Zugänge zur Geschichte

geschrieben von Ulrich Schneider

5. September 2013

Perspektiven der Vermittlung antifaschistischen Widerstandes

Mai-Juni 2007

In dem Grußwort der VVN-BdA an die Tagung hieß es: Der Studienkreis deutscher Widerstand ist und bleibt eine unverzichtbare Institution für die Bewahrung der Erinnerung an die Frauen und Männer aus Widerstand und Verfolgung sowie ein Ort der selbsttätigen Geschichtsarbeit für nachgeborene Generationen.

Exakt 60 Jahre nach der Gründung der VVN und 40 Jahre nach der Gründung des Studienkreises deutscher Widerstand trafen mehr als 150 Teilnehmende aus Schulen, der antifaschistischen Geschichtsarbeit, Pädagogik und Wissenschaft, sowie gesellschaftlicher Organisationen am 17./ 18. März 2007 in Frankfurt/Main zusammen, um über den Stand der Widerstandsforschung und über Perspektiven der Vermittlung der Geschichte des antifaschistischen Widerstands zu beraten.

1967 hatten Vertreter der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), unter ihnen Oskar Müller, Martin Niemöller, Max Oppenheimer, Josef C. Rossaint und Robert Scholl, mit Pädagogen, Wissenschaftlern und Publizisten wie Wolfgang Abendroth, Walter Fabian, Heinz-Joachim Heydorn, Arno Klönne und Günther Weisenborn zu einer Schulbuchkonferenz zum deutschen Widerstand 1933 – 1945 eingeladen. Auch 2007 war die Referentenliste nicht minder prominent, beginnend mit Hans Coppi, Henny Dreifuss, Ernst Grube, Hannes Heer, Arno Klönne, Dietfried Krause-Vilmar, Falk Pingel, Trude Simonsohn, Martin Stöhr oder Jörg Wollenberg. Diese Liste unterstreicht die inhaltliche und politische Breite der Beschäftigung mit der Thematik.

Doch anders als vor 40 Jahren war die Zahl der Zeitzeugen aus der Widerstandsgeneration verschwindend gering. Einer fehlte erkennbar. Die Tagung fand „In memoriam Peter Gingold“ statt. Sein Tod im Herbst 2006 unterstrich die Notwendigkeit, dass die Zeugen der Zeugen zukünftig die Aufgabe der Geschichtsvermittlung selbst übernehmen müssen.

Arno Klönne erinnerte an die geschichtspolitischen Bedingungen vor 40 Jahren und wies in seinem Text auf die Folgen staatlicher Geschichtsrevision für die Aufarbeitung des Widerstands hin. Wer „Nie wieder Auschwitz“ zur politischen Legitimation von Kriegseinsätzen nutzt, konterkariere das Vermächtnis des Widerstands.

Falk Pingel skizzierte die heutige Darstellung des Widerstands in Schulbüchern für die Sekundarstufe I und Thomas Altmeyer lieferte einen kursorischen Überblick über die Geschichte der Forschung zum antifaschistischen Widerstand in der BRD und der DDR und formulierte Ansätze für zukünftige Forschungsaufgaben.

Beide Referate lösten engagierte Diskussionen aus, an denen sich besonders Praktiker (Lehrkräfte und Historiker) mit ihren eigenen Erfahrungen aus der antifaschistischen Geschichtsarbeit beteiligten. Es konnte nicht überraschen, dass auch über den Umgang mit der Widerstandsforschung der DDR und deren Nutzung für die zukünftige Forschungs- und Vermittlungsarbeit lebhaft diskutiert wurde.

In den weiteren Beiträgen und Diskussionen ging es um Zugänge zur Geschichtsvermittlung für die Zeit nach den Zeitzeugen. Es ging um den medialen Umgang mit der faschistischen Vergangenheit („Knoppisierung von Geschichte“), die Frage, ob Menschenrechtserziehung eine antifaschistische Perspektive sei, welche Zugänge zu einem Verständnis von Geschichte der Rettungswiderstand bieten könne und wie die Verortung von Geschichte („Spurensuche“) einen Zugang für Nachgeborene ermögliche.

Am Ende stand eine Podiumsdebatte mit Zeitzeugen unter dem Titel“Wenn wir weg sind, ist alles nur noch Geschichte“. Doch die Gesprächspartner konnten deutlich machen, wie viel von dem, was sie in Schulen, Jugendgruppen und antifaschistischen Verbänden an Aufklärungsarbeit geleistet haben, auch weiterhin für die Geschichtsarbeit wirken wird.

Von verschiedenen Referenten wurden Themen zukünftiger Widerstandsforschung benannt. Dazu gehören der Rettungswiderstand verschiedener Verfolgtengruppen, der Widerstand in den Lagern und die europäische Dimension des Widerstands vom spanischen Bürgerkrieg bis zu den internationalen Partisanengruppen in verschiedenen Ländern Europas.

Kinder des Exils

geschrieben von Andrée Fischer-Mahrum

5. September 2013

Sie erzählen von ihrer Heimkehr ins Land der Täter

Mai-Juni 2007

Jüdisches Museum Berlin – der große Konzertsaal ist voller neugieriger, interessierter Zuhörer. Sie sind gekommen, um an der Diskussion zum Abschluss der Ausstellung »Heimat und Exil. Emigration der deutschen Juden nach 1933« (veranstaltet vom Bonner Haus der Geschichte gemeinsam mit dem Jüdischen Museum Berlin), teilzunehmen. Seit September 2006 war diese Ausstellung zu sehen, sie dokumentierte den Weg jüdischer Emigranten in verschiedene Exilländer und ihr dortiges Leben. Verfolgungen in der Heimat, Fluchtvorbereitungen, Lasten der Flucht und Neuanfang in den aufnehmenden Ländern, wurden gezeigt. Das politische Leben der Emigranten blieb allerdings weitgehend ausgespart. Auch ließ die Ausstellung verschiedene Fragen offen, zum Beispiel danach, wie die Auswahl der gezeigten Exilländer zustande kam. Während das Leben der Emigranten in Frankreich, Großbritannien, den USA und China (hier vor allem Shanghai) vorgestellt wurde, war das Exil in der Sowjetunion den Ausstellungsmachern kein Kabinett wert; für das lateinamerikanische Exil wurde Argentinien gewählt, nicht jedoch Mexiko mit seiner beispiellosen Exilpolitik. Auch das politische Exil in all seinen Verschiedenheiten kam in der Ausstellung kaum vor.

