Schwierige Aufarbeitung

geschrieben von Axel Holz

5. September 2013

Symposium zu Euthanasieverbrechen in Schwerin

Mai-Juni 2008

1957 kam der bundesdeutsche Wiedergutmachungsausschuss zu dem Schluss, dass das »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« nicht im Widerspruch zu rechtsstaatlichen Grundsätzen stehe. Erst im Mai 2007 wurde mit der Bundesdrucksache 16/3811 im Bundestag über eine Erklärung im Sinne der Euthanasie-Opfer abgestimmt. Darin wird davon ausgegangen, dass das besagte NS-Gesetz nie in der BRD bestanden hat und nicht mit dem Grundgesetz vereinbar ist.

Am 11. März 2008 wurde unter dem Motto »Medizinverbrechen in Schwerin in der Zeit des Nationalsozialismus« von den Helios-Kliniken gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern e. V. die zweite Vortragsveranstaltung zur Aufarbeitung der Euthanasie-Verbrechen in Schwerin durchgeführt. Seit dem Antritt von Prof. Dr. Andreas Broocks als Leiter der Flemming-Klinik hat sich zu diesem Thema in Schwerin viel getan. Zunächst wurde in einem Vortrag zum Thema »Denkzeichen« über eine Kunstaktion berichtet, die zur Erinnerung an die Tötungsstätte Sonnenburg den Weg der Opfer zur Vernichtung durch Pirna markierte. Margret Hamm sprach als Geschäftsführerin des »Bundes der Euthanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten e. V.« über den langen Kampf der Opfer um Anerkennung und Entschädigung. Über Jahrzehnte wurden die Euthanasie-Opfer in Westdeutschland nicht als Opfer der Nazi-Diktatur anerkannt und daher auch nicht nach dem Bundesentschädigungsgesetz entschädigt. Erst im Jahre 2002 Jahre wurde eine Entschädigung von 2.556,46 Euro für jedes Euthanasie-Opfer vereinbart und 2007 eine Rente für die Opfer erwirkt, die aber mit 120 Euro monatlich deutlich unter vergleichbaren Entschädigungen liegt und diese Opfergruppe damit erneut diskriminiert. Die Referentin bemängelte, dass die Euthanasie-Opfer auch in der DDR nicht anerkannt wurden. Die eingegrenzte Definition von »Opfern des Faschismus« auf »bewiesene Haft auf Grund organisierten antifaschistischen Widerstandskampfes in Widerstandsgruppen« als Anerkennungskriterium konnte einer umfassenden Berücksichtigung aller Opfergruppen der Nazi-Diktatur nicht gerecht werden.

Der Archivar Jens-Uwe Rost vom Schweriner Stadtarchiv stellte im Verlaufe der Tagung Teile seiner Forschungen zur Zwangssterilisation auf der Basis des faschistischen »Erbgesundheitsgesetzes« im Bereich des Schweriner Gesundheitsamtes dar. Er arbeitete heraus, dass die medizinische und soziale Stigmatisierung von bis zu einem Prozent der Bevölkerung auf dem Gebiet des damaligen Deutschen Reiches als »lebensunwertes Leben« vor allem die sozial schwächeren Schichten der Bevölkerung traf und auch zur Abschreckung und Bestrafung politischer Gegner und unangepasster Menschen diente.

Derzeit wird in den Schweriner Helios-Kliniken und anschließend im Schweriner »Dokumentationszentrum für die Opfer der Diktaturen in Deutschland« eine Ausstellung über Prozesse gegen Euthanasie-Täter aus dem Jahre 1947 in Dresden gezeigt, die auch aus heutiger Sicht rechtstaatlichen Standards standhalten würden. Die Täter wurden zum Tod, bzw. zu hohen Haftstrafen verurteilt. Auch in Schwerin fand ein Prozess gegen Euthanasie-Täter statt, der mit Todesurteilen endete, die später in Haftstrafen umgewandelt wurden. Einer der Hauptverantwortlichen der Euthanasie-Morde in Schwerin, der Klinikleiter Dr. Leu, konnte sich durch Flucht in den Westen seiner Verantwortung entziehen. Dort wurde er später, wie viele seiner Mittäter, in einem erneuten Prozess freigesprochen.

An der Finanzierung der Gedenkstele haben sich neben den Helios-Kliniken und der Landeszentrale für Politische Bildung auch die Ostdeutsche Sparkassenstiftung und die VVN-BdA Schwerin beteiligt.

Nach dem ersten Symposium der Helios-Kliniken zur Aufarbeitung der Euthanasie-Verbrechen während der Nazi-Diktatur in Schwerin zu Jahresbeginn 2007 wurden mittlerweile zwei von der Klinikleitung abgegebene Versprechen eingelöst. Zum einen wurde der bei der Aufarbeitung der Euthanasie-Verbrechen verdienstvolle »Freundeskreis Sachsenberg e.V.« neu belebt und andererseits das Projekt der Errichtung einer Gedenkstätte für Euthanasie-Opfer auf dem Gelände der Schweriner Helios-Kliniken in Angriff genommen. Nahezu 1.000 Menschen wurden in der Nazi-Zeit von hier aus in Vernichtungslager überstellt oder zwangssterilisiert. Bereits Anfang Dezember 2007 hatte sich in Schwerin eine Jury für die Errichtung einer Keramik-Stele von Dörte Michaelis zum Gedenken an die Euthanasie-Opfer auf dem Gelände der heutigen Schweriner Flemming-Klink entschieden. Die bunten Keramikstelen würden farbenfrohe Heiterkeit verbreiten und die Verschiedenartigkeit der Menschen symbolisieren, so die Künstlerin. Auch der Historiker Prof. Matthias Pfüller vom Verein für Politische Memoriale e. V. freut sich über die Wahl. Wir bräuchten keine neue »Kranzabwurfstelle«, dafür aber Orte, die zu diesem Thema neue Zugänge eröffneten. Das Denkmal soll am 2. Mai 2008 eingeweiht werden. Am selben Tag wurde 1945 das KZ Wöbbelin in der Nähe von Ludwigslust befreit.

