Auf dem Weg ins Gestern?

geschrieben von Thomas Willms

24. September 2018

Das letzte Buch von Zygmunt Bauman

Von Karl Valentin gibt es das Wort: »Früher war alles besser: Sogar die Zukunft!«. Valentins Bonmot hat seine volle Bedeutung erst in unserer Gegenwart erlangt, könnte man mit Zygmunt Bauman sagen. »Retrotopia« ist das allerletzte Buch des antifaschistischen Kämpfers, Befreiers von Berlin und bedeutenden Soziologen der NS-Gewaltverbrechen (siehe den Nachruf in »antifa«, März 2017). Es zeigt den polnisch/britischen 92jährigen als aus dem Vollen schöpfenden Intellektuellen, der nicht nur auf der Höhe der Zeit diskutiert, sondern uns für die Zukunft noch etwas zu sagen hat. Er tut dies in lockerer Form – man hat sich ja nichts mehr zu beweisen – Themen, Thesen und Ideen durcharbeitend, ohne sonderlich viel Rücksicht auf die Leser zu nehmen. Grundstruktur seiner Argumentation ist ein Hegelscher Dreischritt, eine »Triade doppelter Negation« der Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaften. Schritt Eins ist der bereits in der Vergangenheit versunkene »feste« Kapitalismus bis Anfang etwa der 1970er Jahre, als Kapital und Arbeit im Wesentlichen noch einen »Ort« hatten, der von einflussreichen Staatsgebilden organisiert, behütet und bewacht wurde. Macht und Politik werden aber seitdem in Schritt 2 – so Bauman – zunehmend entkoppelt. Das Kapital wurde, wenn nicht herrenlos, so doch ortlos und wortwörtlich »entgrenzt«. Phase 2 entband aber nicht nur das Kapital seiner Begrenzungen, sondern auch das Individuum. Aus der Welt stickiger Begrenzungen und Konformitäten brachen neue Zeiten individueller Freiheiten und Möglichkeiten heran, zumindest wurden sie versprochen! Die Abfolge war, könnte man schlagwortartig zusammenfassen, der Übergang von »Sicherheit« zu »Freiheit«: »Sicherheit« mit dem Doppelcharakter von Zwanghaftigkeit und Stabilität, die »Freiheit« mit dem Januskopf endloser Möglichkeiten und großer Ängste. Heute, in Phase 3, scheinen die Versprechen der Befreiung für sehr viele Menschen nicht mehr aufzugehen. Was nützen Reise- und europäische Arbeitsfreiheit, totale Informationsmöglichkeiten, usw., wenn nur diejenigen etwas davon haben, die sich das Ganze leisten können? Auf dem Weg ins Gestern? weiterlesen »

Immer weiter so!

geschrieben von Anne Waninger

21. September 2018

Ein Dokumentarfilm über Esther Bejaranos Konzertreise nach Kuba

»Wo der Himmel aufgeht« ist eine Mischung aus Konzert- und Musikfilm, einem Portrait von Esther Bejarano, sowie Blicken auf Kuba und der dortigen Rezeption von Esthers Geschichte:

Im Januar 2017 erfüllt sich die Ehrenvorsitzende der VVN-BdA, Esther Bejarano, einen lang gehegten Wunsch: Sie besucht Kuba. Sie fährt nicht als Touristin auf die Karibikinsel, sondern gibt auf Einladung des kubanischen Musikinstituts mit der Band Microphone Mafia Konzerte in Havanna, Camagüey und Santa Clara. Immer weiter so! weiterlesen »

Lebensthema Menschlichkeit

geschrieben von Janka Kluge

21. September 2018

Zum Gedenken an Claude Lanzmann

Als ich vor Jahren in der Diskussion mit einer Freundin wieder einmal bei dem Punkt angelangt war, ob Menschen in der Lage sind, aus der Geschichte zu lernen, empfahl sie mir die Biographie von Claude Lanzmann »Der patagonische Hase«. Dieses Buch hatte sie, die Tochter eines Shoah-Überlebenden, stark beeindruckt.

