Lebendige Geschichte

geschrieben von Enrico Hilbert

5. September 2013

Brigadistas – mehr als ein Dokumentarfilm

Sept.-Okt. 2007

Brigadistas

Ein Dokumentarfilm von Daniel Burkholz, BRD 2007, 45 Min., Format DVD 16:9, www. roadside-dokumentarfilm.de

Aufführung Brigadistas in Tienen/Brüssel (Belgien) am 28. September, Uhrzeit steht noch nicht fest.

Am 21. Oktober, um 20 Uhr, läuft Brigadistas im alten Stahlwerk von Dudelange (Luxemburg). Die Aufführung steht im Kontext mit der Ausstellung Retour de Babel.

Am 28 Oktober, bereits um 16. Uhr, läuft Brigadistas im Kulturzentrum Kult 41, Hochstadenring 41, in Bonn.

Am 27. November, um 19.30 Uhr, läuft Brigadistas mit einem musikalischen Vorprogramm im Theater Willy Preiml, in Frankfurt/M.

»Kommt zurück zu uns, hier findet ihr ein Vaterland, die ihr, der Freundschaft beraubt, leben müßt, findet Freunde, und alle findet ihr hier die Liebe und Dankbarkeit des ganzen spanischen Volkes, das heute und morgen voller Begeisterung rufen wird: Es leben die Helden der Internationalen Brigaden!« Dolores Ibarurri, die leidenschaftliche Kommunistin mit dem Ehrennamen »Passionaria«, hatte die Kämpfer für die Freiheit einst im Herbst 1938 mit dieser Aufforderung zur Rückkehr verabschiedet.

70 Jahre später kehrten einige dieser Kämpfer, der Jüngste 86 und der Älteste 99 Jahre alt, nach Spanien zurück. Diesmal wurden sie begleitet von ihren Freunden und Familien. Ein deutsches Filmteam folgte ebenfalls ihren Spuren. Der dabei im Sommer 2006 entstandene Dokumentarfilm ist seit Juni 2007 im Kino zu sehen. Bewegende Bilder, die selbst ein Dokument sind. Sie zeigen die Ereignisse auf eine Weise, wie sie nur von Menschen wiedergegeben werden können, die mit all ihren Sinnen, mit Herz und Gefühl, die Geschehnisse in sich aufgenommen haben die weder nach Sensation und der Huldigung eines wohl gefälligen Publikums heischen, noch nach der Art Anerkennung, die sich etwa in Filmpreisen ausdrückt. Daniel Burkholz und Heike Geisweid, die Autoren, verbanden sich auf engste mit jenen, die diese beschwerliche Reise unternahmen. Sie berichten aus der Perspektive von Menschen, die sich dem Anliegen der Brigadisten und derjenigen Spanier verpflichtet fühlen, die das Erbe der Interbrigaden bis heute in Ehren halten.

Ein auf Zelluloid gebannter Schatz, voller Erinnerungen, voller Emotionen und voller Hoffnung. Denn die Kämpfer stehen nicht auf schmeichelnde Worte und wissen, warum sie nach Spanien zurückkehren. Und die, die sie empfangen, wissen, wem sie hier begegnen und suchen Unterstützung für ihr Anliegen, dass Spanien endlich Republik sein soll. In diesem Sinne sprach der Chef der einstigen Kämpfer des Lincoln Bataillons Moe Fishman auf dem Empfang in der Cortes, dem spanischen Parlament: »Streicheleinheiten für das Ego sind ja nett, aber wir leben im Jahr 2006 und im Jahr 2006 sind Bush und Blair die Tyrannen dieser Welt. Auch wenn wir Brigadisten schon etwas älter sind…möchte ich, dass ihr wisst, dass wir für den Abzug der USA aus dem Irak kämpfen. Komplimente sind nett, aber vergesst nicht, etwas zu tun…«

Die Sorge um die Zukunft der Menschheit und unserer Erde zieht sich durch den Film wie ein roter Faden und stets wird die Brücke aus der Vergangenheit in das Heute geschlagen. Die Bilder trügen nicht, offensichtlich sind viele Menschen bereit, mit den alten Kämpfern diese Brücke zu betreten. Sie halten ihr Fundament: Solidarität, Courage, Liebe, den Willen für humanistische Ideale zu kämpfen und die Hoffnung an sich, für stabil genug, um künftige Auseinandersetzungen führen zu können. So wie in dem Lied vom roten Heer am Ebro, welches von der Kraft der Herzen erzählt, gegen die keine Bomben des Generals ankommen können. Im Film verbindet das Lied die einzelnen Stationen der Reise, von Madrid über Zaragozza nach Barcelona.

