Provokation aus Brüssel

geschrieben von Die Fragen stellte Regina Girod

5. September 2013

Gespräch mit Ulrich Schneider über Geschichtsrevisionismus im
EU-Parlament

Nov.-Dez. 2008

Frühere jüdische Partisanen, die gegen die Nazi-Besatzer gekämpft haben, sind in Litauen Ziel einer diskriminierenden staatsanwaltschaftlichen Ermittlung. Seit fast einem Jahr ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen angeblicher Kriegsverbrechen, die von Partisanen während des Zweiten Weltkrieges begangen worden sein sollen. Auf den Vernehmungslisten der Staatsanwaltschaft stehen ausschließlich jüdische Namen. Formal richten sich die Ermittlungen gegen »Unbekannt«, die früheren Kämpfer sollen als Zeugen gehört werden. Dabei wird ihnen unterstellt, sie hätten Kenntnis von behaupteten Verbrechern ihrer Mitkämpfer. Bezeichnend ist, dass Litauen bislang keinerlei Aktivitäten unternommen hat, die zahlreichen einheimischen Nazi-Kollaborateure vor Gericht zu bringen.

antifa: Im Europäischen Parlament werden auf Initiative der Europäischen Volkspartei, in der die CDU eine zentrale Rolle spielt, Unterschriften für einen Antrag gesammelt, den 23. August zu einem »Gedenktag an Opfer stalinistischer und nazistischer Verbrechen« erklärt werden. Was ist davon zu halten?

Ulrich Schneider: Dieser Antrag ist ein ideologischer Generalangriff auf das historische Fundament der europäischen Nachkriegsentwicklung. Zunächst einmal demonstriert er die Totalitarismus-These in Reinform, die von einer ahistorischen Gleichsetzung von Stalinismus und Faschismus ausgeht. Schon vor einigen Jahren versuchte ein »Schwarzbuch des Kommunismus« nachzuweisen, dass die sozialistischen Versuche in den osteuropäischen Ländern von gleicher verbrecherischer Qualität gewesen seien, wie der Faschismus, insbesondere der deutsche.

In der Konsequenz bedeutet dies nicht nur eine historisch falsche Gleichsetzung zwischen faschistischer Diktatur und verschiedenen sozialistischen Herrschaftsformen, sondern eine Umkehrung der politischen Gewichtungen und damit eine Verharmlosung und Relativierung der faschistischen Vernichtungspolitik. Das leugnen die Initiatoren des Antrags auch gar nicht. Geht es ihnen doch darum, so wörtlich, den Schwerpunkt des Gedenkens auf die »Auswirkungen und die Bedeutung der Sowjetzeit sowie der Okkupation« in den »postkommunistischen Ländern« zu legen. Perfide ist der Antrag insbesondere durch das vorgeschlagene Datum des »Gedenktages«. Was war am 23. August? Es ist das Datum der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages 1939 zwischen dem Außenminister des faschistischen Deutschlands, Ribbentropp, und dem Außenminister der UdSSR, Molotow. Jeder historisch Bewanderte weiß, dass diesem Vertrag das Bemühen der UdSSR voranging, mit den Westmächten ein Bündnis gegen die faschistische Kriegspolitik zu schmieden. Als die-se ohne Erfolg blieben, kam es zu dem Vertragsschluss, mit dem die Sowjetunion Zeit gegen einen möglichen militärischen Angriff des deutschen Faschismus gewinnen wollte.

antifa: Aber der Nichtangriffsvertrag war doch, wie wir heute wissen, ziemlich problematisch?

Ulrich Schneider: Natürlich. Mit den Zusatzabkommen wurden weiterreichende Vereinbarungen getroffen, die sogar zur Auslieferung von antifaschistischen Emigranten an Nazi-Deutschland führten. Aus heutiger Perspektive spricht auch einiges dafür, dass die UdSSR die gewonnene Zeit nicht wirksam nutzte, ihre Verteidigungsfähigkeit zu stärken. Aus antifaschistischer Sicht sind das deutliche Kritikpunkte.

Doch all das reicht nicht aus als Begründung, den Jahrestag der Unterzeichnung zum »Totalitarismus-Gedenktag« zu machen. Denkt man das weiter, käme man zu der These, dass Deutschland und die UdSSR für den Zweiten Weltkrieg und die Opfer der faschistischen Vernichtungspolitik gleichermaßen verantwortlich seien.

Eine völlig unhaltbare Position! Sie versucht, eine zentrale Grundlage der europäischen Nachkriegsentwicklung, das gemeinsame Handeln der Völker und Staaten in der Anti-Hitler-Koalition für die Befreiung ihrer Ländern von der faschistischen Bedrohung, zu leugnen und zu verdrängen. Neben der Verstärkung der antikommunistischen Attitüden scheint mir das überhaupt das zentrale Anliegen dieser Provokation zu sein.

antifa: Warum kommt dieser Vorstoß gerade jetzt im Europäischen Parlament?

Ulrich Schneider: Das Europäische Parlament hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder bewusst antifaschistisch positioniert: Ich erinnere an den Beschluss des Europaparlaments, den 27. Januar, den Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die sowjetische Armee, zu einem europäischen Gedenktag für alle Opfer faschistischer Verfolgung zu machen.

Ich erinnere an den Beschluss des Parlaments von 1993 über die Bewahrung der historischen Orte der faschistischen Verfolgung und Vernichtungspolitik. Ausdrücklich wurde in diesem Beschluss eine Verbindung dieses Gedenkens mit der Erinnerung an andere Formen politischen Unrechts abgelehnt.

Es wäre schon von zentraler politischer Bedeutung, wenn es gelänge, diesen antifaschistischen Konsens im europäischen Parlament zu zerstören.

antifa: Wie steht die FIR zu dem Antrag, was setzen die antifaschistischen Verbände in Europa gegen diese Provokation?

Ulrich Schneider: Als Generalsekretär der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR)-Bund der Antifaschisten bin ich sehr froh, dass verschiedene Mitgliedsverbände, u. a. aus Griechenland, bereits deutliche Erklärungen abgegeben haben.

Ich hoffe und erwarte, dass weitere Mitgliedsverbände in Noten und Erklärungen ihre jeweiligen Europaabgeordneten auffordern, von der genannten Resolution Abstand zu nehmen. Die Totalitarismus-These ist ein Produkt des »Kalten Krieges« und kann keine Grundlage für ein zukünftiges Europa sein.

Gegen Gleichgültigkeit

geschrieben von Heinrich Fink

5. September 2013

Elie Wiesel zum 80. Geburtstag

Nov.-Dez. 2008

Aus der Begründung des Nobelpreiskomitees: »Elie Wiesel ist einer der wichtigsten Wegweiser unserer Zeit. Er ist ein Zeuge der Vergangenheit und ein Mahner für die Zukunft. Seine Bücher verkünden die Botschaft des Friedens, der Versöhnung und der Menschenwürde.«

Vor 80 Jahren, am 1. Oktober, wurde Elie Wiesel in Sighdt, Siebenbürgen, geboren. 1944 wurde er mit seiner Familie, Verwandten und Nachbarn nach Auschwitz deportiert, seine Mutter und die jüngste seiner drei Schwestern wurden dort ermordet. Im Januar 1945 nach Buchenwald verschleppt, erlebte er die Selbstbefreiung des Lagers als lebensrettend. Seinem Vater hingegen war dies nicht mehr vergönnt. Als die Amerikaner für die endgültige Befreiung das KZ-Gelände betraten, so erinnerte sich Elie Wiesel, waren die geretteten Häftlinge noch immun gegen Gefühle wie Freude. Sie beteten das Kaddisch, das jüdische Totengebet.

