Ein Gerechter unter uns

geschrieben von Heinrich Fink

5. September 2013

Yad-Vashem würdigt Professor Eberhard Rebling

Nov.-Dez. 2007

Prof. Dr. Eberhard Rebling, Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten ist am 11. Oktober 2007 in einer Feierstunde in der Israelischen Botschaft als »Gerechter unter den Völkern« geehrt worden. Jahrelang hatte er sich geweigert, die höchste Würdigung des Staates Israel für einen Nichtjuden anzunehmen. Er meinte, solange es keine entsprechende Auszeichnung für die vielen Juden gäbe, die Juden gerettet haben, schäme er sich, der einzige aus seiner Widerstandsgruppe zu sein, der als »Retter jüdischen Lebens« geehrt würde.

Nun trägt er als letzter Lebender für alle, die damals mit ihm Widerstand geleistet haben, doch noch den Ehrentitel, den Yad-Vashem vergibt. Die Holocaust-Gedenkstätte Yad-Vashem ist eine Einrichtung des Staates Israel auch zur »Verewigung des Andenkens an die Märtyrer und Helden, die Juden gerettet haben«, zugleich ein Forschungszentrum zum Schicksal der europäischen Juden während der Zeit des Hitler-Faschismus. Der Name »Yad-Vashem« steht in einer Verheißung des Propheten Jesaja: »Und ihnen werde ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal und einen Namen geben, der niemals getilgt werden soll.«

Mit der Ernennung zum Gerechten wird die dankbare Anerkennung für jene zum Ausdruck gebracht, die mit persönlichem Einsatz unter Gefährdung des eigenen Lebens Juden gerettet haben. Eine Medaille, eine Urkunde und der Eintrag des Namens auf dem Memorial-Wall im »Garten der Gerechten« von Yad-Vashem, in dem die Namen von nahezu 23.000 Frauen und Männern aus allen Teilen Europas, darunter etwa 500 aus Deutschland, eingemeißelt sind, gehören dazu. Nathan Karp aus Jerusalem gestaltete die Medaille mit einem Text aus dem Talmud: »Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.« und symbolisiert sie mit Händen und Stacheldraht: »Die Hände, die eine Lebenslinie aus Stacheldraht umfassen, scheinen aus dem Nichts herauszuragen, während die Linie, die um den Erdball gewunden ist und ihm die treibende Kraft verleiht, aussagt, dass Taten wie die der ›Gerechten‹ die Existenz der Welt und unseren Glauben an die Menschheit bestätigen.«

Der Gesandte der Botschaft, Ilan Mor, überreichte Eberhard Rebling Medaille und Urkunde für gerettetes Leben und nannte dabei die Namen von Lin Jaldati, Reblings Frau, der Tochter Katinka, die 1941 geboren wurde, weitere Namen aus der Familie Lin Jaldati und Namen von Freundinnen und Freunden, die alle versteckt waren in dem Haus, das Rebling, selbst im Exil, eigens für die Bedrohten, gemietet hatte. Es lag abseits der Straße in der Stadt Naarden. Sie hatten im Haus umgehend doppelte Wände und auch doppelte Böden eingebaut für die verfolgten Juden und ihre Kinder. Zeitweilig lebten 20 Personen dort, die von niederländischen Sympathisanten in Sicherheit gebracht worden waren.

Der Kommunist Eberhard Rebling hatte Deutschland bereits 1930 verlassen, um in Holland Musik zu studieren. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht lebte er als Deserteur in höchster Gefahr, wenn auch geschützt durch gefälschte Papiere. Das Haus wurde im Juni 1944 verraten und alle Bewohner verhaftet. Rebling konnte von einem Transport flüchten. Im Archiv von Yad-Vashem sind Protokolle des Niederländischen Gerichtshofes, welche die Verhöre, den Verrat und die Verhaftung dokumentieren, erhalten. Das Yad-Vashem-Schreiben zur Verleihung des Preises schließt: »Nach dem Krieg verließ Eberhard Rebling mit seiner Familie die Niederlande und ließ sich in Ostdeutschland nieder.« Der 96-Jährige ist heute der Einzige, der noch bezeugen kann, was in der ›Villa Hohes Nest‹ in den Jahren 1943 bis 1944 vor sich ging.

Eberhard Rebling ist Hochschulprofessor, Autor vieler musikwissenschaftlicher Bücher und hat als Pianist seine Frau Lin Jaldati auf vielen Reisen durch Europa, Kanada, Süd- und Ostasien begleitet. Seit 1979 traten beide gemeinsam mit den Töchtern Jalda und Katinka auf und hielten das Erbe widerständiger jiddischer Lieder lebendig. Der Tod von Lin Jaldati 1988 beendete diese einzigartige musikalische Zusammenarbeit, doch Tochter Jalda setzt sie bis heute, quasi als ihr Lebenswerk, fort.

Bewegt nahm Eberhard Rebling die Ehrung entgegen und erinnerte an jene Mitbewohner, die nicht gerettet werden konnten. Er schloss: »Meine ungeteilte Aufmerksamkeit und mein Engagement gilt dem Widerstand gegen Neofaschismus und Krieg.«

Erinnerung für heute

geschrieben von Hans Lauter

5. September 2013

VVN-BdA Sachsen beteiligte sich an Ehrungen für Clara Zetkin

Nov.-Dez. 2007

Anlässlich des 150. Geburtstages von Clara Zetkin wurden von wissenschaftlichen Institutionen und Heimatvereinen Gedenkveranstaltungen organisiert, an denen wir als VVN-BdA aktiv beteiligt waren.