Bleibt zu wünschen, daß der Film, der sicher eines der letzten Zeugnisse vom Leben der Interbrigadisten sein wird, ein breites Publikum findet. Ein Publikum, das bereit ist, für eine knappe Stunde Ohren und Herzen weit zu öffnen, um zu verstehen, was die Kämpfer der Internationalen Brigaden dazu bringt, bis heute für ihre Ideale zu kämpfen, und um zu verstehen, warum die beschwerliche Reise zum 70. Jahrestag der Bildung ihrer Einheiten nicht nur für sie, sondern für alle wichtig war, denen die weitere Existenz der Menschheit am Herzen liegt. So wie Andrei Micu aus Rumänien. Hunderten Zuhörern der überwiegend jüngeren Generationen ruft er zu: »Ich wünsche, dass ihr mit dem gleichen Heldenmut kämpft, wie eure Großeltern. Es lebe die Dritte Republik, die soziale Gerechtigkeit, die Brüderlichkeit und die Freiheit Spaniens.«

Dies ist mehr als ein Dokumentarfilm über eine Reise im Jahr 2006. Dem Film gelingt es vor allem, die Erklärung der Spanienkämpfer an die Nachgeborenen festzuhalten. Er verbindet lebendige Zeugnisse der Geschichte mit einem Einblick in das Spanien und einen Teil der antifaschistischen Bewegung von heute. Die Voluntarius de la Libertad – die Freiwilligen der Freiheit geben Auskunft über ihren Kampf. Es entsteht ein Bild von einer möglichen Zukunft unserer Welt, das jeder Zuschauer mit nach Hause nehmen kann.

»Richtig, notwendig, gut«

geschrieben von Peter Rau

5. September 2013

Victor Grossman blättert in der Geschichte des Spanien-Krieges
1936-1939

Sept.-Okt. 2007

Victor Grossman:

Madrid, du Wunderbare. Ein Amerikaner blättert in der Geschichte des Spanienkrieges. GNN-Verlag Schkeuditz 2006, 420 Seiten,. ISBN: 3-898819-235-0, 19,- Euro

Es hat auch in den letzten Jahren keinen Mangel gegeben an Neuerscheinungen bzw. Nachauflagen von Büchern über jenen Krieg, der in der bürgerlichen Meinungsmache wohl bewußt und absichtsvoll nur als Bürgerkrieg firmiert. Denn: Degradiert man den Kampf zur Verteidigung der zweiten Spanischen Republik in den Jahren 1936 bis 1939 zu einem Bürgerkrieg, so muß nicht groß über den – unter dem Deckmantel einer scheinheiligen »Nichteinmischung« betriebenen – Verrat der westlichen Demokratien geredet werden.

Victor Grossman hat ganz bewusst einen völlig anderen Ansatz gewählt – jenen, der diesen Krieg zu etwas ganz Besonderem machte: den solidarischen Einsatz von rund 40.000 »voluntarios de la libertad«, der »Freiwilligen der Freiheit« aus über 50 Ländern, die gekommen waren, an der Seite des spanischen Volkes die demokratisch gewählte Volksfrontregierung gegen die Franco-Putschisten und die faschistische Internationale zu verteidigen.

Die Idee zu diesem Buch entstand im 2001 gegründeten Verein der »Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936-1939« (KFSR), zu dessen Gründungsmitgliedern Grossman gehört. Für den 1928 in New York geborenen, nach einem Harvard-Studium Anfang der 50er Jahre aus der US-Army desertierten und seither in Ostdeutschland lebenden Publizisten war es keine Frage, sich dieses Themas anzunehmen und wider den vorherrschenden Diskurs in Sachen Spanien-Krieg anzuschreiben. Zumal ihn, wie er im Vorwort schreibt, diese Geschichte seit seiner Kindheit faszinierte und er später viele Menschen traf, die damals kämpfend dabei gewesen waren.

Beginnend bei den oft abenteuerlichen Wegen, auf denen die angehenden Interbrigadisten etwa aus den USA nach Spanien gelangten, über die Verteidigung Madrids und andere Kampfabschnitte bis hin zu den ganz verschiedenen Fronten des antifaschistischen Widerstandes, an denen Interbrigadisten während des zweiten Weltkrieges weiter für ihre Ideale stritten, hat Grossman deren Geschichten sowie die Erlebnisse und Erfahrungen vieler anderer Kampfgefährten zusammengestellt. Vor allem gestützt auf Briefe, Erinnerungsberichte, Tagebuchaufzeichnungen und anderes, weithin unbekanntes Material, entstand so, gegliedert in insgesamt 28 Kapitel, ein gleichermaßen facettenreiches wie authentisches Bild jener Zeit und ihrer Akteure. Nicht weniger glaubwürdig werden in Kapiteln über »die anderen«, über »Guernica« und die »Nichteinmischung« die auf der Gegenseite wirkenden Kräfte dargestellt – in Wehrmachtsberichten wie in Selbstzeugnissen von Angehörigen der Legion Condor, in Auskünften von Diplomaten und Historikern, in Politiker-Statements …

Auch einige »Randerscheinungen« – als Stichworte seien Barcelona, die POUM und die Anarchisten oder »stalinistischer Verfolgungswahn« genannt – lässt Grossman nicht außen vor; er kommt allerdings – gestützt auf unverdächtige Quellen – zu einigen anderen Schlussfolgerungen als deren Befürworter, wenn er etwa Orwells Erkenntnis »Es gab keine Entschuldigung dafür, einen Kampf hinter der Front anzufangen« zitiert. Oder den britischen Historiker Paul Preston: »Doch war es ja nicht Stalin, der für die Niederlage der Spanischen Republik verantwortlich war, sondern Hitler, Mussolini, Franco und Chamberlain. Es ist schwierig, sich vorzustellen, wie ein revolutionäres Spanien Erfolg hätte haben können ohne die Unterstützung mit russischen Waffen.«