Der Tag von Potsdam

geschrieben von Heinrich Fink

5. September 2013

Die faschistische Machtübernahme und die evangelische Kirche

Mai-Juni 2008

Pfarrer Eberhard Bethge berichtete, dass Dietrich Bonhoeffer zu ihm gesagt habe: »So tief kann Kirche doch nicht sinken!« Selbst in der Grußbotschaft der Kirche für die Gemeinden in Berlin hieß es zu Ostern 1933, sie dankt »ihrem Führer und Retter aus schwerer Gefahr … in Überzeugung, daß die Erneuerung von Volk und Reich nur von diesen Kräften getragen und gerichtet werden kann, weiß die Kirche sich unter der Führung des neuen Deutschland dankbar verbunden. Sie ist freudig bereit zur Mitarbeit an der nationalen und sittlichen Erneuerung unseres Volkes …«

Der 21. März 1933 ist als »Tag von Potsdam« in die Annalen der deutschen Geschichte eingegangen. Als Meisterwerk Goebelscher Propagandainszenierung wurde der neu gewählte Reichstag in der Garnisonskirche eröffnet. Die von den Nazis selbst lancierte Brandstiftung im Berliner Reichstagsgebäude gehörte als Auftakt dazu. Bereits am 2. März, noch vor Bekanntgabe der Wahlergebnisse, hatte die Regierung beschlossen, die Tagung des neuen Reichtages in die Garnisonskirche nach Potsdam zu verlegen. Das stieß auf energischen Widerstand in der Berlin-Brandenburgischen Landeskirche, die das Vorhaben als Zweckentfremdung des Gotteshauses kritisierte. Doch auf Drängen von Otto Dibelius, dem Generalsuperindendenten der Kurmark, wurde ein Kompromiss ausgehandelt. Am 7.März fand ein Eröffnungsgottesdienst für die evangelischen Abgeordneten in der Nikolaikirche und für die katholischen in der Pfarrkirche statt. Aber der Staatsakt für alle Abgeordneten wurde am 21.März doch in der Garnisonskirche abgehalten, als Auftakt läuteten eine viertel Stunde lang die Glocken aller Potsdamer Kirchen. Damit hatten die Nazis erreicht, was sie für ihre bürgerliche Anerkennung brauchten.

Obwohl von Seiten der Religiösen Sozialisten seit Jahren in Wort und Schrift ein klares »Nein« zu Hitler und seiner Partei erklang, fanden diese bei den Vertretern von Kirchenleitungen, in christlichen Zeitungen und Kirchgemeinden kein Gehör. Wohl schon deshalb weil sie z.B. aus biblischer Überzeugung die Überwindung der Verarmung die Zügelung der Kriegsinteressen der Industrie für dringend nötig hielten. Die Parolen der neuen Kirchenpartei »Deutsche Christen« hatten sie in Tausenden von Flugblättern angeprangert: »… sie werden vom Evangelium reden, aber sie meinen damit ihr eigenes Evangelium des Rassehochmuts, der brutalen Vergewaltigung jeder anderen Meinung, der Verherrlichung des Kriegsgeistes und der militärischen Aufrüstung. Sie haben das Kreuz Christi verzerrt zum Hakenkreuz…Von den evangelischen Pfarrern,von denen sehr viele mehr oder weniger mit dem Faschismus sympathisieren, brauchen sie keinen Widerstand zu befürchten … So streckt Hitler seine Hände nach der evangelischen Kirche aus wie nach einer sicheren Beute und fühlt sich jetzt schon als der künftige Herr der Kirche.«

Doch in der Predigt von Dibelius beim Staatsakt war genau das Gegenteil dieser Warnung zu hören: »… und wenn es um Leben und Sterben der Nation geht, dann muß die staatliche Macht durchgreifend und kraftvoll eingesetzt werden, es sei nach außen oder nach innen. Wir haben von Doktor Martin Luther gelernt, daß die Kirche der rechtsmäßigen staatlichen Gewalt nicht in den Arm fallen darf, wenn sie tut, wozu sie berufen ist. Auch dann nicht, wenn sie hart und rücksichtslos schaltet. Wir kennen die furchtbaren Worte, mit denen Luther im Bauernkrieg die Obrigkeit aufgerufen hat, schonungslos vorzugehen, damit wieder Ordnung im Lande werde… Wenn der Staat seines Amtes waltet, gegen die, die die Grundlagen der staatlichen Ordnung untergraben, gegen die vor allem, die mit ätzendem und gemeinen Wort die Ehe zerstören, den Glauben verächtlich machen, den Tod für das Vaterland begreifen dann walte er seines Amtes in Gottes Namen!«

Keine Kritik an der eindeutig angekündigten Rassenpolitik der Nationalsozialisten, kein Wort der Solidarität mit den nach dem Reichstagsbrand Verhafteten und Ermordeten, kein Protest gegen die ersten öffentlichen Ausschreitungen gegen Juden. Vom goldenen Lesepult der Garnisonskirche aus bekannte Hitler vor den Anwesenden und Ra-diohörern (der Festakt wurde von allen deutschen Sendern übertragen!): »Die nationalsozialistische Regierung sieht in den beiden christlichen Konfessionen wichtige Faktoren der Erhaltung unseres Volkes«.

Doch so wie die Religiösen Sozialisten hätten auch alle Christen, deren Gewissen an biblische Friedenstexte gebunden war, diesen Tag von Potsdam als Trauertag durchschauen und den grandiosen Glockenschlag in Potsdam als Totengeläut für die Weimarer Republik begreifen können. Erst recht als bekannt wurde, dass Pfarrer in Festgottesdiensten der Berliner Garnison im Schlüterhof, im Berliner Dom, der Marienkirche und in Festgottesdiensten der SA »Gott« für diese Wende in Deutschland als für seine gnädige Fügung gedankt hatten.

Noch 1933 gründet Martin Niemöller den »Pfarrer-Notbund«, langsam formierte sich Protest unter Christen und 1934 tritt die Synode der Bekennenden Kirche in Barmen zusammen. Es war ein steter Tropfen aber auf einen immer heißer werdenden Stein.

Welche Interessen haben es wohl vermocht, daß ausgerechnet Otto Dibelius nach der Befreiung vom Faschismus 1945 von den Alliierten als Gewährsmann der Bekennenden Kirche angesehen wurde, die in den westlichen Besatzungszonen als »Widerstandsbewegung gegen den Faschismus« anerkannt worden war.

Als Freund Adenauers waltete Dibelius alsbald seiner neuen kirchenleitenden Ämter.

Ein Stein in der Landschaft

geschrieben von Brigitte Bleibaum

5. September 2013

Oder: Was die Diskussionen um Jonathan Litells Roman verraten

Mai-Juni 2008

Jonathan Littell:
Die Wohlgesinnten
Berlin Verlag, 2008, 1380 S., Euro 36

Kaum war der Roman »Die Wohlgesinnten« von Jonathan Littell auf dem deutschen Buchmarkt erschienen, gab es im Kulturradio von RBB einen Hörerstreit darüber, ob man das Buch lesen solle. Wie in einem Streit üblich, spaltete sich die Hörerschaft in Pro und Kontra. Manche bevorzugten historische Dokumentationen, andere wollten das Buch lesen. Gelesen hatte es zu diesem Zeitpunkt noch keiner. Aber alle diskutierten. Das Spektrum der Wertungen durch die Literaturkritik geht von bedingungsloser Fürsprache (Jorge Semprun in der Jury des Prix Goncourt) bis zum Verriss als widerwärtiger Kitsch, »wo eine fiktive Figur in quälender Ausführlichkeit weltanschaulichen Schwachsinn verbreitet und den Nachlass des Nationalsozialismus poliert« (Iris Radisch in Die Zeit).

