Die Lehren von Guernica

geschrieben von Norman Paech

5. September 2013

Der Schutz der Zivilbevölkerung im Völkerrecht

Mai-Juni 2007

Fragt man nach Beispielen für Luftkrieg und Bombenterror, fallen in Deutschland zunächst die Namen Dresden und Hamburg, vielleicht Coventry und Rotterdam. Erst in jüngerer Zeit ist der Name Guernica in das öffentliche Bewusstsein getreten – vor allem mit der Assoziation an das Gemälde von Picasso und der Verhängung seiner Kopie im UNO-Sicherheitsrat, als die USA im Jahre 2003 ihren völkerrechtswidrigen Krieg zu begründen suchten. Dabei ist der Name mit einem tiefen Einschnitt in der modernen Kriegsführung verbunden. Es war der erste Terrorangriff aus der Luft auf eine offene und unverteidigte Stadt in der Geschichte.

Es soll hier nicht um die Gründe dieser jahrzehntelangen Verdrängung gehen, sondern um die Frage, ob dieses furchtbare Verbrechen, welches sich vor den Augen der ganzen Welt abspielte, nicht internationale Reaktionen hervorgerufen hat, um ähnliche Verbrechen in der Zukunft zu verhindern.

Das Völkerrecht – das klassische Mittel, solche Konflikte international zu regeln – hatte sich zu jener Zeit noch kaum mit der neuen Form des Krieges aus der Luft auseinander gesetzt. Allerdings hatte die Haager Deklaration IV von 1899 bereits ein auf fünf Jahre begrenztes Verbot verfügt, nach dem Geschosse oder Sprengstoffe nicht aus Ballonen abgeworfen werden durften. Es wurde von 25 Staaten – unter ihnen die Hauptkriegsstaaten – ratifiziert. 1907 wurde es wiederholt – nun aber versagten die Kriegsmächte Deutschland, Frankreich und Großbritannien ihre Ratifizierung. Die Haager Landkriegsordnung (HLKO) vom gleichen Jahr konnte lediglich ein Verbot der Bombardierung unverteidigter Orte in ihren Kodex aufnehmen. Alle weitergehenden Versuche, z.B. mit den Haager Luftkriegsregeln von 1923 eine präzisere und umfangreichere Ächtung des Luftkrieges durchzusetzen, scheiterten an der mangelnden Bereitschaft der Staaten.

Es war dann ausgerechnet Deutschland, welches – selbst ohne Luftwaffe nach dem verlorenen Weltkrieg – 1932 der geplanten Abrüstungskonferenz den Vorschlag machte, jegliche Luftstreitkräfte zu verbieten und »das Abwerfen von Kampfmitteln jeder Art aus Luftfahrzeugen sowie die Vorbereitung dafür ohne jede Einschränkung zu untersagen«. Die Konferenz scheiterte, Deutschland rüstete auf und schlug gleichwohl noch 1936 – ein Jahr vor der Bombardierung Guernicas – vor, den »Abwurf von Bomben jeglicher Art auf offene Ortschaften, die sich außerhalb der Reichweite der mittleren schweren Artillerie der kämpfenden Fronten befinden«, zu verbieten.

Trotz all dieser Versuche, die Grenzen des Luftkrieges rechtlich zu fassen, können wir dennoch nicht davon sprechen, dass es 1937 ein klar umrissenes Kriegsvölkerrecht zur Luftkriegsführung gegeben hat. Man konnte nur von zwei Grundregeln ausgehen: 1. Angriffe dürfen nicht auf Zivilisten und zivile Einrichtungen gerichtet werden, und 2. Bei Angriffen auf militärische Ziele darf die Schädigung von Zivilbevölkerung und zivilen Objekten nicht unverhältnismäßig sein. Diese Regeln genügten allerdings, um schon damals die Bombardierung als schweres Kriegsverbrechen zu verurteilen.

Es ist also kaum das Fehlen eindeutiger Verbots- und Strafnormen zu beklagen. Gerade letztere haben sich in den letzten Jahren so vervollkommnet, wie es sich die Schöpfer der Nürnberger Prinzipien und Tribunale vor 60 Jahren immer erhofft hatten. Das Problem liegt bei den Staaten, die zwar diese Normen geschaffen haben, die aber immer noch nicht bereit sind, sie zu befolgen und auch auf sich selbst anzuwenden. Dieses bleibt nach wie vor eine Aufgabe, die wir alle zu erfüllen haben.

Überholt oder aktuell?

5. September 2013

Kurt Pätzold über Wege und Irrwege des Antifaschismus

Mai-Juni 2007

Professor Dr. Kurt Pätzold ist Historiker und lebt in Berlin. Der hier abgedruckte Text ist eine gekürzte Fassung seines Referates »Wege und Irrwege des Antifaschismus«, das er am 24. 2. 07 auf der Landesmitgliederversammlung der VVN-BdA Bayern in Dachau gehalten hat.

Die Ermittlungen der Bertelsmann-Studie stuften 56 Prozent der BRD-Bürger in die Kategorie nicht antisemitisch ein, während 44 Prozent sich der nicht zurechnen ließen und 15 Prozent eindeutig die Zuweisung zu den Antisemiten verdienten. 40 Prozent der Befragten meinten, der Faschismus habe auch gute Seiten aufgewiesen, ein Urteil, das sich bei einem erheblichen Teil nicht auf eigene Erfahrungen oder seinerzeit gewonnene Vorteile stützen kann. Und eine Mehrheit der Deutschen plädiert, was den »Nationalsozialismus« angeht, für den Schlussstrich, 60 Prozent in den alten und immerhin schon 50 Prozent in den Neuen Bundesländern.

Einer der jüngsten Versuche, in einer sächsischen Stadt unternommen, bestand darin, in deren Mitte auf dem Markt nach dessen Renovierung an die Stelle einer früheren eine Tafel mit der Aufschrift anzubringen: »An dieser Stelle wurde im Jahre 1961 eine Gedenkstätte geschaffen. Sie wurde vom Dresdner Bildhauer Wilhelm Landgraf gestaltet. Die Nationalsozialisten hatten 1933-1934 auf der Burg ein Schutzhaftlager errichtet. Das Ehrenmal ist den inhaftierten Opfern gewidmet. Von der SED war hier ein zentrales ›Isolierungslager‹ für politisch Andersdenkende des Bezirkes Dresden geplant, das jedoch nie zur Ausführung kam.« Im Gewande der Erinnerung an den Faschismus wird in Wahrheit auf die Verbreitung antisozialistischer Haltungen gezielt.