Als Siebzehnjähriger findet er zurück in den Alltag. Ab April 1945 in Frankreich lebend, lernt er Sartre und Camus kennen, studiert und arbeitet als Journalist. 1963 wird er amerikanischer Staatsbürger, 1973 Professor in New York, 1978 in Boston für »Jüdische Studien«.

1986 bei der Verleihung des Friedensnobelpreises sagt er: »Ich habe mir geschworen, niemals zu schweigen, wann immer und wo immer ein Mensch zu leiden hat oder gedemütigt wird.« Jahrelang konnte er über Auschwitz nicht reden. Er musste erst die Worte finden, um das Unsagbare wahrheitsgemäß ausdrücken zu können. Doch dann tut er es unermüdlich: in Vorträgen, Vorlesungen und in mehr als 30 Büchern, unter anderem »Die Nacht«, »Jude heute« und »Geschichten gegen die Melancholie«. Er wird nicht müde zu betonen, dass nicht der Holocaust das Zentrum jüdischer Identität sein darf. »Diejenigen, die für ihr Judentum und für die Menschheit nichts anderes tun, als sich auf den Holocaust zu berufen, handeln falsch … es ist nicht das einzige Zentrum der langen jüdischen Erinnerung.« Der Opfer von damals zu gedenken, bedinge auch, nach den Opfern von heute zu fragen. »Mir wurde klar, dass in außergewöhnlichen Situationen, in denen es um das Leben und die Würde des Menschen geht, Neutralität zur Sünde werden kann: Sie hilft den Mördern, nicht den Opfern.«

In dieser Überzeugung bittet Elie Wiesel am 19. April 1985 in seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung der »Goldenen Medaille des Kongresses« im Weißen Haus den Präsidenten inständig, mit Bundeskanzler Kohl nicht den Soldatenfriedhof in Bitburg zu besuchen. Er solle bedenken, dass die von ihm dort erwiesene Ehre dann auch Gräbern der SS gilt. Das aber sei ein Verrat an den Opfern der SS.

Ronald Reagan ging trotzdem mit Helmut Kohl nach Bitburg und lieferte so dem in Deutschland gerade beginnenden Historikerstreit um die »Neubewertung des Nationalsozialismus« einen folgenschweren Vorwand.1991 haben Senat und Rektor der Humboldt-Universität Elie Wiesel eingeladen, die Rede zur Immatrikulation der Studenten zum Wintersemester zu halten. Weil ihm dieser Anlass wichtig war, kam er nur für diesen Tag extra aus den USA nach Berlin. Dort beschwor er die neu Immatrikulierten: »Aktive Zeitgenossenschaft bedeutet keine Gleichgültigkeit gegenüber aktuellen Ereignissen, wie zum Beispiel die alarmierende Ausländerjagd in Hoyerswerda.« Der Kampf gegen Gleichgültigkeit sei für ihn – nach und wegen Auschwitz – zum Schlüsselwort seiner Weltanschauung geworden. Weil deutsche Bürger zum Schicksal ihrer jüdischen Nachbarn seit dem Judenboykott vom 1. April 1933 in Deutschland geschwiegen hätten und die Akteure der Weltpolitik nur mit diplomatischer Zurückhaltung auf die organisierten Verfolgungen reagiert hätten, habe er sich vorgenommen, gegen lebensvernichtende Gleichgültigkeit »anzuschreiben«, wo auch immer Menschen, Tieren und Natur das Existenzrecht eingeschränkt oder sogar bestritten würde. Denn für Elie Wiesel ist »der Gegensatz von Liebe nicht Hass, der Gegensatz von Hoffnung ist nicht Verzweiflung, der Gegensatz von geistiger Gesundheit und von gesundem Menschenverstand ist nicht Wahnsinn, der Gegensatz von Erinnerung ist nicht Vergessen, sondern es ist nichts anderes als jedes mal Gleichgültigkeit.«

Shalom, Elie Wiesel zum 80! Herzlichen Dank für ein zum »Recht auf Leben« aufrüttelndes Lebenswerk.

Schandmal Bunker

geschrieben von Hans Canjé

5. September 2013

Ein brandaktuelles Thema des 50. bundesweiten
Gedenkstättenseminars

Nov.-Dez. 2008

Leiter der Bunkerplanung bis April 1945 war der Ingenieur Erich Lackner. Er war im Sommer 1943 aus dem auf Bunkerbau spezialisierten Berliner Ingenieurbüro von Arnold Agatz als Verantwortlicher Bauleiter für den Bunker »Valentin« nach Bremen geschickt worden. Zu seinen späten Ehren wurde im Dezember 1965 die »Erich-Lackner-Stiftung« gegründet, die alle zwei Jahre einen Förderpreis auslobt. Zum 85. Geburtstag seines einstigen Chefs Arnold Agatz erschien 1976 im »Jahrbuch der Wittheit zu Bremen« ein 46 Seiten umfassendes Porträt unter dem Titel: »Ein erfülltes Ingenieurleben«. Er habe sich »hochverdient« um Bremen gemacht, schrieb die örtliche Presse, als ihm Bürgermeister Wilhelm Kaisen (SPD) im Oktober 1964 im Auftrag des Bundespräsidenten Heinrich Lübke (KZ-Baumeister) den Stern zum großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland überreichte. Im September 1983 erhielt in Bremerhaven eine Straße den Namen des, wie die Nordsee-Zeitung anmerkte, »international anerkannten und geehrten Hafen- und Wasserbauers«. Von seinen Bunkern war keine Rede mehr.

Zum 50. bundesweiten Gedenkstättenseminar hatten die Bundeszentrale für politische Bildung, deren Bremer Landeszentrale, die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und die Berliner Stiftung Topographie des Terrors für die Tage vom 11. bis 13. September 2008 nach Bremen eingeladen. Etwa 120 Mitarbeiter u. a. von bundesdeutschen Gedenkstätten und wissenschaftlichen Einrichtungen beschäftigten sich mit dem, für die Hansestadt gegenwärtig brandaktuellen, Thema: »Denkort Valentin – Marinerüstung und Zwangsarbeit«. Im Vorfeld des Seminars war am 7. September in Bremen von Bundes- und Landespolitikern über die Zukunft des Denkortes Bunkers »Valentin« – gegenwärtig noch ein Depot der Bundesmarine – beraten worden. Im Jahr 2010 will die Bundeswehr den Bunker »besenrein« an das Finanzministerium übergeben. Der Stadtstaat, Historiker, örtliche Initiativen und Gedenkstättenpolitiker fordern seit vielen Jahren, den Bunker, eine barbarische Hinterlassenschaft des faschistischen Regimes, als »Gedenk- und Begegnungsstätte« zu erhalten. Das ist jedoch ohne Hilfe des Bundes nicht möglich. Der aber möchte den Bunker der klammen Hansestadt verkaufen.

»Wir haben wertvolle Ratschläge bekommen und Zusagen für weitere Unterstützung« resümierte Herbert Wulfekuhl von der Landeszentrale für politische Bildung den Verlauf des Seminars. »Jetzt können wir uns daran machen, die Konzeption des künftigen Gedenkstättebetriebs zu erarbeiten und wir können und werden dabei auf den Rat der Experten zurückgreifen.« Ähnlich zufrieden zeigte sich Bremens Bürgermeister Jens Böhmsen, der im Vorfeld die Veranstaltung als »eine gute Gelegenheit« bezeichnet hatte, »bundesweit den Blick auf den Bunker zu lenken und seine ungewisse Zukunft zu beraten«.