In seinem »Spanischen Kriegstagebuch« notierte der in der DDR nach seiner Flucht in die BRD nicht mehr wohlgelittene Schriftsteller Alfred Kantorowicz: »Selbst nachmalige Wortführer des Antikommunismus wie Regler oder Koestler oder Louis Fischer oder Stephen Spender oder George Orwell haben die Notwendigkeit, in Spanien zuerst und vor allem den Faschismus und Nazismus zu bekämpfen, niemals geleugnet … Kurzum: Es war richtig, es war notwendig, es war gut, dass wir deutschen Freiwilligen – trotz allem – damals in Spanien für die Republik, gegen ihre Vergewaltiger, gekämpft haben.«

Victor Grossman wollte, wie er in seinem Vorwort bekennt, diese Geschichte(n) aufschreiben »in der Hoffnung, dass sie auch andere, besonders junge Menschen, interessieren oder gar fesseln können«. Es ist ihm gelungen. Gracias!

Was Gefangene erzählen

geschrieben von Markus Bernhardt

5. September 2013

Gespräche mit Jugendlichen in Haft – ein authentisches Dokument

Sept.-Okt. 2007

Klaus Jünschke/Jörg Hauenstein/Christiane Ensslin:

Pop Shop. Gespräche mit Jugendlichen in Haft. Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2007, 238 Seiten, 16 Euro

Es waren maßgeblich die Gewalttaten, die Gefangene in bundesdeutschen Jugendgefängnissen – wie beispielsweise 2006 im nordrhein-westfälischen Siegburg – verübten, welche die Öffentlichkeit strohfeuerartig aufhorchen ließen, wenn es um die Situation von Jugendlichen in den Knästen ging. Selbst ernannte Experten und politische Entscheidungsträger diskutierten über die Hintergründe der in den Gefängnissen stetig ansteigenden Gewalt. Jedoch offenbar einzig, um das Thema nach aufgeregter Debatte wieder schnellstmöglich ad acta zu legen. Anstatt zu resümieren, ob der ursprüngliche Gedanke der Resozialisierung in den Gefängnisbetrieben dieser Tage überhaupt noch eine Rolle spielt, verabschiedete die Bundesregierung in diesem Jahr flugs einen Gesetzesentwurf, der vorsieht, dass junge Menschen, die nach dem Jugendstrafrecht zu einer Strafe von mindestens sieben Jahren verurteilt worden sind, nach der Strafverbüßung in Sicherungsverwahrung genommen werden können, wenn zwei Gutachter ihre andauernde Gefährlichkeit feststellen. »Zu fragen ist, wieso eine Regierung, die verbal so häufig zum Kampf gegen den Rechtsextremismus aufruft, in der Auseinandersetzung mit der Jugenddelinquenz auf eine Sanktion setzt, die von den Nationalsozialisten 1933 für Erwachsene eingeführt wurde, ohne diesen historischen Kontext zu diskutieren«, kommentierte der in Köln lebende Sozialwissenschaftler Klaus Jünschke diese Art der Regierungspolitik kürzlich in einem Interview. Jünschke, der sich unter anderem im »Kölner Appell gegen Rassismus«engagiert und ansonsten als Buchautor und Journalist tätig ist, wies angesichts der unqualifizierten Debatte zudem darauf hin, wie wenig Hilfe die Jugendlichen in den Jugendgefängnissen tatsächlich fänden und wie sehr einzelne durch die Haft noch zusätzlich brutalisiert würden. Wovon er redet, weiß der engagierte Sozialwissenschaftler ganz genau. Gemeinsam mit Christiane Ensslin und dem Fotografen Jörg Hauenstein veröffentlichte er in diesem Jahr das Buch »Pop Shop. Gespräche mit Jugendlichen in Haft«, in dem Gespräche dokumentiert sind, die Jünschke über ein Jahr lang mit den durchweg männlichen Insassen der Jugendabteilung der Justizvollzugsanstalt (JVA) Köln geführt hat.

»Pop Shop«, der Titel des Buches, steht für Freizeitsperre, und war in den 1970er-Jahren der Name einer populären Rundfunksendung. Da die Sendung anfing, wenn die Gefangenen in ihre Zellen eingesperrt wurden, gingen die Beamten nach und nach dazu über, statt Einschluss »Pop Shop« zu rufen.

Auf über 200 Seiten werden in dem Buch Gespräche mit den jugendlichen Gefangenen dokumentiert, in denen diese unverblümt zu Wort kommen. Sie äußern sich sowohl zu ihren Taten und Opfern, ihrem früheren sozialen Umfeld, familiären Problemen als auch zum Gefängnisalltag im Allgemeinen. Auch warten sie zeitweise mit homophoben und frauenfeindlichen Äußerungen auf, die manchen Leser vielleicht zum Kopfschütteln verleiten mögen. Jedoch ist es eben diese unkommentierte Dokumentation der Ansichten der Gefangenen, die dieses Buch so erfrischend und authentisch wirken lässt. Anstatt mit erhobenem Zeigefinger die Keule der »political correctness« zu schwingen, lassen die Herausgeber die Jugendlichen ohne falsche Rücksichtsnahmen selbst zu Wort kommen.