Zu den heftig bekämpften Vorschlägen gehört insbesondere der, den Nazis durch Ignoranz zu begegnen. Er wird mit Unterschätzung, Untätigkeit, womöglich auch Mangel an Mut derer gleichgesetzt, die ihn empfehlen. Wie aber mag es auf aufmarschierende Kleingruppen von Nazis wirken, wenn sie durch eine zu dieser Stunde absichtsvoll tote Stadt ziehen, in der womöglich aus Fenstern lustige Weisen schallen oder bunte Fahnen wehen? Vielfach stärken sich die Burschen und Maiden doch gerade auch an der Aufmerksamkeit, die sie selbst als kleine Häuflein erregen. Das befriedigt sie, gibt ihnen Bedeutung.

Seit die Faschisten am Beginn der 20er-Jahre in Deutschland, Italien und weiteren europäischen Staaten hervortraten, regten sich ihre Gegner, die bald auch Antifaschisten genannt wurden und sich selbst so nannten. Und seit es diese gibt, existiert unter ihnen eine mitunter in heftige Auseinandersetzungen führende Debatte darüber, wie die Faschisten erfolgreich zu bekämpfen seien. In Deutschland erhielt diese Auseinandersetzung durch die Erfahrungen des Jahres 1932/1933 die kräftigste Nahrung. Ein Grund für das Dafür und das Dawider bestand bereits in den unterschiedlichen Antworten auf die Frage: Wer sind die Faschisten und woher kommen sie eigentlich in die geschichtlichen Kämpfe. Woher beziehen sie ihren Anhang? Die Reihe des Aufzuklärenden setzte sich dann fort: Wer sind ver-lässliche Verbündete im Kampf gegen die Faschisten und wer gehört womöglich nur zu den zeitweiligen Gefährten? Welche Rolle spielt die ideologische, welche die politische Konfrontation? Wie verhält sich die Auseinandersetzung mit den Faschisten zu der ebenfalls notwendigen mit anderen Gegnern? Was heißt, den Faschismus mit den Wurzeln beseitigen? Und was eint Antifaschisten über das Anti hinaus, was ist ihr Pro?

Diese Fragenreihe zeigt, dass es nicht eine besondere Streitlust der Antifaschisten ist, die sie mitunter heftig gegeneinander stellt. Die Antworten, die gesucht werden, betreffen eine komplizierte Materie und sie lassen sich, da die geschichtlichen Situationen wechseln, auch nicht ein für alle Mal geben und dann in einen zeitlosen antifaschistischen Katechismus fassen. Dennoch liefert die Geschichte antifaschistischer Kämpfe Denkstoff die Menge und dies allein, wenn man sich fragt, warum Antifaschisten so oft nicht zu gemeinsamer Aktion finden konnten. Der Standpunkt des großen Hegel, die Geschichte habe vor allem gezeigt, dass man aus ihr nichts zu lernen vermöge, ist nicht der meine. Sie belehrt uns zumindest über die Folgen, die unvermeidlich eintraten, wenn Menschen sich auf die eine oder andere Weise verhielten.

Die Beschäftigung mit der Geschichte und die Berufung auf ihre »Lehren« hat etwas von einer Bekanntschaft mit einer Verführerin. Zwei Gefahren lauern. Die eine rührt daher, dass geschichtliche Erfahrungen ein »Verfallsdatum« haben, nur dass dies ihnen nicht wie manchen Lebensmitteln aufgedruckt ist. Das besagt: die Verhältnisse können sich so weit ändern, dass das Erfahrungsmaterial der Vorfahren vollständig entwertet ist. Dann ist Geschichte ganz und gar zur Asche geworden. Wird dann dennoch auf sie zurückgegriffen, ist der -Misserfolg das Ergebnis. Wer heute, um es auf eine auch strittige Frage zuzuspitzen, die Weltveränderung auf die Erfüllung der »historischen Mission der Arbeiterklasse« gründet, hat den gesellschaftlichen Strukturwandel des 20. Jahrhunderts weitgehend verpasst. Die Frage nach dem historischen Subjekt umwälzender Veränderung muss neu gestellt und beantwortet werden. Die andere Gefahr ergibt sich daraus, dass Handelnde eben dieses historische Rohmaterial für veraltet und vollkommen unbrauchbar halten, während in Wahrheit die Zustände sich so weit noch gar nicht gewandelt haben. Dann müssen missachtete Erfahrungen noch einmal gemacht, muss das unvermeidliche Lehrgeld noch einmal entrichtet werden. Der letztgenannte Fall scheint im Jahre 2007 von besonderem Interesse.

Weithin gelten Erfahrungen der Großelterngeneration heute den Jungen als der »Schnee vom letzten Jahr«. Die Demokratie im Lande scheint ihnen gefestigt und ungefährdet und die Nazis als eine Randerscheinung. Besondere Besorgnisse um die Zukunft seien daher überflüssig. Die aktiven Antifaschisten gelten ihnen womöglich als eine ehrbare, aber doch eigentlich irgendwie merkwürdige Truppe, geleitet von überflüssigen politischen Ängsten oder fixiert auf Schreckensszenarien für die Zukunft. Hitler ante portas? Ein Gespenst düsterer Denker, nicht der Wirklichkeit. Damit haben die Antifaschisten ihr erstes Problem. Sie müssen ihre Überzeugung glaubhaft machen, dass wir den Zeiten, die Hitler, Mussolini, Franco und die anderen Faschistenführer geboren haben, die aus kleinen Trupps Massenbewegungen machten, aus Rand- Zentralerscheinungen der Geschichte, nicht entronnen sind. Das erfordert einigen Erklärungsaufwand über die gegenwärtigen Weltzustände.

Es genügt nicht, darauf zu verweisen, dass sich vier Jahre vor dem folgenschweren Ereignis des 30. Januar 1933, Anfang 1929 also, kaum jemand Hitler in der Wilhelmstraße und als Reichskanzler denken mochte. Damit allein ist die überraschende Möglichkeit einer Wiederholung nicht bewiesen. Geredet werden muss, mit Brecht zu sprechen, von den Eigentumsverhältnissen und den aus ihnen hervorgehenden Interessen, denn es waren verfochtene Interessen, die den Faschismus 1933 an die Macht brachten.