Eine Festveranstaltung mit wohlverdienten Glückwünschen an die Mütter, Töchter, Väter oder wie immer, wurde dieses 50. bundesweite Gedenkstättenseminar nicht. Man ehrte sich, in Auslegung eines Brechtwortes, indem man der Sache, hier konkret der Beschäftigung mit einer fast unverdaulichen Hinterlassenschaft des faschistischen Regimes, nutzte. Diese Gedenkstättenseminare haben sich im Verlaufe der Jahrzehnte und an mittlerweile über 30 ehemaligen Konzentrationslagern oder Stätten der Vernichtung und des Widerstandes einen nicht mehr wegzudenkenden Platz in der Arbeit all jener erworben, die sich, ob in deutschen KZ-Gedenkstätten, an Forschungs- oder Bildungseinrichtungen oder in lokalen Bürgerinitiativen der Erinnerung an die Verbrechen des deutschen Faschismus verschrieben haben. Für Letztere sind sie mittlerweile auch eine Stätte des Erfahrungsaustausches geworden für den Umgang mit staatlichen Behörden, die mancherorts NS-Gedenkstätten immer noch als »Standortnachteil« betrachten.

Das seit 1984 bei der Berliner Stiftung Topographie des Terrors angesiedelte Gedenkstättenreferat koordiniert diese zweimal jährlich stattfindenden Seminare. Sie dienen wesentlich der Vernetzung der Gedenkstättenarbeit und der Durchsetzung gemeinsamer Standards für die pädagogische und inhaltliche Arbeit in den Gedenkstätten. Die Tatsache, dass dieses Referat Sitz und Stimme in Stiftungsräten deutscher KZ-Gedenkstätten und in der »Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkstätten der Bundesrepublik Deutschland« hat, spricht für die Wertschätzung der dort geleisteten Arbeit. Die Themen der Seminare sind in der Regel festgemacht an dem jeweiligen Veranstaltungsort und dessen -nicht nur historischem – Platz in der deutschen und mittlerweile auch internationalen Gedenkstättenpolitik (Torgau, Buchenwald, Haus der Wannseekonferenz, Auschwitz).

Aus ganz aktuellem und auch historischen Anlass nun also die Jubiläumstagung zu Thema »Bunker Valentin«. Am 17. September 1943 war im Rahmen der totalen Kriegsführung und des im Zusammenhang damit forcierten Flottenrüstungsprogramms der Grundstein für diesen, von seinen Erbauern als »Koloss von Farge«, auch als »achtes Weltwunder« gefeierten Bunker gelegt worden. In der Realität geriet er zu einem der exemplarischsten Orte faschistischen Größenwahns und Mordpolitik. Die Ausmaße sind gigantisch: über 35.000 Quadratmeter Grundfläche, 426 Meter lang, 100 Meter breit und innen 25 bis 33 Meter hoch. Die Fundamente reichen zwölf Meter in die Erde. Hier, im größten deutschen U-Bootbunker, sollte alle 56 Stunden ein U-Boot fertiggestellt und direkt in die Weser geleitet werden.

So monströs wie die Anlage waren die Bedingungen für die Menschen, die hier arbeiten mussten. 50 Firmen waren daran beteiligt. In der ersten Phase wurden 2.000 Häftlinge aus dem nahegelegenen Konzentrationslager Neuengamme, zunächst vorwiegend sowjetische und polnische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, eingesetzt. Später folgten deutsche und französische politische Widerstandskämpfer. Insgesamt mussten hier, wie auf dem am 17. September 1983 errichteten Mahnmal »Vernichtung durch Arbeit« vor dem Bunker vermerkt ist, etwa 10.000 Häftlinge Fronarbeit leisten. Sie wurden zum Teil in dem in Farge bereits 1940 15 Meter unter der Erde errichteten Treibstoffbunker untergebracht, den die Gestapo als »Arbeitserziehungslager« (AEL) nutzte. Hunderte starben in den feuchten unterirdischen Erdlagern an Hunger und Entkräftung. Nicht mehr arbeitsfähige Häftlinge wurden von der SS mit Spritzen getötet oder in Vernichtungslager abtransportiert. Nach Kriegsende sind in der Nähe des Bunkers und des KZ 5.000 verscharrte Leichen gefunden worden.

Bei den Vorstellungen über den Auftrag der recht bald zu realisierenden Gedenkstätte wurden in den Plenartagungen und in den Arbeitsgruppen nachdrücklich die (auch hier) anklingenden Tendenzen zurückgewiesen, den Bunker als einen Ausdruck hoher technischer Leistungskraft und der »Modernität« des Regimes zu akzeptieren. Die hier verübten Verbrechen an den Häftlingen stünden in Einheit mit den faschistischen Kriegszielen und dem Anteil der SS, der Marine, der Wehrmacht und auch der Organisation Todt, die hier, wie beim Bau des KZ Mittelbau-Dora oder den Raketenanlagen in Peenemünde maßgeblich für den Einsatz von Zwangsarbeiter verantwortlich war. Der Bunker müsse ein »DenkOrt« zur ständigen Erinnerung an diese Verbrechen sein. So, wie es seit Jahren von Bürgervereinigungen, wie dem »Verein Dokumentations- und Gedenkstätte Geschichtslehrpfad Lagerstraße/U-Boot-Bunker Valentin« und der Bremer VVN-BdA gefordert wird. Sie fordert zur Sicherung der notwendigen finanziellen Mittel eine eigene Gedenkstättenstiftung, die dann auch an die Unternehmen herantreten kann, die aus der Fron und dem Tod der Sklavenarbeiter ihre Profite bezogen haben.

Als Häftling 37.174 hat der Franzose Raymund Portefax die Sklavenarbeit am Bunker »Valentin« überlebt. Über die Zustände im Lazarett berichtete er: »Abgetrennte Finger, brandige Wunden, eitrige Entzündungen und Furunkel sind noch die harmlosesten Krankheiten. Einige spucken Blut, andere wieder zittern vor Fieber und sind hergekommen, um noch einmal eine Bronchitis oder eine Lungenentzündung bescheinigt zu bekommen.«

Für die Zustände im Lager mitverantwortlich war Lagerarzt Dr. med. Walter Heidbreder, der nie belangt worden ist. Als er in Bremen-Nord starb, versicherte der Heimatverein Farge-Rekum in einer Traueranzeige: »Wir werden ihn in guter Erinnerung behalten.«

Detlev Garbe, Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, präzisierte bei seinen Vorstellungen über die Konzeption des »DenkOrtes« den historischen Platz des Bunkers u. a. mit dem Verweis auf die am Bau beteiligten Konzerne als Verkörperung des Beziehungsgeflechtes von Staat und Wirtschaft. Der gesamte Komplex habe mit insgesamt sieben Lagern ein eigenes Lagersystem dargestellt. Das ganze Projekt sei nur durch den gewaltigen Einsatz von Zwangsarbeitern möglich geworden. Die Verantwortlichen für die brutale Behandlung der Zwangsarbeiter durch SS- und Wehrmachtsangehörige wurden, wie in Vorträgen mehrfach betont, eben sowenig zur Verantwortung gezogen wie die Bau- und Rüstungskonzerne, die hier Riesenprofite eingefahren haben. So stand im Schlussplenum der Platz des Bunkers »Valentin« in der deutschen Gedenkstättenlandschaft außer Frage. Er kann so auch nicht wie eine x-beliebige Immobilie behandelt und verkauft werden. Er muss nach Freigabe durch den Bund Ende 2010 als nationaler »DenkOrt« gestaltet und erhalten bleiben. Die Verantwortung dafür liegt bei der Bundesregierung. Die Landesregierung ist bereit, dafür eine Konzeption vorzulegen und sich mit 50 Prozent an den entstehenden Kosten zu beteiligen.