Schwerpunkt dieser Veranstaltungen war der Kampf Clara Zetkins um die Gleichberechtigung der Frauen. Unser Auftreten war wesentlich auf ihren Kampf gegen Faschismus und Krieg orientiert.

Bereits am 20. Juni 1923 erstattete Clara Zetkin den Bericht auf einer Konferenz der Kommunistischen Internationale mit dem Titel »Der Kampf gegen den Faschismus«.

Ihr Bezugspunkt war Italien. Mit dem »Marsch auf Rom« am 28. Oktober 1922 hatten die Faschisten die Macht an sich gerissen. Clara Zetkin untersuchte die historischen und politischen Hintergründe dieses Ereignisses, wobei sie großes Gewicht auf die Entlarvung der sozialen Demagogie des Faschismus legte, um zu erklären, wieso er diesen Masseneinfluss gewinnen konnte. Ihre Rede war ein großangelegter Versuch, das Wesen des Faschismus zu bestimmen. Man darf nicht vergessen, dass damals in der Arbeiterbewegung die Auffassung verbreitet war, dass »der Faschismus nichts sei als bürgerlicher Terror«. Obwohl sie den Kampf gegen den Faschismus mit dem Kampf um die politische Macht der Arbeiterklasse verband, war nach meiner Ansicht ihre damalige Analyse, wenige Monate nach Errichtung der faschistischen Diktatur in Italien, eine entscheidende Hilfe für die strategische Orientierung der internationalen Arbeiterbewegung.

Clara Zetkin stellte fest, dass der Faschismus nach Italien seine stärkste Position in Deutschland hat. Dafür hatten sich durch den Ausgang des ersten Weltkriegs und das Versagen der Revolution günstige Bedingungen entwickelt. Als wichtigstes Gegenmittel proklamierte sie die proletarische Einheitsfront. Wie notwendig diese Orientierung war, zeigt der misslungene Versuch der Hitlerfaschisten, am 9. November 1923 »von München nach Berlin zu marschieren«. Leider ist es im darauf folgenden Jahrzehnt nicht gelungen, diese Einheitsfront in Deutschland herzustellen, was die Machtübertragung an die Hitlerpartei erleichtert hat.

Clara Zetkin gehörte als Abgeordnete der KPD von 1920 bis 1933 dem Deutschen Reichstag an, den sie am 30. August 1932 als Alterspräsidentin eröffnete. Diese Möglichkeit hat sie genutzt, um ein realistisches Bild von der Krise des Kapitalismus zu vermitteln. Sie wies nach, dass Deutschland von einem Präsidialkabinett regiert wird, das Handlanger des Monopolkapitals ist und unter Ausschaltung des Reichstages gebildet wurde. Im Kampf gegen dieses System, so Clara Zetkin, gälte es zunächst, vor allem den Faschismus nieder zu ringen. »Das Gebot der Stunde ist die Einheitsfront aller Werktätigen (…) um damit den Ausgebeuteten die Kraft und die Macht ihrer Organisationen zu erhalten, sogar ihr physisches Leben. Die Selbstbehauptung der Werktätigen gegen den Faschismus ist die unerlässliche Voraussetzung für die Einheitsfront…«

Leider ist es, abgesehen von gemeinsamen betrieblichen und lokalen Aktionen, nicht gelungen, eine solche Einheitsfont gegen den Faschismus herzustellen. Nach meiner Erfahrung hätte die von Clara Zetkin geforderte Gemeinsamkeit das Kräfteverhältnis 1932 in Deutschland entscheidend verändern können.

Den Erfolg gemeinsamer Aktionen zeigt die Kapitulation des Neonazis Worch, der auf Grund des gemeinsamen Widerstands alle Aufmärsche in Leipzig bis 2014 abgesagt hat. Der von Clara Zetkin aufgezeigte Weg erweist sich damit auch als Schlüssel für die Lösung von Gegenwartsproblemen im Kampf gegen Neofaschismus und Rechtsextremismus.

Kampf um das Gedenken

geschrieben von Heinrich Fink

5. September 2013

Zum neuen Gedenkstättenkonzept der Bundesregierung

Nov.-Dez. 2007

Kulturstaatsminister Bernd Neumann von der CDU hat am 26. Juni 2007 einen Entwurf zur Fortschreibung der Gedenkstättenkonzeption gemäß Koalitionsvertrag vom 11. November 2005 zur Vorlage im Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages übergeben. Das Konvolut von 27 Seiten soll ein neues Gedenkstättengesetz der Bundesrepublik Deutschland im Parlament vorbereiten. Der Titel der Vorlage lautet: »Verantwortung wahrnehmen, Aufarbeitung verstärken, Gedenken vertiefen«. Dazu wird es nun in den nächsten Wochen öffentliche Anhörungen und interne Beratungen geben. Die vom Gesetz Betroffenen sind aufgefordert, ihre Meinung zu artikulieren. Im Ergebnis soll eine staatliche Richtschnur für zeitgemäße deutsche Erinnerungskultur entstehen. Für uns, die wir Gedenkstätten- und Erinnerungspolitik als eine Hauptsäule unserer Arbeit betrachten, Grund genug, den Entwurf genau zu prüfen.