Christiane Ensslin jedenfalls war von den Gesprächen mit den Jugendlichen beeindruckt. »Die reden über ihre Gefühle und Verletzungen, über ihr Versagen, ihr Weinen, ihr Alleinsein, und einer spricht sogar über seine Trauer um sein Leben«, konstatiert sie.

Es sind die Bilder des Kölner Fotografen Jörg Hauenstein, die es dem Leser zudem ermöglichen, sich ein Bild vom tristen Alltag der Gefangenen in der JVA Köln zu machen. Auf eigenen Wunsch ließen sich die Jugendlichen für das Buchprojekt sogar portraitieren, so dass die Bilder den Widerspruch zwischen der nüchternen Gefängnisarchitektur und der Persönlichkeit und des Charakters eines jeden Gefangenen durch den Ausdruck in seinem Foto zeigen.

Jeder Politiker, der bezüglich der so genannten Jugendkriminalität nach Gesetzesverschärfungen schreit, sollte sich dieses Buch zu Gemüte führen. Allein schon, um einen authentischen Eindruck vom Leben hinter Gittern zu bekommen, wie er in Deutschland bereits seit Jahrzehnten nicht mehr dokumentiert wurde.

»Rechte« Musik?

geschrieben von Uwe Hiksch

5. September 2013

Nicht nur Skinheadbands bestimmen inzwischen das Bild

Sept.-Okt. 2007

Neurechte Musik ist heute in vielen Musikgenres anschlussfähig geworden. Nicht mehr grölende Nazi-Bands der Skinhead-Szene bestimmen die Musik der rechtsgerichteten Musikhörerinnen und Musikhörer, sonder eine breite, über viele Musik-Genres reichende, ausdifferenzierte Musik. Die Themenvielfalt reicht dabei von heidnischen und esoterischen Themen bis zur musikalischen und ästhetischen Umsetzung der Theorien der »Konservativen Revolution«.

Der Einfluss der Neuen Rechten auf die verschiedenen Musikstile ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Es gibt heute fast keine musikalische Strömung mehr in der sich nicht auch neurechte oder rechts orientierte Bands und Themenspektren finden. Die unterschiedliche Ausprägung in den verschiedenen Musikkulturen ist dabei vor allem auch von den unterschiedlichen kulturellen Ausdrucksformen der Musikrichtungen abhängig.

So finden sich in Musikrichtungen wie Death-Metal, Techno, Rock, Reggae, Ska, Electronic, Pagan/Ritual oder Neofolk rechte Ausläufer, die mehr oder weniger wahrnehmbar oder dominant sind. In den nächsten Ausgaben wollen wir uns diesen verschiedenen Musik-Stilen nähern und den Einfluss von neurechten Bands und Mitgliedern untersuchen.

Die Schwarze Szene erscheint für Außenstehende exotisch und befremdlich. Weiß geschminkte Gesichter, aufwendig frisierte Haare, schwarze Gewänder, Lack und Leder aber auch Military-Look bestimmen heute die modische Ausrichtung dieser Szene. Inhaltlich ist ein wichtiges Bindeglied eine kritische Reflexion auf die moderne Gesellschaft. Die Schwarze Szene greift menschliche Vergänglichkeit durch eine Inszenierung von Untergangs- und Todessehnsüchten auf. Zentral ist die Auseinandersetzung mit dem Sinn des Lebens. Irrationale und übersinnliche Themen wie Magie, Mystik und Naturreligionen, aber auch Mittelalter, Romantik, Krieg, Zerstörung und Leid werden in unterschiedlichen musikalischen und künstlerischen Formen aufgegriffen und umgesetzt.

Die Schwarze Szene ist eine heterogene, weit ausdifferenziert Szene. Von Anfang an war sie aber auch ein Anlaufpunkt für rechte Bands und Mitglieder der Neuen Rechten. So treten beim größten Szene-Event dem Wave-Gotik-Treffen in Leipzig regelmäßig Bands aus dem rechten Szene-Spektrum auf. Bands wie Kirlian Camera (2006), Sol Invictus (2005), Sonne Hagal (2005), Scivias(2004), Deutsch Nepal (2004)oder Camerata Mediolanense (2002) sind einige Beispiele für die Verzahnung von neurechter Musik und normaler Szene. Die Musiker und Bands der rechten Dark-Wave-Szene greifen vor allem die Themen der Konservativen Revolution und des italienischen Faschismus auf. Gerade im Neofolk, Industrial oder EBM (Electronic Body Musik) werden Texte von Theoretikern der Konservativen Revolution wie Oswald Spengler, Arthur Moeller van den Brück, Ernst Niekisch und Ludwig Klages künstlerisch verarbeitet. Auch Ernst Jüngers Schriften wie »In Stahlgewittern (1920) oder »Der Arbeiter« (1932) bildeten Ansatzpunkte für eine ästhetische Umsetzung in diesen Musikrichtungen. Martialische Bilder und Töne und das bewusste Aufgreifen faschistischer Ästhetik bilden den künstlerischen Rahmen für die Umsetzung einer Kritik an der Moderne. Auf der CD »Riefenstahl«, in Anlehnung an Leni Riefenstahl, finden sich dann Bands wie »Turbund Sturmwerk«, »Von Thronstahl«, »Allerseelen« oder »Death in June«.