Lakonisch und präzise

geschrieben von Stefan Gmündner

5. September 2013

Ruth Klüger hat den zweiten Band ihrer Erinnerungen vorgelegt

Nov.-Dez. 2008

Der Beitrag ist ein Nachdruck aus »Der neue Mahnruf« Ausgabe Juli-August 2008, der vom Österreichischen KZ-Verband herausgegeben wird

Ruth Klüger:
Unterwegs verloren, Verlag Zsolnay 2008, 240 Seiten, 19,90 Euro

Ruth Klüger:
Weiter leben. Eine Jugend, München1997, DTV, 1997, broschiert, 283 Seiten

Als was hat man Ruth Klüger nicht schon alles bezeichnet: Als verbal schlagfertige Feministin; als gelernte Pessimistin und als eine, die sich Leben und Alltag durch ihre Unversöhnlichkeit nicht einfach mache – den anderen auch nicht. Immer wieder und vor allem aber ist sie »die Auschwitz-Überlebende«. Klüger dazu: »Es ist wirklich nicht ein Teil meiner Persönlichkeit, das ist etwas, was einem zugestoßen ist.« Die Persönlichkeit sei mehr als das erlebte Grauen. »Ich bin alles Mögliche. Ich bin vierfache Großmutter, und ich bin eine passionierte Krimileserin, und ich habe über das barocke Epigramm promoviert. Und ich bin eben auch eine gebürtige Wienerin.«

In Wien hat die 1931 geborene Ruth Klüger, wie sie in »unterwegs verloren«, dem zweiten, eben erschienenen Band ihrer Erinnerungen schreibt, »einmal dazugehört und gleichzeitig wurde mir und den Meinen auf unvorstellbar krasse und ordinäre Weise klargemacht, dass wir nicht dazugehörten«, und: »Ich werde bis ans Lebensende wiederkommen, vom Flughafen in Schwechat oder vom Westbahnhof, an dem Knoten herumzerren, bis es unter den Fingernägeln blutet, und ihn doch nicht lösen.«

Obwohl Ruth Klüger auf eine glänzende akademische Karriere als Literaturwissenschaftlerin zurückblickt, unter anderem als erste und einzige Ordinaria des Germanistischen Instituts der Princeton-Universität, und zahlreiche Aufsätze und Essays publizierte, bleibt sie für das breite Publikum die Autorin eines einzelnen Werks: »weiter leben«. In dem 1992 erschienenen, als Bericht und Reflexion angelegten Erinnerungsbuch, das den lakonischen Untertitel »eine Jugend« trägt, beschreibt sie nüchtern und frei von Pathos eine Kindheit im immer antisemitischer werdenden Wien und die Deportation als Zwölfjährige nach Theresienstadt und Auschwitz-Birkenau.

Sie schildert auch, wie sie durch die Hilfe einer Unbekannten der Selektion entkam und Zwangsarbeiterin im Lager Christianstadt wurde. Schließlich gelang ihr mit ihrer Mutter auf einem der »Todesmärsche« die Flucht. In München holte sie das -Abitur nach, inskribierte sich in Regensburg an der Hochschule und emigrierte 1947 in die USA, wo sie heute, unterbrochen durch Aufenthalte in ihrer Göttinger Wohnung, lebt.

»weiter leben«, das literarische Debüt einer 61-Jährigen, war ein Sensationserfolg. 250.000 Exemplare wurden von dem Buch verkauft. Zum Glück, denn selten wurde so präzise und schonungslos über das Erinnern und den Versuch des Bewältigens, über das Bewahren und Verdrängen des Erlebten und den kollektiven Umgang mit den Schrecken der Vergangenheit und ihren Opfern, Tätern und Zeugen geschrieben wie hier.

Die Sammelwut der »Shoa-Beflissenen« der Oral History, die Zeugen zu Rohmaterial macht, ist Ruth Klüger suspekt, die KZ-Gedenkstätten auch, denn »es liegt dieser Museumskultur ein tiefer Aberglaube zugrunde, nämlich dass die Gespenster gerade dort zu fassen seien, wo sie als Lebende aufhörten zu sein«. So ist »unterwegs verloren«, das zuletzt das Leben einer Alleinerziehenden in den 50er- und 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts schildert und auch Depressionen und Selbstmordgedanken nicht auslässt, keineswegs geworden. Geschildert wird dafür, wie mühsam Ruth Klüger, der ihre Muttersprache zur Sprache des Feindes, der Befehle und Beschimpfungen wurde, wieder einen Zugang zum von ihr geliebten Deutsch fand.

Ruth Klüger hat mit Gedichten ge- und überlebt. Es war auswendig gelernte Lyrik, die es ihr während der Appelle im KZ ermöglichte, in eine andere Welt zu entkommen. An dieser Bedeutung der Literatur für das Leben lässt sie in »weiter leben« keinen Zweifel: »So gut reden hab ich wie die anderen, Adorno vorweg, ich meine die Experten in Sachen Ethik, Literatur und Wirklichkeit, die fordern, man möge über, von und nach Auschwitz keine Gedichte schreiben, nicht gelernt. Die Forderung muss von solchen stammen, die die gebundene Sprache entbehren können, weil sie diese nie gebraucht, verwendet haben.«

Der Umgang mit den Gespenstern der Vergangenheit, den Verlorenen und Toten, die kommen und gehen, wie es ihnen gefällt, ewig gleich und doch in immer neuen Verkleidungen, ist ein zentrales Thema beider Bände der Autobiografie. Bannen lassen sich diese Gespenster nicht, doch »mit dem Älterwerden« weichen sie zurück, heißt es im ersten Satz von »unterwegs verloren«.

Der Abschied von ihnen bestand auch aus der späten Entfernung der eintätowierten KZ-Nummer in einer kalifornischen Laser-Klinik, mit der »unterwegs verloren« beginnt. Um die so schwierigen wie erfolgreichen Jahre in der »neuen« und die Wiederbegegnungen mit der »alten« Welt geht es in dem Band, um den mühsamen Einstieg in die akademische Karriere, die gescheiterte Ehe, die Entfremdung von den beiden Söhnen, den Tod der Mutter und die späte teilweise Rückkehr nach Europa und Wien.

Ruth Klügers Bücher kann man nicht entbehren, man sollte sie wieder und wieder lesen. »Was aber bleibet, stiften die Dichter«, hat der von Klüger geschätzte Hölderlin gesagt.

Ambivalente Erfahrungen

geschrieben von Ulla Plener

5. September 2013

Kinder von Widerstandskämpfern erzählen

Nov.-Dez. 2008

Eva Madelung, Joachim Scholtyseck:
Heldenkinder – Verräterkinder. Wenn die Eltern im Widerstand waren, Verlag C. H. Beck, München 2007, 308 S., 24,90 Euro

Dieses Buch enthält 15 Interviews mit Kindern von Menschen, die überwiegend aktiv, teils aber auch passiv (als Mitwisser) am Widerstand gegen das faschistische Naziregime in Deutschland beteiligt waren.

Die Auswahl der Interviewten widerspiegelt die in der heutigen Bundesrepublik übliche Konzentration auf den Widerstand aus bürgerlich-konservativen, militärischen, adligen und christlich motivierten Kreisen, vor allem im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944. Lediglich zwei Interviews wurden mit Kindern von Sozialdemokraten (den Töchtern von Julius Leber und Hermann Maaß) und ein einziges mit der Tochter eines Kommunisten (Friedrich August Schneiderheinze) geführt.

