Die Wucht der Bilder

geschrieben von Hannah Geiger

2. März 2024

Eine Zeitreise mit John Heartfield: Einblicke in eine neue Animationsdoku

»Ich musste das wahre Gesicht des Faschismus zeigen, mit Bildern der Lüge in die Fresse schlagen«, erklärt der Nazigegner und Erfinder der politischen Fotomontage John Heartfield. Die Regisseurin und Grimme-Preisträgerin Katrin Rothe erweckt in dem Anfang 2024 erschienenen dokumentarischen Animationsfilm den antifaschistischen Visionär in Form einer kleinen, sprechenden Pappfigur auf spielerische Art und Weise zum Leben und erzählt chronologisch seine Biografie nach.

Geboren 1891 in Berlin-Schmargendorf, nennt sich Helmut Herzfeld 1916 aus Protest gegen den englandfeindlichen Nationalismus im Deutschen Kaiserreich John Heartfield. Noch während der Gründungskonferenz der KPD im Dezember 1918 tritt er in die Partei ein, sein Parteibuch soll er von Rosa Luxemburg persönlich erhalten haben. In den Folgejahren macht sich Heartfield als politischer Fotomonteur einen Namen. 1929 erscheint sein mit Kurt Tucholsky verfasstes, bis heute bekanntes Buch »Deutschland, Deutschland über alles«. Ab 1930 arbeitet er für die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung (AIZ), nebenher entwirft er unter anderem Plakate für die KPD. Die Wucht der Bilder weiterlesen »

Gebäude mit Symbolkraft

geschrieben von Kristin Caspary

2. März 2024

Identitätspolitik erweitert um Architektur: Der Band »Bauen am nationalen Haus«

Können Steine schuldig sein? Die kurze Antwort darauf lautet: nein. Der Mensch gestaltet seine Umwelt, er trägt die Verantwortung dafür, wie er die vorgefundenen Ressourcen nutzt. Gebäude sind gleichzeitig allerdings nicht nur die Summe der in ihnen verbauten Ressourcen, sondern können als Symbole kulturelle Bedeutung erlangen.

In seinem schmalen Band »Bauen am nationalen Haus. Architektur als Identitätspolitik« geht Philipp Oswalt der Frage nach, wie historische Gebäude Symbolkraft erlangen und was ihre Rekonstruktion für unsere Gesellschaft bedeutet. Den Begriff der Identitätspolitik, der zur Zeit in aller Munde ist, erweitert er dabei um eine architektonische Dimension. Denn auch wenn Gebäude in einem anderen als ihrem ursprünglichen historischen Kontext rekonstruiert werden, so verlieren sie nicht ihren symbolischen, identitätsstiftenden Charakter. Die weitreichenden Konsequenzen davon, die auch erinnerungspolitische sind, verhandelt Oswalt an fünf Beispielen: der Potsdamer Garnisonkirche, dem Berliner Stadtschloss, der neuen Altstadt Frankfurt am Main, der Frankfurter Paulskirche und den Dessauer Meisterhäusern. Gebäude mit Symbolkraft weiterlesen »

Den Schleier zerrissen

geschrieben von Silke Makowski

2. März 2024

Gegen das Vergessen: Herausragende Lokalstudie zum Faschismus in Walldorf, Nordbaden

Ende 2023 erschien mit Andy Herrmanns Band »Walldorf im Nationalsozialismus – Gleichschaltung, Verfolgung, Widerstand in einer nordbadischen Kleinstadt« eine umfassende Studie zum Aufstieg des Faschismus und der zwölfjährigen Terrorherrschaft abseits der Metropolen. Das knapp 200seitige, reich bebilderte Werk füllt eine Lücke, da – wie so oft in der Lokalgeschichtsschreibung – die Nazizeit in Walldorf bisher kaum thematisiert wurde. Dabei begeht Herrmann nicht den Fehler, diesen Zeitraum isoliert zu betrachten, sondern beginnt schon mit den 1920er-Jahren: Die ersten Kapitel beschreiben die wirtschaftlichen Bedingungen in der von Industrie und Landwirtschaft geprägten Gemeinde, vor allem aber die parteipolitische Lage. Erstaunlicherweise war die Kleinstadt eine kommunistische Hochburg: Die KPD war ab 1928 bei den Wahlen mehrmals die stärkste Kraft, und noch im März 1933 wählten 25,8 Prozent der Walldorfer*innen die KPD. Entsprechend hitzig waren die Auseinandersetzungen mit der erstarkenden NSDAP sowohl im Gemeinderat als auch auf der Straße. Den Schleier zerrissen weiterlesen »

