie beziehen sich auf das „Blutsrecht“, auf eine soziale Ordnung der Ungleichheit und ein Apartheitsystem. Ihre Anpassung an die heutigen Bedingungen ist nur taktischer Natur und ist Teil ihres Planes der Machteroberung, nach der Strategie des trojanischen Pferdes.

Die beiden flämischen Mehrheitsparteien (VLD und SP.A) scheinen in dieser Situation immer schwächer zu werden. Durch ihre fortgesetzte Teilnahme an der Bundesregierung verlieren sie ihre Glaubwürdigkeit und immer mehr Wähler wenden sich enttäuscht von ihnen ab. Des weiteren schaden die vielen politischen und juristischen Skandale dem Ansehen der „klassischen“ Politik.

Seit fast 15 Jahren soll ein „cordon sanitaire“ die Rechtsextreme von der Macht fernhalten. Immer öfter jedoch fordern Politiker, diesen aufzuheben, denn sie hoffen, dass der VB durch eine Regierungsbeteiligung geschwächt und seine Wähler enttäuschen würde. Für viele ist dieses Szenario, dessen Ausgang offen ist, nur ein Vorwand. Im konservativen und nationalistischen flämischen Milieu, dem auch ein Teil der Unternehmer angehört, hofft man auf eine große flämisch-nationalistische Allianz unter Einbeziehung des VB gegen die Sozialisten, die Gewerkschaften und sozialen Bewegungen. Man will den VB also nicht schwächen, sondern seine Wählerschaft für eine neue ultrarechte politische Kraft nutzen, die sich für die völlige Unabhängigkeit Flanderns einsetzt.

Auf der anderen Seite fordern eine Minderheit im Norden des Landes und eine Mehrheit der Frankophonen (frankophone und flämische Sozialisten und Ökologen, frankophone Liberale und Demokraten und mehrere antirassistische Organisationen) radikale Maßnahmen gegen die Wahlerfolge der Faschisten, der populistischen, rassistischen und antisozialen Rechten, wie zum Beispiel die Streichung öffentlicher Gelder für antidemokratische Parteien oder das Verbot des VB und der FN.

Juristisch ist eine solches Verbot gegenwärtig nicht möglich und die Streichung der Gelder sehr schwierig. Diese Maßnahmen wären letztendlich auch nicht erfolgreich, denn die Rechtsextremen haben schon oft ihre Fähigkeit bewiesen, Hindernisse zu umgehen.

In den 1970er und 1980er Jahren bildeten die Ortsverbände der Antifaschistischen Front (AFF) in Flandern eine Bewegung, die Tausende von Anhängern und Sympathisanten mobilisieren konnte. Auf Massendemonstrationen konfrontierte die AFF sich mit den Rechtsextremen, die zu jener Zeit in gewalttätigen, paramilitärischen Gruppen organisiert waren. Es fand tatsächlich ein Kampf um die Straße statt. Der Schwindel erregende Aufstieg des VB bei den Parlamentswahlen 1991 änderte dies. Der VB verlagerte seinen Kampf von der Straße ins Parlament. Somit änderten sich auch die Waffen im Kampf zwischen den Antifaschisten und den „neuen Faschisten“. Diese neue Situation, die allgemeine Ratlosigkeit, mit der die demokratischen Kräfte dem Aufstieg des VB begegnen, ebenso wie seine Banalisierung durch die Medien und Politik, erschweren die Möglichkeiten einer antifaschistischen Mobilisierung.

Wir Antifaschisten sind zwar weniger geworden, aber wir sind immer noch aktiv. Unsere Aktivitäten konzentrieren sich auf Sensibilisierungs- und Informationskampagnen. Wir wollen dadurch auch die Politiker erreichen, um diese im Kampf gegen den „parlamentarischen Faschismus“ zu stärken.