Grundtenor der Empfehlungen der Enquete-Kommission des Bundestages zur »Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit« war die Delegitimierung der DDR und ihre Gleichsetzung mit dem Nationalsozialismus. Die finale Botschaft der jetzigen Vorlage besteht darin, diese Totalitarismusthese weiter zu beweisen. Im Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD wurde die Absicht erklärt, in der Gedenkstättenkonzeption eine »angemessenen Berücksichtigung der beiden deutschen Diktaturen« fortzuschreiben. Es geht also wieder nicht um Vergleiche im Sinne der Komparatistik, die eine wichtige Disziplin in der Geschichtswissenschaft darstellt. Gemeint ist hier erneut nur eine Gleichsetzung, gleichsam als Bestätigung einer vorgefassten Meinung. Wir Antifaschisten haben nichts gegen eine kritische Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit, auch nichts gegen die analytische Aufarbeitung antisemitischer Tendenzen etwa in der Tradition der Linken. Es muss aber aufgedeckt werden und nicht vorurteilsgeladen zugedeckt. Antikommunistische Vorurteile sind dabei nicht hilfreich. Wichtig wäre ein offener, streitbarer Dialog all derer, die an historisch fundierten Auseinandersetzungen interessiert sind.

Um Zukunft zu gewinnen ist die Kenntnis von Vergangenheit wichtig. Die Aufarbeitung der DDR-Geschichte muss allerdings der historischen Wahrheit und Wahrhaftigkeit verpflichtet sein. Jeder Versuch einer Gleichsetzung mit dem Völkermord-Regime des Faschismus kommt einer Verharmlosung der Untaten des deutschen Faschismus gleich. Das Gedenken und die Vertiefung der Erinnerung sind wichtige Aufgaben bei der Erziehung der nächsten Generation. Beides muss in Bildung, Kunst und Kultur ihren Niederschlag finden. Samuel Korn, Generalsekretär des Zentralrats der Juden, wirft dem Konzept vor, es verzichte auf die Souveränität des bisher geltenden Gedenkstättenkonzeptes, das explizit die inhaltliche Autonomie und politische Selbständigkeit als Kernmerkmal demokratischer Erinnerungskultur und politischer Selbständigkeit betonte. Der Entwurf enthielte sich nicht einer parteilichen Geschichtsdeutung, er habe geradezu einen autoritären Weisungsstil.

In Sachsen hatte schon vor einigen Jahren ein Gedenkstättengesetz in Sinne der Gleichsetzung von totalitären Systemen zu einem Eklat geführt. Damals haben die Vertreter der Opferverbände, wie die Zentralräte der Juden und der Sinti und Roma sowie die VVN-BdA und die Organisation der Opfer der NS-Militärjustiz die Stiftung verlassen und sind bis heute nicht in das Gremium zurückgekehrt. Besonders im Ausland fand dieser Vorgang große Beachtung. Angesichts von Thesen wie: »Beide Diktaturen standen jeweils auf ihre Weise einem demokratischem Rechtsstaat diametral entgegen und bekämpften diesen«, war damals von einem »erinnerungspolitischen Paradigmenwechsel« gesprochen worden. Der vorgelegte Entwurf stellt einen weiteren Versuch dar, derartige Positionen gesetzlich zu verankern. Eine neue Runde im Kampf um die Erinnerung hat begonnen.

Migrationshintergrund?

geschrieben von Irene Runge

5. September 2013

Plädoyer für Einwanderungsgeschichte als Schulfach

Nov.-Dez. 2007

Auf Deutsch gibt es sonderbare Sprachhemmungen. Beispielsweise dann, wenn es um die Einwanderung und die Einwanderer geht. Da mussten neue Begriffe her, weil das Wort »Ausländer« all jene überging, die längst deutsche Staatsangehörige waren. So erfand man sich die »einheimischen Ausländer« und »fremden Deutschen«, begann, mit dem Wort »Migrationshintergrund« auch statistisch zu jonglieren, und korrigierte politisch die Tatsache, dass es hierzulande Menschen mit – und auch ohne Migrationserfahrungen gibt.

Solche Rederegeln verhindern, dass neue Erkenntnisse mehr sind als nur Worte. Wenn bereits im Jahr 2010 rund 40 Prozent (!) aller unter Vierzigjährigen in unserem Land irgendeinen familiären oder eigenen Migrationshintergrund haben werden, könnten neue Fragen entstehen. Beispielsweise die, ob es überhaupt wichtig ist, dass fast die Hälfte dieser Altersgruppe nicht-deutscher Herkunft sein wird. Vermutlich wird sich das am stärksten in den großen Städten, und weniger sichtbar auf dem platten Lande zeigen. Ganz natürlich stehen jene an der Spitze der Entwicklung, deren Groß- oder Urgroßeltern einst aus der Türkei in die Bundesrepublik eingewandert und hier geblieben sind, gefolgt von denen aus dem längst zerfallenen Jugoslawien. Heute leben hierzulande Angehörige aus rund 200 Ethnien, doch nicht alle werden statistisch zur Kenntnis genommen. Das betrifft nicht nur die Kurden mit türkischer oder sonstiger Staatsangehörigkeit. Wie kommt es eigentlich, dass solche Themen in den politischen Debatten zwischen links und Mitte nicht zu hören sind?