Mein Anliegen ist es nicht, die zahlreichen Rezensionen durch eine weitere zu ergänzen. Mich bewegt vielmehr die Frage: Bringt das Buch neue Impulse für die Auseinandersetzung mit dem Faschismus? Spiegel-Autor Romain Leick lässt die Katze aus dem Sack, wenn er schreibt: »Mal sehen, ob das deutsche Publikum, das sich mit der Vergangenheit unvergleichlich viel besser auseinandergesetzt hat als das französische, aus den ›Wohlgesinnten‹ ebenfalls einen Bestseller machen wird.« Nun ist es heraus! Die Legende der mustergültigen Vergangenheitsbewältigung wird reanimiert, und das in einer Zeit, wo in Deutschland das Geschichtsbild tendenziell immer stärker vom historischen Revisionismus geprägt wird. Es geht die Rede vom Paradigmenwechsel. Im Klartext: Es geht um eine Um- und Neubewertung der Geschichte. Hermann Peter Piwitt hat dafür eine einfache aphoristische Formel gefunden: »Und die Sonne dreht sich wieder um die Erde.«

Das Buch von Littell trifft auf ein offizielles Geschichtsbild, das das deutsche Volk als Opfer sieht und dies auch massenwirksam darstellt. Mit Weichspüler und Himbeersoße versetzte Historienschinken vom »Untergang« über »Dresden«, von der »Flucht« bis zur »Gustloff« sorgen für seine Installierung in deutschen Köpfen und passen genau in das neue Selbstverständnis über die Zeit von Faschismus und Krieg.

Weder Littells literarische Figur des SS-Mannes Dr. Max Aue noch das Thema sind originär. Robert Merle hat in »Der Tod ist mein Beruf« den Lagerkommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, porträtiert; er hat recherchiert und Gespräche eines amerikanischen Psychologen mit Höß ausgewertet. Sein Buch ist eine literarische Neuschöpfung der Kunstfigur Rudolf Lang und zugleich die Arbeit eines Historikers über die Todesfabrik Auschwitz, wie Merle in einer Nachbemerkung zu seinem Buch schreibt. »Denkt man darüber nach, so übersteigt es jedes Vorstellungsvermögen, dass Menschen des 20. Jahrhunderts, die in einem zivilisierten Land Europas lebten, soviel Methode, Findigkeit und schöpferische Gaben eingesetzt haben sollen, um einen riesigen industriellen Komplex zu errichten mit dem Ziel, ihrergleichen massenweise zu er-morden.«

Merle ist der Auffassung, dass in einer Gesellschaft, deren Handlungen nicht mehr von der öffentlichen Meinung kontrolliert werden, »alles möglich wird«. Eine solche Gesellschaft finde unweigerlich die »willigen Werkzeuge« für ihre Verbrechen. »Es hat unter der Naziherrschaft Hunderte, Tausende Rudolf Langs gegeben, moralisch innerhalb der Immoralität, gewissenhaft ohne Gewissen, kleine Kader, die dank ihrer Zuverlässigkeit und dank ihren ›Verdiensten‹ zu den höchsten Ämtern aufstiegen. Alles, was Rudolf Lang tat, tat er nicht aus Grausamkeit, sondern im Namen des kategorischen Imperativs, aus Treue zum Führer, aus Respekt vor dem Staat. Mit einem Wort, als ein Mann der Pflicht: und gerade darin ist er ein Ungeheuer.«

Merle schrieb sein Buch 1950 bis 1952. Unmittelbar nach 1945 erschienen in Frankreich viele erschütternde Zeugnisse über die Todeslager jenseits des Rheins. Aber die Wiederaufrüstung in Westdeutschland signalisierte den Niedergang der Konzentrationslagerliteratur.

»Die Erinnerungen an das Totenhaus standen der Politik des Westens im Wege: man verdrängte sie«, schreibt Merle über die historischen Bedingungen der Entstehungszeit seines Romans

In die Kategorie der Täterporträts gehört meines Erachtens auch »Das Beil von Wandsbek« von Arnold Zweig, das 1943 in Haifa/Palästina in hebräischer Sprache erschien. Zweig war 1937 auf eine Zeitungsnotiz gestoßen: Selbstmord eines Henkers. Ihn durchblitzte die Vision, dies sei der Kern einer Fabel, »um im Aufstieg des Dritten Reiches seinen Untergang schon mitzugeben«. Die deutsche und angelsächsische Ausgabe erreichte die Leser erst 1948. »Inzwischen hatte sich die antifaschistische Welle längst überschlagen. Mein Buch traf jetzt auf eine mehr oder weniger faschistenfreundlich gestimmte internationale Öffentlichkeit, dergestalt, daß der seit 15 Jahren befreundete amerikanische Verlag des Buches das Schlusskapitel aus eigener Machtvollkommenheit wegließ.« So umschreibt Zweig die Atmosphäre der Kalten-Kriegs-Ära.

Auf der Internet-Seite der FAZ wird das Buch von Littell ganz gezielt unter dem Aspekt »Die Nazis hatten Kultur« diskutiert. Die Ideologie der Nazis habe starke kulturelle Wurzeln, die Nazis waren grausam, aber ihre kulturelle Basis war solide, heißt es.

Nun wird weder auf die Ideologie eingegangen noch wird die Frage beantwortet, worin die kulturelle Basis denn bestehe bzw. Argumente für diese Behauptung beigebracht. Aber das haben deutsche Debatten so an sich, man muss nichts erklären, es reicht, zu schwadronieren.

Die Kernaussage, die Nazis hatten Kultur, nimmt keinerlei Bezug zu konkret-historischen Vorgängen, etwa zu den kulturpolitischen Aktionen der Nazis seit dem Ende der Weimarer Republik und zu den verheerenden Auswirkungen ihrer Herrschaft auf die deutsche Kulturlandschaft. »Die Nazis hatten Kultur« müsste sich eigentlich auf einen Zusammenhang beziehen, der mit der »Kultur der Nazis« gar nichts zu tun hat, sondern in der Sozialstruktur der NS-Führungsschichten zu suchen ist, wie Sebastian Haffner in seiner brillanten Analyse »Germany: Jekyll & Hyde« (1940 in London erschienen) darlegt. Er spricht von einem bereits vorhanden gewesenen »Rohmaterial«, das »aus der amorphen Masse des deutschen Volkes nur noch ans Tageslicht geholt zu werden brauchte: aus dem Bürgertum, aber auch aus den Schichten der Kaufleute, der Schulleiter, der kleinen Schulmeister, aus den Universitäten, der mittleren Beamtenschaft und der Schicht der alten Reserveoffiziere«. Es ist nicht schwierig, ihre Spuren bis in die Vergangenheit zurückzuverfolgen, ihren Ursprung im kaiserlichen Deutschland und in der Zeit davor zu finden, in den mittelständischen Teilen der früheren Burschenschaften, in der deutschen Turnerschaft und in »weiteren noch obskureren Teilen des sozialen Organismus«.