Mit ihren Aktiven vor Ort und im Informationsbereich, bleibt die antifaschistische Bewegung eine pluralistisch zusammengesetzte Bewegung. Regelmäßig werden Kampagnen initiiert, die von vielen Organisationen unterstützt werden. Diese richten sich nicht mehr direkt gegen die Rechtsextremen, sondern an die Wähler der anderen Parteien, um sie davon zu überzeugen, den VB, die FN etc. nicht zu wählen. Auf lokaler Ebene gibt es noch in einigen Städten aktive antifaschistische Gruppen, in anderen können sie zu Aktionen reaktiviert werden. Unter den Studenten wirkt vor allem die radikale Linke für eine Mobilisierung der Studenten für antifaschistische Aktionen.

Der Kampf der Antifaschisten ist nötiger denn je und muss vor allem politisch geführt werden. Der Antifaschismus ist kein politisches Programm, sondern muss sich darauf richten, immer mehr Menschen für die rechtsextreme Gefahr zu sensibilisieren. Der antifaschistische Kampf ist ein Kampf gegen die faschistischen Strukturen (VB, FN etc.), vor allem aber ist er ein Kampf gegen die faschistische Ideologie.

Ein endgültiger Wahlsieg über die Rechtsextremen kann nur durch eine Politik errungen werden, die die Wurzeln des Erfolgs der Rechtsextremen angreift: die soziale Ungerechtigkeit und Unsicherheit. Dazu brauchen wir den Antifaschismus. Stellen wir uns einen Augenblick vor, wo wir heute wären, wenn es keinen Antifaschismus gegeben hätte…

Antwort an Karl Stenzel

geschrieben von Dr. Horst Seferenz, Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten

5. September 2013

Zu „Schönbohm provozierte“, „antifa“ Juli / August
2006

Sept.-Okt. 2006

Zu dem in der „antifa“ Juli / August 2006 als Leserbrief auszugsweise zitierten offenen Brief von Karl Stenzel an Prof. Günter Morsch ging uns vom Pressesprecher der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten vorstehende Stellungnahme zu.

„Die Jahrestage der Befreiung werden in der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen seit vielen Jahren von der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten in Kooperation mit dem Internationalen Sachsenhausen-Komitee (ISK) ausgerichtet, was sich sehr bewährt hat. Zum diesjährigen Jahrestag, in dessen Mittelpunkt das Vermächtnis der Überlebenden von Sachsenhausen stand, haben die Veranstalter gemeinsam den Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg eingeladen, der aus Krankeitsgründen den stellvertretenden Ministerpräsidenten gebeten hat, diesen Termin wahrzunehmen. Dies ist ein ganz normaler protokollarischer Vorgang, der auch vom ISK akzeptiert wurde.

Im übrigen hat Stiftungsdirektor Prof. Dr. Günter Morsch bereits unmittelbar nach der Veanstaltung gegenüber der Presse jede Polarisierung hinsichtlich der zweifachen Geschichte von Sachsenhausen kritisiert und die Beteiligten zu einem Gespräch eingeladen, das Mitte Juli in Oranienburg stattfinden wird. In einem dpa-Interview hat er sich im Hinblick auf die Inhaftierten des Speziallagers dafür ausgesprochen, dass „zwischen den tatsächlichen oder vorgeblichen Regimegegnern der Sowjets, den zahllosen unschuldig Inhaftieren sowie den einstigen KZ-Aufseherinnen aus Ravensbrück, den Angehörigen der Polizeibataillone oder den kleinen und mittleren NS-Funktionsträgern, (…) ohne die der NS-Terror nicht funktioniert hatte“, differenziert werden müsse. Außerdem hat Morsch dafür plädiert, dass das Gedenken an die beiden Phasen von Sachsenhausen getrennt werden müsse, da sonst die Gefahr des Aufrechnens und Relativierens bestehe.

Was die langjährige hauptamtliche Tätigkeit des ehemaligen ISK-Generalsekretärs Hans Rentmeister als Offizier der Staatsicherheit der DDR betrifft, so ist diese durch die Medien bekannt geworden. Dass die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten eine „Hetzjagd“ auf ihn eröffnet oder sich daran beteiligt habe, weisen wir zurück. Allerdings hat die Stiftung die Zusammenarbeit mit Rentmeister unverzüglich aufgekündigt. Für eine Institution, die sich als Anwalt der Opfer von staatlichem Terror jeder Art versteht, ist ein Stasi-Offizier als Partner untragbar. Dies gilt in besonderer Weise für diejenigen, die unter der Verfolgung durch die Staatssicherheit gelitten haben.“

„Das Leben der Anderen“

geschrieben von Victor Grossman

5. September 2013

Von realem Fall in den USA inspiriert?