Ein wichtiger Ideengeber für die Musik der Neuen Rechten ist Julius Evola. Seine Angriffe gegen die Moderne werden als eine Art ideologischer Steinbruch genutzt. Besonders seine Schreckensbilder der Moderne, gemischt mit einer religiös-okkulten Mischung aus Befreiung und Erlösung durch eine neue Herrenrasse werden Ansatzpunkte künstlerischer Verarbeitung in dieser Szene.

Innerhalb der Schwarzen Szene sind die rechten Tendenzen und Ausläufer hinlänglich bekannt. Jedoch fehlt in der Szene eine deutliche Abgrenzung von diesen Strömungen. Die »Gruftis gegen Rechts« haben in der Vergangenheit wichtige Aufklärungsarbeit innerhalb der Szene geleistet. Durch die deutliche Reduzierung ihrer Aktivitäten ist diese rückläufig. Unter dem vermeintlichen Deckmantel von Toleranz können sich Strömungen der avantgardistischen Rechten ausbreiten und frei bewegen. Hier liegt für Antifaschistinnen und Antifaschisten eine wichtige Aufklärungsfunktion.

Unser Tag (1990)

geschrieben von Karsten Troyke

5. September 2013

Erinnerung an den ersten »Tag der Erinnerung, Mahnung und
Begegnung«

Sept.-Okt. 2007

Der Text des Sängers und Schauspielers Karsten Troyke stammt aus der Broschüre »60 Jahre Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes; Lesebuch zur Geschichte und Gegenwart der VVN«, herausgegeben von Hans Coppi und Nicole Warmbold. Die Broschüre ist über alle Landesvereinigungen zu beziehen, oder über die Bundesgeschäftsstelle der VVN-BdA, Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin

Gedenken an die Opfer des Faschismus: Das erstarrte Ritual der DDR-Zeit hatte in mir keinen »Kampfgeist« geweckt, man hatte dort eigentlich nur einem Staatsakt zuschauen können, war meine Erinnerung. Aber nun, 1990: Endlich war der offiziöse Beigeschmack des OdF-Tages weg. Neben vielen anderen wurde auch ich angefragt, ein paar Lieder zu singen, Lea Rosh stand auf der Bühne, Bekannte und Freunde kamen aus Ost und West, mit Perry Friedman redeten wir über die Möglichkeiten einer Canada-Tournee…

Es war plötzlich so etwas wie »unser« Tag. Ich habe erst gar nicht bemerkt, dass der Tag einen neuen Namen bekommen hatte: »Tag der Erinnerung, Mahnung und Begegnung«. Ich nannte ihn noch Jahre lang OdF-Tag. Inzwischen heißt er auch »Aktionstag gegen Rassismus; Neonazismus und Krieg« und ich überlege, was das bedeutet. Die meisten Jahre seit 1990 war ich dabei, oft zusammen mit Bettina Wegner und Suzanna. Es kommen inzwischen nicht mehr so viel Leute hin und manchmal hat der Tag den Charakter eines »linken« Flohmarktes. Die alten Reflexe sind präsent: Nationalsozialismus gleich Imperialismus gleich Krieg, was mir eigentlich zu einfach gedacht ist. In die Stände mieten sich auch Maoisten, Stalinisten und »Anti-Imperialisten« etwa ein, wenn auch die Initiatoren aus einem viel breiteren Spektrum kommen: Aktion Sühnezeichen, Antirassismus-Vereine, jüdische Organisationen, antifaschistische Initiativen u.v.a. mehr.

Die »jungen Leute«, wer immer das ist, sollen interessiert werden, darum gibt es jetzt Preisausschreiben und Popmusik. Inzwischen wünschte ich mir manchmal wieder einen offizielleren Charakter des Ganzen und mehr Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Dieser Teil der deutschen Geschichte ist immer noch präsenter, als uns glauben gemacht wird, und ein solcher Tag des Nicht-Vergessens bleibt immer noch wichtiger, als wir je befürchtet hatten.

Durch die Maschen des Netzes

geschrieben von Raimund Gaebelein

5. September 2013

Sept.-Okt. 2007

Eleonore Hertzberger

Durch die Maschen des Netzes, Ein jüdisches Ehepaar im Widerstand gegen die Nazis, 241 S., 15 S. Bilddokumente, Neuausgabe, Pendo Verlag, Zürich 2000, ISBN 3-85842-377-7

Auf 241 Seiten beschreibt Eleonore Hertzberger, geborene Katz, ihre Jugendzeit in Berlin, die Emigration vor den Nazis nach Amsterdam, die Besetzung der Niederlande und ihre abenteuerliche Flucht 1942 über die Schweiz und Frankreich nach Spanien, wo sie mit ihrem Mann Eddie in die Dienste der niederländischen Exilregierung in London trat. Die Eltern arbeiteten während der Jahre der Weimarer Republik in einem Berliner Verlag, Eleonore wuchs im Geiste der Philosophen Sophokles und Kant auf, jüdische und christliche Feiertage wurden in der Familie gleichermaßen begangen. Sie teilte die Rundfunkbegeisterung ihrer Eltern, war musik- und theaterbesessen.