Der 30. Januar 1933 ist ein Lehrbeispiel dafür, dass die Mächtigen der kapitalistischen Gesellschaft deren politische Struktur stets unter pragmatischen Aspekten sehen, den Gesichtspunkt eigenen Vor- und Nachteils wählen und danach entscheiden, für welche Ausprägung dieser Zustände sie eintreten. Sie entschieden sich in Deutschland für die Nazis, als ihnen die Republik, die sie nach der Revolution 1919 und als deren Gegengift favorisiert hatten, nicht mehr taugte. Dabei existiert zwischen einer ökonomisch-politischen Krisenlage der Herrschenden und ihrer Antwort darauf keineswegs eine gesetzmäßige Beziehung, die sie zum Übergang zu faschistisch-diktatorischen Praktiken zwingen würde. Bei gleicher oder ähnlicher Situation können die Antworten sehr verschieden ausfallen, wie gerade auch die Große Krise 1929-1932/33 mit den unterschiedlichen Entwicklungen in Deutschland, Frankreich oder den USA zeigt. Der Faschismus bildet nicht, wie in manchen linken Kreisen angenommen wurde, den Idealtypus kapitalistischer Herrschaft. Jedoch: Ein Narr, wer in diesen Kreisen Herzensmonarchisten, Herzensrepublikaner, Herzensfaschisten sucht. Wandeln sich die Zeiten, wandeln sich die Situationen, wandeln sich dort die Gesinnungen.

Aufmerksamkeit und Sympathie gewinnen, das ist die Hauptlinie der Nazis, für deren Einhaltung es angesichts des dumpfen Anhangs freilich weithin an Kräften fehlt. Für öffentliche Auftritte und neuerdings für Fackelzüge, auch nach altem Vorbild, reicht es. Schwieriger wird es mit dem, was sie mit einem Wortungetüm »Wortergreifungsstrategie« nennen und meint, dass man sich mit Gegnern in die offene geistige Feldschlacht einlassen und nicht mit dem Hersagen von Parolen begnügen soll. Für den Kampf um die Köpfe fehlt es weithin an Potenz, nicht jedoch an Aktionen und Gesten, die auf andere Weise Eindruck machen sollen und können. Aufgenommen wird die Tradition der sozialen Demagogie, die keine Skrupel kennt. Wahlanalysen zeigen, dass – beispielsweise im ostdeutschen Mecklenburg – ein erheblicher Teil der rechtsextremen Wähler aus Kreisen der Erwerbslosen und da wiederum von jungen Erwerbslosen gestellt wird.

Dagegen setzen Antifaschisten, ebenfalls traditionell, die Methode der Entlarvung dieser Demagogie als verlogen. Insbesondere die Kommunisten, nicht sie allein, haben die in der Endphase im Hinblick auf die Hitlerpartei energisch betrieben. Sie verwiesen auf wirkliche Ursachen der gesellschaftlichen Gebrechen und die Wahrheit war auf ihrer Seite. Nur: Geholfen hat es nichts. Notwendig ist, will man den Demagogen das Wasser wirklich abgraben, ein glaubwürdiges Gegenprojekt und das kann nicht allein – wie damals praktiziert – in der Entgegensetzung von Hakenkreuz und Sowjetstern bestehen.

Die erwies sich schon 1932 als verfehlt. Welche Grenzen sozialpolitischen Projekten in dieser kapitalistischen Gesellschaft auch immer gesetzt sind, in Gemeinden, Kreisen und Ländern muss praktisch nachgewiesen werden, wer Interessen der Benachteiligten, der Schwachen, der Hilfe Suchenden und Ratlosen vertritt. Da darf den Nazis die Initiative nicht überlassen werden, wenn auch nicht verhindert werden kann, dass sie sich da oder dort anschmieren und als so genannte Trittbrettfahrer profitieren wollen.

Verbunden wird, wieder nach erfolgreichem Vorbild, die soziale mit der nationalen Demagogie, die aktuell ihren Stoff aus den Europäisierungs- und Globalisierungsprozessen bezieht, auf die junge Nazis die Devise vom »deutschen und europäischen Nationalismus« entgegenhalten. Sie können darauf setzen, dass die weithin unverstandenen, hochkomplizierten Prozesse weltwirtschaftlicher Entwicklungen, vorangetrieben von den Großmächtigen der Banken, der Industrie, des Handels und der Dienstleistungen, Raum für ihre agitatorischen Argumente schaffen. Die sind mit Verweisen auf anonyme ökonomische Kräfte leicht zu haben, etwa durch die Anprangerung von in der Ferne entschiedenen Schließungen von Werken im eigenen Lande, wobei – wie eben deutlich geworden – das »deutsche« Kapital keine andere Rolle spielt als das »US-amerikanische«. Auf dieser Linie liegen auch Mobilisierungen rechtsextremer Kräfte gegen den bevorstehenden G-8-Gipfel in Heiligendamm. Mit dieser Haltung können sich die Rechtsextremen freilich, nicht anders als die Hitlerpartei in ihren Anfängen, jenseits von betroffenen Schichten der Arbeiter und Angestellten nur beim Kleinbürgertum und der kleinen Bourgeoisie Sympathien erwerben.

Nun haben auf dem weiten Feld, auf dem sich nationalistische Stimmungen wecken lassen, die Rechtsextremen Konkurrenten bis in die Mitte der Gesellschaft bekommen. Das Kapital hat bei allen Bekenntnissen zu Europa und uneingeschränkter Weltoffenheit den Nationalismus längst als eine segenbringende Kraft wiederentdeckt. Die Kampagne »Du bist Deutschland« war nicht nur von der äußersten Rechten getragen. Ihr Kern bestand im Appell, mehr Verantwortung zu übernehmen und vor allem am Arbeitsplatz, also angestrengter zu malochen. Die Ideologen und Politiker der gemäßigten Rechten und der Mitte behaupten sämtlich, einen »gesunden Nationalismus«, eine »gesunde Vaterlandliebe« zu verfechten und nur zu beanspruchen was jeder anderen Nation zugebilligt würde, ihrer Liebe Ausdruck zu verleihen. Dem ließe sich glauben, wäre da nicht stets die Vorstellung untermischt, die Deutschen müssten immer und überall die Größen sein.