Sept.-Okt. 2006

Nach den vielen Preisen musste ich ja „Das Leben der Anderen“ anschauen. Ich fand ihn gut geschrieben, gut gespielt, clever ausgedacht. Doch die Szene mit der Schreibmaschine hatte ich schon irgendwo gesehen. Und, in der Tat, es ging schon einmal in einem berühmten Prozess um eine gewisse Schreibmaschine: War sie das Tatgerät? Genau wie in diesem Film baute ein Experte eine Staffelei auf, zeigte mit dem Stock auf die riesig vergrößerte Schrift, erklärte die feinen Details, die beweisen sollten: Sie war es! Anders als im Film jedoch half damals kein Barmherziger; die Schreibmaschine verschwand nicht. So wurde ein Mann schuldig gesprochen und ging für fünf Jahre ins Gefängnis.

Das ist tatsächlich geschehen, doch nicht in der DDR, sondern in meiner Heimat, den USA. Auch nach seiner Gefängnisstrafe blieb Alger Hiss bis zu seinem Lebensende dabei, er sei weder Lügner noch Sowjetspion gewesen, doch sein Prozess hatte die notorische McCarthy-Ära zur ersten vollen Blüte gebracht. Das war sogar noch vor McCarthy; mit dem jungen Abgeordneten Nixon, der am schärfsten agierte. Er nutzte die Affäre, um seine Karriere zu bauen: Senator, Vizepräsident, dann Präsident. War Hiss völlig unschuldig? Die Frage bleibt offen, wie auch die Frage, ob wir es hier mit einer Art Plagiat des Filmautors zu tun haben.

Leider wurden die Methoden, die der Film angreift, keinesfalls aus der Luft gegriffen. Aber eine Ausnahme waren sie leider nicht. Auch über mich wurden in den USA vom FBI und ähnlichen Institutionen seit meiner linken Studentenzeit 1100 Seiten (ja, elfhundert) erschnüffelt, auch als ich längst in der DDR lebte. Vor einigen Jahren erhielt ich sie, vielfach geschwärzt, doch mit manchen meiner privatesten Bemerkungen. Wieviel mehr wurde über Brecht, Hemingway, Thomas Mann und Klaus Mann (auch über deren Rendezvous) ausspioniert? Eine Menge ist heute bekannt.

Neueste Berichte deuten darauf hin, dass auch der BND fleißig beobachtet. Was lehrt uns das? Erstens: „cosi fan tutti“ – so machen es alle! Und zweitens: jene leider einseitigen Angriffe, von Herrn Henckel von Donnersmark bis hin zu Herrn Knabe, dienen einem offensichtlichen Zweck: das Gute, was die DDR erreichte, Asien, Amerika, all das mit den Schrecken der „Stasi“ zu verdecken. „Nachtigall, ick hör dir trapsen!“

Verschleppte Verfahren

geschrieben von Ulrich Sander

5. September 2013

Fortschritte bei der Verfolgung deutscher NS Kriegsverbrecher in
Italien

Sept.-Okt. 2006

Zu den Kriegsverbrechen Deutscher in Italien gehört auch das Massaker an 335 Zivilisten in den Ardeatinischen Höhlen bei Rom. Anwohner der Via Rasella werden aus ihren Häusern getrieben und gemeinsam mit zufällig vorbeikommenen Passanten vor dem Palazzo Barberini zusammengetrieben.