Vielleicht suchten die Besucher dieser Diskussionsrunde Antworten auf diese und andere Fragen. Angekündigt war die Gesprächsrunde unter dem Titel »Zurück ins Land der Täter«, auf dem Podium allerdings saßen Kinder und eine Enkelin ehemaliger Emigranten, deren Eltern nach dem Zweiten Weltkrieg zu verschiedenen Zeiten nach Deutschland zurückgekehrt waren. Michael Brumlik, Daniel Cohn-Bendit, Eva Grünstein-Neumann, Jael Kupferberg (ihre Eltern blieben in Israel, der Großvater beeinflusste sie so, dass sie nach Deutschland ging), Ronny Loewy, Irene Runge, Julius Schoeps. Sie alle kannten sich, gleich, wohin ihre Eltern aus Deutschland (bzw. Österreich) geflohen waren, ob in die USA oder nach Frankreich, in die Sowjetunion, nach Palästina/Israel, Schweden oder in die Schweiz. Die Eltern hatten sich aus den unterschiedlichsten Gründen entschlossen, zurück in das Nachkriegsdeutschland zu gehen, teils war es ihrem politischen Willen, teils dem Zufall zu verdanken, in welchem deutschen Staat sie ankamen.

Die Exilerfahrungen der Eltern prägten die Lebensweisen ihrer Nachfahren in Ost und West. Der Verlust der Geburtsheimat und der Kindersprache wurden, wenn überhaupt, mühsam kompensiert. Manche Ähnlichkeiten der Erinnerungen verblüfften. So wurde fast durchwegs über die Väter gesprochen, obgleich die Mütter nicht minder aktiv waren. In jeder der kurz gefassten Lebensgeschichten kam die Erinnerung an die Fremdheit vor, die sie als Kind in Deutschland empfunden hatten. Sie waren anders und nur mühsam fanden sie ihren Platz im gespaltenen Deutschland. Doch keiner von ihnen wählte Israel als Option, und nur Brumlik hatte dies und das Jüdische schon früh als verbindend und verbindlich erfahren.

Moderator Brumlik sprach durchgängig vom Nachkriegsdeutschland, die DDR blieb bei ihm außer Acht. Grünstein und Runge schilderten ihr anderes Leben in der DDR, wie in ihrer Erinnerung die abgeschotteten Privilegien und Überzeugungen einer kleinen Minderheit ehemals Verfolgter funktionierten, in der zwar viele jüdisch waren, dies aber angesichts ihrer großen politischen Mission nach der Heimkehr lange Zeit als nebensächlich ansahen. Als am Ende dieses zu kurzen, doch ebenso kurzweiligen wie intensiven Gespräches eine Zuhörerin enttäuscht wissen wollte, wo denn nun eigentlich in den Lebensläufen die identitätsstiftende Religion geblieben sei, wurde deutlich, dass die Identität aller auf dem Podium Sitzenden stärker durch ihr politisches Leben und ihr Jüdischsein geprägt worden war, als durch die Religion.

Während der ganzen Veranstaltung habe ich mich gefragt, ob die Eltern genau so freundlich wie ihre Kinder miteinander bei einem öffentlichen Gespräch debattiert hätten. Die Zeiten haben sich geändert. Vielleicht auch eine Hoffnung.

Die Republik vor Gericht

geschrieben von Heinrich Fink

5. September 2013

Erinnerungen eines unbequemen Rechtsanwaltes

Mai-Juni 2007

Heinrich Hannover

Die Republik vor Gericht 1954-1995

Aufbau Verlag 2007-

ISBN 978-3-7466-7053-5

Broschur 960 Seiten

16,90 EUR

Der Rechtsanwalt Heinrich Hannover, 1925 in Anklam geboren, hatte – noch zwei Jahre als Soldat – verwundet an Leib und Seele den Zweiten Weltkrieg überlebt. Er war überzeugt, dass die bitteren Erfahrungen mit dem Faschismus und der erschütternden Selbsterkenntnis, wie nationales Elitebewusstsein dazu führen konnte Nachbarländer bedenkenlos zu zerstören und Mitmenschen in fremden Uniformen als Feinde zu töten – ausreichen würden, Kriege endgültig abzulehnen. Aus diesen Erfahrungen würde eine auf Weltfrieden ausgerichtete deutsche Demokratie aufgebaut werden können: Alle müssten nur in jeder Hinsicht das Gegenteil tun von dem, was von 1933 bis 1945 in verblendeter Zustimmung und sogar unter dem Jubel der Bevölkerung geschehen war.