Nach der Machtübertragung an die Faschisten verlagerte der Vater seinen Verlag nach und nach in die Niederlande. Immer mehr Freunde und Bekannte waren aus ihrem Leben verschwunden. Die Niederlande empfing die Familie Katz freundlich. Der Kundenkreis des Verlags entwickelte sich gut, waren es doch Verlagskunden, die in großer Zahl ebenfalls ins Exil gegangen waren. Die Welle von Emigranten, die nach der Reichspogromnacht in die Niederlande strömten, war ein Vorzeichen drohenden Unheils. Die Besetzung durch Wehrmacht und SS traf ein schlecht vorbereitetes Land. Die Armee kapitulierte nach der völligen Zerstörung Rotterdams, Königin und Regierung gingen ins Exil nach London. Die Nürnberger Rassegesetze wurden auch in den Niederlanden eingeführt, der Streik der Amsterdamer Dockwerker blutig zusammengeschossen. Erste Fluchtversuche nach England scheiterten. Im Sommer 1942, Monate nach Beginn der Judentransporte, gelang es den Hertzbergers über ein Fluchthilfenetz zur belgischen Grenze zu gelangen. Der weitere Weg über Frankreich in die Schweiz war einfacher. Nach ihrer Ankunft in der Schweiz wurden sie festgenommen, verhört und interniert. Mit einer ganzen Gruppe von Niederländern suchten sie nun einen Weg nach London, um sich der niederländischen Regierung zur Verfügung zu stellen. Die ihnen bekannten Fluchthilfeorganisationen waren aber inzwischen verraten oder aufgedeckt worden. Mit ungeheuer viel Glück gelang es ihnen Monate später Spanien zu erreichen. Dort beteiligten sie sich am „Englandspiel«, dem Versuch, möglichst viele Niederländer aus spanischen Gefängnissen und Internierungslagern zu holen und ihnen den Weg nach England zu ermöglichen. Es war Geheimdienstarbeit, denn Kurierwege und Fallschirmabsprünge von England aus wurden seit Mai 1942 von der Gestapo aufgedeckt und überwacht.

Verfemung, Raub, Mord

geschrieben von Ernst Antoni

5. September 2013

Vor 70 Jahren: Die Ausstellung »Entartete Kunst« in München
und die Folgen

Sept.-Okt. 2007

Klickt man im Internet die Homepage der NPD an und auf dieser wiederum die Rubrik »Kultur«, dann landet man bei einem Beitrag über die jüngste Schau der Werke des NS-Hofkünstlers Arno Breker in Schwerin. Darin heißt es: »Groß ist daher auch die Sehnsucht vieler Deutschen (so »deutsch« steht es da , E.A.) abseits vom sonstigen Kulturmüll, der uns in der Gegenwart vorgesetzt wird, wieder Werke zu betrachten, die ein Ideal vermitteln und zudem einfach schön anzusehen sind. Sie treten jenen Werken entgegen, bei denen Erwachsene wohl eher zu Kleinkindern mutieren.«

Vor 70 Jahren, am 19. Juli 1937, wurde in München mit großer propagandistischer Begleitmusik die Ausstellung »Entartete Kunst« eröffnet, in der 650 Kunstwerke, aus 32 Museen beschlagnahmt, wild unter-, über- und durcheinander gehängt und aufgestellt wurden. Hinter dem gewollt chaotischen Eindruck der Präsentation – unterstrichen durch handgemalte hämische Kommentierungen der Werke – stand dennoch ein »Ordnungsprinzip«: Die Räume und Wände in der Galerie am Hofgarten waren meist mit einem Motto zu den Bildern versehen: »Offenbarung der jüdischen Rassenseele«, »Aufmarschplan der Kulturbolschewisten«, »Deutsche Bauern jiddisch gesehen«, »Bewusste Wehr-sabotage. Beschimpfung der deutschen Helden des Weltkrieges«, »So schauten kranke Geister die Natur«.

Die »kranken Geister« waren – wie auch die »Kleinkinder« – ein brauner Faden, der vor allem im kurz nach der Eröffnung gedruckten »Ausstellungsführer« eine wichtige Rolle spielte. Es handelte sich ja um eine »Konfrontationsausstellung«. Gleichzeitig wurde in München das im Auftrag Hitlers entworfene »Haus der Deutschen Kunst« am Englischen Garten feierlich eingeweiht und erstmals die künftig jährlich stattfindende »Große Deutsche Kunstausstellung« gezeigt: »Werke, die ein Ideal vermitteln und einfach schön anzusehen sind« eben. Die Bilder des Kunstprofessors und Nazis Adolf Ziegler etwa, wegen der von ihm detailgetreu gemalten Frauenakte despektierlich auch »Reichsschamhaarkünstler« genannt. Er war der Hauptorganisator der »Entartete-Kunst-Schau«.

Obwohl in den vergangenen Jahrzehnten viel zu diesem Propagandaunternehmen geforscht und publiziert wurde, ist im öffentlichen Bewusstsein vor allem präsent, dass sich die Schau gegen die »klassische Moderne«, wie man sie heute nennt, gerichtet habe. Richtig: Klee, Kandinsky, Beckmann, Corinth, Kirchner, Pechstein und viele andere gehörten zu den Verfemten. Aber eben auch jene, die dezidiert politisch mit ihrer Kunst wirken wollten: Dix, Grosz, Grundig zum Beispiel und jene, die – aus welcher künstlerischen Strömung auch immer kommend – als »Juden« gebrandmarkt wurden, wie Adler und Freundlich. Wer sich nicht in die Emigration retten konnte, dem standen Konzentrationslager und Ermordung bevor.