Agitation und Witz

geschrieben von Peps Gutsche

2. März 2024

Erzählungen aus den Jugendjahren von Olga Benario in einem kleinen Buch

Was für ein unterhaltsames kleines Buch der Verbrecher-Verlag da veröffentlicht hat! Olga Benario, die sich mit 15 Jahren der Kommunistischen Jugend anschloss, arbeitete in Berlin-Neukölln für den Kommunistischen Jugendverband Deutschlands und die KPD, bevor sie ihren Partner Otto Braun aus dem Gefängnis befreite und mit ihm nach Moskau flüchtete. Dort schrieb sie 1929 für die sowjetischen Genoss_innen über die Arbeit der Kommunistischen Jugend in Berlin. Da das Originalmanuskript als verschollen gilt, übersetzte Kristine Listau aus dem Russischen zurück in die Originalsprache und ermöglicht so einen seltenen Einblick in den Alltag junger Kommunist_innen in den 1920er-Jahren. Begleitet ist das Buch von einem Vorwort von Anita Leocádia Prestes, der Tochter Olga Benarios. Agitation und Witz weiterlesen »

Die Pflicht zum Nein

geschrieben von Ulrich Sander

2. März 2024

Was uns der Auschwitz-Prozess vor 60 Jahren noch heute sagt

Der Journalist Kurt Nelhiebel war Zeuge des -Auschwitz-Prozesses. Und der Schoah-Überlebende Hans Frankenthal war Zeuge im Auschwitz-Prozess. Dieser begann vor 60 Jahren und lief rund 20 Monate.

Unter dem Namen Conrad Taler hatte Nelhiebel seine über 20 Prozessreportagen später veröffent-licht, eine Neuauflage seines Buches »Asche auf vereisten Wegen – eine Chronik des Grauens« ist 2015 bei PapyRossa erschienen, ergänzt um aufschlussreiche Dokumente. Einige auch von und über Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, dem legendären Initiator des Auschwitz-Prozesses. Dieser wurde damals wie heute als die wichtigste Gerichtsverhandlung in Deutschland seit 1945 angesehen (Siehe antifa-Ausgabe September/Oktober 2023).

Auch Hans Frankenthal (1926–1999) hat Erinnerungen hinterlassen. Als aktives Mitglied der VVN-BdA in Dortmund und Mitglied des Zentralrats der Juden schilderte er erschütternde Erlebnisse als jüdischer Überlebender des Holocaust, als Zwangsarbeiter der IG Farben in Auschwitz-Monowitz und als Teilnehmer eines Todesmarschs gen Westen. Im Auschwitz-Prozess hat er Mörder wie den Bundeswehrangehörigen Gerhard Neubert identifiziert, der arbeitsunfähige Zwangsarbeiter ins Gas sandte. Die Pflicht zum Nein weiterlesen »

Flucht und Abenteuer

geschrieben von Gustav Peinel

2. März 2024

Chronologie einer Heimkehr: Hans Lauters Flucht nach Osten

Ein flüchtiges Blättern in dem rund 100 Seiten starken Bändchen vermittelt den Eindruck, als würde es sich um ein Tagebuch handeln, mit Datums- und Zeitangaben. Doch schon die ersten Zeilen machen deutlich, dass hier eine Sicht von außen auf Vorgänge in den letzten Tagen des untergehenden faschistischen deutschen Reiches angeboten wird. Beschrieben wird von Michael-Alexander Lauter auf der Grundlage langer Gespräche, von Besuchen an authentischen Orten und mit Unterstützung von Dokumenten die gefährliche und abenteuerliche Flucht des kommunistischen Widerstandskämpfers Hans Lauter (22.12.1914–31.10.2012) aus der Zuchthaushaft zu denen, die die Befreiung brachten, die -sowjetische Rote Armee, nach Osten. Nein, es gab kein Tagebuch als Vorlage. Dennoch verdient die mühselige Recherche von Michael-Alexander Lauter unsere Hochachtung, wie viel Tee ist da wohl am Küchentisch mit seinem Schwiegervater Hans getrunken worden? Flucht und Abenteuer weiterlesen »