Während des Jurastudiums in Göttingen (1946 bis 1950), drei Referendarjahren in Bremen und dort schließlich als Anwalt, wird ihm immer klarer, dass die Hitlerzeit in einer langen Vorgeschichte wurzelt. Die physische Vernichtung der politischen Linken und die systematische Ausrottung der Juden sind „nicht das Werk einzelner Verbrecher, sondern die Verwirklichung einer Gesinnung gewesen“,… die von breiten Schichten des Bürgertums getragen wurde.“ Die geschichtlich Wahrheit war selten so unbequem wie heute: „Der Nationalsozialismus ist nicht über Nacht gekommen. Er ist auch nicht über Nacht verschwunden. Den braunen Garden hat nicht die Linke sondern eine Rechte den Weg bereitet, die das ´Vaterland´ gegen den Bolschewismus zu verteidigen glaubte und die um dieses ´höheren Zieles´ willen Gewalt und Unrecht legalisierte.“

Als gerade in Bremen niedergelassener Anwalt bekam er 1956 als Pflichtverteidiger einen Mandanten, der im Zusammenhang mit dem KPD-Verbot angeklagt worden war, seine politische Tätigkeit illegal fortzusetzen. Der Düsseldorfer Friedenskomiteeprozess (1959/60) und die vor einem Gericht verhandelte Frage, ob Kriegsdienstverweigerung im Hitlerstaat als politischer Widerstand gewertet werden kann, so wie die totale Kriegsdienstverweigerung der Zeugen Jehovas (1962 bis 1965) bewiesen ihm, dass für die bundesrepublikanische Demokratie aktiver Antifaschismus gegen den Hitlerstaat durchaus ein juristisches Problem darstellte.

In der Zeit von 1961 bis 1965 erlebte Hannover gemeinsam mit seinen Mandanten, wie bereits kommunistische Meinungsäußerung aber auch deutsch-deutsche Kontakte kriminalisiert wurden. 1963 lösten die Verhandlungen im Fall Willi Meyer-Buer, der als kommunistischer Abgeordneter von 1946 bis zum KPD-Verbot der Bremer Bürgerschaft angehört hatte, einen, für seine eigene politische Bewusstseinsbildung bedeutsamen Prozess aus. Sein Mandant hatte als aktiver Widerstandskämpfer viele Jahr in Zuchthäusern und Konzentrationslagern zubringen müssen. Bei der Bundestagswahl 1961 hatte der erfolgreiche Kaufmann und Inhaber von zwei Juweliergeschäften eine Rede damit geschlossen: „Wählen Sie den Kommunisten Meyer-Buer!“ Das brachte ihm eine erneute Verurteilung von 8 Monaten Gefängnis – auf Bewährung.

In einem jahrelangen Prozess (1963 bis 1972) wurde der bis heute aktive Antifaschist und Gewerkschafter Lorenz Knorr vom Landgericht Wuppertal wegen „Beleidigung der deutschen Wehrmacht“ zu mehrfachen Geldstrafen verurteilt, dabei hatte er wegen „Wehrkraftzersetzung“ zweimal vor dem Nazi-Kriegsgericht gestanden. Hannover verteidigte Vietnamkriegsgegner, Atomwaffengegner und Günter Walraff (1968 und 1975). Eine Zeit lang war auch Ulrike Meinhof seine „schwierige Mandantin“. Er plädierte im Wiederaufnahmeverfahren gegen das noch gültiger Urteil gegen Karl von Ossietzky (1988 bis 1992) und verteidigte Hans Modrow gegen den Vorwurf der Fälschung von Kommunalwahlen in der DDR vom Mai 1989 (1993) „… was da an siegreicher Justizabrechnung präsentiert wird, hat mir offenbar mehr Unbehagen verursacht als den Vielen, die sonst mit dem militärischen Tötungsprivileg und der planvollen Vorbereitung des atomaren Massenmordes keine Probleme haben.“ Alle diese Prozesse hat Hannover in seinem Buch im geschichtliche Kontext referiert. 1986 hat er von der Humboldt-Universität Berlin und 1996 von der Universität Bremen die Ehrendoktorwürde bekommen.

Auch im Ruhestand ist er Anwalt geblieben: Sein Buch liest sich wie ein kritisches Geschichtsbuch der Bundesrepublik. Besonders jungen Menschen will er damit „Rechtshilfe“ leisten gegenüber dem heute gängigen Geschichtsbild, von dem er sagt, dass es in der Bundesrepublik seit fünfzig Jahren von „Mitschuldigen“ bewusst so geprägt wurde. Heinrich Hannover, der als Autor von fröhlichen Kinderbüchern die Kleinen zum Träumen und Lachen gebracht hat, will erreichen, dass die „nächste Generation“ für den Zeitabschnitt 1954 bis 1995 die ganze Wahrheit über deutsche Geschichte begreifen lernt.

Der Schlusssatz seines Buches lautet: „Denn man gibt ja die Hoffnung nicht auf, dass man auch mit Büchern etwas dazu beitragen kann, die Welt zu verändern. Sie hat es nötig.“

Der bayerische Weltbürger

geschrieben von Ernst Antoni

5. September 2013

Zum 40. Todestag des Schriftstellers Oskar Maria Graf

Mai-Juni 2007

Thomas Mann, 1954 zu Oskar Maria Grafs 60. Geburtstag:

»Unter unseren Geburtstagswünschen aber soll der voranstehen, daß die Heimat, sein oberbayerisches Land, seiner recht gewahr werden und sich dankbarer als gegenwärtig erweisen möge für das Gute, das er zu ihrer Ehre hervorbringt. Sie hat keinen echteren, in der vom Schicksal erzwungenen Ferne keinen treueren Sohn.«

Es hat danach noch einige Zeit gedauert. Das Bemühen, des damaligen Münchner Oberbürgermeisters Hans-Jochen Vogel, den Schriftsteller heimzuholen (eine Wohnung war von der Landeshauptstadt bereits zur Verfügung gestellt) machte 1967 der Tod in New York zunichte. Die Urne mit Grafs Asche wurde 1968 auf dem »Prominentenfriedhof« München-Bogenhausen beigesetzt. Heute erinnert auch ein Denkmal in seiner Geburtsgemeinde am Starnberger See an den Dichter.

