Die Goldegger Deserteure

geschrieben von Gerald Netzl

22. September 2019

Beachtenswerte Gedenkkultur in kleinen Orten in Österreich

In den frühen Morgenstunden des 2. Juli 1944 wurden die BewohnerInnen der Häuser und Anwesen im salzburgischen Goldegg-Weng von Schüssen und Geschrei aus dem Schlaf gerissen. Gestapo, Gendarmerie und SS hatten in der Nacht die Wälder um den beschaulichen Weiler durchkämmt, jeden Heustadel mit Lanzen durchbohrt, die Höfe und Ställe durchsucht und Verdächtige verhaftet.

Ziel der Razzia waren junge Männer aus dem Ort, die seit 1943 nicht mehr zur Wehrmacht einrücken wollten. Der Krieg schien verloren, dem sinnlosen Morden wollten sie sich nicht mehr länger aussetzen. Die Bauernsöhne Schorsch Kößner, Franz Unterkirchner, Richard Pfeiffenberger und der Scheiberbauer Peter Ottino hatten sich bei Fronturlauben dem Sägearbeiter Karl Rupitsch angeschlossen, der sich seit Herbst 1943 in den Wäldern und auf den Almen um Goldegg-Weng versteckt hielt. Die Goldegger Deserteure weiterlesen »

Freiheit verschwand allmählich

geschrieben von Janka Kluge

22. September 2019

Rechte Politikstrategien nicht nur in der Türkei

Die türkische Journalistin und Schriftstellerin Ece Temelkuran gehört zu den wichtigen Autoren ihres Landes. Ihre Artikel und Stellungnahmen werden auf der ganzen Welt wahrgenommen. Auf ihren Reisen hat sie die politische Entwicklung in vielen Ländern kennengelernt und Gemeinsamkeiten mit der Türkei entdeckt. In ihrem jetzt auf Deutsch erschienen Buch »Wenn Dein Land nicht mehr Dein Land ist« beschreibt sie diese Parallelen.

»In Ländern von der Türkei bis zu den USA, darunter hoch entwickelte Staaten mit scheinbar starken demokratischen Institutionen wie Frankreich, Großbritannien und Deutschland, scharen sich Menschen hinter dreisten, skrupellosen Populisten, um sich gemeinsam zu bewegen und die von ihnen als Estab-lishment bezeichnete Wirklichkeit, also das Spiel selbst, anzugreifen, das sie als dysfunktional und korrupt empfinden.« Freiheit verschwand allmählich weiterlesen »

Les lilas et les roses

geschrieben von Ulrich Schneider

19. September 2019

Schriftsteller und Künstler in der französischen Résistance

Zu den großen gesellschaftlich getragenen Widerstandsbewegungen gegen die faschistische deutsche Okkupation gehörte die französische Résistance. In ihr waren nicht nur politische Gegner und ehemalige Angehörige der französischen Streitkräfte in bewaffneten Formationen aktiv, sondern viele gesellschaftliche Gruppen versuchten mit ihren Möglichkeiten, einen Beitrag gegen die Besatzungspolitik und die Kollaboration des Vichy-Regimes zu leisten.

Schon früh positionierten sich französische Schriftsteller in diesem Kampf. Exemplarisch sei hier das »Manifest der Nationalen Front der Schriftsteller« (Comité national des écrivains) angeführt, welches deutlich macht, in welchem Maße Künstler und Intellektuelle sich in die Widerstandsbewegung einordneten.

In dem Aufruf von 1943 hieß es: »Das Regime, das uns aufgezwungen wird, unter dem Gedankenfreiheit und freie Meinungsäußerung überhaupt abgeschafft sind, unter dem nur jene das Recht haben, frei zu schreiben, frei zu reden, die das Lob des Feindes singen, dieses Regime lässt ahnen, wie es um das Schicksal unserer Kultur in dieser ‚Neuen Ordnung‘ bestellt wäre. Les lilas et les roses weiterlesen »