Es sei eher selten, resümiert Haffner, dass eine so geschlossene uniforme Schicht ohne Tradition und Erziehung aus einer Nation hervorgegangen ist. Sie kommt aus der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft, ihre Wurzeln reichen bis weit ins 19. Jahrhundert.

Diesen Wurzeln nachzugehen einer solchen Mühe unterziehen sich die schlichten, von jeder Kenntnis historischer Zusammenhänge unbelasteten Medienmacher nicht.

Auch der Bodensatz des Eigendünkels, auf dem nationalistische Überhebung und Verachtung anderer Völker wuchern sollten, hat Wurzeln, die weit ins 19. Jahrhundert zurückgehen. Der deutsche Patriotismus hat von Anbeginn eine völkische Attitüde, die der österreichische Dichter Franz Grillparzer als eben jenen maßlosen politischen Eigendünkel charakterisiert hat. Grillparzer sieht einen ursächlichen Zusammenhang von nationaler Überhebung und der Misere der Deutschen, keinen Nationalstaat zu haben. Die Nationalität in schärfster Ausprägung, die er bei den Deutschen konstatiert, setzt nach seiner Auffassung »daher einen Zustand der Rohheit und Isolierung voraus«.

Grillparzers Einsicht, dass Humanität über den Nationalismus zur Bestialität führen kann, ist schon zu seinen Lebzeiten ohne Verständnis und Echo geblieben und von der deutschen und österreichischen Geisteswelt nicht weiter verfolgt worden. Es handelt sich offensichtlich um eine Erkentnisschranke, die wirksam wurde in einer Zeit, wo sich Nationalismus, Rassismus und völkischer Populismus zu formieren begannen und schließlich zu der Barbarei des Faschismus führten.

Grillparzer erkennt diesen Zusammenhang, der im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts zunächst in Keimen sichtbar ist und der doch für das deutsche Selbstverständnis typisch werden soll, das Dünkel gegenüber anderen Völkern bis hin zu der rassistisch fundierten Herrenmenschenideologie hervorgebracht hat. Rohheit steht hier für einen Kontext von Verhaltensweisen, die anderen Völkern gegenüber mit brutaler Wucht entgegengebracht werden. Am deutschen Wesen sollte einst die Welt genesen.

»Der Weg der neuen Bildung geht/Von Humanität/Durch Nationalität/Zur Bestialität«, schreibt Grillparzer 1849. Er stellt das Bild, das die Deutschen von sich haben, in Frage. »Wie die Deutschen dazu kommen sollen, ihrem Eigendünkel zum Trotz von der hohen Stufe herabzusteigen, die sie erreicht zu haben glauben, wo Lessing und Kant und Goethe sie gelassen haben, das übersteigt jede Voraussetzungsgabe.« Ohne den Begriff zu gebrauchen, bezieht er sich auf die Dichter und Denker, die sozusagen als Synonym für deutsche Identität gelten.

Die deutsche Aufklärung und Klassik, eingeschlossen die klassische deutsche Philosophie, hat zum geistigen Reichtum Europas wesentlich beigetragen und gehört zum kulturellen Erbe der Menschheit. Gerade deshalb ist es legitim, den Widerspruch zwischen Geistigkeit und Bestialität, der Grillparzers Vorstellungskraft überfordert, zu benennen. Es ist im Grunde die Frage, wie es geschehen konnte, dass aus dem Land der Dichter und Denker ein Land der Richter und Henker werden konnte. Eine Orientierung der Debatten über Littells Buch auf diese Frage hat es meines Wissens nicht gegeben.

Schweigende Mehrheit?

geschrieben von Ernst Antoni

5. September 2013

Wolfgang Wippermanns Buch »Autobahn zum Mutterkreuz«

Mai-Juni 2008

Wolfgang Wippermann:
Autobahn zum Mutterkreuz. Historikerstreit der schweigenden Mehrheit, Rotbuch Verlag Berlin, 2008, 128 S., 9,90 Euro

»Sie sind ein Mann ohne ›Anstand‹ und ›Wertgefühl‹, ein ›Vergangenheitsbewältiger‹ und ›Volkspädagoge‹ mit einem ›68er-Syndrom‹, eine ›linke Ratte‹ und ›Stalins Mann in Berlin‹, ein ›Judenknecht‹ und ›Volksschädling‹. Diese und weitaus böswilligere und gefährlichere Beschimpfungen, ja ernst zu nehmende Bedrohungen, fand ich seit dem 9. Oktober 2007 in meiner Post und Mailbox zu Hause und an der Uni«, schreibt Wolfgang Wippermann in der Einleitung seines Buches »Autobahn zum Mutterkreuz. Historikerstreit der schweigenden Mehrheit«.

Der Berliner Geschichtswissenschaftler hatte an jenem 9. Oktober an einer Talkshow von Johannes B. Kerner teilgenommen. Es ging um die Buchveröffentlichungen und »wertkonservativen« familienpolitischen Thesen der NDR-Moderatorin Eva Herman. Neben der Autorin, dem Moderator Kerner und Wippermann waren die Schauspielerin Senta Berger, die ehemalige TV-Moderatorin Margarete Schreinemakers und der Komiker Mario Barth in der Talkrunde.

Den Verlauf, bei dem es schließlich zum Eklat kam, schildert Wippermann so: »Die Stimmung (wurde) immer gereizter vor allem, als Kerner wieder auf die NS-Zeit zu sprechen kam und Eva Herman eine Äußerung vorhielt, die in einer ähnlichen Form auch von dem NS-Ideologen Alfred Rosenberg gemacht worden ist. Darauf antwortete Eva Herman nicht, was sie nicht musste, denn der Vergleich war tatsächlich problematisch. Stattdessen wies sie auf die vielen ihr zustimmenden Briefe hin, deren Absender sich ganz anders artikulierten als die ›gleichgeschaltete Presse‹.«

Wippermann habe auf eine Frage Kerners bestätigt, dass »Gleichschaltung« ein »nationalsozialistisch belasteter Begriff« sei. Im Verlauf der weiteren Diskussion sagte Herman schließlich, bezogen auf den »Gleichschaltungs«-Begriff und das »Dritte Reich«, den Satz: »Natürlich ist er da benutzt worden, aber es sind auch Autobahnen damals gebaut worden, und wir fahren heute drauf.« Über das seit je bei NS-Apologeten beliebte Autobahn-Argument empörten sich die anderen Diskussionsteilnehmer; Kerner forderte schließlich Frau Herman zum Verlassen der Talkrunde auf.