Auf welchen Wegen auch immer: den Nazis und den ihnen verwandten Rechtsextremisten ist kein Durchbruch zu einer Massenbewegung von innenpolitischem Gewicht gelungen und kurzfristig steht der auch nicht in Aussicht. Und das, wiewohl es in der Bundesrepublik weithin ein gedankliches und Stimmungspotenzial gibt, das mit dem ihren hochgradig verwandt ist. Worin besteht es: Zum ersten aus einer sich ausbreitenden allgemeinen Unzufriedenheit mit der Politik der Herrschenden, einer Haltung, die als Politikverdrossenheit bezeichnet wird und sich vornehmlich in der Abstinenz bei Wahlen und staatlichen Befragungen, jedoch auch im allgemeinen Rückgang des Grades politischer Organisiertheit äußert. Diese Haltung verbindet sich mit der anscheinend unumstößlichen Erfahrung: Wir können ohnehin nichts ändern, wobei keine Selbstbefragung erfolgt, ob man an Änderungsversuchen überhaupt je beteiligt war. Diese Resignation, die den am Wirtschafts- und Staatsruder Stehenden willkommen sein mag, haben Rechtsextreme – nota bene: so wenig wie Sozialisten – aufbrechen können. Ihre Mobilisierungsversuche sind erfolglos geblieben oder nach Anfängen – erinnert sei an die Montagsdemonstrationen – rasch zum Erliegen gekommen. Die Nazis können aber mit Genugtuung die Ergebnisse der eben veröffentlichen Bertelsmann-Studio über politische Ansichten der Deutschen lesen, die ihnen das Vorhandensein so vieler geistiger Sympathisanten erneut bestätigen, ein Potenzial, das sie bisher nicht zu aktivieren vermochten.

Das lässt die Schlussfolgerung zu, dass die Sympathisantenschar der rechtsextremen Parteien und Organisationen auf ideologischem Gebiet erheblich und sehr viel größer ist als auf politischem Gebiet. Anders gewendet heißt das auch: Gegen die Parolen der Nazis argumentieren bedeutet einen erheblichen Teil des Gedankenhaushalts von Millionen Deutschen treffen.

Welche Rolle spielen die Nazis und ihre Verwandten also in der Gesellschaft? Sie sind in diese nicht von irgendwelchen geheimnisvollen Mächten installiert zu wohl berechneten Zwecken. Aber einmal in ihr etabliert, nehmen sie da einen Platz ein, den sie unbesetzt finden und der ihnen von der Gesellschaft zugebilligt wird. Sie sind, was schon weitgehend vergessen ist, aber an vielen ihrer Aktionen abgelesen werden kann, 1. eine Kampfgruppe gegen alle Linken und sie beschäftigen durch ihr Dasein und Hervortreten die Linke und darüber hinaus antifaschistisch-demokratische Kräfte, von denen sich manche ausschließlich an ihnen verbrauchen und ihre eigene Aktivität auf Reaktionen auf Naziaktionen beschränken.

Diese Konstellation ist allen willkommen, die davon – beispielsweise als Konservative – ihren Vorteil ziehen, sie nämlich geraten aus dem Visier oder an dessen Rand. Und 2. bilden sie ein Auffanglager für Unzufriedene, die unter Umständen sich eben dieser Linken zuwenden würden. Diese aber gilt den Herrschenden nach wie vor als der unbequemere, prinzipielle und vor allem perspektivisch nicht zu unterschätzende Gegner. Davon zeugt am, stärksten der Dauerdruck, der auf die Linke mit dem Ziel ausgeübt wird, ihre Programmatik und Praxis zu entschärfen, womit sie sich dann selbst als eine gesellschaftskritische und -verändernde Kraft diskreditiert und ausschaltet. Davon profitieren indirekt auch die Rechtsextremen, die sich dann als einzige wirkliche Revolutionäre, als nationale Sozialisten, als Kräfte des Widerstands usw. herauszustellen vermögen.

Was aber ist in dieser Konstellation der Platz der VVN-BdA? Sie konfrontiert sich in erster Linie, wie im Namen gesagt, mit den Faschisten in allen ihren Spielarten. Das steht im Kern außer der Debatte, wenn auch immer wieder darüber gesprochen werden muss, welche Instrumente am geeignetsten sind, mit Erfolg eingesetzt zu werden. Auch dafür gibt es keine allgemein und dauernd gültige Regeln. Wohl aber lässt sich eine gewisse Einseitigkeit des Vorgehens beobachten. Und manche Vorschläge werden glatt abgelehnt. Noch einmal: Es gibt keine Rezepte, es sollte aber auch keine Dogmen geben. Was zu tun ist, sollte in Abhängigkeit von der jeweiligen Situation entschieden werden. Gleichzeitig und in anderer Weise und mit anderen Zielen konfrontiert sich die VVN-BdA aber auch jenen, die den Nazis in irgendeiner Weise Vorschub leisten oder die Mittel, über die sie gebieten, nicht und entgegen eigenen Beteuerungen nicht entschlossen einsetzen. In die Bekämpfung der rechtsextremen Parteien und Kräfte bringt die VVN-BdA Erfahrungen vieler Generationen ein, die besagen, dass ihnen auf drei Ebenen entgegengewirkt werden muss: politisch, ideologisch und ökonomisch.

Politisch geschieht das in der BRD vor allem durch die Initiativen von Bürgern in Parteien und Organisationen, in permanenten wie spontanen Bündnissen und durch den Einsatz der Mittel des Staates, von der Aufklärung und Bildung bis zur Repression. Dieser Einsatz des Staates aber ist nach allen Erfahrungen fragwürdig, weil uneindeutig und inkonsequent und von vielen Vorbehalten und Vorurteilen gegen Antifaschisten begrenzt. Dem Mannheimer Urteil gegen den Holocaustleugner Zündel steht das Karlsruher im Falle der Parole »Ruhm und Ehre der Waffen-SS« entgegen. Schutz und Verbote von Nazi-Aufmärschen wechseln einander ab. In der Justiz lässt sich immer wieder ein merkwürdiges Rechtsempfinden gegenüber Erbschaften der Vergangenheit beobachten.

Ideologisch leistet die VVN-BdA seit Jahrzehnten eine aufopferungsvolle Arbeit zur Aufklärung über den Faschismus und seine Verbrechen, begonnen schon zu Zeiten, da die Kritik an der Nazivergangenheit in der westdeutschen Gesellschaft völlig unentwickelt war und die Kritiker beobachtet und angefeindet wurden. Heute beteiligen sich an der immer wieder berufenen »Bewältigung der Vergangenheit« viele Kräfte im Umfeld der Kirchen, verschiedenste humanistische Zusammenschlüsse und auch solche aus dem Staatsapparat. Über manche Inhalte dieser Tätigkeit lässt sich diskutieren und auch streiten. Die Aufklärung wird staatlich gefördert, wobei die Verteilung der Gelder unter die Beteiligten immer wieder für Kritik Ursache gibt.

