Nicht klagen – Weiterleben!

geschrieben von Bertrand Herz

3. Juli 2021

Zum Tod von Bertrand Herz (24. April 1930 bis 20. Mai 2021)

Das Leben von Bertrand Herz, Ehrenpräsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos (IKBD), Ehrenbürger der Stadt Weimar, ist vollendet. Unser sehr verehrter Freund verstarb am 20. Mai 2021 in Paris.

Als er vierzehn Jahre alt war, endete am 4. Juli 1944 in Toulouse seine behütete Kindheit. Er, sein Vater, seine Mutter und seine Schwester wurden von Deutschen verhaftet, »weil Sie Juden sind«, hieß es. In das KZ Ravensbrück kamen die Schwester und die Mutter, die dort verstarb. Die Schwester überlebte.

Der Vater und Bertrand wurden in das KZ Buchenwald deportiert. Dem vorgeblichen Verhaftungsgrund zuwider registrierte man beide als politische französische Häftlinge. Aus dem Kleinen Lager in Buchenwald mussten sie in das Außenkommando Niederorschel. Dort schuftete Bertrand in der Rüstungsproduktion. Nicht klagen – Weiterleben! weiterlesen »

100 Jahre »Arditi del Popolo«

geschrieben von Ulrich Schneider

3. Juli 2021

Zur in Italien gegründeten militanten antifaschistischen Organisation

Den historischen Hintergrund bildete die revolutionäre Bewegung in Italien nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Zwar zählte Italien zu den »Siegermächten« des Krieges, aber die innenpolitische Ausrichtung des Landes als Konsequenz der Kriegserfahrungen war noch offen. Die reaktionären Kräfte folgten im September 1919 einem Aufruf des nationalistischen Schriftstellers Gabriele D’Annunzio zur Besetzung der Stadt Fiume, dem heutigen kroatischen Rijeka, an der Adriaküste. Sie wollten verhindern, dass die Stadt dem neuen Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen zugeordnet würde. Zwar scheiterte dies im ersten Anlauf, war jedoch eine Voraussetzung zur Besetzung der Region ab 1924 durch den italienischen Faschismus, die Erinnerung daran wird bis heute von Faschisten zelebriert.

Gleichzeitig erlebte Italien in den Jahren 1919/20 die »Biennio rosso«, die »zwei roten Jahren«. Es war eine Zeit der Arbeiterkämpfe, bei denen es noch nicht um die politische Macht ging, aber durch Massenstreiks und Betriebsbesetzungen das ökonomische Herrschaftssystem in Frage gestellt wurde. Die Arbeiter übernahmen oftmals selbst die Leitung und bildeten Fabrikkomitees. In dieser Bewegung, die etwa 500.000 Beschäftigte in Norditalien umfasste und in der die Produzenten selber Verantwortung übernahmen, sah Antonio Gramsci die Keimzelle einer zukünftigen kommunistischen Gesellschaft. Er war der Überzeugung, dass »entweder die Eroberung der politischen Macht durch das revolutionäre Proletariat folge oder eine furchtbare Reaktion durch die besitzende Klasse«. 100 Jahre »Arditi del Popolo« weiterlesen »

Kinder für die Nazi-Elite

geschrieben von Dorothee Schmitz-Köster

3. Juli 2021

Die SS-Organisation »Lebensborn«: Ziele, Strategie und Folgen

Das Gerücht hält sich hartnäckig. Bis heute assoziieren die meisten Menschen, die mit dem Begriff »Lebensborn« etwas anfangen können: »Zuchtanstalt der Nazis« oder »Edelbordell für die SS«. Dabei gibt es längst eine Vielzahl von Untersuchungen und Publikationen, die klarmachen, was der Lebensborn wirklich war. Keine Zuchtanstalt, kein Edelbordell, sondern ein »Rasse«projekt, initiiert, kontrolliert und protegiert von Heinrich Himmler, dem »Reichsführer SS«.

Mit dem 1935 gegründeten »Lebensborn e. V.« sollte die »arische Rasse« gestärkt, vermehrt, vergrößert werden. Schließlich, so Himmlers Logik, wurde Führungspersonal gebraucht, vor allem für die eroberten Länder im Osten. Für den entsprechenden Nachwuchs sollte einerseits die SS (die sich als »rassische Elite« verstand) sorgen und andererseits der Lebensborn. Kinder für die Nazi-Elite weiterlesen »

Erst der Anfang

3. Juli 2021

Interview mit Israel Kaunatjike zum »Versöhnungs«-abkommen mit Namibia

antifa: Ende Mai wurde bekanntgegeben, dass sich die Bundesregierung und die namibische Regierung nach sechs Jahren Verhandlungen auf ein Abkommen zur »Wiedergutmachung« des Völkermords an den Herero und Nama während der deutschen Kolonialzeit geeinigt haben. Explizit ausgeschlossen wurden tatsächliche rechtliche Ansprüche auf Entschädigung. Stattdessen wurde eine Erhöhung der Entwicklungshilfe um 1,1 Milliarden Euro (aufgeteilt auf 30 Jahre) sowie eine offizielle Entschuldigung im namibischen Parlament vereinbart. Was ist schlecht an dem Abkommen?