Mitte der 1990er Jahre wurde bei der Militärstaatsanwaltschaft in Rom ein Bestand alter Vorermittlungsakten von deutschen Kriegsverbrechen in Italien im so genannten „Schrank der Schande“ entdeckt. Auf Grund dieser Akten verurteilte das Militärgericht in La Spezia im Juni 2005 zehn ehemalige SS-Angehörige in Abwesenheit wegen vorsätzlichen Mordes zu lebenslanger Haft. Sie gehörten zur 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer SS“ und sind verantwortlich für das Massaker in dem toskanischen Dorf Sant’Anna di Stazzema, wo am 12. August 1944 560 Menschen ermordet wurden. Die Überlebenden von Sant’Anna wollen erreichen, dass die verantwortlichen Massenmörder endlich auch in Deutschland verurteilt werden. Sie haben eine anwaltliche Vertretung in Deutschland, die als Nebenkläger auftreten will. Um das deutsche Schweigen über diese Kriegsverbrecher zu beenden, führten im Mai dieses Jahres Antifaschisten in neun deutschen Städten Kundgebungen vor den Wohnungen der Beschuldigten durch. Es handelt sich um Werner Bruß (Hamburg), Alfred Mathias Concina (Freiberg, Sachsen), Ludwig Göring (Karlsbad, Baden-Württemberg), Karl Gropler (Wollin, Brandenburg), Georg Rauch (Rümmingen, Baden-Württemberg), Horst Richter (Krefeld), Heinrich Schendel (Ortenberg, Hessen), Alfred Schöneberg (Düsseldorf) und Gerhard Sommer (Hamburg).

Anfang Februar 2006 wurde vor dem Militärgericht La Spezia die Eröffnung eines weiteren Mordverfahrens beantragt. Es richtet sich ebenfalls gegen ehemalige Angehörige der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“. Die in Deutschland lebenden Angeklagten stehen unter Verdacht, im Herbst 1944 im italienischen Marzabotto und den umliegenden Ortschaften mehr als 900 Zivilisten massakriert und ermordet zu haben. Gegen einen 84-jährigen ehemaligen Soldaten der Fallschirm-Panzer-Division „Hermann Göring“, der im Raum Tübingen lebt, hat die Staatsanwaltschaft Stutt­gart Ende Januar 2006 Anklage erhoben. Ihm wird vorgeworfen, am 19. Juni 1944 an der Ermordung von etwa 20 Menschen des Ortes Civitella beteiligt gewesen zu sein. Die 5. Große Strafkammer des Landgerichts Tübingen muss nun entscheiden, ob ein Verfahren eröffnet wird.

Gegen den ehemaligen Wehrmachtsoffizier des 274. Infanterieregiments, Klaus Konrad, ist in Italien seit 2004 ein Ermittlungsverfahren wegen eines Massakers in San Polo bei Arezzo in der Toskana anhängig. Der 92-jährige Biedermann aus Schleswig-Holstein, der von 1969 bis 1980 für die SPD im Bundestag saß, leugnet bis heute Schuld und Verantwortung an der Ermordung von 48 italienischen Männern.

Die bei der Dortmunder Staatsanwaltschaft befindliche Zentralstelle NRW für die Bearbeitung von NS-Massenverbrechen ermittelt gegen Heinrich Nordhorn aus Greven im Münsterland, während des Zweiten Weltkrieges Angehöriger der „Schweren Heeres-Panzerjägerabteilung 525“. Vor der Militärstaatsanwaltschaft La Spezia läuft das Verfahren seit dem 19. April 2006 in Abwesenheit des Angeklagten. Nordhorn wird vorgeworfen, im September 1944 an der Erhängung von zehn Zivilisten, die im Gefängnis Forli einsaßen, beteiligt gewesen zu sein.

Die an den Recherchen über die Verbrechen beteiligten Gruppen deutscher Antifaschisten stellen fest: Die Anstrengungen, die von der deutschen Justiz gegen überlebende mutmaßliche deutsche Kriegsverbrecher unternommen werden, entsprechen weder in Tempo noch Intensität den Notwendigkeiten angesichts der vorgeschrittenen Zeit und der Bedeutung für die Bearbeitung der deutschen Vergangenheit.