Viel ist erreicht worden, um im öffentlichen Bewusstsein mahnende Erinnerung wach zu halten. Um die Gestaltung von Gedenkstätten, die Wahl von Straßennamen, Benennungen von Kasernen und Kriegsgerät sind lange Auseinandersetzungen mit wechselndem Ausgang geführt worden, zu denen es ohne Beteiligung der Antifaschisten nicht gekommen wäre. Die Bundesrepublik präsentiert sich vor dem Ausland als ein Musterschüler der Geschichte, was im Vergleich mit Japan oder Estland nicht schwer fällt. Dennoch werden im Staate BRD Verzeichnungen und Verfälschungen der Geschichte nicht so selten als Verdienste ausgegeben. Bilder wie die von »Hitler, der auch nur ein Mensch war«, von den »guten Seiten des Nationalsozialismus«, von »Deutschen als Opfer von Verbrechen der Alliierten« sind wohlfeil und im Schwange. Wer gegen sie angeht, sieht sich gleichsam in der Rolle des Don Quichotte und dessen Kampfes gegen die Windmühlen. Bis auf den Tag müssen Antifaschisten die andauernden Versuche abwehren, mittels der Formel von den zwei deutschen Diktaturen das »Dritte Reich« und die DDR in einen historischen Topf zu rühren und so das kritische Faschismusbild zu entschärfen.

Offenbar müssen wir uns auch mit der Tatsache beschäftigen, dass die Aufmerksamkeit der älteren Generationen für Fragen der Ideologie, der Geschichte und ihrer Erfahrungen erheblich größer ist als in Kreisen junger Antifaschisten. Hier geht eine in vielem lobenswerte Spezialisierung auf den Kampf um die Straße vor sich, der mit Mut, Einfallsreichtum und Ausdauer geführt wird, während die eigene Ausrüstung für den Kampf um die Köpfe als weniger wichtig angesehen und weithin vernachlässigt wird. Wohin dieses Unwissen führt, wird drastisch erkennbar am Zulauf der »Antideutschen«, einer besonderen Spezies von dieser Gesellschaft gut verträglichen Sektierern. Darüber hinaus erscheint geboten, sich nicht nur in den Argumenten, sondern auch in der Taktik der Nazis auszukennen, die sie bei der Verbreitung ihrer Geschichtslegenden befolgen. Die Bekämpfung des Rechtsextremismus kann nach allen Erfahrungen allein auf den Ebenen von Politik und Ideologie nicht gelingen. Es muss jungen Leuten eine Lebensperspektive im hier und heute gegeben werden, damit ein Teil von ihnen nicht zur leichten Beute nazistischer Demagogen wird. Hier kann die VVN-BdA direkt nichts bewirken. Sie muss sich folglich mit jenen Kräften verbünden, die sozialpolitische Forderungen erheben, gerichtet an Gemeinden, Länder und das Staatsganze. Sie muss der immer wieder geäußerten Auffassung entgegentreten, dass Erwerbslosigkeit und Auftrieb für Rechtsextreme miteinander nichts zu tun hätten. Was also ist das PRO des Antifaschismus heute in diesem Deutschland? Das Eintreten für eine durch und durch demokratische Gesellschaft, ohne Massenarbeitslosigkeit, ohne Obdachlose, ohne ein um sich greifendes Verbrechertum, mit Chancen für alle Kinder und Jugendlichen, ihre Fähigkeiten auszubilden, mit einer stabilen Gesundheits- und Altersvorsorge – das alles sind Voraussetzungen und Bedingungen für eine Gesellschaft, in welcher faschistisches Gedankenungut dann wirklich nicht mehr als eine marginale und zu vernachlässigende Rolle spielen kann.

Schleichend relativiert

geschrieben von Jonny Michel, Chemnitz

5. September 2013

Biographien werden umgeschrieben

Mai-Juni 2007

Jetzt hat endlich einer ein Machtwort gesprochen. Und das ausgerechnet während einer Trauerfeier.

Der jüngst verstorbene ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident Filbinger sei kein Nationalsozialist gewesen – sagt der jetzige Ministerpräsident Günther Oettinger vor rund 700 Trauergästen. »Es gibt kein Urteil (des Marinerichters, d.A.) von Hans Filbinger, durch das ein Mensch sein Leben verloren hätte«, meint Oettinger. Und der Jurist Filbinger sei sogar Gegner des NS-Regimes gewesen, der sich nur den Zwängen der Zeit habe beugen müssen. In der Tat: Die von Filbinger verhängten Todesstrafen wurden nicht vollstreckt. Allerdings war das nicht das Verdienst des Marinerichters, sondern dem Ende der Naziherrschaft geschuldet.

Oettinger liefert einen weiteren Beweis dafür, wie der Nationalsozialismus, je mehr Jahre vergehen, eine schleichende Relativierung erfährt. Biografien von Nazis werden als widerständisch umgeschrieben, wie jüngst in Nachrufen auch für Lothar-Günther Buchheim. Kein Wunder, dass die neue Rechte immer mehr an Akzeptanz gewinnt.

Die Baden-Württemberger sollen ja außer Hochdeutsch alles können – so auch einen Nazirichter postum zum Widerstandskämpfer krönen.

Antifaschismus „im Trend“

geschrieben von Gerhard Jeske, Hamburg

5. September 2013

Nicht nur Filbinger war „Widerstandskämpfer“

Mai-Juni 2007

Dass Ministerpräsident Oettinger dem verstorbenen Ex-Marinerichter und Amtsvorgänger Hans Filbinger zum Nazigegner erklärt, liegt im Trend der bürgerlichen Geschichtsschreibung. Auf einer Veranstaltung zur Stiftungsfeier des ehemaligen Gutes Külz derer von Bismarck behauptete Herr Philipp von Bismarck, dass er dem Widerstand angehörte und untertauchen musste. Zu seiner Aussage, dass er im Januar 1945 als Widerstandskämpfer im Range eines Majors verhaftet werden sollte und dass er auf seinem Gut Külz untertauchte, aber gleichzeitig die Evakuierung seiner Familie und der Gutsarbeiter organisierte, ist anzumerken: Wie denn das? Wegen der Organisierung von Trecks musste er mit den Behörden verhandeln, sich also in der Öffentlichkeit bewegen. Hatte die Gestapo vergessen, wo der Herr Philipp von Bismarck wohnte? Die Oderbrücken wurden scharf von der SS bewacht. Wie konnte der Deserteur von Bismarck auf das Westufer gelangen und dabei noch den Treck begleiten? Zum Widerstand gehört zu haben ist heute ein Aushängeschild, um sich den gegenwärtigen antifaschistischen Tendenzen einzuklinken.