In diesen Tagen fanden wie jedes Jahr an vilen Orten Lesungen statt zur Erinnerung an die Schriftstellerinnen und Schriftsteller, deren Werke bei den öffentlichen Bücherverbrennungen der Nazis am 10. Mai 1933 und in den Wochen darauf in die Flammen geworfen wurden. Ein Text, der bei solchen Anlässen gerne vorgetragen wird, ist der Aufruf »Verbrennt mich!«, den der Autor Oskar Maria Graf am 12. Mai 1933 in der Wiener »Arbeiterzeitung« veröffentlichte. Als in Deutschland die Bücher brannten, war Graf gerade auf einer Lesereise in Österreich. Dort erfuhr er, dass die Nazis zwar seinen epochalen autobiographischen Roman »Wir sind Gefangene« (erstmals 1927 erschienen) auf den Index gesetzt hatten, seine bayerischen Heimatgeschichten aber gerne in ihr literarisches Blut-und-Boden-Programm eingliedern wollten.

»Verbrennt mich!« schrieb Graf und fuhr fort: Nach meinem ganzen Leben und meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, dass meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbande gelangen. Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selber wird unauslöschlich sein wie eure Schmach!« In seinem Aufruf nannte sich Graf einen »linksgerichteten, entschieden sozialistischen Geistigen« und hielt später in einer »Nachschrift« zu seiner Protesterklärung fest, dass dann »im Beisein der Professorenschaft« noch eine eigens für seine Werke angesetzte Verbrennungsaktion im Hof der Münchner Universität stattfand.

Mit dem Aufruf, der weltweit Aufsehen erregte, begann Oskar Maria Grafs Weg ins Exil, der ihn über die Tschechoslowakei und die Niederlande schließlich in die USA führte. Dort, in New York, ist er vor 40 Jahren, am 28. Juni 1967, im 73. Lebensjahr verstorben.

Graf, in Berg am Starnberger See geboren, blieb auch in seiner Exilzeit stets ein seiner bayerischen Heimat und der dort lebenden »kleinen Leute« verbundener Mensch. Nach außen zeigte er das durch seine Lederhose und den Trachtenjanker, die er – egal, wo er sich befand, beim Internationalen Schriftstellerkongress 1934 in Moskau oder in den Straßen New Yorks – meist trug. In der öffentlichen Wahrnehmung, besonders in den ersten eineinhalb Jahrzehnten der alten Bundesrepublik, wurde er deshalb auch gerne, wenn man sich seiner überhaupt erinnern wollte, aufs Krachlederne reduziert. Wenn auch sonst nichts von ihm gedruckt wurde, sein »Bayerisches Dekameron« (Erstveröffentlichung 1928) kam immer wieder auf den Markt. Weil da sogar ins Lederhosentürl hineingeschaut werden durfte.

Das Auf und Ab der Rezeptionsgeschichte der Graf’schen Bücher, vor allem seiner wichtigen, im Exil entstandenen antifaschistischen Romane (»Der Abgrund«, 1936; »Anton Sittinger«, 1937; »Unruhe um einen Friedfertigen«, 1947; »Er nannte sich Banscho«, 1964) in BRD und DDR und in Deutschland in den Jahren nach 1990 wäre einer eingehenden Untersuchung wert. Ein »vergessener Dichter« ist er heute nicht, der Oskar Maria Graf, einige wichtige Werke sind derzeit auch in Taschenbuchausgaben vorhanden. Aber so richtig »in« ist er halt auch nicht.

Das ist schade, weil uns dieser heimatverbundene Weltbürger auch heute viel zu sagen hat. Mit seinem Werk und mit seinem Leben, das stets geprägt war von einem nimmermüden Engagement gegen Faschismus und Krieg. Auch als Schreiber von politischen Essays, als Redaktionsmitglied der »Neuen Deutschen Blätter« (mit Anna Seghers und Wieland Herzfelde im Prager Exil). Später in den USA, wo er zeitweise Vorsitzender der »German-American Writers Association« war, als Mitbegründer des Aurora-Verlags, der nach der Befreiung vom Faschismus eine Reihe wichtiger Romane der deutschen Exilliteratur erstmals wieder an Leser in Deutschland brachte. Und, nicht zu vergessen: Als Organisator von Paketsendungen und Zuwendungen (obwohl es ihm in New York selbst materiell nie besonders gut ging) an KZ-Überlebende in seiner alten Heimat.

Alice oder die Sintflut

geschrieben von Raimund Gaebelein

5. September 2013

Vom Weiterleben der Vergangenheit im Heute

Mai-Juni 2007

Jutta Mülich, Alice oder die Sintflut, ein Dorfroman, 383 S., Donat Verlag, Bremen 2007, ISBN 3-938275-20.0