Es folgte ein gewaltiger Medienwirbel, überwiegend wie Wippermann einschätzt eher wohlwollend gegenüber Eva Herman. Und es gab eine Flut von Zuschriften an den Sender, an Zeitungen und Zeitschriften, an die Diskussionsbeteiligten und eine Fülle von Meinungsäußerungen in verschiedenen Internetforen. Diese Briefe, Mails und Blogs nennt Wolfgang Wippermann einen »Historikerstreit der schweigenden Mehrheit«. Bezug nehmend auf die vor zwanzig Jahren von Ernst Nolte ausgelöste geschichtsrevisionistische Debatte schreibt Wippermann: »Am aktuellen Historikerstreit beteiligten sich aber keineswegs nur einige Historiker, Journalisten und sonstige Meinungsmacher, sondern Massen, die vermeintlich die ›Mehrheit des Volkes‹ vertraten: Sie taten das in einem neuen und bisher nicht gekannten Ausmaß.«

Die von Wippermann ausgewerteten Schreiben, die fließenden Übergänge von konservativen Wertungen zu faschistischen Statements, vor allem der ausgeprägte Antisemitismus in vielen dieser Beiträge sind ein deutliches Warnsignal. Und es ist das Verdienst des Autors, dass er uns damit konfrontiert und die Aussagen historisch und politisch einordnet.

Dennoch mag ich mich seiner Wertung, wir hätten es hier mit der »schweigenden Mehrheit« zu tun, nicht anschließen. Zu sehr erinnern mich die meisten dieser Texte an frühere Leserbriefkampagnen von ganz Rechts, die schon immer hervorragend funktionierten. Das macht die menschenverachtenden Stammtisch-Sätze nicht ungefährlicher, lässt aber nach wie vor demokratische Gegenwehr nicht hoffnungslos erscheinen.

Wer Bücher verbrennt …

geschrieben von Heinrich Fink

5. September 2013

Zur Erinnerung an den 10. Mai 1933

Mai-Juni 2008

Wie jedes Jahr gedenkt die VVN-BdA gemeinsam mit Studenten im Senatssaal der Humboldt-Universität, also unmittelbar am »Tatort« der Bücherverbrennung. Diesmal unter Beteiligung der Schriftstellerin Elfriede Brüning und ihres Kollegen Hermann Kant sowie des Historikers Werner Treß am 9. Mai um 16.00 Uhr.

Die faschistische Diktatur war erst 99 Tage alt, als in allen Universitätsstädten Deutschlands aus Büchern aufgetürmte Scheiterhaufen loderten. Im Rundfunk und in Tageszeitungen waren Autoren und Titel genannt worden, die weil sie »undeutschen Geist verbreiten« nicht länger geduldet werden dürften. Weder in den Bücherschränken deutscher Familien noch in öffentlichen Leihbüchereien, in wissenschaftlichen Instituten oder gar in den Universitätsbibliotheken. Der zentrale Termin, an dem sich der »Volkszorn« gegen diese » zersetzende« Literatur entladen sollte, war der 10. Mai 1933. Als Auftakt drangen bereits am 6. Mai etwa 100 Studenten des »Instituts für Leibesübungen« der Berliner Universität auf ein Trompetensignal hin gewaltsam in das Institut für Sexualwissenschaften ein, das von dem progressiven Mediziner Magnus Hirschfeld geleitet wurde.

Im Mai 1919 hatte Hirschfeld dieses weltweit erste Institut seiner Art in Berlin eröffnet. In seinen vielfältigen Funktionen repräsentiert es die Liberalisierungsbestrebungen der Weimarer Republik. Seit seiner Gründung war die Einrichtung von konservativen oder bereits »völkisch« gesonnenen Wissenschaftlern und Studenten skandalisiert und wegen »jüdischen Geistes« als »undeutsch« denunziert worden. Die Studenten plünderten die Bibliothek. Danach erklärte der Führer der Berliner NS-Studenten, stud. jur. Gutjahr, das Institut als endgültig geschlossen. Doch die Aktion der Studentenschaft würde so lange fortgesetzt, bis alle Quellen »undeutschen Schrifttums und jüdischen Umtriebs restlos verstopft seien.« Ein solches Institut habe an einer deutschen Universität keinen Platz.

Eine Büste von Magnus Hirschfeld, zum Hohn auf einer Stange mitgetragen, wurde am 10. Mai mit ins Feuer geworfen. Marschlieder und lautstarke Sympathiekundgebungen von Schaulustigen wurden von allen Rundfunksendern übertragen. Gegen 23.00 Uhr wurden die auf Holzscheiten aufgestapelten Bücher mit Benzin übergossen und mit Fackeln angezündet. Die vorgegebenen Feuersprüche, wie zum Beispiel: »Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen Volksgut! Verschlinge, Flamme, auch die Schriften von Tucholsky und Ossietzky!« Oder: »Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens! Verschlinge, die Flamme auch die Schriften von Magnus Hirschfeld und Siegmund Freud!« Das grölten nicht nur braune Horden, sondern Studierende, die an bürgerlichen Gymnasium ihr Abitur abgelegt hatten. Die Jüngeren unter den beteiligten Professoren hatten ihren Doktoreid bereits in der ersten deutschen Demokratie, der Weimarer Republik, geschworen.

Schließlich betrat Propagandaminister Goebbels das von Hakenkreuzfahnen umrahmte Rednerpult und hielt als Großinquisitor seine berüchtigte »Brandrede.« Er lobte die Studenten als Vortrupp des revolutionären Geistes und die Wissenschaftler, die sich nun endgültig wehren konnten gegen jüdischen Intellektualismus, gegen bolschewistischen Marxismus, Asphaltliteratur und Untermenschentum.