Rechte Gewalt im Fokus

geschrieben von Ernst Antoni

2. März 2024

NS-Dokumentationszentrum München präsentiert Aktuelles

»Rechtsterrorismus. Verschwörung und Selbstermächtigung – 1945 bis heute« ist der Titel einer neuen Ausstellung, die vom 8. April bis zum 28. Juli im NS-Dokumentationszentrum in München zu sehen sein wird. »Deutlich wird, dass Rechts-terrorismus keine temporäre und lokale Erscheinung der Gegenwart ist, sondern ein ständiger Begleiter der deutschen und internationalen Geschichte«, heißt es in der Vorankündigung dazu. Und weiter: »Deutlich werden auch die Folgen, die rechtsterroristische Gewalt für die davon Betroffenen hat – Trauer um die Toten und Verletzten, Traumata und der leidvolle Kampf um Anerkennung des Erlittenen.« Rechte Gewalt im Fokus weiterlesen »

Ausgabe Januar/Februar 2024

11. Januar 2024

Unser Titelbild zeigt einen Teil des legendären VVN-BdA-Wimmelbilds (antifaschistische Proteste gegen »Das braune Haus«), erhältlich auch als Plakat im Webshop der VVN-BdA unter shop.vvn-bda.de (Artikelnummer 17184). Siehe auch beiliegenden Spendenflyer und Seite 16

Unser Titelbild zeigt einen Teil des legendären VVN-BdA-Wimmelbilds (antifaschistische Proteste gegen »Das braune Haus«), erhältlich auch als Plakat im Webshop der VVN-BdA unter shop.vvn-bda.de (Artikelnummer 17184). Siehe auch beiliegenden Spendenflyer und Seite 16

Wie angekündigt widmen wir uns den Wahlen in Ostdeutschland. Neben einem Pro & Contra zum AfD-Verbot haben wir diesmal ein Spezial zu den Schwächen der AfD, die wir intensiver ausnutzen sollten, um sie wieder kleinzukriegen. Wir lassen Aktive aus Brandenburg und Sachsen zu unseren Stärken als VVN und der Arbeit in Bündnissen berichten, um die Breite antifaschistischer Politik aufzuzeigen.

Gesellschaftliche Auseinandersetzungen, wie die mit der AfD und den Parteien, die ihren Wähler*innen nach dem Mund reden, machen nicht nur Arbeit und sind teilweise frustrierend, sondern können auch die eigenen Handlungsspielräume vergrößern. Die Panik und Hilflosigkeit, die viele angesichts möglicher Regierungsbeteiligungen der AfD aktuell verspüren, muss durch vielfältige Aktionen aufgefangen werden. Eine lange nicht mehr dagewesene Aufmerksamkeit für das Thema wird sich in einer lange nicht mehr dagewesenen Mobilisierung dagegen manifestieren. Was bei den Kommunalwahlen und EU-Wahlen (beides im Juni) und im September bei den Landtagswahlen rauskommt, ist noch nicht ausgemacht. Es wird darauf ankommen, ob wir jeweils unseren Punkt finden, wo wir als Einzelne aktiv werden, ob wir vielleicht doch untätig bleiben, oder ob wir schlimmstenfalls anderen bei ihren Bemühungen im Weg stehen.

Grundsätzlich heißt das, denjenigen den Rücken zu stärken, die von der AfD angegriffen werden, und diejenigen zu stützen, die versuchen, dieser Gefahr – mit welchen Mitteln auch immer – zu begegnen. Dafür braucht es nicht nur Organisierung und praktische Solidarität, sondern auch Vertrauen ineinander. Um das aufzubauen, sind andauernde Gespräche, Kritikfähigkeit, Selbstreflexion und Geduld nötig. Um es in ein Bild zu fassen: Arne Semsrott (fragdenstaat.de) bemühte beim diesjährigen Chaos Communication Congress in Hamburg den Sisyphos, der Spaß an seiner Aufgabe (den Stein immer wieder den Hang hochzurollen) findet, weil er es nicht mehr allein macht und das gemeinsame Ziel ein ehrbares und hochgradig erstrebenswertes ist. Schließen wir uns an. Nils Becker

Zeitgeschehen

Wieder kriegstüchtig sein (Florian Gutsche)
Kirchenasyl unter Druck (Benedikt Kern)
Halemba: Einflussreiche Förderer (Janka Kluge)
Prozess: Winter im Reich (Kristin Caspary)
Akubiz: Pirna nach der Wahl eines AfD-Oberbürgermeisters (Alina Gündel)
Pro AfD-Verbot: Gefahr der Unterminierung (Axel Holz)
Contra AfD-Verbot: Kein milderes Mittel? (Ulrich Stuwe)
Meldungen (zusammengestellt von Ulrich Stuwe)
GEAS: Entrechtung nach Plan (Nils Becker)
FIR-Kongress: Das Gemeinsame im Blick (Regina Girod)
Interview: „Es braucht eine Entnazifizierung“ (Timo Büchner)
Archivarbeit beim österreichischen KZ-Verband (Ulrich Schneider)
Leserbrief: Empathie und Mitgefühl (Ewald Leppin)