‚Liebes Fräulein, lassen sie es gut sein. Machen sie sich nicht unglücklich.‘ Die Warnung des alten Herrn hätte Alice Goldberg kaum für denkbar gehalten, als sie in Bremen umsteigt. Eine Gruppe glatzköpfiger Bestiefelter versucht eine Gruppe Fußballfans zu provozieren. Die junge Frau aus München fährt ins norddeutsche Tiefland, um die Spuren ihrer verstorbenen Großmutter zu finden. Eine frisch gekaufte Tageszeitung enthüllt eine Todesanzeige für einen Kameraden Heinrich Schierling. Die Opfer eines Brandanschlags auf ein Asylbewerberheim schweben nicht mehr in Lebensgefahr. Beinahe wäre sie über ihren Koffer gestolpert. Jemand hält sie im letzten Augenblick fest. Jakob Fuchs, ihr Retter, ist Apotheker. Er kennt den Fall gut. Mit anderen besonnenen Bürgern hat er eine Gruppe von Wächtern gegründet. Feuerlöscher nennen sie sich. Zu besorgniserregend ist das Treiben der Neofaschistischen Schläger in dem Dorf, aus dem er kommt. Zufall? Es handelt sich um das Dorf, in dem Leonore Schierling lebt, die Schwester ihrer Großmutter. Die hatte einen Unfall, liegt im Krankenhaus. Schierling, ist das nicht der Name des ‚Kameraden‘, der in drei Tagen zu Grabe getragen wird? Des Hintermannes der Brandstifter? Welches Band verbindet ihre Großmutter mit solchen Leuten? Isolde hatte ihr Leben dafür eingesetzt, Alices Großvater während der NS-Zeit nach England in Sicherheit zu bringen. Alice und Jakob nehmen den Zug nach Bremerhaven. Dort erwartet sie Fanny Lang, die Wirtin des Gasthauses, in dem Alice unterkommen soll. Auch sie gehört zu den Feuerlöschern. Jakob nehmen sie gleich mit. Im Folgenden entwickelt sich eine turbulente, spannende und tiefsinnige Geschichte eines Dorfes irgendwo im Nassen Dreieck zwischen Bremerhaven, Cuxhaven und Stade. Sie ist ein Beleg dafür, dass die tiefbraune Vergangenheit weiterlebt. Heinrich Schierling war ein Gesinnungstäter. Überall war er zu finden, Mitglied in allen Vereinen. Seine Erben im engeren Sinne sind eifrig bemüht Alice Goldberg als Eindringling loszuwerden. Seine geistigen Erben versuchen das Dorf und seine Umbebung in Schach zu halten. Beides ist ineinander verwoben. Es gibt kein Mittel, vor dem sie zurückschrecken. Oder geht es um viel banalere Dinge? Unterschiebung von Beweismitteln, Brandstiftung, Entführung, versuchter Mord, das sind doch wirklich keine Belanglosigkeiten. Selbst die Ursache für den Tod Heinrich Schierlings bleibt für lange Zeit im Dunkel. Jutta Mülichs Roman beschreibt das Grauen neofaschistischer Umtriebe, die Gefühllosigkeit, die kalte Zweckrationalität und ihre mystische Versponnenheit. Gleichzeitig deutet sie auf die Kraft der Solidarität hin, mit der vier Frauen etwas bewegen und dem Spuk ein Ende machen. ‚Wer sich dennoch … wiederzuerkennen glaubt, wird hoffentlich vor sich selbst erschrecken‘, schreibt die Autorin warnend.

Aufklärung – Frieden – Antifaschismus

geschrieben von Ulrich Schneider

5. September 2013

Mai-Juni 2007

Das Buch im Umfang von 160 Seiten ist zu beziehen beim GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, 20359 Hamburg zum Preis von 8 € (ab 5 Ex. 5 €) zuzügl. Porto.

Diese drei Begriffe kennzeichnen im besonderen Maße das politische Leben von Lorenz Knorr, der im Sommer 2006 seinen 85. Geburtstag mit einer politischen Konferenz unter dem Motto „Vorwärts – Trotz Alledem!“ in Frankfurt/Main begehen konnte.

Dieses Motto hat ihn über die Jahre immer wieder begleitet, als Antifaschist in West-Böhmen, als Funktionär der Jungsozialisten und der Falken, als Analytiker und Kämpfer in der internationalen Friedensbewegung und natürlich als Antifaschist, wie Lorenz Gösta Beutin zur Eröffnung der Konferenz überzeugend in der Biographie von Lorenz Knorr nachzeichnete.

Wolf-Dieter Gudopp von Behm umriss Anstöße zum Thema „Aufklärung“ und Wolfgang Richter analysierte die Bedingungen für Frieden heute und morgen. Dies wurde in verschiedenen Diskussionsbeiträgen an konkreten Konfliktfeldern (US-Raketen in der Tschechischen Republik) vertieft. Auch in den Beiträgen zum Thema Antifaschismus ging es vor allem um antifaschistische Perspektiven, um die Aufgaben des politischen Handelns gegen rechte Ideologien und die Drohung der Kriegstreiber heute. Doch nicht allein Tagesfragen, auch Visionen einer humanen und friedlichen Lebensordnung als Ziel sozialistischer Erziehung entwickelten die Teilnehmenden der Diskussion.

In seiner Antwort auf die zahlreichen Beiträge unterstrich Lorenz Knorr noch einmal seinen Optimismus: „Im dialektisch sich bewegenden Geschichtsprozess sind gesellschaftliche Veränderungen hin zu realisierter Humanität möglich: gegen alle Infamitäten des Psycho-Krieges und die ihn nutzenden Herrschenden von heute. Eine Gegen-Kultur ist angesagt!“ (S. 122)

Die Beiträge der Konferenz vom 2. September 2006 sind jetzt als Dossier Nr. 7 der „Deutsch-Tschechischen Nachrichten“ erschienen. Im Anhang findet sich zusätzlich der autobiographische Text von Lorenz Knorr über den „antifaschistischen Widerstand in West-Böhmen“, eine Streitschrift, die den Internationalismus des antifaschistischen Kampfes belegt und sich gegen die Geschichtsrevision der sudentendeutschen Revanchistenverbände wendet.

Neoliberalismus heute

geschrieben von Ludwig Elm

5. September 2013

Untersuchung zu fortschrittsfeindlichen Tendenzen in Europa

Mai-Juni 2007

Peter Bathke, Susanne Spindler (Hrsg.)