Jedenfalls hatte »Die Berliner Illustrierte« (Nachtausgabe) vom 10. Mai 1933 im ersten Beiblatt noch den Mut, einen spontanen anonymen Brief an die Studenten abzudrucken: » Ihr Hornochsen, die Ihr noch grün hinter den Ohren seid, die Ihr dazu beitragt, dass alle Intelligenz, der Deutschland seine Größe und sein Ansehen zu verdanken hat, nach dem Ausland … auswandert, wollt deren Werke nun auch noch zu vernichten. O, welche Schmach, welch eine Kulturschande! Um tausend Jahre zurück!«

Die von März bis Juni 1933 jeweils in öffentlichem Zeremoniell vernichteten Bücher bleiben Brandnarben in unserer Geschichte. Doch weil das antifaschistische »Nie wieder« nicht zur hilflosen Floskel werden darf auch angesichts der Bücherverbrennungen, die im Zweiten Weltkrieg und in allen seitdem geführten Kriegen weltweit stattgefunden haben bleibt unbeirrtes, gemeinsames, widerständiges Gedenken unsere Aufgabe.

Gegen Hitler und Henlein

geschrieben von Ulrich Schneider

5. September 2013

Lorenz Knorr aus dem ehemaligen Eger erinnert sich

Mai-Juni 2008

Lorenz Knorr:
Gegen Hitler und Henlein. Antifaschistischer Widerstand unter den Sudenten und in der Wehrmacht, PapyRossa Verlag, 311 S. Köln 2008, ISBN 978-3-89438-390-9, 18 Euro

Es ist ein lange vergessener Teil des antifaschistischen Kampfes der Völker: Der Widerstand der Deutschen in der Tschechoslowakei, die nicht der faschistischen Propaganda der Sudetendeutschen Partei der Henlein-Faschisten folgten. Es waren Kommunisten und Sozialdemokraten, die nicht »Heim ins Reich« wollten. Einer von ihnen war Lorenz Knorr, Funktionär der sozialistischen Jugend in Eger (heute Cheb). Rechtzeitig zur Leipziger Buchmesse erschien im PapyRossa Verlag eine Sammlung von Beiträgen von Lorenz Knorr aus den Jahren vor 1938 und nach dem Krieg, in denen er sich engagiert und analytisch mit der Geschichte des antifaschistischen Kampfes auseinandersetzt.

Es handelt sich nicht um eine geschlossene Darstellung zur Geschichte, sondern um eine Sammlung von historischen Aufzeichnungen, Episoden, Gedankensplittern und Analysen. Sie behandeln die vielfältigen Facetten des Antifaschismus in der ČSR, des Widerstandes im Krieg oder des Umgangs mit Geschichte und geben damit dem Band den Charakter eines Lesebuchs aus antifaschistischer Perspektive.

Der erste Teil beinhaltet Texte aus der Zeit bis 1945. Einen besonderen Reiz machen dabei protokollartige Aufzeichnungen von Veranstaltungen

und Streitgesprächen aus den 30er-Jahren aus, in denen die Widersprüchlichkeit der Situation, die Illusionen über die Zukunft im faschistischen Deutschland bei Teilen der Sudeten und die Problematik aktiven Widerstandes unter den Bedingungen der faschistischen Herrschaft und in der Wehrmacht erkennbar werden. Diese Texte, die als Transkripte in Verstecken den Krieg überstanden haben, sind von hoher Anschaulichkeit und verdeutlichen exemplarisch die Problematik der Entwicklung einer antifaschistischen Position.

Auf gut 100 Seiten zeichnet Lorenz Knorr außerdem in Episoden und Berichten verschiedene Formen antifaschistischen Wirkens in der Wehrmacht nach. Hier wird deutlich: Widerstand in der Wehrmacht war nicht nur mit dem 20. Juli 1944 verbunden. Lorenz Knorr selbst wurde wie andere Nazigegner aus der Arbeiterbewegung wegen »Wehrkraftzersetzung« angeklagt und in eine Strafkompanie verbannt.

Im zweiten Teil richtet Lorenz Knorr in vier Texten seinen analytischen Blick auf die Geschichte und die Folgen der Zerschlagung des deutschen Faschismus. Hier beschäftigt er sich aus heutiger Perspektive mit dem Verhalten der Deutschen in der ČSR vor und nach 1938, mit Fragen des Geschichtsrevisionismus der Revanchistenverbände, aber auch mit der Umsiedlungsproblematik nach 1945. Denn es gehört zu den Widersprüchen der Geschichte, dass Lorenz Knorr mit seiner Familie nach 1945 als Antifaschist ebenfalls nach Deutschland umgesiedelt wurde.

Eine späte Wiedergutmachung erfuhr er kürzlich durch ein Forschungsprojekt der tschechischen Regierung, das in den vergangenen Jahren die Berichte deutscher Antifaschisten aus den Jahren bis 1938 und nach dem Anschluss sammelte und in Tschechien publizierte. Lorenz Knorrs Erinnerungsbericht wurde anschließend in einer Sendung von Radio Prag ausführlich wiedergegeben.

Belangloses und Ärgerliches

geschrieben von Dr. Seltsam

5. September 2013

Auf der Berlinale und beim Deutschen Filmpreis

Mai-Juni 2008

Tropa de elite
Brasilien, Argentinien, 2007, 118 min, Regie: José Padilha, Darsteller: Wagner Moura, Caio Junqueira, André Ramiro

Die Welle
Deutschland 2008, 107 min, Regie: Dennis Gansel, Darsteller: Jürgen Vogel, Maren Kroymann

Für den antifa-Filmfan war die Berlinale diesmal nicht sehr ergiebig. Den ersten Preis gewann der brasilianische Semidokumentarstreifen Tropa de Elite (Elite-Einheit) des jungen linken Regisseurs José Padilha. Die Geschichte zeigt das Innenleben der Antidrogen-Polizei in den Favelas, den weltbekannten Armenvierteln.

Auf der Pressekonferenz sagte Padilha, die Armen haben keine Wahl, entweder werden ihre Viertel von den Drogenhändlern beherrscht, die die Kinder zu Kurierdiensten zwingen und alle erschießen, die ihnen widersprechen, oder die Viertel werden von Polizei-Einheiten »befreit«, die viel schlimmer herrschen, für jede Dienstleistung wie Wasser oder TV-Anschluss Gebühren verlangen und binnen zwei Jahren reich sind. Von einigen Medien wurde dieser Film als »protofaschistisch« bezeichnet, weil er in schmerzhafter Intensität die Ausbildungsmethoden der Killerpolizei beschreibt und hautnah ihre Foltermethoden.

Der Film zeige sozusagen »Making of SS« und würde damit bei kritiklosen jugendlichen Zuschauern die Lust am Töten und Foltern auslösen. Aber genau mit diesen Argumenten versuchte die betroffene Polizei selbst, die Aufführung des Films zu verhindern. Doch ein brasilianisches Gericht entschied, dass die Polizei in Wahrheit noch viel schlimmer sei und hat den Film daher zugelassen. Daraufhin wurden die Dreharbeiten behindert wo es nur ging und am Ende wurde sogar noch der Rohschnitt geklaut.