Mut und Ideenreichtum

geschrieben von Gerhard Hoffmann

19. September 2019

Die Geschichte des Ho-Chi-Minh-Pfads in Vietnam

Mit seinem neuen Buch »Ho-Chi-Minh-Pfad – Meisterwerk Zehntausender« erweist sich Hellmut Kapfenberger erneut als profunder Kenner und aufrichtiger, solidarischer Freund Vietnams. Der ehemalige Korrespondent für DDR-Medien erlebte vor Ort die barbarische, durch nichts zu rechtfertigende US-amerikanische Aggression und den mutigen, entschiedenen Widerstand des um seine Freiheit ringenden vietnamesischen Volkes. Mit besonderer Aufmerksamkeit wendet sich der Autor einem der wesentlichsten Faktoren in diesem Krieg zu, dem Ho-Chi-Minh-Pfad. Dabei handelte es sich um eine militärische Nachschubtrasse von gewaltiger Dimension, die in die Militär- und Kriegsgeschichte als »eine der größten Errungenschaften militärischen Ingenieurwesens des 20. Jahrhunderts« (U.S. National Security Agency) einging. Mut und Ideenreichtum weiterlesen »

Späte Wiederentdeckung

geschrieben von Dirk Krüger

19. September 2019

Die Autorin Hermynia zur Mühlen und ihr Werk

Der Name Hermynia zur Mühlen war geachtet im literarischen Leben der Weimarer Republik. Im internationalen Kampf gegen den Faschismus war sie eine bekannte und geschätzte Persönlichkeit.

Am 12. Dezember 1883 in Wien als Gräfin de Crenneville geboren, wurde sie von ihren Eltern in den Konventionen ihrer Kaste, des Hochadels, erzogen. Bald schon erwies sie sich jedoch als das Enfant terrible der Familie.

Durch die diplomatische Tätigkeit ihres Vaters kam sie in zahlreiche Länder Europas, Afrikas und Vorderasiens. Die auf diesen Reisen gewonnenen Eindrücke schärften den Blick der Heranwachsenden für soziale Widersprüche.

In dieser Zeit weckte vor allem die liberal gesinnte und humanistisch gebildete Großmutter ihr Interesse für Literatur, für soziale und politische Fragen.

Zu einem Schlüsselerlebnis wurde für sie die Affäre Dreyfus und Zolas Parteinahme mit dem Manifest »J’accuse«. Späte Wiederentdeckung weiterlesen »

Von »Mutter Erde« zur »Tragenden«

geschrieben von Werner Röhr

16. September 2019

Leben, Werk und Wirkung des deutschen Bildhauers Will Lammert (1882-1957)

Als am 12. September 1959 die Mahn- und Gedenkstätte für das ehemalige Frauenkonzentrationslager Ravensbrück eingeweiht wurde, war derjenige Künstler, mit dessen Schöpfungen die Gestaltung der Gedenkstätte am engsten verbunden ist, schon zwei Jahre tot.

Will Lammert war 1957 im Alter von 65 Jahren gestorben, ohne seine 1954 begonnenen Arbeiten für Ravensbrück abschließen zu können. Die Bildhauer Fritz Cremer und Hans Kies vollendeten die zentrale Skulptur der »Tragenden«, und vergrößerten sie auf die heutige Höhe (auf dem Pylonen insgesamt 4,60m) und vollendeten auch noch andere Figuren Lammerts. Will Lammerts Ideen für eine Figurengruppe, die rund um den Fuß der Stelle der »Tragenden« gruppiert werden sollte, wurde geändert. Soweit die Figuren vollendet waren, wurden sie in Berlin in der Großen Hamburger Straße aufgestellt. Von »Mutter Erde« zur »Tragenden« weiterlesen »

Nur ein paar Tage

geschrieben von Nils Becker

16. September 2019

Neu entdecktes Archivmaterial zur Münchner Räterepublik

Vor 100 Jahren regierten in München vom 7. April bis 2. Mai 1919 »Rote Räte«, bis diese einzige Räterepublik auf deutschem Boden blutig von Freikorps niedergeschlagen wurde. Das sich wiederholende Bild der revoltierenden Soldaten – und Arbeiter, die das Kriegsende im November 1918 und die Abdankung des Kaisers erzwangen und von der SPD im Bündnis mit konservativ-bürgerlichen Kräften, mit Schießbefehl, Standgerichten und hohen Haftstrafen »belohnt« wurden – zeigte sich auch in München. Dennoch ist der Münchner Versuch das städtische Leben mittels rätedemokratischer Verfahren zu organisieren, singulär. Zumindest ein paar Tage entschied kein König und kein Regierungsrat über die Geschicke, sondern ein Netz von Arbeiter- und Soldatenräten.