Ich kannte damals den Namen von Claude Lanzmann, hatte aber noch nichts von ihm gelesen und auch sein Hauptwerk, den über neunstündigen Film »Shoah«, noch nicht gesehen. Neugierig machte ich mich an die Lektüre und versank immer tiefer in seine Biographie. Lebensthema Menschlichkeit weiterlesen »

Immer noch ein kurzer Traum

geschrieben von Ernst Antoni

21. September 2018

Neuerscheinungen zur bayerischen Revolution 1918

»Der kurze Traum vom Frieden« heißt eine in diesem Jahr erschienene umfangreiche historische Studie des Münchner Autors Günther Gerstenberg im Haupttitel. Sie versteht sich als »Beitrag zur Vorgeschichte des Umsturzes in München 1918« und wird ergänzt durch einen »Exkurs über die Gießener Jahre von Sarah Sonja Rabinowitz«, verfasst von Cornelia Naumann. Immer noch ein kurzer Traum weiterlesen »

Unser Titelbild

23. August 2018

27. Mai 2018, Berlin. Boots-Demonstration gegen AfD-Aufmarsch. Foto: Sören Kohlhuber.

27. Mai 2018, Berlin. Boots-Demonstration gegen AfD-Aufmarsch. Foto: Sören Kohlhuber.

Editorial

geschrieben von Regina Girod

23. August 2018

»Ganz Berlin hasst die AfD!« skandierten Tausende am 27. Mai in Berlin. Staunend erlebte die Stadt die wohl größte Mobilisierung gegen rechts seit 18 Jahren. Ganz »normale« Bürger, darunter viele, die sich selbst kaum als »politisch« bezeichnen würden, demonstrierten gemeinsam mit Antifas, Gewerkschaftern und Migrantinnen gegen die AfD und die Bedrohung der Demokratie durch die forcierte Rechtsentwicklung. Eine große Ermutigung für alle, die dabei gewesen sind. Markus Tervooren, Geschäftsführer der Berliner VVN-BdA, analysiert auf Seite 3 Bedingungen und Erfahrungen der erfolgreichen Aktion.

Doch die Gefahr, dass die »rote Linie« vor einer möglichen Regierungsbeteiligung der AfD, zunächst in Bayern oder bei der Landtagswahl in Sachsen 2019 überschritten wird, ist real. Cornelia Kerth stellt in ihrem Kommentar den Anteil politischer Hasardeure aus den Regierungsparteien daran in den Mittelpunkt (Seite 5), und Thomas Willms untersucht die Situation der AfD im Zyklus der Landtagswahlen und mit Blick auf die Europawahlen im nächsten Jahr. (Seite 11)

Großen Raum nehmen in dieser Ausgabe auch internationale Themen ein, denn die aktuelle Rechtsentwicklung betrifft viele Länder Europas. Was ist von der neuen, extrem rechten Regierung in Italien zu erwarten? Ulrich Schneider stellt seinen Artikel dazu unter die Überschrift »Staatlich legitimierter Hass.« (Seite 22).

Antifaschismus war und ist international. Deshalb erinnern wir im Porträt dieser Ausgabe an die ungarische Internationalistin Erzsébet Fazekas und veröffentlichen unter der Rubrik »Geschichte« (Seiten 21-22) einen Beitrag des Vorsitzender des Russischen Verbandes der Kriegsveteranen, General M.A. Moissejew, über die Schlacht am Kursker Bogen.

In Zeiten politisch geschürter Russophobie halten wir es für unerlässlich, unsere russischen Partner selbst zu Wort kommen zu lassen; auch als Grundlage für weitere Diskussionen, nicht nur in unserem Verband.

 

Dieser Zustand ist nicht tanzbar!

geschrieben von Markus Tervooren

23. August 2018

Aufstand der »Unanständigen« gegen AfD-Aufmarsch in Berlin

Ist es ein ermutigendes Zeichen, wenn sich etwa zwei Prozent der Berliner unterstützt von angereisten Unterstützerinnen gegen die AfD stellen? Oder waren es weniger als ein Prozent, wie es die Zahlen der Polizei und Presse nahelegen? Sei‘s drum, zwischen 25.000 und 70.000 Menschen wiesen am 27. Mai 2018 in Berlin den nationalistischen Aufmarsch der AfD in die Schranken.