Die Autoren (Herausgeber) – eine Familientherapeutin und ein Historiker – verstehen die Interviews als Dokumente der Zeitgeschichte: Sie vermitteln zum einen »einen Überblick über die psychischen Zusammenhänge«, die in den betroffenen Familien vor und nach 1945 wirkten, dem Historiker bieten sie »unbekannte Erkenntnisse über den Hintergrund des Widerstands der Eltern gegen Hitler«. Und: Sie geben Auskunft über den Umgang mit dem Thema Widerstand gegen das NS-Regime im gespaltenen Deutschland der Nachkriegszeit. Heldenkinder? Verräterkinder?.

Dazu Eva Madelung in der Einleitung: »Behörden (in der alten BRD – U.Pl.) erließen Bescheide, dass ›keine staatliche Unterstützung an Verräterfamilien‹ zu zahlen sei.« (S.18) – »In der DDR waren die Mitglieder des linken Widerstands, und unter ihnen besonders die Kommunisten, offiziell besonders anerkannte Persönlichkeiten. Sie erhielten vom Staat eine Reihe von Vergünstigungen wie zusätzliche Lebensmittelkarten, vorrangig Wohnraum, besondere Bildungsmöglichkeiten für die Kinder u. a.« Wibke Bruhns, Tochter des als Mitwisser hingerichteten großbürgerlichen Unternehmers Hans Georg Klamroth, ergänzt: Die Wiedergutmachung für ihre Mutter sei in der BRD erst 1957 nach einem Prozess geregelt worden: »Es war aber gar nicht viel Geld, das sie bekam, denn er war ja kein Berufsoffizier (!). Er war selbständig. Es drehte sich also nur um die Fortzahlung seines Gehalts als Offizier. Wobei die DDR sich ja wunderbar verhalten hat. Sie hat meiner Mutter eine OdF-Rente gezahlt, 220 Mark oder so. Die Rente wurde sogar noch gezahlt, als sie im Westen war. Sie hat sie also… über mehrere Jahre (bekommen). Da hat sich offenbar in den Köpfen der real existierenden Sozialisten der Junker mit dem Antifaschisten gestritten. Und der Antifaschist hat gesiegt. Deshalb sind wir auch nicht enteignet worden.«

Eva Madelung: »In der westdeutschen Presse wurde das Verdienst der Männer des 20. Juli herabgesetzt und der linke Widerstand nicht anerkannt. Dagegen verleugnete die ostdeutsche Presse den militärischen und liberalen Widerstand.« Aufgrund der geistigen Gesamtsituation in der alten BRD hätten die Angehörigen der Männer des 20. Juli »lange Jahre über diese Tatsache geschwiegen«. Anhand eines einzigen Interviews, dem mit Petra Schneiderheinz, wird die Tatsache des »Schweigens« auch für den Osten festgestellt, was im konkreten Fall aber eher individuell bedingt war.

Auffallend ist: Kein einziges Interview wurde mit einem westdeutschen Kind eines von den Nazis verfolgten Kommunisten geführt. Warum nicht? Die Antwort kann wohl nur lauten: Weil der in Nazi-Deutschland betriebene Antikommunismus in der Bundesrepublik ungebrochen als Staatsdoktrin praktiziert wurde – und bis heute wird. Als Beispiel hier die Geschichte von Kurt Baumgarte (1912-2007) aus Hannover: 1935 von den Nazis als Mitglied der KPD verhaftet, 1936 vom »Volksgerichtshof« zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt und bis 1945 in Isolationshaft im Zuchthaus Waldheim gehalten, wurde er 1965 erneut verhaftet und 1966 zu einem Jahr und zehn Monaten Gefängnis sowie drei Jahren Aberkennung bürgerlicher Ehrenrechte verurteilt. Nach in der BRD geltender Rechtsprechung stand ihm als »Wiederholungstäter« (Tätigkeit für die KPD) auch 1991 die 1957 entzogene OdF-Rente nicht zu. Begründung: »… Ein Anspruch auf Entschädigung nach dem BEG (Bundesentschädigungsgesetz) steht ihm … nicht zu. Herr Baumgarte wurde sofort nach 1945 wieder Funktionär der KPD«. Was hätten seine in Hannover lebenden Kinder geantwortet, wären auch sie, wie die anderen Interviewten, nach ihrer Erfahrung, ihren Empfindungen und Gedanken, nach der Situation ihrer Familie und ihren Lebenswegen befragt worden? Vielleicht hätte auch die Beschäftigung mit der Vergangenheit von Familien wie dieser ein Lernprozess sein können, »in dem sich persönliche Erfahrung auf eine kollektive hin erweitert«, hin auf eine Gesundung der politischen Kultur in diesem Lande?

In der DDR hatte seinerzeit »der Antifaschist über den Junker« gesiegt. Sollte nicht in der heutigen Bundesrepublik der kommunistische Widerständler über den Antikommunisten siegen und endlich auch er als Widerständler gegen das Nazi-Regime staatlich anerkannt werden? Noch im Mai 2008 fanden die von der Linksfraktion diesbezüglich eingebrachten Anträge keine Mehrheit im Bundestag.

Wunsch nach Frieden

geschrieben von Markus Bernhardt

5. September 2013

Gesprächsband zu Positionen der baskischen
Unabhängigkeitsbewegung

Nov.-Dez. 2008

Inaki Iriondo, Ramon Sola:
Das Baskenland – Wege zu einem gerechten Frieden. Ein Gespräch mit Arnaldo Otegi. Vorwort Heinrich Fink. Pahl Rugenstein-Verlag, 249 Seiten, broschiert, mit Glossar, 22,90 Euro

Nach wie vor setzen spanische Politik und Justiz in Sachen Freiheitsbestrebungen der baskischen Bevölkerung auf Repression. Erst im September verbot Spaniens Oberster Gerichtshof die Kommunistische Partei der Baskischen Länder (EHAK-PCTV) und die antifaschistische Traditionspartei Baskische Patriotische Aktion (EAE-ANV). Seitdem der Sozialdemokrat José Luis Rodríguez Zapatero im April diesen Jahres wieder zum spanischen Premierminister gewählt wurde, gehen Polizei und Justiz mit aller Härte gegen die baskische Volksbewegung vor und setzten auf staatliche Todesschwadrone, Folter von Inhaftierten und eine repressive Verbotspolitik gegen das gesamte Umfeld der linken baskischen Unabhängigkeitsbewegung.

Buchtipp

Joseba Sarrionandia, geb. 1958 in Iurreta, gilt im Baskenland als lebende Legende und gehört zu den schillerndsten Autoren weltweit. 1977 gründete er gemeinsam mit dem Schriftsteller Bernardo Atxaga und dem Musiker Ruper Ordorika die avantgardistische Zeitschrift POTT. Etwa zeitgleich trat Sarrionandia aus Empörung über die politische Kontinuität nach dem Ende der Franco-Diktatur der Untergrundorganisation ETA bei. 1980 wurde er verhaftet, schwer gefoltert und wegen zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Fünf Jahre später gelang ihm auf spektakuläre Weise die Flucht.