Israel: Zuallererst kritisieren wir das Zustandekommen des Vertrags. Denn die Volksgruppen der Herero und Nama, die nach der Vertreibung durch die Deutschen überwiegend im Exil leben (mittlerweile wieder mehr als 100.000), saßen nicht mit am Verhandlungstisch. Sie sind zudem von den Hilfszahlungen ausgeschlossen, weil sie in den Nachbarstaaten von Namibia leben. Außerdem: Entwicklungshilfe kann Reparationen nicht ersetzen. Die namibische Regierung ist korrupt und wird das Geld schnell verpulvern. An der aktuellen Armut der Nachfahren der Herero und Nama wird sich nichts ändern. Ein weiterer Punkt ist die angebliche Entschuldigung durch Bundespräsident Steinmeier. Er will im Parlament von Windhuk sprechen, statt sich an die Orte zu begeben, wo seine Vorfahren gemordet haben. Wieso geht er nicht an den Waterberg oder in die Omaheke-Wüste, wo Tausende verdursteten? Es ist ein falsches Abkommen, mit den falschen Leuten. In der jetzigen Fassung wird dieser Vertrag für sehr viel Unmut sorgen. Steinmeier wird vor einem leeren Parlament sprechen. Erst der Anfang weiterlesen »

Krieg gegen Kurd*innen

geschrieben von Wanja Musta

3. Juli 2021

Eine Friedensdelegation aus 14 europäischen Ländern bereist Südkurdistan

Im Juni war eine Friedensdelegation aus 14 europäischen Ländern in Südkurdistan, einem autonomen Gebiet im Süden des Iraks. Darunter waren auch Mitglieder der Regensburger und Landshuter VVN-BdA. Eingeladen wurden die Politiker*innen und Aktivist*innen von aktiven Kurd*innen aus Erbil, der Hauptstadt Südkurdistans. Ziel der Aktion »#Delegation4Peace« ist es, den Teilnehmer*innen Hintergründe über die Situation vor Ort zu vermitteln und Solidarität zu üben. Aber wie sieht die aktuelle Situation überhaupt aus?

Die Vertreibung und der damit einhergehende Befreiungskampf der kurdischen Bevölkerung ist schon mehrere Jahrhunderte alt. Seit der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts spitzt sich der Konflikt allerdings zu. Die Region, die durch Kurd*innen geprägt wird, verteilt sich auf vier nationalstaatlich beanspruchte Gebiete, Konflikte sind da vorprogrammiert. Höhepunkte der letzten Jahrzehnte waren die Golfkriege, der Irakkrieg, an dem auch Al-Qaida beteiligt war, oder der Krieg gegen den »Islamischen Staat« (IS). Krieg gegen Kurd*innen weiterlesen »

Internationale Gedenkorte

geschrieben von Ulrich Schneider

3. Juli 2021

Auch in Templin ist einer von 100 Gedenkorten der FIR

Zum 70-jährigen Bestehen der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) – Bund der Antifaschisten liegt eine über 100seitige Dokumentation zu FIR-Gedenkorten vor. Gemeint sind damit Gedenkstätten und Gedenksteine, auf denen das Organisationslogo der FIR zu sehen ist. Solche Gedenkorte befinden sich auf dem früheren Gebiet der DDR, die meisten in den heutigen Bundesländern Brandenburg, Sachsen und Thüringen. In Berlin, wo es zahlreiche Gedenkorte zu Widerstand und Verfolgung gibt, ist kein Gedenkstein, auf dem das Symbol der FIR Verwendung gefunden hat, bekannt. Bis Anfang der 1990er Jahre gab es noch deutlich mehr solcher Gedenk-orte. Manche wurden im Zuge der politischen Wende abgeräumt oder umgestaltet. Ein Gedenkstein ist sogar einer Hochwasserkatastrophe zum Opfer gefallen. Internationale Gedenkorte weiterlesen »

Wasserwege des Widerstands

3. Juli 2021

Eine Reise entlang dem Rhein

In ihrer Publikation »Gefahrgut – Transporte auf dem Rhein 1933 …« tragen Brigitte und Gerhard Brändle Informationen über Menschen im Widerstand gegen den NS-Faschismus zusammen. Die Dokumentation in der Form einer Reise auf dem Rhein ist der Versuch, eine Lücke in der Erforschung des Widerstands zu schließen. Zu verschiedenen Beteiligten werden biografische Informationen präsentiert. Gemeinsam ist ihnen allen ihr Tätigkeitsbereich am, um oder auf dem Rhein.