Spezial: AfD – Ihre Schwächen, unsere Stärken

10 Schwachstellen der AfD (Thomas Willms)
Antifaschistische Basisarbeit in Brandenburg (Nils Weigt)
Chemnitz: Positionierung abverlangen (Gabi Engelhardt)

Portrait: Kämpfer gegen NS-Verbrecher (Gerald Netzl)

Geschichte

Das Massaker von Korjukiwka 1943 (Gerald Netzl)
An Antifaschisten in der Nachbarschaft erinnern (Peter Nowak und Felix Schlosser)
Seit Jahrzehnten stolpern (Gudrun Dorothee Greth)

Internationales

Argentinien: Relativ zur eigenen Schwäche (Bloque Latinoamericano Berlin)
Budapest: Faschistische Wandertrupps (Florian Gutsche)
Niederlande: Mit Hasspolitik Faschisten kultivieren (Gerrit Hoekman)
Fahrradbildungsreise: Suche an Elbe und Moldau (Uwe-Jens Kluge)

Kultur

Sinti und Roma: Diskriminierung zementiert (Axel Holz)
ZPS: Deepfakes mit Scholz (Janka Kluge)
Käthe Kern: Vergessene Widerstandskämpferin (Hans-Willi Ohl)
Debatte im „Studienkreis Deutscher Widerstand“: Aufbegehren heute (Bernd Kant)
Alice Hasters: Krise als Ausgangspunkt (Peps Gutsche)
Richard C. Schneider: Komplexes Israel (Nils Weigt)
Deborah Feldmann: Schmerzhafte Lektüre (Sebastian Schröder)

Ausgabe Januar/Februar 2024 weiterlesen »

Wieder kriegstüchtig sein

geschrieben von Florian Gutsche

11. Januar 2024

Wehrpflicht, Aufrüstung und sprudelnde Gewinne für Rheinmetall & Co.

Ausgerechnet am 27. Januar 2023 fiel »Verteidigungsminister« Boris Pistorius (SPD) nichts Besseres ein, als das Aussetzen der Wehrpflicht als Fehler zu bezeichnen. Vor ihm hatten u.a. bereits Patrick Sens-burg (CDU), auch Präsident des Bundeswehr-Reservistenverbandes, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD), Friedrich Merz (CDU) die Wiedereinführung eines Pflichtjahres gefordert. Nach der Äußerung von Pistorius riss auch 2023 der Strom an Äußerungen von denjenigen, die sich die Wiedereinführung der Wehrpflicht und damit auch des Zivildienstes (billige Arbeitskräfte im Pflegesektor) wünschen, nicht ab. Am 9. November 2023 kulminierte dies in der Weissagung von Pistorius, dass die Wehrpflicht-Diskussion wieder Fahrt aufnehmen würde. Wieder kriegstüchtig sein weiterlesen »

Kirchenasyl unter Druck

geschrieben von Benedikt Kern

11. Januar 2024

Gegen die EU-Abschottungspolitik braucht es subversive Praxis. Gastkommentar

Die Verschärfung des europäischen Asylsystems ist ein nächster Schritt hin zu einer autoritären Brutalisierung. Diese Aussetzung von Menschenrechten durch technokratische Abschottungs- und Abschiebungspolitik entspricht einer grundsätzlichen Entwicklung in den spätkapitalistischen Verhältnissen.

Die antirassistische Bewegung ist angesichts dieser Übermacht zunehmend ohnmächtig und ideenlos. Ein Ausweg aus dieser Verdammnis zur Handlungsunfähigkeit im Kampf um Bleiberecht und Bewegungsfreiheit kann lediglich darin liegen, dass der ach so liberale Staat nicht das Gegenüber appellativer Anrufung ist. Vielmehr kommt es angesichts des Abschiebungsregimes darauf an, Möglichkeiten zu schaffen, es zu unterlaufen, und Situationen zu schaffen, in denen subversive Praktiken erprobt werden können. Kirchenasyl unter Druck weiterlesen »

Ältere Nachrichten · Neuere Nachrichten