Neoliberalismus und Rechtsextremismus in Europa. Zusammenhänge – Widersprüche – Gegenstrategien, Karl Dietz Verlag Berlin, 2006, 225 S. (Rosa-Luxemburg-Stiftung, Texte, Bd. 29)

„In der ‚Berliner Republik‘ weht ein neokonservativer Zeitgeist durch Ministerien, Gerichtssäle und Redaktionsstuben. Da ihm die rot-grüne Bundesregierung wenig entgegenzusetzen hatte, sondern sich am Ende noch stärker als zu Beginn ihrer Amtszeit in ‚Neoliberalismus light‘ und einem prinzipienlosen Pragmatismus erging, gewannen christlich-abendländische Werte und Traditionen wieder an Bedeutung.“

(Christoph Butterwegge, Globalisierung, Neoliberalismus und Rechtsextremismus, S. 24)

Das widerspruchsvolle Verhältnis rechtsextremer Bewegungen und Organisationen zur Globalisierung und zu neoliberalen Strategien und Theorien ist in den letzten Jahren wiederholt analysiert und aktuell eingeschätzt worden. Herbert Schui und Stephanie Blankenburg nannten „die Parteien des Zuschnitts der österreichischen FPÖ, der italienischen Forza Italia oder des französischen Front national“ als erfolgreiche Rechtsparteien, deren Wirtschafts- und Sozialprogramme „der restlosen Beseitigung des Sozialstaates, der Freiheit des Unternehmertums, des Marktes, der Auslese durch die Konkurrenz“ das Wort reden. (Neoliberalismus: Theorie, Gegner, Praxis, Hamburg 2002, S. 162). Die vorliegende Veröffentlichung ging aus einer internationalen Konferenz hervor, die von mehreren Institutionen und Gruppen aus verschiedenen Ländern am 3. und 4. Dezember 2005 in Köln veranstaltet worden war.

Schaut man genauer auf die globalen wirtschaftlichen und politischen Prozesse, bemerken die Herausgeber einleitend, sei zu erkennen, „dass die Unterwerfung aller Lebensbereiche unter die Profitlogik und die Propagierung von Standortnationalismus für ein gesellschaftliches Klima sorgt, woran rechtsextremes Gedankengut anschlussfähig ist. Das Soziale wird zur Belastung, Ausgrenzungen sind erlaubt. Rechtsextreme Demagogen greifen die soziale Frage auf, um mit Globalisierungskritik, Nationalismus, der Forderung nach einem starken Staat, Ausgrenzung und Rassismus scheinbare Lösungen der Probleme anzubieten.“ (S. 9) Kristallisationspunkte für Debatten und Manipulationen entwickeln sich aus der Mitte der Gesellschaft, beispielsweise in der Flüchtlings- und Asylpolitik oder bei Kampagnen zu „deutscher Leitkultur“ und „Du bist Deutschland“. Neben und mit dem traditionellen völkischen Nationalismus gewinnt in europäischen Ländern ein moderner Rechtspopulismus an Einfluss, der an den Verwerfungen und sozialen Folgen des Marktradikalismus mit demagogischem Antikapitalismus und völkischem Pseudo-Sozialismus durchaus massenwirksam anknüpft.

Die überwiegend aus der Bundesrepublik, aber auch aus Frankreich, Österreich, den Niederlanden und den USA kommenden Autoren, legen Beiträge zu Querschnittsproblemen sowie Fallstudien zu einzelnen Ländern, Bewegungen oder Organisationen vor. Es gibt z. B. Exkurse zu NPD in Deutschland, FPÖ in Österreich, Front National in Frankreich, British National Party in Großbritannien, Vlaams Belang in Belgien und Liste Pim Fortuyn in den Niederlanden. Die Erörterungen erfassen soziale Prozesse der Konkurrenz und zunehmender Polarisierung, des Sozialabbaus und wachsender Armut, der Ausgrenzung und Deklassierung, der prekären Situation von Minderheiten. Es geht in den Untersuchungen um ideologische Schlüsselprobleme und Tendenzen wie die Anfeindung von Gerechtigkeits- und Gleichheitsideen, Autoritarismus, (Standort-) Nationalismus, Rassismus und Wohlstandschauvinismus, Antisemitismus und Islamophobie, bis zu heutigen Erscheinungsformen von Sozialdarwinismus. Herbert Schui nennt Auslese, Aussiebung und Unterwerfung als Bindeglieder zwischen Neoliberalen und Rechtsextremen. Die Analysen münden in Folgerungen für den Widerstand gegen rechten Populismus und Extremismus, zur Verantwortung für die Opfer rechter Gewalt und für Antifaschismus in der politischen Kultur.

Unberücksichtigt blieben die ost- und südosteuropäischen sowie baltischen Länder. Vernachlässigt wurde der wechselseitige Zusammenhang neoliberaler Denkschulen und Politikkonzepte mit der konservativen Grundströmung in Gesellschaft und politischem System, wie er in der Bundesrepublik seit ihrer restaurativen Gründungsphase zu beobachten ist. Diese Aspekte waren Gegenstand einer Tagung im September 2004 in Jena gewesen. (Konservative Perspektiven im neoliberalen Zeitalter, Jena 2005 – Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen e. V.) Nicht zuletzt erinnern der entschiedene Antisozialismus neoliberaler Vordenker wie Friedrich A. von Hayek und Wilhelm Röpke sowie ihr Beitrag zu rechtsgerichteten Versionen des Totalitarismuskonzepts daran, dass der Neoliberalismus zum rechten mainstream der vorherrschenden Gesellschaftstheorien und politischen Ideologien der westlichen Gesellschaften gehört.