Joseba Sarrionandia:
»Der gefrorene Mann«, Roman, 460 Seiten, Blumenbar-Verlag 2007, 22 Euro

Mit den Hintergründen und der aktuellen politischen Positionierung der baskischen Volksbewegung befasst sich ein unlängst im Pahl-Rugenstein Verlag erschienenes Buch mit dem Titel »Das Baskenland – Wege zu einem gerechten Frieden«. Es gibt ein ausführliches Gespräch mit Arnaldo Otegi, dem Sprecher der seit 2003 im spanischen Staat verbotenen baskischen Partei Batasuna (Einheit) wieder. Otegi skizziert eine Bewegung, die schon während der Diktatur Francos für ein unabhängiges und sozialistisches Baskenland gekämpft hat. Die tiefen historischen und politischen Wurzeln des Konflikts sind ebenso Thema wie der Versuch, Perspektiven für eine Konfliktlösung zu entwickeln. Obwohl Otegi, der wohl zu den bekanntesten Opfern der Repressionspolitik des spanischen Staates zählt, im Juni 2007 nach dem gescheiterten zweiten Friedensprozess und dem Ende der Waffenruhe durch die ETA verhaftet wurde und sein Weg direkt vom Verhandlungstisch ins Gefängnis führte, formuliert er in dem nun erschienenen Buch den ungebrochenen Willen der baskischen Linken, eine demokratische Lösung für den politischen Konflikt zu suchen. Deutliche Kritik an der Verbotspolitik der spanischen Regierung übt indes der Vorsitzende der VVN-BdA, Heinrich Fink, in seinem Vorwort zum Buch. »Das Verbot der Partei Batasuna und die Verhaftung eines ihrer wichtigsten Sprecher, Arnaldo Otegi, steht in der Tradition, demokratische Grundrechte auszuhöhlen und Wege zu Dialog und Verhandlung, zu einer friedlichen Lösung zu verbauen«, schreibt Fink. Da mit diesem Verbot fast 20 Prozent der wahlberechtigter Baskinnen und Basken ihrer politischen Stimme beraubt worden seien, verschaffe das vorliegende Interview mit Arnaldo Otegi eben jener Stimme Gehör, die so vehement zum Schweigen gebracht werden soll. »Ihr zuzuhören sei all jenen ans Herz gelegt, die noch nicht müde geworden sind, die Wahrung demokratischer Grundrechte in der politischen Auseinandersetzung anzumahnen und zu verteidigen«, so der Antifaschist weiter. Dem ist nichts hinzuzufügen.

»Schuhhaus Pallas«

geschrieben von Dorothée Menzner

5. September 2013

Amelie Fried folgt den Spuren ihrer Familie in der Nazizeit

Nov.-Dez. 2008

Amelie Fried:
Schuhaus Pallas. Wie meine Familie sich gegen die Nazis wehrte. C. Hanser. 187 Seiten, geb. 14,90 Euro

Vollständige Lesung auf 4 CDs. Der Hörverlag 19,95 Euro

Das Bändchen erschien im Frühjahr diesen Jahres. Es besticht weniger durch seinen literarischen Stil, als durch seinen Inhalt. Erzählt wird eine scheinbar alltägliche Geschichte. Die Autorin stößt im Alter von 46 Jahren eher zufällig darauf, dass sie assimilierte jüdische Vorfahren hat. Nun beschreibt sie, nicht ohne pädagogischen Impetus, ihre Schritte bei der Erkundung der Familiengeschichte, das Entsetzen darüber, dass die eigenen Leute von Verfolgung und Völkermord betroffen waren, die daraus resultierenden Deformationen und Probleme in den Beziehungen der Verwandtschaft. Schließlich das einsetzende Verstehen für Ursachen und Wirkungen des Geschehenen.

Im Ulm der Nachkriegsjahre, und somit auch in der Familie Fried, wurde über die Zeit des Faschismus geschwiegen. Exemplarisch, wie wohl in ganz (West-)Deutschland. Als Amelie Fried bei der Recherche ihre alte Tante danach fragt, kommt die – typische – Antwort » Ich möcht nimmer über damals reden« und auf die Frage warum sie denn früher nie geredet hätte: »Es hat mich keiner gefragt«.

Nichts wurde in der Familie davon berichtet, dass der Großvater als Jude geboren worden war, nichts darüber, dass sich seine arische Frau von ihm scheiden ließ um das Schuhhaus, die ökonomische Grundlage der Familie, erhalten zu können. Kein Wort wurde verloren über die Tatsache, dass der Rat, sich scheiden zu lassen von Amelies Vater stammte, niemand wollte sich an all die verrückt- naiv anmutenden Versuche, das Überleben zu organisieren, erinnern. Der Großvater überlebte – dank einiger Zufälle. Und während seine geschiedene Frau, mit der er nach dem Krieg wieder zusammen lebte, als sei nichts geschehen, unter der Last des Erlebten immer mehr verstummt, gibt er den jovialen Geschäftsmann der sein Geschäft wieder übernimmt. Als er zum Sportvereinsvorsitzenden berufen wird, nimmt er den Ruf an. Nur nicht an der Vergangenheit rühren, die doch so verletzte Menschen hinterlassen hat!

Auch die Enkel, Amelie und ihre Geschwister, registrieren die gespannte Atmosphäre in der Familie, können sie sich aber nicht erklären. Zu fragen trauen sie sich nicht. Selbst heute sind die Fragen der Autorin eher zaghaft und bemüht, den vertrauten Menschen nicht zu nahe zu treten. Und doch macht das Buch, von dem ich mir gut vorstellen kann, dass es von jungen Menschen angenommen wird, weil hier eine bekannte TV-Moderatorin ganz privat und persönlich berichtet, in mehrfacher Hinsicht nachdenklich.

Es unterstützt meine Überzeugung, dass das im Faschismus Erlebte, wenn es nicht aufgearbeitet wurde, nachfolgende Generationen bis heute beeinflusst, prägt und auch belastet. Und Aufarbeitung war – zumindest in Westdeutschland – nicht üblich. Man schaute nach vorn und wollte von der Vergangenheit nichts mehr wissen. Es ist ein großes Verdienst des Buches, dies so anschaulich beschrieben zu haben. Ebenso wie es dem Grauen ein ganz persönliches, menschliches und durchschnittliches Antlitz gibt. Damit wird das Unfassbare wenig-stens in Facetten fassbar. Gut auch, dass es einen Bogen zum Hier und Heute spannt. Denn schon bevor Amelie Fried ihre Familiengeschichte kannte, erhielt sie, genau wie ihr Großvater und auch ihr Vater, immer wieder antisemitische Schmähbriefe. Spätestens damit wird deutlich, wie nötig Aufklärung ist. Denn all das, was verschwiegen wird, wirkt im Dunkel weiter.

»Bürger« in Aktion

geschrieben von Jan Raabe

5. September 2013

Analyse aktueller Erscheinungen von Rechtspopulismus

Nov.-Dez. 2008

Alexander Häusler (Hrsg.):
Rechtspopulismus als Bürgerbewegung. Kampagnen gegen Islam und Moscheebau und kommunale Gegenstrategien, VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008, 292 Seiten. 24,90 Euro

Unter dem Titel »Rechtspopulisten als ›Bürgerbewegung‹« erschien jüngst ein von Alexander Häusler (Sozialwissenschaftler, Mitarbeiter der Arbeitsstelle Neonazismus der FH Düsseldorf) herausgegebener Sammelband, welcher laut Untertitel die »Kampagnen gegen Islam und Moscheebau und kommunale Gegenstrategien« analysiert.

Tatsächlich fokussiert der Band jedoch überwiegend die Inhalte, das Auftreten und die Entwicklung der extrem rechten Organisationen PRO Köln, PRO NRW, PRO Deutschland und deren lokale Strukturen und verortet ihre Tätigkeiten im politischen und gesellschaftlichen Raum.

Das Buch hebt sich von vielen anderen wissenschaftlichen Werken schon durch seine immense Aktualität hervor. Hier wurde ein brandaktuelles Thema fachkundig aufgearbeitet. Das Werk ist eine gelungene Mischung aus Analysen und Fakten, welche teils im journalistischen Stil dargeboten werden. Entstanden ist ein gut lesbares und sehr informatives Buch zu diesem bisher unbearbeiteten Thema, wobei es gelingt, auch inhaltlich eigene Akzente zu setzen.