Gedankliche und administrative Hilflosigkeit machen sich auch dann breit, wenn es um das Thema »Deutsche mit Migrationshintergrund« geht. Dazu gehören beispielsweise die Spätaussiedler, aber auch jene in die väterliche Heimat einwandernden Kinder der vor den Nazis ins Ausland geflohenen Juden. Auch das verschweigt die Politik, die dem Alltag zumindest Richtungen vorgeben sollte. Aber Staatsangehörigkeit ist nicht zwingend Nationalität, doch diese Frage wird dem rechten Rand überlassen. Für den bleibt fremd, wer sichtbar anderer Herkunft ist und zwar ungeachtet seines Bürgerrechts. Das allein wäre Grund genug für linke politische Gegenwehr.

Diese feste Burg kann nicht von langer Dauer sein. wenn alsbald jedes zweite Kind eine andere denn die bislang übliche deutsche Familiengeschichte haben wird. Ganz zweifellos sind diese Kinder auch Deutsche. Was denn sonst? Sie werden sich regional definieren, je nachdem, wo sie geboren sind: Berlin, Nürnberg, Luckenwalde oder Dresden, und sie werden stolz auf ihre doppelte und dreifache, auf ihre nationalen, ethnischen und religiösen Identitäten sein. Diese Kinder verfügen per Geburt über den Schatz der vor ihnen gewesenen Generationen, über längst nicht vergessene unterschiedliche familiäre Einwanderungsvergangenheiten, über Sprachfertigkeiten und kulturelle Vielfalt. Das ist ein Bildungsvorteil.

Die Einwanderer der ersten Generation haben noch Migrationserfahrungen, aber es fragt kaum jemand danach. Schon über 1,2 Millionen Kinder von eingebürgerten oder ausländischen Eltern haben bei der Geburt zusätzlich die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten. Wie sie sind rund 1,5 Millionen Kinder, bei denen ein Elternteil Ausländer, Spätaussiedler oder Eingebürgerter ist, keine Migranten und sie haben demnach keine Migrationserfahrungen.

Wie es weitergeht? In wenigen Jahrzehnten gestalten solche Kinder, denn an anderen wird es mangeln, ganz ohne Verweis auf die Herkunft ihrer Vorfahren die deutsche und europäische Politik, Wirtschaft und Kultur. Dann wird es in der Schule das Fach Einwanderungsgeschichte geben, und die letzten der ersten Einwanderer werden als Zeitzeugen gefragt sein. Wird man das aktuelle deutsche Zuwanderungs- und Flüchtlingsbegrenzungsgesetz dann überhaupt noch verstehen?

Linke Heimatgefühle

geschrieben von Conrad Taler

5. September 2013

Erwiderung auf den Artikel »Rechte Heimatgefühle«

Nov.-Dez. 2007

Unter der Überschrift »Rechte Heimatgefühle« berichtet Anne Rieger im »antifa«-Magazin vom September/Oktober 2007 über eine Regionalstudie zum Rechtsextremismus, die sich mit den Ursachen des politischen Verhaltens von Jugendlichen im württembergischen Rems-Murr-Kreis befasst. In dem Beitrag heißt es, den Sozial- und Verhaltensforschern um Professor Josef Held von der Universität Tübingen sei bei ihren Interviews aufgefallen, »dass Jugendliche mit extrem rechten Positionen gut in ihr dörfliches oder kleinstädtisches Milieu integriert sind und einen starken Bezug zur Heimat haben«.

Was sollen wir daraus lernen? Dass Heimatliebe und ländliches Milieu anfällig machen für rechtsextremistische Positionen? Wenn das stimmte, dann wären Jugendliche in städtischen Ballungszentren von vornherein weniger gefährdet. Aber auch dort finden braune Rattenfänger Mitläufer und Nachbeter. Dass »auf dem Land« konservative Denkweisen stärker verbreitet sind als anderswo ist eine Binsenweisheit. Das sollte aber nicht zu Vorurteilen gegenüber dem dörflichen Milieu verleiten, in das gerade seine Kritiker während des Urlaubs nur allzu gern selber eintauchen.

Wer sich in einem ländlichen Umfeld geborgen fühlt, der versinkt doch deswegen nicht in provinziellem Mief. Heimatliebe ist nicht das Vorrecht von Leuten, die sich national nennen, und dabei – wie Thomas Mann sich ausdrückte – nur »Dunst und Dusel, das faule, wehleidige, brutale ›Gemüt‹ im Sinn haben«. Sie ist nicht gleichbedeutend mit Weltabgewandtheit und Feindschaft gegenüber Menschen anderer Sprache oder Hautfarbe. Heimatliebe ist Ausdruck der Sehnsucht des Menschen nach Geborgenheit und Frieden.

Kurt Tucholsky hat sich leidenschaftlich dagegen gewehrt, den Heimatbegriff der politischen Rechten zu überlassen. In einem Aufsatz mit dem schlichten Titel »Heimat« schrieb er 1929: »So wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht nehmen wir, die wir hier geboren sind, Fluss und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese; es ist unser Land. Man hat uns zu berücksichtigen, wenn man von Deutschland spricht, uns: Kommunisten, junge Sozialisten, Pazifisten, Freiheitsliebende aller Grade, man hat uns mitzudenken, wenn ›Deutschland‹ gedacht wird.«

Viele heimatverbundene Menschen haben über die Naturfreundebewegung den Weg in linke Parteien gefunden und sind den Idealen ihrer Jugend ein Leben lang treu geblieben. Wer die Liebe der Menschen zu Heimat und Natur verächtlich macht, treibt sie in die Arme von Leuten, denen Heimatliebe zu allen Zeiten nur als Vehikel für dumpfen Nationalismus gedient hat. Alte Nazis und rechte Politiker konnten während des Kalten Krieges nur deswegen mit den Gefühlen von Millionen Vertriebenen ungehindert Schindluder treiben, weil andere das Wort Heimatliebe nur mit herabgezogenen Mundwinkeln über die Lippen gebracht haben. Da gibt es einiges aufzuarbeiten. Immerhin belegen zahlreiche literarische Zeugnisse, dass die von den Nazis verjagten Hitlergegner einen starken Bezug zu ihrer Heimat hatten.