Nur ein paar Tage weiterlesen »

Kein Gebirgsjägerlatein

geschrieben von Ernst Antoni

16. September 2019

»Heimatkrimi« befasst sich mit Verbrechen der Wehrmacht

Auf dem Rücktitel des Romans »Hinterwald« von Lissbeth Lutter stehen nach einer kurzen Inhaltsangabe folgende Zeilen: »Der Roman ist spannend und gut geschrieben, das Lokalkolorit stimmig und den Titel ‚Hinterwald‘ finden wir grandios. Andererseits polarisiert der Text stark und wir sehen es vertrieblich als sehr problematisch an, in Bayern mit einem Krimi herauszukommen, in dem die örtliche Bevölkerung derart schlecht wegkommt.« Und darunter als Quellenangabe: »Aus dem Ablehnungsschreiben eines Verlags«. Fact oder Fiction?

Gar nicht so einfach einzuordnen bei diesem »Heimatkrimi«, der uns in oberbayerische Gebirgslandschaften führt. »Diese Geschichte ist ausgedacht. Sie ist darum nicht weniger wahr.« Mit diesen Sätzen, frei nach Marc-Uwe Kling, dem Verfasser der »Känguru-Chroniken«, geleitet die »Hinterwald«-Autorin die Leserinnen und Leser in ihr Werk. Eines jedenfalls ist unübersehbar: Der Velag De Noantri (Bremen und Wuppertal) in dem das Buch vor kurzem erschienen ist, liegt nicht gerade südlich der Donau und ist bisher mit Kriminalroman-Veröffentlichungen, »Heimatkrimis« gar, noch nicht aufgefallen. Kein Gebirgsjägerlatein weiterlesen »

editorial

geschrieben von Regina Girod

18. August 2019

Wie geht es weiter mit der Politik in der Bundesrepublik? Was bedeuten die Wahlergebnisse der Europawahlen für Antifaschistinnen und Antifaschisten? Müssen wir uns schon bald auf Koalitionen etablierter Parteien mit der AfD einstellen? Das sind Fragen, denen wir uns im Spezial dieser Ausgabe stellen (Seiten 13 – 16). Nach dem Mord an Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke ist die Gefahr faschistischer Terroranschläge wieder schlagartig ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Die staatliche Strategie, solche Bedrohungen zu verharmlosen und zu vertuschen, wurde im Umgang mit der Mordserie des NSU jahrelang ohne Skrupel durchgezogen. Wird sie auch diesmal dominieren, wo es um einen CDU-Politiker geht? Das käme politischem Selbstmord gleich, denn: »Weitere Mörder stehen bereit. Alarmierende Berichte über das politische Klima und beginnende gewaltbereite bis terroristische Organisierung in Polizei und Bundeswehr, insbesondere in den Reihen ihrer ›Spezialeinheiten‹, lassen aufhorchen.«, schreibt Thomas Willms in seiner Analyse über »Die AfD, die Mörder und die Deutschen« (Seite 14). Diesen Entwicklungen entgegenzutreten ist heute mehr denn je die Aufgabe aller Demokratinnen und Demokraten. Von Sicherheitsbehörden wie dem VS, die den Feind wie eh und je auf Seiten der Linken verorten, sind diesbezüglich keine Wunder zu erwarten. editorial weiterlesen »

Unser Titelbild

18. August 2019

Nahezu 100 Jahre alt und brandaktuell: Die Grafik »Aucune ne ferme« (»Keine schließt«), die der belgische Künstler Frans Masereel am 15.10.1919 veröffentlichte. Bei europäischen Rüstungsindustrien ist schon im ersten Jahr nach dem verheerenden Ersten Weltkrieg wieder mächtig was los. Auch bei den deutschen Verlierern. Arbeit an einer »Sicherheitsarchitektur«? (Aus: Frans Masereel, Bilder gegen den Krieg, Frankfurt/M. 1986)

Nahezu 100 Jahre alt und brandaktuell: Die Grafik »Aucune ne ferme« (»Keine schließt«), die der belgische Künstler Frans Masereel am 15.10.1919 veröffentlichte. Bei europäischen Rüstungsindustrien ist schon im ersten Jahr nach dem verheerenden Ersten Weltkrieg wieder mächtig was los. Auch bei den deutschen Verlierern. Arbeit an einer »Sicherheitsarchitektur«? (Aus: Frans Masereel, Bilder gegen den Krieg, Frankfurt/M. 1986)

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