Vieles kam 1937 zusammen, das schon vor 1933 seine Vorbereitung gefunden hatte. Der Kampf gegen den »jüdischen Kulturbolschewismus«, gegen all das, was dem »gesunden Volksempfinden« zuwider sein sollte: Die »moderne Kunst« in ihrer ganzen Formenvielfalt, politisch-kritische, antimilitaristische oder antifaschistische Kunst ohnehin, alles als »jüdisch« oder sonst »volksfremd« Denunzierte – und auch die private Rache der »nationalen Künstler« am »Kunstbetrieb« der Weimarer Demokratie. Neben den im ganzen Land in Museen konfiszierten ausgestellten Werken stand oft zu lesen, für welche Beträge sie dort einst angekauft wurden: Für so was, wurde suggeriert, wurde »Volksvermögen« verschleudert. Die »Entartete-Kunst-Ausstellung« war ein ungeheurer Erfolg: 20.000 Besucher am Tag waren die Regel, ab November 1937 wanderte sie dann in zahlreiche deutsche Städte.

Die Nachwirkungen waren für das NS-Regime einträglich. 1939 folgte noch eine Verbrennung missliebiger Kunstwerke in Berlin, sie diente aber eher der Ruhigstellung brauner Kunstkampf-Truppen. Die Plünderung von Museen und Galerien (es ging ja insgesamt um zehntausende von Kunstwerken) hatte sich längst als gutes Geschäft erwiesen: Die politischen und wirtschaftlichen »Eliten« des NS-Systems begaben sich auf den internationalen Kunstmarkt – und manch einer ließ sich nach 1945 dafür auch noch als Retter verfemter Kunst feiern. Echte Retter, die es auch gab – Sammler und Galeristen, die Künstlern auf der Flucht vor den Nazis halfen und ihr Werk für die Zeit nach der Befreiung vom Faschismus bewahrten – sind damit nicht gemeint.

»antifa«Ausgabe Juli-Aug. 2007

5. September 2013

Juli-Aug. 2007

Editorial

geschrieben von Regina Girod

5. September 2013

Juli-Aug. 2007

In der Januar-Ausgabe der antifa haben wir an dieser Stelle dazu aufgerufen, die Kampagne der VVN-BdA für ein Verbot der NPD zu unterstützen. Damals ahnten wir noch nicht, was sich jetzt, ein halbes Jahr später, erwiesen hat: Unsere Kampagne ist ein Selbstläufer geworden, sie trifft den Nerv unglaublich vieler Menschen, die sich angesprochen fühlen, selbst etwas gegen Nazis zu tun. Auch mit ihrer Unterschrift unter den Brief der Erstunterzeichner. Jeder, der die Zahl der Unterschriften auf der Kampagne-website verfolgt weiß, dass wir das angestrebte Ziel, dem Bundestag am 9. November 100.000 Unterschriften zu übergeben, deutlich überbieten werden.

Unser „Spezial“ dokumentiert, wie in einigen Kreisverbände der VVN-BdA die Kampagne mit Leben erfüllt wird. Wir hätten die ganze Ausgabe mit solchen Berichten, auch aus vielen anderen Gegenden der Bundesrepublik, füllen können. Vielleicht dienen sie als Anregung für weitere Aktionen in den nächsten Monaten. Auf den Verbandsseiten berichten wir über den Beschluss des Bundesausschusses der VVN-BdA zur Weiterführung der Kampagne. Einer der künftigen Schwerpunkte wird darin bestehen, das Gespräch mit den Adressaten unseres Aufrufs, den Bundestagsabgeordneten, zu suchen. Und zwar dort, wo man sie in der Parlamentspause antreffen kann: in ihren Wahlkreisen.

Die Redaktion der antifa hat sich Anfang Juli in Berlin mit dem Bundessprecherkreis getroffen. In einem intensiven Meinungsaustausch ging es unter anderem um die Frage, wie unser Magazin eine noch größere Verbreitung, vor allem auch in den neuen Bundesländern, finden kann. Trotz steigender Kosten für Papier und Vertrieb wollen wir den Preis für die Zeitung, für Mitglieder und Abonnenten nicht erhöhen. Gerade deshalb ist es notwendig, die Zahl unserer Leser zu vergrößern. Daher unsere Bitte: antifa gehört auf mit auf jeden Infotisch und sollte auch beim Unterschriftensammeln nicht fehlen. Nach wie vor erhalten die Landesbüros von jeder Ausgabe kostenlose Werbeexemplare.