So interessant die Ergebnisse der Regionalstudie über den Rechtsextremismus bei Jugendlichen im Rems-Murr-Kreis auch sein mögen, so wenig sollten sie verallgemeinert werden. Vor mehr als fünfzig Jahren wurde ich als Wahlredner in einen kleinen Weinort im Remstal geschickt. Dort bereitete die Dorfjugend dem jungen Redakteur aus Stuttgart einen heißen Abend. Als der letzte Zug nach Stuttgart weg war und ich keine Bleibe hatte, lud mich mein schärfster Kritiker ein, bei ihm und seiner jungen Familie zu übernachten.

Widerstand in Thüringen

geschrieben von Norbert Podewin

5. September 2013

Eine lesenswerte Spurensuche antifaschistischen Kampfes

Nov.-Dez. 2007

Die Fülle der Widerstandsliteratur gegen den deutschen Faschismus ist jüngst um eine bemerkenswerte Neuerscheinung bereichert worden. Autor Gerd Kaiser zeichnet die Geschichte des Widerstandes in Thüringen nach. Es war das erste Land der Weimarer Republik, in dem sich 1931 in einer Koalition NS-Politiker – so Wilhelm Frick – legal positionieren konnten. Im August des Folgejahres kam hier die erste »rein nationalsozialistische« Landesregierung ins Amt; der seit 1927 NSDAP-»Gauleiter« und fanatische Antisemit Fritz Sauckel wurde Staats- und Innenminister.

Historisch fundiert setzt Kaiser den Widerstand gegen die NS-Bewegung bereits 1923 an und kennzeichnet deren Drahtzieher: »Der Faschismus zeigte sich mitnichten als ein gesellschaftliches Problem der ‚politischen Ränder von rechts und links‹. Er war eine Frucht der finanziellen, wirtschaftlichen und politischen Herrschaftsraffinesse an der Spitze und in der Mitte der Gesellschaft, den Interessevertreter den Faschismus förderten und tolerierten, ihm schließlich den Weg öffneten.«

Die verschiedenen Etappen des Kampfes werden herausgearbeitet und die Aktivisten – vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten – gewürdigt. Doch auch Intellektuelle, Kleinbürger und Geistliche, die vor der Demagogie der Hitler-Bewegung warnten, finden Würdigung. Der Überblick über den Widerstand im Thüringer Wald wird ergänzt durch das Kapitel »Lebensbilder aufrechter Frauen, Männer und Jugendlicher«, in dem etwa 430 Antifaschisten gewürdigt werden. Bei einigen musste es bei bloßer Angabe bleiben, da Unterlagen nicht mehr vorhanden sind, so »Heinrich List; Suhl, politisch verfolgt und im KZ Buchenwald gestorben« oder »Günther Schwarze; geboren am 26.2.1912 in Rudolstadt, wohnhaft Erfurt, wurde von einem Gestapokommando kurz vor der Befreiung im Webicht erschossen«.

Wo Kaiser bei seiner akribischen Suche fündiger wurde, lernen wir politische Lebensbilder in aller Vielfalt kannten. Hunderte Überlebende und Angehörige wurden befragt und stellten einmalige Dokumente und Fotos zur Verfügung. »Gefunden wurden«, so der Autor, »bisher zumeist unbekannte Briefschaften, Anklageschriften und Urteile, Flugblätter, handgeschriebene Erinnerungen von knapp einer Seite bis zu unveröffentlichten Autobiografien von über 200 Seiten«. Nachgewiesen aber werden auch nach 1990 »gelöschte« Erinnerungsstätten und Persönlichkeiten, die nicht in die These von den »zwei deutschen Diktaturen« passten.

Gerd Kaiser

Auf Leben und Tod. Stille Helden im antifaschistischen Widerstand 1923 bis 1945, edition bodoni 2007,

ISBN-10: 3929390965
ISBN-13: 978-3929390964

Gerd Kaiser selbst hat ein hervorragendes quellenkritisches Werk vorgelegt und darin keinen Zweifel an seiner politischen Haltung gelassen. Er schreibt dazu bündelnd: »Die seit Ende des 20. Jahrhunderts in Umlauf gebrachten gestanzten Worthülsen vom ›verordneten‹ oder ›rituellen‹ Antifaschismus sind sprachliche und ideologische Stempel. Sie sollen politische Blindheit und Unvermögen, wirtschaftlich motivierte Liebedienerei oder Mitläufertum aus Karrieregründen gegenüber dem Phänomen Faschismus, vor allem dessen Mitgestaltung oder dessen stillschweigende Duldung oder Verherrlichung kaschieren, aktive antifaschistische Gesinnungen und Haltungen herabwürdigen, historische Tatsachen und Taten verschweigen, verfälschen oder ›delegitimieren‹«.