Im ersten Kapitel stellt Karin Priester dar, dass es sich bei den diversen »PRO-Bewegungen« nicht um »Rechtsextremismus light« oder nur einen besonderen politischen Stil handelt. Sie benennt als eigene Merkmale z. B. die Inszenierung als »einfaches Volk«, das vermeintliche Vorgehen gegen »etablierte Bonzen« oder die Diffamierung der parlamentarischen Demokratie als Quasselbude. Alexander Häusler analysiert daraufhin das Agieren der diversen PRO-Gruppierungen als eine Modernisierungsstrategie der extremen Rechten.

Im zweiten Teil beleuchten Hans-Peter-Killguss, Jürgen Peters, Thomas Sager, Alexander Häusler und Jan Schedler die Entstehung und die Aktivitäten der diversen PRO-Gruppen. Ulli Jentsch beschreibt dies für Berlin und Brandenburg, Robert Andreasch für PRO München. Alle Beiträge sind detailreich und umfassend. Sie zeigen die Herkunft und Verankerung der PRO Strukturen und deren Inhalte aus der extremen Rechten. Deutlich werden sowohl organisatorische Schwächen, als auch die Rahmenbedingungen für punktuelle Erfolge.

Im dritten Kapitel beschreibt Häusler die Konzentration von PRO auf die Diffamierung des Islam als Wahlkampfstrategie und als Anknüpfungspunkt an breit vorhandene Ressentiments. Beachtung finden dabei auch andere populistische Parteien der extremen Rechten in Europa wie die FPÖ oder der Front National.

Die Versäumnisse bei der Entwicklung eines interkulturellen Miteinanders schildert Michael Kiefer. Dadurch wird die Verbundenheit der rechtspopulistischen Kampagnen mit der politischen und gesellschaftlichen Gesamtentwicklung in der BRD deutlich. Am Beispiel Duisburg stellt dies Rauf Ceylan dar, Kemal Bozay an der Auseinandersetzung um den Bau der Moschee in Köln-Ehrenfeld. Im Beitrag »Das halbierte Humanum – wie Ralph Giordano zum Ausländerfeind wurde« dechiffriert Micha Brumlik den Anti-Islamismus Giordanos und liefert schlüssige Erklärungen für dessen Entwicklung von einer moralischen Instanz zum »halbierten Humanisten«.

Wie mit den Rechtspopulisten von PRO umgegangen werden kann, wird im letzten Teil des Bandes beschrieben. Dabei wird die Notwendigkeit unterschiedlicher Strategien betont. Adelheid Schmidt und erneut Häusler unterziehen kommunale Handlungsstrategien einer kritischen Betrachtung, Susanna do Santos Herrmann referiert ihre Erfahrungen mit PRO Köln. Killguss, Schedler und Häusler beschreiben Handlungsmöglichkeiten für und mit Jugendlichen.

Nachdruck aus monitor Nr. 37, Rundbrief des antifaschistischen Pressearchivs und Bildungszentrums Berlin e. V. (apabiz)

www.apabiz.de

Der Sammelband hat seine Stärken vor allem in der Beschreibung der PRO-Organisationen und der Grundlagen des Anti-Islamismus in der Politik der sogenannten »Mitte«. Durchgängig werden genaue Analysen geliefert. Dass auch Altbekanntes zu finden ist – gerade bei den Gegenstrategien – verwundert nicht. Denn auch Bewährtes muss von Zeit zu Zeit neu vermittelt werden.

Dialog über Kontinente

geschrieben von Ernst Antoni

5. September 2013

Vor 50 bzw. 40 Jahren starben Lion Feuchtwanger und Arnold Zweig

Nov.-Dez. 2008

Am 28. Januar 1958 hielt der Schriftsteller Arnold Zweig bei der Deutschen Akademie der Künste in Berlin die Gedenkrede auf seinen am 21. Dezember 1958 in den USA verstorbenen Kollegen Lion Feuchtwanger: »Er war der Freund, der seit 1920 in einem Kontakt mit unsereinem lebte und arbeitete, den man sonst unter Schriftstellern sehr schwer findet, denn wir beide waren aufeinander niemals neidisch, und wir beide waren miteinander stets so verbunden, dass unsere Ratschläge aufrichtig gemeint waren und für den anderen genauso sprachen, als wenn sie für uns selber hätten sprechen sollen (…) Wir waren in sehr vielen Dingen anderer Meinung, sehr lange, ich war beispielsweise im Lager der Zionisten zu Hause, er in gar keiner Weise, aber er war andererseits wieder im Lager der jüdischen Geschichte zu Hause und ich wieder nicht, und so ging zwischen uns hin und her eine dauernde Atmosphäre von freundschaftlichen Kontroversen…«.

Vor 50 Jahren, am 21. Dezember 1958, starb im kalifornischen Exil Lion Feuchtwanger, vor 40 Jahren, am 26. November 1968, in Berlin/DDR Arnold Zweig. Die jahrzehntelange Freundschaft, die beide verband, konnte unmittelbar persönlich nur in den in den Jahren der Weimarer Republik gepflegt werden. Beide hatten als Romanciers damals bereits beachtliche Bekanntheit erreicht – Feuchtwanger vor allem mit »Jud Süß« (1925) und »Erfolg« (1930), Zweig mit »Der Streit um den Sergeanten Grischa« (1927).

Feuchtwanger, 1884 in München geboren, und Zweig, 1887 in Glogau, stehen für eine Reihe von aus jüdischen Elternhäusern stammenden Intellektuellen und Künstlern, deren Jugendjahre durch Kaiserreich, Ersten Weltkrieg und Novemberrevolution geprägt wurden, die sich in Werk und Leben der Veränderung bestehender Verhältnisse verschrieben hatten und die schließlich ihr Leben vor den braunen Bücher- und Menschenverbrennern nur durch die Flucht aus ihrem Heimatland retten konnten. Auf schwierigen, vielfach verschlungenen Wegen brachte diese Flucht Feuchtwanger und Zweig nach 1933 nur noch einmal kurz in Südfrankreich zusammen, führte den einen dann bis zu seinem Lebensende in die USA, den anderen nach Palästina und von dort 1948 zurück auf deutschen Boden, in die entstehende DDR.

Ausführliche Briefwechsel jedoch, bereits in den frühen 20er-Jahren begonnen, wurden bis zu Feuchtwangers Tod über Kontinente hinweg geführt. Aus Anlass der beiden Todestage sei an eine verdienstvolle Edition dieser Korrespondenz erinnert, die in zwei Bänden vor nunmehr über zwei Jahrzehnten mit geringer Zeitversetzung in der DDR (1984 bei Aufbau) und der BRD (1986 im Fischer Taschenbuch Verlag) erschienen war: »Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig, Briefwechsel 1933 bis 1958«. Dokumente freundschaftlich-privaten, literarischen und politischen Austausches, die besser als manche wissenschaftliche Abhandlungen geeignet sind, von finsteren Zeiten zu berichten, von Hoffnungen und Enttäuschungen, Illusionen und Ernüchterungen, von Humanismus und Solidarität.

Romane von Lion Feuchtwanger – zumindest ein wichtiger Teil davon – sind heute auch bei großen Buchhandelsketten relativ zahlreich zu haben. Er ist, vor allem mit seinen historischen Stoffen, der »Erfolgsschriftsteller« geblieben, der er in Exil und Nachkriegszeit im angelsächsischen Sprachraum und in »realsozialistischen« Ländern war. Kalte-Kriegs-Boykotte in der Bundesrepublik der 50er- und 60er-Jahre sind längst Geschichte. Eine Ost-Kuriosität ähnlichen Ursprungs übrigens auch: Mit Einwilligung des Autors hieß die DDR-Ausgabe seines Benjamin-Franklin-Romans »Waffen für Amerika« seit 1949 »Die Füchse im Weinberg«.