„Erde der Brüderlichkeit“

geschrieben von Regina Girod, Jordi Banque

5. September 2013

Ein internationaler Verband bewahrt und pflegt antifaschistisches Erbe

Sept.-Okt. 2006

Am 30. September 2006 führen der Verein „Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936 – 1939“ und der Bundesausschuss der VVN-BdA in Berlin eine Festveranstaltung zum 70. Jahrestag der Gründung der Internationalen Brigaden durch. Sie findet um 15:00 Uhr im Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz statt. Anschließend wird um 19:00 Uhr am Spanienkämpferdenkmal in Berlin-Friedrichshain, Friedensstraße, der Spanienkämpfer gedacht.

Die Vereinigung französischen Rechts „Erde der Brüderlichkeit“ wurde 1994 gegründet. Sie hat sich die Aufgabe gestellt, an den geschichtlich einmaligen Einsatz internationaler Freiwilliger für die Verteidigung von Freiheit und Demokratie in Spanien 1936 – 1939 zu erinnern, ebenso an den Kampf der französischen Résistance und jede Form internationalen antifaschistischen Widerstandes. Die Beispiele von grenz- und nationenüberschreitender Solidarität und menschlichem Einsatz, die in den Jahren1936 bis 1975 (dem Jahr von Francos Tod) auf beiden Seiten der Pyrenäen geschaffen wurden, sollen im Gedächtnis der Völker bewahrt werden. Damit will die Vereinigung zugleich Freundschaft, Solidarität und Zusammenarbeit von Menschen verschiedener Länder heute, im Geiste eines „Europas von unten“ befördern.

Ein Schwerpunkt der Arbeit von „Erde der Brüderlichkeit“ war in den letzten Jahren die Realisierung eines Projektes der Europäischen Union. Daran beteiligen sich, koordiniert durch den Verband, 21 Städte und Gemeinden aus dem Gebiet der Ebroschlacht, auf spanischer Seite der Ariege und auf französischer Seite der Pyrénées Orientales. Auf der Grundlage historischer Forschungen wurden hier Orte des Widerstandes originalgetreu rekonst­ruiert, zum Beispiel: Stätten der Ebroschlacht, Lager des Maquis in den Pyrenäen, Schleichwege zum illegalen Grenzübertritt, die von den geheimen Organisationen des Widerstandes und zur organisierten Flucht von Kämpfern der Interbrigaden und verfolgter jüdischer Menschen genutzt wurden, Fallschirmabsprungplätze, Internierungsstätten oder Internierungslager, aber auch eine Geburts- und Frauenklinik.

Im Rahmen dieses Projektes, das zu dem Programm INTEREG III / A gehörte, wurde, so eine interessante und breite Infrastruktur von Gedenkstätten, Museen, Wanderrouten, Herbergen, sowie zahlreiche Möglichkeiten für persönliche Kontakte und Betreuung geschaffen. So können sich interessierte Bürger und Touristen heute mit der Geschichte, dem Leben, und der Kultur dieser Region vertraut machen. Die Thematik „Interbrigaden und Résistance“ bildet dabei einen besonderen Schwerpunkt.

Zu den aktuellen Projekten des Verbandes „Erde der Brüderlichkeit“ gehört die Aufforstung und Gestaltung eines Areals von Pinienbäumen auf dem Territorium der Ebroschlacht, in der Nähe der Gemeinde Fatarella. Hier soll ein Ehrenhain zur Würdigung der Interbrigadisten aus fünf Kontinenten und mehr als 50 Ländern der Erde entstehen. Den Pinienbäumen werden Gedenktafeln mit Namen und Herkunftsland der internationalen Kämpfer zugeordnet. Für die Arbeit an diesem Projekt, das auch der Aufforstung des durch Waldbrände beschädigten Hains dient, sollen insbesondere jugendliche Teilnehmer aus der EU gewonnen werden.

Es ist geplant, das Projekt der Europäischen Union, nunmehr Im Rahmen des neuen Programms INTEREG III / B, weiter zu führen. Für die Beteiligung daran können sich auch Städte und Gemeinden der Bundesrepublik Deutschland bewerben, die sich dem Anliegen der bereits beteiligten französischen und spanischen Kommunen verbunden fühlen. Dabei könnte es zum Beispiel um die Bewahrung der Erinnerung an deutsche Teilnehmer der Internationalen Brigaden, der französischen Résistance, oder generell des antifaschistischen Widerstandskampfes gehen, die aus diesen Städten oder Gemeinden stammten.