Neofaschistinnen

geschrieben von (mb)

5. September 2013

Mai-Juni 2007

Der Film ist für eine Schutzgebühr von 5 Euro bei der „Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt“ unter www.arug.de oder telefonisch unter 0531-1233642 zu bestellen.

In den letzten Jahren steigt die öffentliche Wahrnehmung von Frauen, die in der Neonaziszene aktiv sind, stetig. Grund genug, sich mit diesem Thema näher zu befassen. Eine gute Grundlage dafür bietet die DVD „NeonazistInnen – Frauen in der rechten Szene“. Der knapp 20 Minuten lange Film handelt unter anderem von den wichtigsten Aktivistinnen der Neonazi-Szene bundesweit, der vorherrschende Bevormundung durch männliche Anführer, eigene Gehversuche des „Ring nationaler Frauen“, Sexismus in der rechten Szene, dem steigenden Selbstbewusstsein rechter Frauen, deren Lifestyles und dem völkischen Erscheinungsbild, in dem rechte Mädchen auf die Rolle als Frau und Mutter reduziert werden.

Das Andenken bewahren

geschrieben von Manfred Hötzel

5. September 2013

Gedenkstättenbuch über Leipzig und Umgebung erschienen

Mai-Juni 2007

Stätten des Gedenkens für Verfolgte und Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und für antifaschistische Widerstandskämpfer in und um Leipzig, Hg. vom Bund der Antifaschisten e. V. (BdA), Sitz Leipzig, und vom Stadtverband Leipzig der Verfolgten des Naziregimes (VVN), Mitglieder im Verband der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA), GNN-Verlag Schkeuditz, Leipzig 2006, Br., 8°, 180 S., zahlr. Abb., ISBN 3-89819-234-2, 10 Euro

Nachdem schon in einigen anderen Städten und Kreisen neue Gedenkstättenbücher erschienen sind, haben kürzlich die Autoren Jens Braun, Dieter Chitralla und Volker Hölzer ein solches über Leipzig und Umgebung herausgebracht. Gebraucht wurde es schon länger. Frühere Übersichten aus der DDR waren nicht nur wegen des Wandels in der politischen Funktion der Gedenkstättenkultur überholt. Auch in Leipzig waren seit 1990 manche Tafeln beseitigt, andere Gedenkstätten neu errichtet worden. Dem Band ist ein bemerkenswertes Geleitwort des Leipziger Oberbürgermeisters Burkhard Jung (SPD) vorangestellt. Dieser sieht eine Linie von der Gegnerschaft zum Nationalsozialismus über die „Friedliche Revolution“ von 1989 bis zur ständigen und aktuellen Aufgabe, an die Opfer und die Kämpfer gegen den Nationalsozialismus zu erinnern.

Der Band enthält eine vollständige Übersicht aller heute vorhandenen und zugänglichen Gedenkstätten in und um Leipzig. Er spiegelt sowohl die weltanschauliche und politische Breite des Widerstandes wie auch die Vielzahl der Opfergruppen wider. Es dokumentiert, dass Leipzig nicht nur ein Zentrum des antifaschistischen Widerstandes, sondern auch ein Hauptort der NS-Diktatur war.

Das Buch ist als Dokumentation und Nachschlagewerk gestaltet. Es gliedert die Gedenkstätten nach formalen Gesichtspunkten in drei Teile. Das 1. Kapitel ist Einzelpersonen (in alphabetischer Reihenfolge), das 2. Kapitel Gruppen von Opfern und Gegnern, das 3. Kapitel den jüdischen Opfern der NS-Diktatur gewidmet. Den Angaben zu den Gedenkstätten liegt folgendes Schema zugrunde: Name (bei Einzelpersonen mit Lebensdaten), Art der Gedenkstätte (Anlage, Tafel, Grab, Stein), Adresse, Inschrift(en). Bei den Einzelpersonen unterrichtet eine Kurzbiografie über das Wichtigste aus Leben und Wirken, bei den Gruppen wird deren Schicksal oder die Geschichte des Objektes (Friedhof, Gebäude) beschrieben, meist mit Foto.

Die Gestaltungsprinzipien sind nicht immer eingehalten, ohne dass dies im abweichenden Fall erläutert wird. So fehlen gelegentlich Adresse, Foto, Zeitpunkt der Einweihung (öfter). Bei der Grabstätte der 32 (S. 90) und der Gedenkstätte für im April 1945 ermordete Antifaschisten (S. 103/4) gibt es unnötige Dopplungen, die mittels Verweis vermieden worden wären. Das Goerdeler-Denkmal am Neuen Rathaus hätte eine genauere Darstellung verdient.

Zu bemängeln ist die schlechte Qualität der Fotos. Leider ist die Mehrzahl unscharf. Inschriften und grafische Gestaltung der Tafeln sind oft nicht zu erkennen. Immerhin wird deutlich, dass manches Mahnmal beschädigt ist oder sich in einem ungepflegten Zustand befindet.

Der Anhang 1 verzeichnet nach 1990 verschwundene Gedenkstätten und Ehrenmale, die Opfern des Faschismus und antifaschistischen Widerstandskämpfern gewidmet waren. Dazu zählen bedeutende Personen wie Hanns Eisler, Alfred Frank, Ernst Thälmann und Walter Ulbricht. Warum hier der Abriß eines Teils des Ehrenhains antifaschistischer Widerstandskämpfer und verdienter Sozialisten auf dem Leipziger Südfriedhof nicht direkt erwähnt wird, bleibt unklar.

Der Anhang 2 enthält ein Verzeichnis von Leipziger Straßen und Plätzen, die nach NS-Opfern und Antifaschisten benannt worden sind. Es umfaßt rund 190 Namen. Das ist eine beträchtliche Anzahl, wenn man bedenkt, dass nach 1990 nicht wenige Straßen, die Namen von DDR-Funktionären trugen, umbenannt bzw. rückbenannt wurden.