Nach der Rede des Herrn von Bismarck auf dem ehemaligen Familiengut Külz im polnischen Pommern erhielt der unverbesserliche Gutsherr Beifall von den anwesenden Honoratioren, darunter Altkanzler Helmut Schmidt und Vertretern der Kirche. Es störte diese Herrschaften nicht, dass in der ausliegenden Pommerschen Zeitung der so genannten Vertriebenen im Untertitel steht »Für ein freies Pommern im vereinten Europa«

Für diese Zeitung und den Untertitel war Herr Philipp von Bismarck verantwortlich. Hatte er sich von der revanchistischen Aussage distanziert?

Antisemitismus in der DDR

geschrieben von Dr. Irene Runge, Jüdischer Kulturverein

5. September 2013

Ein Leserbrief, den die BZ nicht brachte

Mai-Juni 2007

In Berlin wird seit kurzem die Ausstellung »Das hat es bei uns nicht gegeben. Antisemitismus in der DDR« gezeigt. Schon bei der Eröffnung wurde deutlich, dass sie vor allem den Antifaschismus der DDR delegitimieren soll. Die Boulevardpresse berichtete genüsslich. Gegenreaktionen wurden der Öffentlichkeit vorenthalten.

Z.B. diese: »Sehr geehrter Herr Schnuppelius, mit Interesse lese ich Ihre BZ-Kolumnen. Sie wirken so meinungsstark (›opinionated‹), obwohl Sie selbst etwa im RBB-TV auf mich einen eher unsicheren, fast schwächelnden Eindruck machen. Heute habe ich Ihren Text zum DDR-Antisemitismus nicht ganz verstanden. War Globke DDR-Bürger? Waren Albert Norden und Jürgen Kuczynski ›Arier‹ bzw. ›Christen‹ bzw. ›Deutsche‹? Welche Religion hatte Klaus Gysi? Waren, bzw. sind Oberländer, Oettinger, Filbinger & Co. DDR-Bürger? War Antisemitismus in der DDR eigentlich Staatsdoktrin? Warum fand der Auschwitz-Prozess in Frankfurt/Main erst 20 Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik statt? Wer hat die Synagoge in Berlin-Schöneberg (West) abreißen lassen? Die SED? Um Erklärung bittet mit freundlichen Empfehlungen

Dr. Volker Gransow.

Dem kann ich nur zustimmen!

Neofaschismus bekämpfen

geschrieben von Ulrich Schneider, Generalsekretär der FIR

5. September 2013

Konferenz der Sozialistischen Fraktion im Europaparlament

Mai-Juni 2007

Seit die neofaschistischen und rechtspopulistischen Parteien im europäischen Parlament »Zuwachs« durch Abgeordnete aus Bulgarien und Rumänien bekommen haben und nun eine Fraktion im Parlament bilden, gibt es fraktionsübergreifend verschiedene Initiativen gegen den Vormarsch der extremen Rechten in Europa.

Im vergangenen Jahr hatte die Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) Bund der Antifaschisten gemeinsam mit der Fraktion der GUE/NGL eine internationale Konferenz zu »Antifaschismus in Europa« durchgeführt. Die Materialien dieser Konferenz erscheinen Ende Mai 2007 als Buch (Michel Vanderborght/ Ulrich Schneider, »Antifaschismus in Europa«, 136 S., Ladenverkaufspreis: 12 €, Bestellungen über die Bundesgeschäftsstelle).

Im Juni führt die sozialistische Fraktion (PSE) eine eigene Konferenz zu dem Thema: Handeln gegen den Aufstieg des Neofaschismus in Europa durch. Ursprünglich als Jugendkonferenz gemeinsam mit der FIR geplant, findet sie nun als reine Fraktionsveranstaltung statt, zu der Mitglieder des Exekutivausschusses der FIR als Referenten und Gäste eingeladen sind. In Beiträgen von Mitgliedern des Europäischen Parlaments und anderen Referenten soll die Situation in Spanien und Portugal, in Österreich und den Niederlanden, in Polen und Deutschland beleuchtet werden. Natürlich geht es um Rassismus und Fremdenfeindlichkeit und am Schluss der Konferenz steht die Frage, welche Rolle Nichtregierungsorganisationen (NGO) im Kampf gegen Neofaschismus übernehmen können. Besonders zum letzten Thema werden Vertreter der FIR und ihrer Mitgliedsorganisationen als Referenten wichtige Beiträge leisten können.

Eingeladen sind als Konferenzteilnehmer auch Mitglieder von FIR – Verbänden. Die PSE – Fraktion übernimmt die Kosten für eine Übernachtung und Verpflegung. Die Anreisekosten gehen zu Lasten der Teilnehmenden. Interessenten wenden sich direkt an die sozialistische Fraktion im Europäischen Parlament (enid.wolf@europarl.europa.eu).

FIR protestiert

5. September 2013

Mai-Juni 2007

Mit einem Schreiben des Präsidenten der FIR, Michel Vanderborght, an die estnische Regierung hat die Internationale Föderation der Widerstandskämpfer (FIR)-Bund der Antifaschisten, die Dachorganisation von Widerstandskämpfer-, Verfolgten- und Veteranenverbänden aus allen Teilen Europas und Israels, gegen die Verlagerung des sowjetischen Ehrenmals in der estnischen Hauptstadt Tallin protestiert.

»Wir sehen in dieser Maßnahme eine verhängnisvolle Verfälschung der Geschichte des antifaschistischen Kampfes, wenn das Denkmal mit der Begründung, es stehe für russische Besatzung, aus dem Straßenbild Tallins entfernt wird«, betont Dr. Ulrich Schneider, Generalsekretär der FIR.