Nach-denkliches zu G8

5. September 2013

Von Heinrich Fink

Juli-Aug. 2007

Angesichts der erschreckend niedrigen Wahlbeteiligung vor allem junger Menschen in den letzten Jahren war das politische Engagement von 80.000, die ohne öffentliche Mittel und Medienunterstützung den G8-Gegengipfel als eine politische Lernfestwoche in Rostock inszenierten, eine Sternstunde der „Demokratie von unten“. Die Demonstration als Auftakt war politische Manifestation und „Klima-Loveparade“ zugleich. Prominente Musiker, Liedermacher, Wissenschaftler, Künstler und Politiker, wie der philippinische Soziologe und alternativer Friedensnobelpreisträger Walden Bello, bemühten sich auf Podien und in Seminaren das Sachwissen der Bereitwilligen zu vermehren und ermutigten sie, nicht zu resignieren an den aktuelle Katastrophe in Sachen Menschenrechten – durch die militärisch gesicherten Vorrechte der global agierenden Kapitalinteressen.

Sich gegenseitig Mut zu konstruktivem politischen Protest zu machen, war die Devise. Aber damit die politische Öffentlichkeit in Deutschland sich nicht herausgefordert zu fühlen brauchte, sich der inhaltlichen Kritik des Gegengipfels zu stellen, musste eigens das Risiko der Gewalttätigkeit herbei geredet werden. Prompt folgten auch sehr teuere Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Polizei und Geheimdienste, eine fatale Inszenierung. Aber die für die Sicherheit der acht mächtigsten Politehepaare der Welt verantwortlichen Beamten griffen temporär auf die bedingt bewährte alte DDR-Idee eines Schutzwalles zurück, auch um die friedliche Dynamik der politischen Auseinandersetzungen der Teilnehmer der Gegengipfelwoche aus aller Fernsehöffentlichkeit ins Niemandsland der potentiellen Randalierer auszugrenzen.

Doch Rostock erwies sich für die meist jungen Leute als offenherzig gastgebende Stadt. Zuständig waren allerdings auch für sie die siebzehntausend bundesweit rekrutierten Polizisten! Als G8-Gralshüter hatten sie die schwierige Aufgabe, den Mächtigen das junge Volk aus den Augen zu halten und gleichzeitig allen Spürsinn zu nutzen, um die mit einem anspruchsvollen politische Lernprogramm listig vermummten Gegengipfler, als zu tiefst gewaltbereit zu enttarnen, möglicherweise auch der Terroristenszene nahe zu bringen.

Dabei hätte Frau Merkel den acht selbsternannten Weltregenten doch den Gegengipfel als eine um die Weltprobleme besorgte mit sachkundigen Argumenten ausgestattete kritische junge Elite des Landes präsentieren können! Ein Beispiel offensiver Demokratie und Lebensfreude! Aber die Herren Schäuble und Jung vermochten selbst mit dieser kritischen Strömung ihre Mühlräder zu betreiben: Die Unberechenbarkeit, weil Erregbarkeit, konnten sie sich nicht entgehen lassen, um für ihre systemnützlichen Terrorphantasien, in noch nicht legalisierter Zusammenarbeit von Polizei und Bundeswehr den Ernstfall zu simulieren: So schaffte es dann auch ein einziger Hubschrauber in lärmendem Tiefflug die Demo-Kundgebung akustisch zu terrorisieren. Eine bewährte Möglichkeit den Zornpegel steigen zu lassen.

Fatal war nur, dass alle recht(s)schaffenden Medien sich mobil machen ließen, den auf der Auftaktdemo von der Polizei zunächst freundlich übersehenen „Schwarzen Block“ und seine dann plötzlich gewalttätigen Exzesse zur Singnatur des Gegengipfels zu machen. Der sehnlich erwartete Nachweis für die Gewaltbereitschaft war nun dokumentiert.

Der faszinierende demokratische Elan der durchaus unterschiedlichen Gruppen des Bündnisses der G8-Kritiker, der Aufwand an Kraft, Ideen, an Organisationstalent und internationaler Solidarität während der Vorbereitung und Durchführung der unzähligen auch musischen Veranstaltungen, sind der Öffentlichkeit nahezu vorenthalten worden. Sogar die kirchlichen Aktivitäten in Rostock schienen sich hauptsächlich auf das Anzünden von Kerzen für die Millionen durch Hunger und Krieg ermordeten Kinder der Welt zu beschränken. Doch auch die Botschaft vom zeitgleich stattfindenden 31. Evangelischen Kirchentag in Köln lautete -in Übereinstimmung mit der Botschaft des Gegengipfels- dass Menschen und Natur weltweit vor dem globalen Zugriffs des Kapitals gerettet werden müssen: Eine große Koalition derer, die eine andere Welt nicht nur für nötig, sondern auch für möglich halten.

Und wie eine Parodie auf die Aktivitäten des Gegengipfels verteilten die Neonazis ihre für Schwerin geplante Großdemo, die wohl aus Mangel an Polizeibewachung verboten worden war – nahezu ungestört -gleichzeitig auf viele Orte Deutschlands. Sie konnten sogar ungehindert durch das Brandenburger Tor ziehen mit ihren globalisierungskritisch getarnten nationalistischen Ansprüchen z.B.: „Das deutsche Kapital muss vor dem Zugriff Fremder gerettet werden.“ Der Schoß ist fruchtbar noch … Und die nicht Verlierer sein wollen, versuchen, mit Nazis auf die Gewinnerseite zu kommen. Nicht nur deshalb war NO NPD eine unentbehrliche Losung beim Gegengipfel.

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