Für die Erforschung dieser Widerstandsgeschichte gab es einen wesentlichen Beweggrund: Der Schluss von Anna Seghers’ Roman »Das siebte Kreuz« verweist auf den Rhein als Rettungsweg. Anna Seghers hat dies nicht einfach erfunden, sie muss reale Vorbilder gehabt haben: der Kasteler Brückenkopf, die Anlegestelle in Mainz, zudem das Netzwerk von Menschen, die zusammenarbeiteten, um diesen einen aus dem KZ entflohenen Nazi-Gegner zu retten, so Mitglieder des 1933 verbotenen Arbeitersportklubs »Fichte«, der Verband der Seeleute und Hafenarbeiter und vor allem ein »holländischer Schiffer, der allerlei riskiert«. Wasserwege des Widerstands weiterlesen »

Widerständige Patientin

geschrieben von Peps Gutsche

3. Juli 2021

Ein neues Buch zeichnet die Lebensgeschichte von Rosa Schillings nach

Zwischen 1939 und 1945 wurden mehr als 300.000 Menschen mit psychischen, körperlichen und seelischen Behinderungen getötet. In dem hier vorliegenden Buch wird die systematische Vernichtung dieser Menschen anhand der Lebensgeschichte von Rosa Schillings, der Großmutter der Autorin, nachgezeichnet.

Rosa Schillings wurde am 2. Mai 1941 in der Gaskammer der Tötungsanstalt Hadamar ermordet. Chronologisch wechseln sich einschneidende Erlebnisse in Rosas Leben ab mit Einordnungen zur sogenannten Rassenhygiene der Nazis und der damit verbundenen Propaganda des »unwerten« Lebens, dem Aufbau des Verwaltungsapparates zur »Aktion T4« und der Verantwortung des medizinischen und des Pflegepersonals, die sich bereitwillig dem Vernichtungsterror der Nazis anschlossen. Widerständige Patientin weiterlesen »

Gefährliches Gedankengut

geschrieben von Leonore Leonberger

3. Juli 2021

Ein Frauen-Lyrikband scheut die Kommentierung

Mehr als 500 Gedichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart, dazu verschiedene Perspektiven: Kanon, Literaturgeschichte, Emanzipation, weibliche Stimmen – das Ganze mit Querverweisen. Ein sehr interessanter Frauen-Lyrikband von Reclam. Aber von Seite 473 bis 488 sind Gedichte mit nationalsozialistischem Gedankengut abgedruckt (Ingeborg Teuffenbach, Agnes Miegel, Ina Seidel und andere). Diese Gedichte sind kommentarlos zusammengestellt mit Gedichten von Frauen, die vor der Verfolgung durch das Nazi-Regime fliehen mussten oder getötet wurden (Gertrud Kolmar, Edith Stein, Selma Meerbaum-Eisinger, Hannah Arendt und andere). Der Reclam-Verlag schreibt dazu: »Die chronologisch aufgebaute Anthologie bildet ab, dass Autorinnen zu allen Zeiten aktiv an der Geschichte der Lyrik beteiligt waren – und dazu gehört auch die Zeit des Nationalsozialismus. Gefährliches Gedankengut weiterlesen »

Briefmarkenserie: Niemals vergessen

geschrieben von Gerald Netzl

3. Juli 2021

Es gab eine Zeit, da gab die österreichische Post Sondermarken mit politischem, ja mit antifaschistischem Inhalt heraus. Im September 1946 wurde im Künstlerhaus in Wien die antifaschistische Ausstellung »Niemals vergessen!« eröffnet. Zu dieser Ausstellung erschienen vor 75 Jahren auch Briefmarken.

Die Sondermarkenserie umfasste acht Motive mit unterschiedlichen Werten von fünf Groschen bis zu zwei Schilling. Ein Inlandsbrief kostete 1946 im Ortsverkehr zwölf Groschen, im Fernverkehr 18 Groschen. Der Wertzuschlag der Briefmarken wurde, ebenso wie ein Großteil der Einnahmen aus dem Verkauf der Eintrittskarten zur Ausstellung, NS-Opfern zugedacht. Briefmarkenserie: Niemals vergessen weiterlesen »

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