Der Rabbiner-Nachfahre

geschrieben von Irene Runge

5. September 2013

Günter Nobel: Kommunist, Brandenburg-Häftling,
Shanghai-Emigrant

Nov.-Dez. 2007

Am 12. März 2003 hatte der Jüdische Kulturverein Berlin zu einem Fest geladen, denn Günter Nobel war gerade 90 Jahre alt geworden, aber er legte wenig Wert auf solche Art Ehrungen. Also bat er seine Gäste um gute Laune und solidarische Spenden für seinen Verein. So haben wir auch seinen 85. gefeiert, den 80. hat er uns vorenthalten.

Günter, der Nachfahre bedeutender deutscher Rabbiner, der von den Nazis exmatrikulierte Berliner Student, der Kommunist, Brandenburghäftling zwischen 1936 und1939, der Werkzeugmacher, Shanghai-Emigrant, SBZ-Rückkehrer aus politischer Überzeugung, der Ehemann, Vater, Groß- und Urgroßvater, Freund und Genosse – er wirkte schließlich als längst berenteter Wirtschaftsfunktionär über Jahre hinweg auch als engagiertes Vorstandsmitglied im Jüdischen Kulturverein Berlin. Wenn ich an ihn in dieser Funktion denke, fällt mir seine wache Disziplin ein, seine klare Parteilichkeit, sein solidarisches Mitgefühl, sein verschmitzter Humor. Er war ohne Wenn und Aber einer von uns.

Wie andere seiner Generation hatte auch Günter Religion und jüdisches Brauchtum mit Muttermilch und Vaterwort aufgesogen, aber wie sehr viele unserer sozialistischen Eltern schlug auch er dieses jüdische Erbe aus. So war er an dessen Weitergabe an uns wegen frühzeitig intensiver Politisierung in SAP und KPD folglich auch nicht beteiligt.

Dass er und Genia, seine Frau, sich nach dem Ende der DDR ausgerechnet auch noch in einem Jüdischen Kulturverein beheimatet haben, dass sich Günter in unseren Sprecherrat wählen ließ, dass er dadurch über Jahre unsere endlosen Debatten zu Religion und Weltlichkeit, über die richtige Gestaltung jüdischer Feiertage und die Kaschrut freundlich, gar wohlwollend zur Kenntnis nahm und gern mit orthodoxen Besuchsrabbinern plauderte, die ihn als einen Nobel-Nachfahren mit größter Hochachtung behandelten, gehörte dazu.

Aus mir nicht bekannten, wohl weit zurückliegenden, gewiss religiösen Gründen, waren zwei der großen rabbinischen Dynastien in Deutschland, die der Nobels und Carlebachs, heftig und unversöhnt miteinander verfeindet. Im Jahr 1990 nun kam der unvergessene Reb Shlomo Carlebach, der fast letzte bekannte Rabbiner aus der berühmten Carlebach-Dynastie aus Manhattan zu uns in den Jüdischen Kulturverein. Er sang wie immer predigend und predigte singend mit, für und bei uns, aber auch im Westberliner Interkonti-Hotel. Dort fand gerade irgendeine jüdische Tagung statt. Einige von uns folgten Reb Shlomo brav dorthin, in einer Eingebung flüsterte ich ihm zu, dass sich auch Günter Nobel unter den Gästen befinde. Sofort holte der Rabbiner den überraschten Günter auf die Bühne, umarmte ihn, und so kam es endlich zu der längst überfälligen und unerwarteten Aussöhnung der Familien Carlebach und Nobel. Damals war mir und uns nicht im Entferntesten klar, dass in diesem Moment an der jüdischen Geschichte Deutschlands weiter geschrieben wurde.

Aber Günters Prioritäten waren dennoch andere: Ihm ging es um die Erfahrungen aus dem Widerstand und um die daraus abzuleitende politische Agenda der Gegenwart. Er war, er sah sich als einen der letzten Zeitzeugen, die über den Kampf und die Lehren daraus berichten konnten. So, als wir beispielsweise zum ersten Mal Heinz Fromm, den Präsidenten des Bundesverfassungsschutzes zu einem öffentlichen Gespräch in den Verein eingeladen hatten. Es war natürlich Günter, der eindringlich argumentierend von diesem das Verbotsverfahren der NPD anmahnte. Kein Antifa-Sonntag im September, kein Fabrik-Aktions-Gedenken, keine politische Debatte, die er freiwillig verpasst hätte.

Aus Shanghai kehrten Günter und Genia 1947 mit kämpferischer Zuversicht in die spätere DDR zurück – nicht zuletzt war es Bruno Baum, Freund und Mithäftling in Brandenburg, der Auschwitz überlebt hatte, der die beiden in Briefen nach Shanghai von dieser Mission überzeugte.

Wir werden dafür zu sorgen haben, dass Günters deutsch-jüdisch-politisch-kulturell-persönliche Biographie nicht allzu einseitig erinnert wird.

»Rat der Götter«

geschrieben von Klaus Woinar

5. September 2013

Umfassende Studie zur Geschichte der IG Farben erschienen

Nov.-Dez. 2007

Janis Schmelzer, ein profunder Kenner des IG Farben-Konzerns, stellt die Absicht seiner Studie in der Einleitung wie folgt dar: »Schlaglichtartig wird das Verhältnis der aufstrebenden Chemiefirmen zu der jeweiligen Staatsmacht in den drei aufeinander folgenden Staatsformen beleuchtet.« Für das Kaiserreich stellt er die einflussreichen Persönlichkeiten Carl Duisberg, Carl Bosch und Fritz Haber in den Vordergrund. Für die Zeit Weimarer Republik untersucht er die wachsende Einflussnahme der Direktoren der sich 1925 zur IG Farben zusammenschließenden Chemiefirmen, die sich machtbewusst als der »Rat der Götter« verstanden. Die engen Verflechtungen zwischen der Nazi-Diktatur und der »IG-Farben« sollen am Beispiel der Aktivitäten der nun den Konzern beherrschenden Vorständler Carl Bosch und Carl Krauch bewiesen werden.