Es widerspreche jedem zivilisierten Umgang mit den Gräbern der Soldaten des Zweiten Weltkrieges und der Erinnerung an diejenigen, die unter Einsatz ihres Lebens Europa – nicht allein Estland – von der Bedrohung durch die Nazibarbarei befreit haben. In allen Ländern Europas sind solche Gedenkorte geschützt, sie werden in der Verantwortung der staatlichen Autoritäten bewahrt und gepflegt. Dies ist nicht allein eine humanitäre Verpflichtung, es entspreche auch der Perspektive, dass das neue Europa nur auf dem Fundament des antifaschistischen Befreiungskampfes der Völker errichtet werden konnte. Wer diese Erinnerung beseitigt, verlässt die demokratischen Grundlagen Europas. Eine solche Denkmalsschändung lässt gerade jenen »Geist des Respekts« vermissen, den UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon in der Debatte um dieses Mahnmal von allen Beteiligten verlangt hat.

»Wir sehen uns zudem durch die estnische Regierung bewusst getäuscht, die noch im März 2007 auf eine kritische Note der FIR ihre Botschaft antworten ließ, dass der Staatspräsident ein Gesetz, das die Versetzung des sowjetischen Kriegsdenkmals festlegen wollte, nicht ausfertigen werde, da das Gesetz gegen mehrere Paragraphen der Verfassung verstoße«, unterstreicht die FIR.

Nachruf

5. September 2013

Mai-Juni 2007

In einem Nachruf würdigten Präsident und Generalsekretär der FIR das Wirken von Avraham Cohen, Vorsitzender des Israelischen Verbandes der verwundeten Veteranen des Zweiten Weltkrieges, der am 7. April 2007 im Alter von über 85 Jahren verstarb.

Avraham Cohen nahm in der Sowjetunion am großen Vaterländischen Krieg im Kampf gegen die faschistischen Invasoren teil und wurde für seinen Einsatz und seine Verdienste hoch geehrt. Er war ein überzeugendes Beispiel für alle jüdischen Kämpfer gegen die faschistische Barbarei, die sich nicht der Rasse- und Vernichtungspolitik widerstandslos unterwerfen wollten.

Viele Jahre leitete er den israelischen Verband der verwundeten Veteranen des Zweiten Weltkriegs und war deren Repräsentant in der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR).

Die FIR wird ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

Resistance im Internet

geschrieben von Stefan von Esteri

5. September 2013

ERA – European Resistance Archive geht online

Mai-Juni 2007

www.istoreco.re.it

www.resistance-archive.org

Am 7. Mai 2007 wurde im Europäischen Haus in Berlin das Online-Portal ERA (European Resistance Archive) vorgestellt und freigeschaltet. ERA ist ein von der Europäischen Union gefördertes internationales Projekt, an dem neben dem italienischen Geschichtsinstitut Istoreco Partnerorganisationen aus Polen, Slowenien, Italien, Frankreich, Österreich und Deutschland mitarbeiten.

ERA ist ein Online-Archiv der Widerstandsaktivitäten gegen Faschismus und Besatzung während des Zweiten Weltkrieges in Europa. Kern des Webportals sind vorerst 20 Videointerviews mit Frauen und Männern, die am antifaschistischen Widerstand in sechs europäischen Ländern teilgenommen haben.

Mit ERA wird ein Raum geschaffen, in dem die individuellen Geschichten von Menschen, die sich dem faschistischen Terror, der Erniedrigung und Verzweiflung widersetzt haben, lebendig und sichtbar gehalten werden.

Die Bedingungen von Faschismus, Besatzung, Kollaboration und Widerstand waren im europäischen Vergleich sehr unterschiedlich. ERA bietet spezifisches Wissen über die verschiedenen Widerstandsbewegungen und deren unterschiedliche Auswirkungen innerhalb der jeweiligen nationalen Kontexte an. Es versucht, die in den aktuellen geschichtlichen Diskursen dominierende nationale Perspektive der Geschichtsschreibung (insbesondere an den Schulen) aufzubrechen bzw. zu erweitern.

Ein Ziel von ERA besteht darin, das Verständnis dafür zu fördern, dass heute anerkannte Menschenrechte als Ergebnis einer historischen Entwicklung zu sehen sind, die auf dem Kampf gegen Faschismus und Nationalsozialismus basieren.

ERA kann in verschiedene Richtungen erweitert werden. Das Online-Archiv soll der Ausgangspunkt für ein Netzwerk historischer Forschung sein, das die vielen Erscheinungsformen des europäischen Widerstandes untersucht.

Zurzeit beteiligen sich Partner aus sechs Ländern an dem Projekt: die Plattform Grünalternative Jugend (Österreich), die gewerkschaftliche Bildungseinrichtung CEMEA (Frankreich), die DGB Jugend Hessen, die Forschungsgesellschaft Flucht und Migration Berlin, die Geschichtsinstitute Istoreco (Italien), Karta Warszawa (Polen) und das Institut Za Novejso Zgodovino (Slovenien) sowie der Landkreis Reggio Emilia (Italien).

Auf der Website entsteht ein »Participate-Bereich«. Hier werden interessierte Einzelpersonen, Schulklassen und Universitäten eingeladen, sich aktiv an der Arbeit von ERA zu beteiligen und das Archiv zu bereichern.

An der Entwicklung der neuen Internet-Plattform sind Jugendliche aktiv beteiligt. Alle Zeitzeugeninterviews wurden von Jugendlichen in den beteiligten Ländern realisiert. In ihrer Arbeit sind sie von Historikern, Erinnerungsarbeitern und einem professionellen Video-Team begleitet und unterstützt worden. Neben der direkten Interaktion mit den Zeitzeugen haben sich die Jugendlichen auch an authentischen Orten mit dem historischen Geschehen auseinandergesetzt.

Eine Möglichkeit dazu bot sich vom 27. Februar bis zum 4. März 2007, als die 9. Gedenkstättenreise »Viaggio della Memoria« für Jugendliche aus Reggio Emilia und von den Partnerorganisationen des ERA-Projekts nach Krakau und Auschwitz-Birkenau stattfand. Die Reise wurde im Rahmen des EU-Projekts von Istoreco organisiert. Das Istoreco verfolgt einen sozialgeschichtlichen Ansatz, in dem die Forschung zu Faschismus, deutscher Besatzung und Partisanenwiderstand in Norditalien die Schwerpunkte bilden. Das Institut arbeitet innerhalb eines breiten Netzwerkes von italienischen und europäischen Geschichts- und Bildungseinrichtungen, und kooperiert eng mit den lokalen Institutionen.