Faschismus als Religion

geschrieben von Jens Grandt

5. September 2013

Hitler sah sich in der Nachfolge Jesu Christi

Sept.-Okt. 2006

Glaubt, wer nicht an Gott glaubt, gar nichts mehr? Die Streitschrift „Ludwig Feuerbach und die Welt des Glaubens“ von Jens Grandt analysiert, von Untersuchungen zum Wesen der Religion ausgehend, Erscheinungsformen säkularer Religiosität in Vergangenheit und Gegenwart. Dabei wird in polemischer Auseinandersetzung mit Marx und Engels eine Neuberwertung Feuerbachs vorgenommen. Spezielle Kapitel befassen sich mit dem Autoritätsglauben vom Papsttum bis zum neuzeitlichen Personenkult, Nationalismus, Nationalsozialismus, orthodoxen Marxismus-Leninismus und Neoliberalismus als säkulare Religion der Gegenwart. Die aktuellen Debatten über das Verhältnis von Religion und Gesellschaft sowie über ethische Werte bestätigen die Brisanz dieser Thematik.

Das Buch ist im traditionsreichen linksliberalen Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster erschienen. Es hat 360 Seiten und kostet Euro 29,90.

Was uns im Gedenken an die Hitler-Diktatur und ihre barbarischen Folgen nicht in Ruhe lässt, die Frage, die wir uns immer wieder zu beantworten haben, ist: Wie konnte dies geschehen? Dieser Fanatismus, diese Selbstvergessenheit, das Jubelgeschrei, die Morde, die Vernichtung der Juden, nicht zuletzt ein Krieg gegen die Welt, dessen Entscheidung „erst eine Sekunde vor zwölf“ fallen werde, wie Goebbels noch am 15. April 1945 auftrumpfte. Ökonomische Analysen haben Hintergründe aufgedeckt, sie erklären aber nur ungenügend, wie große Teile des Volkes einer Massenpsychose verfallen konnten.

Es ist kein Zufall, dass die ersten Versuche, weltliche Glaubenssysteme mit einem eigenen Begriff zu bezeichnen, mit der Einschätzung des Faschismus und seiner deutschen Abart, des Nationalsozialismus, einhergingen. 1938 erschien in Wien Eric Voegelins kleine, aber bedeutende Abhandlung „Die politischen Religionen“; sie wurde von den Nazis sofort verboten. Wenig später hat der französische Philosoph Raymond Aron den Begriff „säkulare Religion“ geprägt und am Beispiel des Nationalsozialismus ausgeführt, wie sich ein Glaube manifestiert, der ohne jenseitigen Gott auskommt.

Die Nationalsozialisten versuchten zunächst, das Christentum für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Schon die Bezeichnung, zugleich Verheißung des NS-Regimes als des „Tausendjährigen Reiches“ ist ein christliches Klischee, der Johannesoffenbarung entlehnt, wo es heißt, nach Erscheinen des Messias beginne das tausendjährige Reich, in dem ein „neuer Himmel und eine neue Erde“ aufgehen. Auch das „Dritte Reich“ beeindruckte die in der Wirtschaftskrise verunsicherten und politisch irritierten Bürger mit dem Versprechen auf eine völlige Erneuerung nach dem „Entscheidungskampf“ zwischen Gut und Böse. Das Böse, Schlechte, nicht lebenswerte Blut sind (und waren schon bei Luther) die Juden. Bei den Nazis kommen die Kommunisten hinzu.