Das erste Kapitel des Buches behandelt die Zeit vor und während des Ersten Weltkrieges über die Nachkriegskrise bis zur Gründung der IG Farben 1925. An der, den Prozess der Konzentration in der deutschen Chemieindustrie prägenden, Persönlichkeit, des »angestellten Unternehmers« Carl Duisberg, analysiert der Autor das Expansionsbestreben, welches in Zusammenarbeit mit militärischen Eliten zum Ersten Weltkrieg und im Kriege zu Kriegsverbrechen an Soldaten und ausländischer Zivilbevölkerung führte. Die Zitate aus Duisberg Denkschriften von 1904 und 1915 und anderen Dokumenten sind treffend. Im Unterkapitel »Klassenauseinandersetzungen 1918-1924« belegt Janis Schmelzer die offene Parteinahme von Vertretern der Weimarer Republik zum Schutz der Interessen der IG-Herren.

Das umfangreiche zweite Kapitel behandelt die Zeit von der Bildung der »Interessengemeinschaft der deutschen Teerfarbenfabriken AG (IG Farben)« 1925 bis zur Machtübergabe an Hitler. Im Zentrum steht dabei die IG-Spionage-Zentrale »Berlin NW 7«. Viele der hier beheimateten Büros des Konzerns dienten insbesondere der Vorbereitung auf den Zweiten Weltkrieg sowie der Militarisierung der Wirtschaft. Der Autor beleuchtet außerdem die Aktivitäten der IG in aller Welt. Die Namen der IG-Manager Max Ilgner, Carl Bosch, Carl Krauch, Fritz Gajewski als auch die Firmen Standard Oil und Norsk Hydro werden genannt, und damit verbunden die der im Berliner Büro beheimateten Abteilungen zur Tarnung von Auslandsbesitzungen der IG vor dem deutschen Fiskus wie auch die vielfältigen Verquickungen mit Wehrmachts- und Rüstungsdienstellen, um die Profite zu maximieren. Im Unterkapitel »Vom ›Kalle-Kreis‹ zum ›Freundeskreis Reichsführer SS‹« veranschaulicht Schmelzer die Verbindungen zu den politischen Interessensbewahrern in der Weimarer Republik über die frühzeitige finanzielle Förderung der Nazi-Partei ab Januar 1932, wie auch die Zusammenarbeit mit den Mussolini-Faschisten. In einem weiteren Unterkapitel schildert er den Aufbau und die Tätigkeit der »einzigen deutschen konzerneigenen Kolonialschule« in der Dübener Heide, sowie die Entsendung von Konzernvertretern in Nazi-Ministerien.

»Krieg und Neuordnung« behandelt Schritte der IG zur Tarnung eigener Tochterfirmen in zu erwartenden »Feindstaaten«, der Unterstützung des spanischen Putschgenerals Franco gegen die demokratisch gewählte Regierung, zur Beutesicherung in den von der Wehrmacht okkupierten Ländern Europas. Aber es werden auch die Anstrengungen von IG-Beauftragten in enger Zusammenarbeit mit NS-Dienststellen zur Sicherung des IG-Vermögens für die Nachkriegszeit beleuchtet, wofür die IG-Farben die Schweiz bevorzugte.

Im letzten Kapital »Die Täter unter Anklage« wird die juristische Aufarbeitung der verbrecherischen Rolle dieses Konzerns, beginnend mit Versuchen, die IG bereits nach dem Ersten Weltkrieg zur Verantwortung zu ziehen, über die Verbrechensbeweise im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess über den Nürnberger »IG Farben Prozess« 1947/48 bis hin zu den Auseinandersetzungen zwischen den Opfern und führenden Vertretern der ehemaligen IG Farben, die in Nachfolgeunternehmen tätig waren, und der »I.G. Farben in Auflösung«.

In diesem Kapitel bezieht der Autor eindeutig Stellung für die Forderungen der Opfer.

Dem Buch liegt ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis zugrunde. Wichtige Dokumente sind zum Teil als Faksimile abgedruckt. Eine Erläuterung benutzter Abkürzungen erleichtert das Verständnis. Der Autor wird seinem Anliegen, »einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis des Phänomens IG Farben zu leisten« vor allem durch Beweisführung mit den Unternehmensdokumenten, die zum Teil erstmals publiziert werden, durchaus gerecht.

Janis Schmelzer

IG Farben vom »Rat der Götter« Aufstieg und Fall

Schmetterling Verlag, Stuttgart 2006, 200 S., ISBN 3-89657-469-8

Die Verfolgung der Aktivitäten zur Kriegsvorbereitung und der verschlungenen Wege der I.G. zur Tarnung ihrer Tochterfirmen im Ausland erschweren in ihrer Detailtreue etwas die Lesbarkeit.