Ästhetik des Widerstands

geschrieben von Jens-Fietje Dwars

5. September 2013

Was bleibt? Zum 25. Todestag von Peter Weiss

Mai-Juni 2007

Jens-Fietje Dwars ist Schriftsteller, Film- und Ausstellungsmacher Koautor des Films »Der Unzugehörige. Peter Weiss« (2003) und Verfasser der Biographie »Und dennoch Hoffnung. Peter Weiss«, Aufbau-Verlag Berlin 2007, www.dwars.jetzweb.de

In den 60er-Jahren entstanden von Peter Weiss: »Abschied von den Eltern« 1961, »Fluchtpunkt« 1962 und »Das Gespräch der drei Gehenden« 1963. Sein Theaterstück über Marat und de Sade (1964) wird ein Welterfolg. 1965 erscheint »Die Ermittlung«, das bis heute ergreifendste Stück über Auschwitz. Mit dem »Lusitanischen Popanz« (1967) und seinem »Viet Nam Diskurs« (1968), Lehrstücken nach Brechtschem Vorbild, nahm Weiss Partei in der geteilten Welt: für die Schwachen, die ausgeplünderten Völker, aber auch gegen Unfreiheit im Sozialismus. Seine Antwort auf die Zerschlagung des »Prager Frühlings« war »Trotzki im Exil«, ein Stück über den Gegner Stalins.

„Was sagt uns noch Peter Weiss? Ist das linke Projekt nicht seit 25 Jahren vorbei?“ So ließ sich ein Moderator des MDR in der ARD-Hörbuchnacht zur Leipziger Buchmesse vernehmen. Sprachlos sah ich sein selbstzufriedenes Lächeln und verwies auf Homers „Odyssee“. Jeder rühme das Meisterwerk der Antike, aber wer lese es noch. Ist „Die Ästhetik des Widerstands“ nicht die „Odyssee“ des 20. Jahrhunderts? Ein Epos des Antifaschismus, von dessen Sprachkraft man sich gerade jetzt dank einer zwölfteiligen Hörbuchfassung des Bayerischen Rundfunks im Hörverlag überzeugen kann.

1916 in Nowawes, dem heutigen Neubabelsberg, als Sohn eines jüdischen Textilkaufmanns geboren, floh Peter Weiss mit seinen Eltern 1935 vor den Nazis über London und Prag nach Alingsås in Schweden. Wie Erich Fried blieb er auch nach 1945 im Exil und sah die Entwicklung in Ost und West kritisch. Als Maler, Erzähler und Filmemacher jahrzehntelang ein Außenseiter, wurde er 1960 mit seinem Roman „Der Schatten des Körpers des Kutschers“ entdeckt. In jedem Jahr brachte Weiss danach ein neues Buch heraus. Doch im Westen wurde er verlacht, im Osten als Konterrevolutionär gebrandmarkt. Zerrieben zwischen den Blöcken begann er 1971 ein Stück über Hölderlin, den Visionär, der sich in bleierner Zeit in seinen Turm zurückzog. Mitten in der Arbeit brach er zusammen. Ein Herzinfarkt nötigte zur Umkehr. Literatur als Agitation greift zu kurz. Die Politik der Massendemonstrationen, die 1968 mit der Studentenrevolte die Welt zu verändern schien, bleibt an der Oberfläche. Kunst muss tiefer gehen, ohne das Politische, den Anspruch der sozialen Emanzipation, aufzugeben. Aus diesem Impuls heraus entsteht die Romantrilogie „Die Ästhetik des Widerstands“.

Fast zehn Jahre lang schrieb Weiss daran, die letzten seines Lebens. Am 5. Mai 1982 starb er, aufgezehrt von einer beispiellosen Arbeit. Diese drei Bände sind mehr als Bücher: Keine Geschichten zur Unterhaltung der Leute, um den eignen Unterhalt damit zu verdienen. Keine Silbe darin ist ausgedacht, alle Orte und Figuren sind belegt, bis ins Detail hinein historisch rekonstruiert. Ein kollektives Gedächtnis, Speicher der Erinnerungen vieler, die sich in keinem Lehrbuch der Geschichte finden.

Und zugleich ein Roman, die Verdichtung der Lebensgeschichte eines anonymen Ich-Erzählers, in dem Weiss seine eigene Biographie „aufhebt“. Selbst Bürgersohn, verleiht er seinem Erzähler eine proletarische Herkunft. Kritiker haben ihm daher eine „Wunschautobiographie“ vorgeworfen. Er dichtet sich eine antifaschistische Vita an: als Freund von Heilmann und Coppi, die mit der „Roten Kapelle“ hingerichtet wurden, als Spanienkämpfer und Botenträger im schwedischen Untergrund, der im Politischen und in der Welt der Kunst nach Orientierung sucht.

Tatsächlich stellt er erst im Nachhinein sein Ringen um Kunst in die politischen Zusammenhänge, die er damals nicht wahrnahm. Indem er seine Lebenskraft darauf verwendet, die authentischen Zusammenhänge, das Beziehungsgeflecht des Antifaschismus, die Hoffnungen, Sehnsüchte und Deformierungen im Widerstand zu rekonstruieren, wird das Politische existentiell: die vergangenen Kämpfe verbinden sich mit seinem eigenen Dasein als Außenseiter im Literaturbetrieb. Dieser Antifaschismus bietet keine Heldengeschichten, keinen Grund zum Triumph. Was in der Linken vierzig Jahre lang als ein Sieg über den Faschismus gefeiert wurde, das gibt sich im Roman als eine Kette von Niederlagen zu erkennen, in deren Verlauf die Aufrechtesten, die Mutigsten und die Sensibelsten umkamen, ermordet unter Hitler und Stalin, zerrieben zwischen den Fronten.

Eine beispiellose Trauerarbeit, die den Leser nicht schont. Und dennoch bleibt die Hoffnung, heißt es bei Weiss zuletzt, denn nichts anderes sei sie ja als die Lebenskraft selbst. Die Lebenskraft derer, deren Energien er im Augenblick ihrer Vernichtung festhält, wie in den Kunstwerken, die der Roman beschreibt: „eine Sekunde des Nochlebens … in Zeitlosigkeit“ versetzend, so dass die Kraft zum Widerstand abrufbar bleibt für die Nachgeborenen, die selbst verzweifeln möchten an einer schier unveränderbaren Welt fortgesetzter Barbarei.

Eine solche Kunst schärft die Wahrnehmungen für das hier und heute anders Mögliche, sie ermutigt und befähigt zu einer anderen Politik.

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