Berlin erlebte staunend die wohl größte Mobilisierung gegen rechts seit 18 Jahren und dutzender rassistischer Morde in Deutschland seit dem Jahr 2000. Damals waren in Berlin am 9. November 200.000 Menschen als Reaktion auf den Brandanschlag auf eine Synagoge in Düsseldorf auf die Straße gegangen. Zuvor hatte der damalige Bundeskanzler Schröder zu einem »Aufstand der Anständigen« aufgerufen. Dieser Zustand ist nicht tanzbar! weiterlesen »

Rechts-Hasardeure in der CSU

geschrieben von Cornelia Kerth

20. August 2018

Koalitionsfähig für die AfD?

Mit den »ANKER«-Zentren fing es an. Mit dem Versuch auf der rechten Welle zu reiten, indem sie sich an die Spitze der »Merkel-muss-weg«-Kampagne setzen, haben Seehofer und die CSU klargemacht, dass ihre politischen Ziele offenbar weit über die Bayern-Wahl hinaus reichen.

»Heimat«-Ministerium, Obergrenze und eben die Debatte über die »ANKER«-Zentren haben schon im Koalitionsvertrag eindeutige Duftmarken gesetzt, die stark an die frühen 1990er Jahre erinnern: nach dem Pogrom in Rostock wurden nicht etwa Landesregierung, Polizei und Bürgermeister dafür kritisiert, dass Nazis, angefeuert durch einen rassistischen Mob, tagelang Menschen in Angst und Schrecken versetzen und schließlich das Haus anzünden konnten, ohne dass die Polizei dem Einhalt geboten oder auch nur der Feuerwehr den Weg freigemacht hätte, sondern die Menschenfeinde konnten sich bestätigt fühlen. Rechts-Hasardeure in der CSU weiterlesen »

Abwehr des Unbestimmten

geschrieben von Markus Roth

20. August 2018

AfD-Gegner in Augsburg in Vorbeugehaft genommen

Vier Tage vor dem AfD-Bundesparteitag in Augsburg, wurde erstmals im Rahmen des neuen bayerischen Polizeigesetzes (antifa berichtete dazu in der Mai/Juni-Ausgabe) ein politischer Aktivist in vorbeugenden Gewahrsam genommen. Eine Straftat wird ihm nicht vorgeworfen. Vielmehr wolle die Polizei eine unbestimmbare Gefahr, die von dem Aktivisten ausginge, abwehren. Bei dem 23jährigen wurden zuhause Feuerwerkskörper und eine Fahne gefunden. Die Durchsuchung seiner Wohnung und die Ingewahrsamnahme bis zum Ende des AfD-Parteitages, wurden als »präventiv« bezeichnet.

Mit der gleichen Begründung wurde gegen eine Antifaschistin aus Stuttgart ein Aufenthaltsverbot für die Stadt Augsburg für dieses Wochenende ausgesprochen. Sie war in Vergangenheit mehrfach polizeilich aufgefallen. In einem Eilverfahren teilte das Verwaltungsgericht die Auffassung der Polizei und befand die Maßnahme als »nachvollziehbar«. Abwehr des Unbestimmten weiterlesen »

Marine hält zu NS-Täter

geschrieben von Regina Girod

20. August 2018

Die Marineschule Mürwik in Flensburg ist die Offiziersschule der deutschen Marine. Am 25. Mai wurde hier erneut an die besten Absolventen des Jahrgangs der Admiral-Johannesson-Preis verliehen, benannt nach einem Konteradmiral, der den Aufbau der Bundesmarine nach 1956 wesentlich mit geprägt hat. Auch in der neu gestalteten Aula der Schule soll Rolf Johannesson durch die Aufstellung seiner Büse geehrt werden. Doch kann dieser Admiral im Sinne des neuen Traditionserlasses der Bundeswehr überhaupt als Traditionsstifter gelten? Marine hält zu NS-Täter weiterlesen »

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