Die sprachlichen Bezüge auf das Christentum sind frappierend. Hitler selbst gefiel sich in der Pose des Messias: „So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn“, hatte er in seinem Buch „Mein Kampf“ verkündet. „Die Aufgabe, mit der Christus begann, die er aber nicht zu Ende führte, werde ich vollenden“, so empfahl er sich, stärker noch als der Sohn Gottes, dem deutschen Volk. Er, „der Führer“, war das jeder Religion unabdingbare Absolute, und wer in Frage stellte, dass Hitler samt seiner Gehilfen die gottgegebene Ordnung sei, bekam nicht erst im Jenseits die Krallen der Racheengel zu spüren.

Die liturgischen Ausdrucksformen waren dann auch das erste, was kritische Historiker bewogen hat, den Nationalsozialismus mit den Kategorien der Religionswissenschaft zu beschreiben. Eine aufdringliche Ikonographie – Hakenkreuz, SS-Ruhnen, Nazi-Adler, Standarten, Lichtsäulen, Pylonen und Flammenschalen – verwandelte die Feierräume der Nazis in geheiligtes Terrain. Trommelwirbel und Fanfarenklänge sorgten für die weihevolle Einstimmung. Die Magistralen zu den monumentalen Kultstätten und Hallen erinnerten während propagandistischer Großveranstaltungen an Prozessionsstraßen. Die Gestaltung der Podien war der Zentralität eines Altars angeglichen. Es gab Gemeinschaftserlebnisse in der Art einer Kommunion, zum Beispiel die Aufnahmeriten in die Hitlerjugend, Beitrittsmodi mit mythischem Glaubensbekenntnis, so bei der SA, SS, der „Leibstandarde Adolf Hitler“. Die Architektur wird gebauter Glaube. Die faschistische Ideologie und Praxis hat sich zu einer eigenen, weltlichen Sakralität verselbständigt. Obwohl die religiösen Mythen des Nationalsozialismus tausendfach widerlegt sind und die Realgeschichte 1945 einen Schlusspunkt hinter die Träume vom Tausendjährigen Reich gesetzt hat, halten die heutigen Neofaschisten an den alten Glaubenssätzen fest. Für die Abwehr der absurden Zumutung einer neu erweckten „deutschen Volksgemeinschaft“ könnte es hilfreich sein, stärker zu beachten, dass es sich hierbei um Religion handelt.

Unser Mann in Paris

geschrieben von Gerhard Leo

5. September 2013

Karl-Heinz Gerstner, deutscher Antifaschist und Mitglied der
Résistance

Sept.-Okt. 2006

Als unser Kamerad Dr. Karl-Heinz Gerstner am 14. Dezember 2005 im Alter von 93 Jahren verstarb, wurde in Nachrufen seine jahrzehntelange, oft kritische publizistische Tätigkeit auf wirtschaftlichem Gebiet in der DDR gewürdigt. Unerwähnt blieb seine hervorragende Aktivität als deutscher Antifaschist in Frankreich während der Okkupation des Landes. Er war, wie mir Jacques Duclos, Politbüromitglied in der FKP, Anfang der 1970er Jahre in einem Gespräch in Paris versicherte, für die französische Résistance „unser Mann in der Nazi-Botschaft“.

Der promovierte Jurist, der hervorragend französisch sprach und nach dem Studium von 1936 bis 1939 in der Deutschen Handelskammer in Paris gearbeitet hatte, wurde schon im Juni 1940, nachdem er wegen der Folgen einer Kinderlähmung als wehruntauglich erklärt worden war, in die deutsche Botschaft im okkupierten Paris versetzt. Als „wissenschaftlicher Hilfsarbeiter“ in der Wirtschaftsabteilung war er in einer untergeordneten Position, aber in der Botschaft unter dem Naziführer Abetz liefen viele Fäden zusammen und für die Résistance gab es dort wichtige Informationen.