Insgesamt ein empfehlenswertes, trotz der Detailfülle, handliches Lehrbuch über die Machtfülle und politische Praxis eines transnationalen Mammutkonzerns. Parallelen zum gegenwärtigen Konzentrationsprozess von »Global Playern« kann der Leser selbst ziehen.

Als Zeuge in dieser Sache

geschrieben von Peter Kirchner

5. September 2013

Rudolf Hirsch zum Hundertsten

Nov.-Dez. 2007

Am 17. November würde der Schriftsteller Rudolf Hirsch seinen hundertsten Geburtstag begehen. Geboren in einer wohlbehüteten, relativ gut situierten jüdischen Kaufmannsfamilie in Krefeld, erlebte er ursprünglich das Milieu einer deutsch-patriotischen, ja kaisertreuen Umgebung. Nach den Ereignissen des November 1918 trafen auch den Gymnasiasten Hirsch offen antisemitische Tendenzen. Um das väterliche Schuhgeschäft »in bester Lage« in seiner Heimatstadt zu übernehmen, begann Hirsch eine Lehre in einer Schuhfabrik. Nach dem frühen Tode des Vaters übernahm der gerade 21 Jahre alte Rudolf 1928 das elterliche Geschäft. Nur wenige Jahre später trat er – wie so viele junge jüdische Intellektuelle aus so genanntem »gut-bürgerlichem Haus« – der KPD bei. Wenige Wochen nach der Machtergreifung der Nazis musste Hirsch aus Deutschland fliehen, um einer Verhaftung zu entgehen. Seine Stationen waren Holland, Belgien und Frankreich. Das Geschäft wurde in dieser Zeit »arisiert«. Er kehrte nochmals nach Deutschland zurück, wirkte in der illegalen Arbeit einer kommunistischen Widerstandsgruppe in Berlin, um dann 1937 endgültig zu emigrieren, diesmal nach Palästina. Hier blieb ihm nur die Arbeit eines Schuhfräsers, aber seine politische Tätigkeit setzte er fort.

Arnold Zweig, mit dem ihn eine dann lebenslange intensive Freundschaft verband, und die ebenfalls nach Palästina emigrierte Lea Grundig, beeinflussten ihn und ermunterten ihn auch, seinen schriftstellerischen Neigungen nachzugehen. 1939 hatte er seine erste Frau Ruth geheiratet. Beide kehrten mit Hilfe von Zweig und Grundig 1949 nach Deutschland zurück. Die gerade gegründete DDR wurde ihre neue Heimat, bewusst gewählt, um am Aufbau eines antifaschistischen deutschen Staates mitzuwirken. Er fand bei der »Täglichen Rundschau« eine Anstellung als Gerichtsreporter, und als 1953 die »Wochenpost« begründet wurde, schrieb er für dieses Blatt seine Kolumne »Als Zeuge in dieser Sache« und erreichte mit ihr ein unerwartetes republikweites Interesse. Seine Gerichtsberichte befassten sich mit dem Schicksal von Menschen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren, versuchten aber gleichzeitig, Probleme im gesellschaftlichen Zusammenleben zu erfassen und Partei zu ergreifen – oft für die Beschuldigten, gleichsam als Sachwalter der Angeklagten. Seine Beiträge auf der letzten – oft als erste gelesenen – Seite der »Wochenpost«, die er fast drei Jahrzehnte bis 1981 regelmäßig gestaltete, machten ihn berühmt.

Daneben schrieb er Gerichtsreportagen über Prozesse gegen ehemalige Täter der Nazidiktatur, so die Auschwitzprozesse in Frankfurt am Main 1963 bis 1965 und 1966, den Prozess um die Mordaktion T4 1967 und später den Lischka-Prozess in Köln 1979 sowie den Majdanek-Prozess, zusammengefasst in dem Band »Um die Endlösung« (1982). Mit diesen Berichten vermittelte er einem breiten Kreis von Interessierten ein wichtiges Thema der jüngsten deutschen Geschichte, zeigte die Untaten der Angeklagten auf, aber auch die unvollständige Bereitschaft der bundesdeutschen Justiz, eine wirkliche Aufarbeitung und Verurteilung zuzulassen..

Gemeinsam mit seiner zweiten Frau, der Schriftstellerin Rosemarie Schuder, begann er ab 1981 zusammenzutragen, was dann als »Der gelbe Fleck – Wurzeln und Wirkungen des Judenhasses in der deutschen Geschichte« (1987) erschien. Hier wurde, in essayistischer Form, die Kontinuität der Verfolgung der Juden über die Jahrhunderte hinweg bis zum Holocaust dargestellt. Schuder und Hirsch verfassten auch die Biografie ihres Freundes Kurt Julius Goldstein, »Nr. 58866 Judenkönig« (1996).

Endlich begann er, in seinem 89. Lebensjahr, einem ständigen Drängen der Freunde entsprechend, seine Autobiografie zu schreiben. Er nannte sie »Aus einer verlorenen Welt«. Unvollendet erschien sie nach seinem Tode (2002).

Am 7. Juni 1998 starb Rudolf Hirsch im 91. Lebensjahr. In unserer Erinnerung bleibt er als aufrichtiger und liebenswerter Chronist seiner Zeit, mit einem festen politischen Standpunkt, den er stets mit Nachdruck vertrat.

»antifa«Ausgabe Sept.-Okt. 2007

geschrieben von Foto: arbeiterfotografie.com

5. September 2013

Sept.-Okt. 2007

Verleihung des Aachener Friedenspreises am 1. September 2007

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