Eine Literaturauswahl nennt die wichtigsten älteren und neuen Titel zum Thema. Ein Namensregister oder zumindest mehr Verweise im Text würden die Arbeit mit dem Buch erleichtern. Trotz der genannten Mängel handelt es sich um ein notwendiges und informatives Buch. Es kann helfen, das Gedenken an Opfer und Widerstand wachzuhalten.

Bei „Mohr“ zu Hause

geschrieben von Dr. Seltsam

5. September 2013

Besuch im Marxmuseum der Friedrich-Ebert-Stiftung

Mai-Juni 2007

Am 5. Mai wurde Karl Marx 189 Jahre alt

Karl-Marx-Haus, Brückenstr.10, 54292 Trier, Tel: 0651/ 970680

Marx‘ Geburtshaus in der Brückenstraße 10 liegt heute inmitten einer Einkaufszone und wird von den Einheimischen kaum beachtet. Dennoch ist es jährlich etwa 40.000 Besuchern aus aller Welt wichtiger als der riesige Dom und die antiken Bauwerke aus jener Zeit Kaiser Konstantins, in der Trier Hauptstadt des Römischen Imperiums war. Die Leiterin des Marxmuseums der Friedrich-Ebert-Stiftung, Frau Professor Bouvier aus Bonn, wundert sich über die Verehrung, die der Revolutionär noch immer genießt. »Wir sind ja hier nur politisch-historische Dienstleister. Die Delegationen der KP Chinas melden sich vorher an und brauchen dann immer ein Bestätigungsschreiben, dass sie hier waren«, erläutert sie etwas despektierlich.

12.000 Chinesen besuchen jedes Jahr das Marxhaus, 50 bis 100 pro Tag! Es gibt einen elektronischen Museumsführer auf Mandarin, die Uni Trier legte ein Forschungsprojekt über die chinesischen Gästebucheinträge auf. »Die Chinesen wollen immer wissen, wie sich Marx mit ihren Wirtschaftsreformen vereinbaren lässt«, berichtet Frau Bouvier. »Sie haben Angst, dass ihnen die sozialen Konflikte um die Ohren fliegen, im Grunde müssen sie sich auf einen Sozialstaat nach deutschem Muster einlassen und dabei helfen ihnen die Diskussionen mit uns. Als ich selbst zu einem Kongress in China war, wurde ich am Flugplatz begrüßt: Sind Sie das Karl-Marx-Haus? Ich bekam Fahrer, Auto etc. Ich hatte den Rang eines Vizeministers! Die Chinesen sind ja ungeheuer statusbewusst und traditionell. Sie wollen immer genau wissen, wo Marx quasi rausgeschlüpft ist. Was soll ich machen? Da haben wir in einer Ecke eine schlichte Büste aufgestellt, das ist nun für die chinesischen Gruppen der ›Geburtsalkoven‹, wo sie ihre Blumen ablegen und sich fotografieren können.«

Die SPD kaufte das Marxhaus 1928 der ärmeren KPD vor der Nase weg und ließ es von Gustav Kasel umbauen, der später Stadtarchitekt von Jerusalem wurde. »Was Sie heute sehen, ist die Barockvorstellung eines Bauhaus-Meisters. Holzproben ergaben als Baujahr 1727, aber keiner weiß, wie das Haus original aussah. Wir hatten nur einen leeren Raum, alles ist konstruiert!« Damit ist der modische Kernbegriff von Prof. Bouvier gefallen: »Die neue MEGA-Forschung will Marx dekonstruieren; denn ›Das Kapital‹ hat er nicht selbst fertig geschrieben. Was Engels und Kautsky daraus geformt haben, ein festes System, war damals für den Aufbau der Arbeiterbewegung notwendig; aber Marx hat immer neu angefangen. Er war offen und mithin viel moderner als das Marx-Bild der Sozialisten.« Frau Professor Bouvier sieht sich mit dieser Interpretation auf dem linken Flügel: »Im Parteihaus in Berlin Kreuzberg fängt die Geschichte der SPD mit Lasalle an. Denen hab ich erklärt, dass die Partei das anders sieht als die redliche Geschichtswissenschaft. Für die alte SPD war Marx immer eine der Wurzeln, aber gegen Ulbricht ist nur Lasalle übrig geblieben.« Prof. Bouvier nimmt bei ihrem Privatissimum wirklich kein Blatt vor den Mund: »Bei Führungen landet die Diskussion immer wieder bei der Frage, ob Marx den Leninismus erfunden hat. Stringente Antworten wollen und können wir nicht geben, aber unsere Informationen sind natürlich selektiv.« Absichtlich habe sie für die Illustrierung der antikommunistischen Aufstände von Ungarn bis China die bekannten Klischeebilder aufgehängt. Es ist pauschal vom »Unrechtsstaat DDR« die Rede, wenn auch in Anführung. Sind wir noch im Karl-Marx-Haus?

Marx wurde hier zwar geboren, aber schon nach wenigen Wochen zog die Familie in die Simeon-straße 8, direkt bei der Porta Nigra. Hier lebte er bis zum Studium in Bonn und Berlin. Das Haus gibt es noch und es steht demnächst zum Verkauf. Wäre es nicht eine verbindende Aufgabe für die neue Linke, hier eine Gedenkstätte zu schaffen, die den dekonstruierten Marx wieder revolutionär rekonstruiert, im eigentlichen Karl-Marx-Haus?

»Beim Umbau fanden wir Geheimgänge unter dem Karl-Marx-Haus«, verrät uns Frau Prof. Bouvier zum Abschied. »Wir wissen nicht, wo sie enden…«

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