Arnold Zweig, neben dem »Grischa«-Roman im Westen bis heute vor allem durch den in hebräischer Sprache im Exil und nach dem Krieg dann deutsch veröffentlichten Roman über einen Nazi-Henker, »Das Beil von Wandsbek«, bekannt (im Osten waren seine Werke zum Teil Schullektüre), wurde in der Bundesrepublik lange als DDR-»Staatsdichter« ignoriert.

Auch hier begann mit den 70er-Jahren langsam ein Wandel im Rezeptionsverhalten, nach 1990 richtete sich das editorische Augenmerk wiederum auf das »Jüdische« in Zweigs Werk und auf seine Beziehung zu Sigmund Freud (mit dem er ebenfalls bis zu dessen Tod 1938 korrespondierte). In Massenverkaufs-Regalen findet man Zweigs Werke heute leider kaum.

Schade ist, dass die Feuchtwanger-Zweig-Briefwechsel, die von Harold von Hofe herausgegeben und mit einem ausführlichen Anmerkungsapparat und einem nützlichen Personen- und Werksregister versehen waren, seit den 80er-Jahren nicht mehr neu veröffentlicht wurden. An den aktuellen Turbulenzen, mit denen der Aufbau Verlag kämpft, liegt es wohl kaum. Möglicherweise gibt es urheberrechtliche Schwierigkeiten. Die beiden Bände beeindrucken immer noch durch ihre Authentizität und bieten Stoff für aktuelle Diskussionen. Nicht zuletzt, wenn es um Antisemitismus geht, den neuerdings manche bevorzugt links orten wollen, um so immer unverfrorener Gleichsetzungen mit NS-Verbrechen zu betreiben.

Rockmusik als Einfallstor

geschrieben von Uwe Hiksch

5. September 2013

Rechte Bands befördern faschistische Ideologie

Nov.-Dez. 2008

Der Begriff Rechtsrock wird heute als Sammelbegriff für sehr verschiedene Musikrichtungen und -stile verwandt, deren verbindendes Element völkische, rassistische, nationalistische oder antisemitische Texte oder Bilder sind. Die Anfänge des heute europaweit verbreiteten Rechtsrocks gehen auf die 70er-Jahre in Großbritannien zurück. Damals wurde unter dem Einfluss der Nationalen Front versucht, die Skinheads zu politisieren. Dieses subproletarische Milieu sollte für die Kämpfe der extremen Rechten erschlossen werden. Anknüpfend an die sich immer weiter kommerzialisierende Punk-Musik, entstand eine eigene »weiße Musik«. Einer ihrer Hauptakteure war Ian Stuart Donaldson, Bandleader der 1977 zunächst als Punk-Band gegründeten Musikgruppe »Skrewdriver«, die sich der Skinhead-Bewegung zuwandte und diese maßgeblich prägte.

Über 1.000 Besucher wurden Ende Oktober in Mallentin bei einem Rechtsrock-Konzert gezählt. Gleichzeitig wurde in Bayern ein Rechtsrock-Konzert mit mehr als 100 Teilnehmern aufgelöst. Alltag in Deutschland. Musik ist für die rechte Szene zu einem wichtigen Werbefaktor und einem Einstiegstor für die Verbreitung von rechtem Gedankengut geworden. Rechte Musik ist heute schon lange keine Nischenmusik mehr. Rechtsrock hat sich zu einer eigenständigen Jugendkultur mit vielfältigen Anknüpfungspunkten an die Mainstreammusik entwickelt. Rechtsrock, auch als »RAC« (Rock Against Communism) bekannt, boomt. Der Wirtschaftsbereich Rechtsrock mit Dutzenden von Labels, Musikläden, Hunderten von Konzerten und florierenden Mailorders ist fest etabliert. In diesem Musikgenre werden Millionen Euro umgesetzt.

Rechtsrock ist heute nicht mehr nur die Musik der Skinhaeads mit ihren lauten aggressiven Beats und den brüllenden Stimmen. Heute haben sich in diesen Genre eine Reihe von Bands entwickelt, die ihr musikalisches Handwerk beherrschen. Bands wie Kraftschlag, Sturmwehr, Nordwind, Stahlgewitter oder Landser erreichen durchaus professionelle Qualität.

Als Stilrichtung ist der Hard-Rock weiterhin die dominierende Musikrichtung im Rechtsrock. Es gibt jedoch auch eine Reihe von Hatecore- oder Black-Metal-Bands. Die Musik der rechten Bands erinnert zum Teil an die traditionelle Rockmusik der frühen 80-er und 90-er Jahre. Ganz bewusst stellen sie sich als Erneuerer der Rockmusik dar, die nach deren Kommerzialisierung wieder authentische Musik anbieten. Ihre Texte reichen von offenen faschistischen und völkischen Aussagen bis zum Spiel mit Andeutungen. Nicht zuletzt hat das Verteilen der »Schulhof-CDs« durch NPD und freie Kameradschaften etlichen Bands zu größerer Bekanntheit unter Jüngeren verholfen. Bei diesem, im Jahre 2004 begonnenen Projekt, wurden CDs mit rechter Musik in Auflagen bis zu 50.000 Stück an Schulen verteilt.

Die Auflagenhöhe rechter CDs liegt heute zwischen einigen hundert und über 20.000. Durch die Möglichkeit, die Titel aus dem Internet herunterzuladen, hat sich rechte Rockmusik rapide verbreitet. Es gibt faktisch keine Titel und keine Band mehr, die nicht auf englischen oder US-amerikanischen Seiten zu finden sind. Selbst Stücke, die wegen antisemitischer oder rassistischer Inhalte in Deutschland verboten sind, lassen sich problemlos finden und herunter laden.

Rechtsrock ist heute auch ein Stück Mainstream. Auf Portalen wie »youtube« oder »last.fm« finden sich Bands wie »Deutsche Patrioten«, »die Lunikoff-Verschwörung«, »Division Germania«, »Noie Werte«, »Nordfront«, »Nordwind«, »Ragnaröck« oder »Sleipnir«. Viele Bands bestehen nur kurze Zeit oder werden immer wieder mit neuen Namen oder in veränderter Besetzung aktiv. Häufig umgehen sie damit staatliche Verbote. So ist »Lunikoff-Verschwörung« die neue Band von Michael Renger. Er war Sänger der als kriminelle Vereinigung verurteilten Band »Landser«.

Rechtsrock-Gruppen wie »Division Germania« glorifizieren in ihren Liedern den Zweiten Weltkrieg. »Nordfront« singt über »Autonome, Zecken und rote Ratten«. Gruppen wie »Hauptkampflinie«, »Sturmwehr« oder »Noie Werte« besingen Heldentum, Ehre, Treue und Nation. In den Texten dieser Bands werden Germanenkult und Elemente der völkisch-germanischen Mythologie glorifiziert. Es gibt inzwischen aber auch immer mehr Lieder, die gegen Kapitalismus und Globalisierung gerichtet sind. Zwischen 1990 und 2007 wurden mehr als 400 derartige Bands in Deutschland gegründet. Zusammen haben sie fast 1.400 CDs veröffentlicht. Anfang der 90er-Jahre vermarktete nur das Label Rock-O-Rama aus Köln rechte Musik. Heute konkurrieren über 50 Firmen, Vertriebe und Labels um den lukrativen Markt.

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