Gerstners Tätigkeit für die Résistance war nicht eine spontane Entscheidung in Paris, sie entsprach seinen Überzeugungen und Erfahrungen. In seiner Klasse im Berliner Reformrealgymnasium gab es zahlreiche Schüler aus jüdischen Familien, zu denen er freundschaftliche Beziehungen unterhielt. Sein Klassenlehrer Heinrich Müller, ein Romanist, verstand es, die Jungen für die französische Aufklärung und die Ideen der Revolution von 1789 zu begeistern. „Wir waren liberale Republikaner mit mehr oder weniger Linksdrall“, schreibt er in seinen Erinnerungen (Karl-Heinz Gerstner: Sachlich, kritisch und optimistisch, Edition Ost, Berlin 1999.) Über die bündische Jugend, in der sich Ende der 1920er Jahre viele Mitglieder nach links orientierten, kam Gerstner zur „Deutschen Jugendschaft vom 1. November“. Der Führer dieses Bundes schloss sich 1932 der KPD an.

Schließlich war seine Verlobte Sybille, mit der er fast 65 Jahre verheiratet sein wird, die Tochter eines jüdischen Pelzhändlers, den die Nazis verfolgten und der in einem ihrer Zuchthäuser sterben wird.

Der entscheidende Anstoß für sein Engagement in der Résistance war die Freundschaft mit einem führenden Mitglied des französischen kommunistischen Jugendverbandes. Während seiner Tätigkeit in der Deutschen Handelskammer in Paris lernt er im Winter 1937 bei einem Ski-Urlaub in den französischen Alpen den Medizinstudenten Serge Tsouladzé kennen. Er ist der Sohn eines vor der Revolution geflüchteten zaristischen Generals aus Georgien, der sich, wie so erstaunlich viele andere weißrussische Emigranten der zweiten Generation, in Frankreich der kommunistischen Bewegung angeschlossen hatte. Gerstner und Tsouladzé stellen ihre übereinstimmenden Überzeugungen besonders über die Gefährdung des Friedens durch die Nazibarbarei fest.

Als Gerstner 1940 als Angestellter in der deutschen Botschaft zu arbeiten beginnt, sucht er sofort seinen Freund Tsouladzé auf. Unter dem Decknamen Sergent ist der jetzt der Leiter einer bedeutenden Résistancegruppe junger Kommunisten. Gerstner sagt sofort zu, als er gefragt wird, ob er bereit sei, die Résistance über wichtige Vorgänge in der Botschaft zu informieren. Tsouladzé brachte den deutschen Antifaschisten in Verbindung mit Pierre Hentgès, einem führenden kommunistischen Journalisten, dem Beauftragten des illegalen Politbüros der FKP zur Zusammenarbeit mit der TA (Deutsche Arbeit), wie wir unsere in die Résistance integrierte Organisation deutscher Antifaschisten nannten. Auf wöchentlichen Treffen mit Tsouladzé, an denen später auch je ein Repräsentant der Gaullisten und der Sozialisten teilnahmen, informierte Gerstner über Aktivitäten der Botschaft zur politischen Absicherung der verbrecherischen Besatzungsmacht. Seine Arbeit in der Wirtschaftsabteilung gab ihm die Möglichkeit, Passierscheine zur Reise in die unbesetzte Zone zu beschaffen und die Résistance machte davon reichlich Gebrauch. Schließlich erfuhr Gerstner mehrmals von bevorstehenden Razzien gegen jüdische Bürger, allerdings erst unmittelbar davor. So mussten Gerstner, Serge und dessen enge Mitarbeiter innerhalb von Stunden Dutzende Wohnungen der Gefährdeten aufsuchen, um zu warnen. Mit einigen dieser Geretteten stand Gerstner noch Jahrzehnte nach Kriegsende in freundschaftlicher Verbindung.

Als Gerstner im Juli 1945 im befreiten Berlin von den sowjetischen Behörden festgenommen wurde unter dem Verdacht, an der verbrecherischen Okkupationspolitik in Frankreich beteiligt gewesen zu sein, trafen innerhalb kurzer Zeit mehr als 20 Bescheinigungen von Franzosen ein, die zu seiner Entlassung aus der Haft führten. Alle französischen Garanten hatten die kühnen Aktionen des deutschen Antifaschisten gelobt, so auch René Dumont, der spätere Präsidentschaftskandidat der Grünen. „Ich bewahre auch heute Herrn Gerstner meine ganze Freundschaft“, schrieb Dumont auf einem Kopfbogen des französischen Landwirtschaftsministeriums.

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