Die Mafia hat den Film illegal kopiert und über 10 Millionen mal verbreitet, noch vor der Premiere! Es gab gesellschaftliche Diskussionen wie nie zuvor, über Drogen-Freigabe und Kontrolle der Polizei (die jährlich allein in Rio über 2000 Menschen killt). Bei soviel positiven Wirkungen ist jede mäkelige Kritik fehl am Platz. Gedreht wurde mit mehreren Kamerateams, die Darsteller agierten ohne Unterbrechungen, so dass die Aufnahmen wie Bilder von Nachrichtensendungen wirken, ohne das künstliche Verwackeln und Verwaschen wie beim dänischen »Dogma«. Mindestens für diese originelle Machart war der Goldene Bär berechtigt.

Vor allem auch, weil die anderen Filme fast alle ziemlich belanglos bis ärgerlich waren. Ich bin schon froh, dass wenigstens der rassistische Film »Katyn« von Andrzej Wajda keinen Preis abbekommen hat: Über eine Stunde lang wird dem Zuschauer vorgeführt, wie dumpfe sowjetische Kretins die Blüte des polnischen Adels per Genickschuss töten.

Eine Szene aus dem französischen Beitrag »Plus tard, tu comprendras« von Amos Gitai mit der hinreißenden Jeanne Moreau als coole Großmutter war der mit Abstand schönste Moment der ganzen Berlinale: An Jom Kippur geht sie mit ihren gelangweilten Enkeln in die Pariser Synagoge. Sie enthüllt ihnen überraschend, dass sie verfolgte Jüdin war und übergibt ihnen ihren seit Jahrzehnten verheimlichten Judenstern. Bald darauf stirbt sie. Ein Vermächtnis für uns alle; demnächst zu sehen auf »Arte«. Der Film wurde nach den Erinnerungen des französischen Arte-Chefs gedreht.

Beim Deutschen Filmpreis am 26. April wurde »Die Welle« von Dennis Gansel mit dem prolligen Gewaltschauspieler Jürgen Vogel als Beitrag zur Aufklärung über die faschistische Verführung der Jugend gehandelt. Ein grobes Missverständnis! Wer vom Faschismus erzählt ohne den Kapitalismus zu erwähnen, beweist zwar, dass fast jeder Mensch unter entsprechendem Gruppendruck zu minderheitsfeindlichem und unterdrückerischem Verhalten fähig ist. Aber was ist damit gewonnen? Es geht doch darum, gesellschaftliche Entwicklungen zu verhindern, die entsprechend bereite Menschen zu Faschisten werden lässt. Nur das Wissen, dass in jedem ein kleiner Nazi stecken könnte, reicht dazu einfach nicht aus.

Gedenken an Helen Ernst

geschrieben von Michael Strähnz

5. September 2013

Als Kämpferin verfolgt, als Künstlerin verfemt

Mai-Juni 2008

Vor 60 Jahren starb Helen Ernst, eine große Zeichnerin des 20. Jahrhunderts. Ihr Vater, ein kaisertreuer Diplomat, adoptierte die 1904 in Athen geborene Tochter Helene, verstieß aus Standesgründen jedoch die Mutter. Die ersten Jahre ihres Lebens genoss das Mädchen eine gutbürgerliche Erziehung. Sie besuchte Schulen in Zürich, Stuttgart und Berlin. Von 1921 bis 1924 studierte sie an den Berliner Kunstschulen und schloss als Zeichenlehrerin ab. Sie änderte ihren Namen in Helen um. 1922 begegnete sie ihrer Mutter. Deren ärmliches Leben im Braunschweiger Arbeitermilieu prägte sie tief. Zunächst arbeitete Helen Ernst als Zeichenlehrerin für Mode an der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Berlin, daneben als Pressezeichnerin, Grafikerin sowie Kostüm- und Modeberaterin. Die Weltwirtschaftkrise und das Leben Ihrer Mutter wecken ab etwa 1930 in ihr ein Bedürfnis nach politischem Engagement. Im Jahr 1931 wird sie Mitglied in der (KPD) und in der Assoziation Revolutionärer Bildender Künstler Deutschlands (ASSO). Sie arbeitet bei der Roten Hilfe mit und erstellt Zeichnungen für die »Illustrierte Rote Post«.

Das Deutsche Historische Museum berichtete in einer Ausstellung über sie:

»Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wird die durch ihre Zeichnungen bekannte Kommunistin Ernst in ihrer Wohnung verhaftet, wobei ihr ganzer Besitz und ihre Zeichnungen beschlagnahmt oder zerstört werden. Sie wird im Frauengefängnis Barnimstraße in Berlin unter ›Schutzhaft‹ gestellt. 2. Juni: Ernst wird entlassen und tritt eine Reise nach Prasdorf in Schleswig-Holstein an, wo sie sich an einer Flugblattaktion beteiligt. 14. Juli: Erneut wird Ernst verhaftet, dieses Mal durch eine Denunziation. Sie wird in das Gefängnis nach Kiel gebracht. 11. August: Sie wird entlassen, darf aber vorerst Kiel nicht verlassen. 3. September: Rückkehr nach Berlin.«

Kurz nachdem Helen Ernst 1934 von ihrem Freund und Malerkollegen Hans Grundig porträtiert wurde, emigriert sie in die Niederlande. Hier schreibt sie gemeinsam mit Eva Raedt-de Canter 1935 den Roman »Vrouwengevangenis«. Nach der faschistischen Besetzung der Niederlande wird sie erneut verhaftet. Wegen antideutscher Hetzpropaganda deportiert man sie ins KZ Ravensbrück und später in das Außenlager Barth. Helen Ernst überlebt die so genannten »Todesmärsche«. Am 1. Mai 1945 wird sie durch die Rote Armee befreit und lässt sich in Schwerin nieder. Anschuldigungen früherer Mithäftlinge im Jahr 1946, sie hätte mit der SS zusammengearbeitet, überschatten ihren künstlerischen Neuanfang. Man erkennt ihr die OdF-Opferrente ab. Nach einer Bürgschaft von Hans Grundig wird Helen Ernst am 20.Januar 1948 rehabilitiert. Danach wird sie von einem SED-Landesparteischiedsgericht freigesprochen. In Schwerin entstehen noch zwölf Zeichnungen, die sich bis heute im Besitz der Stadt befinden. Diese Zeichnungen sind geprägt von ihren Erlebnissen im KZ Ravensbrück. Am 26. März 1948 stirb Helen Ernst an den Folgen der langjährigen KZ-Haft. Ihrem Wunsch entsprechend wird sie in Groß Zicker auf der Insel Rügen beigesetzt.

Im April präsentierte das KIZ in der Schweriner Puschkinstraße eine Ausstellung mit diesen zwölf Zeichnungen von Helen Ernst zum Thema Ravensbrück. Damit entsprach die Stadtverwaltung einem Antrag der Fraktion der Linkspartei in der Stadtvertretung.

Das Moorsoldatenlied

geschrieben von Inge Lammel

5. September 2013

Wie die Hymne des antifaschistischen Widerstandes entstand

Mai-Juni 2008

In einem Aufsatz von 1965 schilderte Fritz Selbmann das Phänomen der Verbreitung des Liedes aus eigenem Erleben:

»Von dort, aus dem Moor des Emslandes, kamen die Baukommandos, die im Jahre 1937 die großen Konzentrationslager aufbauten: Sachsenhausen, Buchenwald und viele andere, und diese Baukommandos trugen das Lied von den ›Moorsoldaten‹ in alle Lager ›Großdeutschlands‹. Und so sangen denn die Gefangenen des ›Dritten Reiches‹ auf allen Appellplätzen von Fuhlsbüttel bis Mauthausen, von Natzweiler bis Treblinka … diesen schönsten und würdigsten, trotzigsten und erhabensten Gefangenenchor …«

Vor 75 Jahren, im Sommer 1933, erblickte ein Lied das Licht der Welt, das sich neben der Internationale wohl am tiefsten in den Liederschatz vieler Völker eingeprägt hat das Lied der Moorsoldaten. Weltweit wurde es zum Symbol des antifaschistischen Widerstandes. Es ist erstaunlich, in welchem Tempo sich dieses Lied unmittelbar nach seiner Entstehung durch die KZ-Häftlinge selbst verbreitet hat.

Nachdem Ernst Busch die »Moorsoldaten« auf der I. Internationalen Arbeitermusik- und Gesangs-Olympiade 1935 in Strasbourg erstmal der Öffentlichkeit vorgestellt hatte, trug er das Lied in die Reihen der Internationalen Brigaden. Während 1938 Bomben auf Barcelona fielen, produzierte er, gemeinsam mit Kameraden der XI. Brigade, das Moorsoldatenlied auf Schellackplatte. Seitdem galt es in vielen europäischen Ländern als Lied der deutschen Hitlergegner. Als anonymes Volkslied ist es in internationalen Liedveröffentlichungen abgedruckt worden. Auch Radio Moskau hat zur Verbreitung beigetragen.

Wie entstand das Lied, was war der Anlass, wer waren die Autoren?

Dazu finden sich in Wolfgang Langhoffs Buch »Die Moorsoldaten« ausführliche Schilderungen. Nach dreizehnmonatiger Haft im Börgermoor und im KZ Lichtenburg konnte er in die Schweiz ausreisen. Hier verfasste er seinen »Tatsachenbericht« als »Zeugenaussage vor dem Richterstuhl des Weltgewissens« und veröffentlichte ihn 1935 im Spiegel-Verlag Zürich. Es war eines der ersten öffentlichen Dokumente über das wahre Gesicht des Dritten Reiches. Langhoff beschreibt die Entstehung des Liedes ohne aus verständlichen Gründung Benennung der Verfasser und schildert anschaulich die erste öffentliche Aufführung des Liedes im Rahmen einer selbst inszenierten Kulturveranstaltung der Häftlinge, die im Sommer 1933 als »Zirkus Konzentrazani« über die Bühne ging. Zur Aufmunterung der Kameraden nach einem brutalen nächtlichen Überfall der SS auf eine Lagerbaracke, die sogenannte »Nacht der langen Latten«.

Für den Abschluss dieser Veranstaltung hatte Langhoff den dichtenden Bergarbeiter aus dem Ruhrgebiet Johann Esser um einen Text für ein situationsgemäßes »Heimatlied« gebeten. Am Refrain, der ihm stellenweise zu provokativ schien, hat Langhoff dann mitgearbeitet. Die Melodie, den vierstimmigen Chorsatz und die musikalische Einstudierung für den Auftritt von Mitgliedern des Solinger Arbeitergesangvereins, die ebenfalls inhaftiert waren, lag in den Händen von Rudi Goguel. Er war wegen aktiver KPD-Mitgliedschaft in Düsseldorf in das Börgermoor verschleppt worden und musste bis 1945 noch andere Konzentrationslager durchleiden. Nach seiner Haft in Neuengamme gehörte er zu den Wenigen, die den Untergang des KZ-Schiffes »Cap Arcona« überlebten.

1935 hat Hanns Eisler im amerikanischen Exil die »Moorsoldaten« als eines der schönsten revolutionären Lieder der internationalen Arbeiterbewegung bezeichnet und hinzugefügt, es sei »… geradezu erschütternd, wie unsere gefangenen Genossen es verstanden haben, die Frage eines getarnten Liedes zu lösen.«

Für das 1962 vom Arbeiterliedarchiv zusammengestellte Buch »Lieder aus den faschistischen Konzentrationslagern« verfasste Rudi Goguel einen lebendigen Bericht über die Uraufführung seines Moorsoldatenliedes: »Auf der Kulturveranstaltung, die unter der Bezeichnung ›Zirkus Konzentrazani‹ durchgeführt wurde, fand im Sommer 1933 die Uraufführung statt. Die 16 Sänger … marschierten in ihren grünen Polizeiuniformen (unsere damalige Häftlingskleidung) mit geschultertem Spaten in die Arena, ich selbst an der Spitze in blauem Trainingsanzug mit einem abgebrochenen Spatenstiel als Taktstock. Wir sangen, und bereits bei der zweiten Strophe begannen die fast 1.000 Gefangenen den Refrain mitzusummen. Von Strophe zu Strophe steigerte sich der Refrain, und bei der letzten Strophe sangen auch die SS-Leute, die mit ihrem Kommandanten erschienen waren, einträchtig mit uns mit … Bei den Worten: ›Dann zieh’n die Moorsoldaten nicht mehr mit dem Spaten ins Moor‹ stießen die sechzehn Sänger die Spaten in den Sand und marschierten aus der Arena, die Spaten zurück lassend, die nun, in der Moorerde steckend, als Grabkreuze wirkten.«

»antifa«Ausgabe März-April 2008

geschrieben von Foto: Nikolaus Fischer

5. September 2013

März-April 2008

Die kleine fränkische Stadt Gräfenberg wird immer wieder von Neonazis heimgesucht. Mit viel Phantasie wehren sich die Einwohner gegen die braunen Aufmärsche (siehe auch „Zwa Braune im Weckla“).

Im Online Shop der VVN-BdA finden Sie Bücher, Broschüren, Aufkleber, Musik-CDs, DVDs und vieles mehr.

Siehe: www.vvn-bda.de/shop

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