Jenseits der Erfolgsspur

geschrieben von Gerd Wiegel

1. Juli 2022

Die AfD in der Stagnations- und Krisenphase

Die AfD befindet sich in einer Stagnations- und Krisenphase – das ist für alle Beobachter:innen unverkennbar. Nach dem rasanten Aufstieg der Partei ab 2015 setzte bereits zwei Jahre nach dem triumphalen Bundestagseinzug 2017 mit 12,6 Prozent der Stimmen – also ab 2019 – eine erste Ernüchterung ein. Hatten sich wichtige Vertreter der Partei bis dahin auf direktem Weg zur bundesweiten Volkspartei und zur Regierungsmacht gesehen, so schwächte sich der Aufschwung seitdem ab und versiegte spätestens mit Beginn der Corona-Pandemie vollständig. Personell, thematisch und strategisch ist die AfD in einer schwierigen Situation, und mit nachlassendem Erfolg wurden und werden die Fliehkräfte in der Partei größer. Dass sie dennoch auf absehbare Zeit ein Faktor in der deutschen Politik bleibt, verdankt sie einer nach wie vor stabilen bundesweiten Stammwählerschaft. Jenseits der Erfolgsspur weiterlesen »

Alles Nazis, oder was?

geschrieben von Maxi Schneider

1. Juli 2022

Ein Rückblick auf unsere Veranstaltungsreihe »Nationalismus und Geschichtsrevisionismus – Beiträge zum Krieg in der Ukraine aus antifaschistischer und historischer Sicht«

»Putin-Hitler-Vergleiche«, »Vernichtungskrieg«, »Entnazifizierung«: Es ist momentan keine leichte Aufgabe, angesichts inflationär verwendeter historischer Vergleiche, den gegenseitigen Unterstellungen, »Nazi« und »Faschist« zu sein, und der medialen Abfeierei des »Freien Westens« und seiner »Werte«, die die NATO angeblich verteidigt, und der Rückkehr zu Bellizismus und Heldenverehrung den Überblick über eine aussichtslos scheinende politische Weltlage zu behalten. Um jene Fragen, die sich im Kontext dieses Krieges um den Themenkomplex »Nationalismus und Geschichtsrevisionismus« drehen, zu ordnen und – soweit möglich – zu beantworten, fanden vom 12. bis 24. Mai drei Onlineveranstaltungen statt. Unsere Reihe war im Auftrag des Bundesausschusses entstanden und sollte die kontrovers geführte Debatte um den Krieg innerhalb unserer Vereinigung versachlichen und auf eine gemeinsame Gesprächsgrundlage stellen. Ein hoher Anspruch. Jeweils 150 bis 220 Interessierte nahmen die Einladung an, hörten zu und diskutierten mit. Das Feedback war überwiegend sehr gut. Alle drei Veranstaltungen wurden von Maxi Schneider moderiert und können auf dem Youtube-Kanal der Bundesvereinigung der VVN-BdA nachgehört werden. Alles Nazis, oder was? weiterlesen »

Unsere Meldungen

1. Juli 2022

Studie vorgestellt

Das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung hat Anfang Mai den Rassismusmonitor vorgestellt. Danach erkennen 90 Prozent der deutschen Bevölkerung, dass es Rassismus gibt, 49 Prozent kennen eine Person, die schon selbst rassistische Erfahrungen gemacht hat, 22 Prozent haben ihn selbst erfahren. Allerdings bewerten 52 Prozent Beschwerden über Rassismus als »ängstlich«, ein Drittel als »überempfindlich«. 45 Prozent glauben, dass Rassismusvorwürfe und »politische Korrektheit« die Meinungsfreiheit beschränkten. Für die Studie wurden 5.000 Menschen befragt.

Untätige Polizei

Mitte Mai wurde bekannt, dass der spätere Attentäter von Hanau, bereits im März 2018 eine Studentin mit einer Waffe bedroht hatte. Tobias Rathjen soll von der als Escort-Arbeiterin »Gala« tätigen Frau verlangt haben, dass sie Mordszenen aus dem Hitchcock-Klassiker »Psycho« mit ihm nachspielt. Die von der Frau gerufene Polizei kümmerte sich lediglich um einen Joint und ging weder den Unsere Meldungen weiterlesen »

Erinnern heißt verändern!

geschrieben von Conny Kerth/Andreas Siegmund-Schultze

1. Juli 2022

Zum Pogrom vor 30 Jahren in Rostock-Lichtenhagen

Das »Sonnenblumenhaus« im Stadtteil Rostock-Lichtenhagen, vor dem sich im August vor 30 Jahren Tag für Tag mehr Nazis und ein rassistischer Mob zusammengerottet haben, wo Flüchtlinge und vietnamesische ArbeiterInnen beschimpft, bedroht und beinahe umgebracht wurden, steht noch heute als Symbol für das Pogrom von 1992. Seltener wird jedoch eine Verbindung zum Rathaus der Stadt gezogen, in dem die Entscheidung getroffen wurde, die öffentliche Ankündigung der Zusammenrottung als »Einladung zu einem Sommerfest mit Asylanten« zu bewerten. So drückte es der damalige Oberbürgermeister Kilimann (SPD) noch nach den Ereignissen vor Kameras aus und meinte wohl, alles richtig gemacht zu haben. Jedenfalls war kein Wort des Bedauerns zu hören – von keinem der Verantwortlichen, die in der immer noch sehenswerten Dokumentation »The Truth lies in Rostock« (Die Wahrheit liegt (lügt) in Rostock) zu Wort kamen. Erinnern heißt verändern! weiterlesen »

Netzwerke spannen

geschrieben von Nils Becker

1. Juli 2022

Beim 4. NSU-Tribunal in Nürnberg zeigt sich, wie wichtig Kontinuität ist

Elf Jahre nachdem die rechte Terrorgruppe »Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU) sich nach einem Banküberfall selbst enttarnt hat, braucht es weiterhin den Ruf nach Aufklärung. Damals wurde von höchster Stelle versprochen, die Taten und Hintergründe lückenlos zu ermitteln. Nach dem Strafprozess gegen Beate Zschäpe und wenige Unterstützer war das Thema für die Justiz durch. Parlamentarische Untersuchungsausschüsse versuchten die Gründe für das Versagen der Geheimdienste und Polizeien aufzudecken. Doch viele Fragen sind geblieben. Nachdem in Köln (2017), Mannheim (2018) und Chemnitz (2019) sogenannte NSU-Tribunale stattgefunden haben, wurde Anfang Juni die bayerische Stadt Nürnberg zum Veranstaltungsort. Netzwerke spannen weiterlesen »

Ein anderer Blick

1. Juli 2022

Das Ausstellungsprojekt »brotherland« über die rassistische Gewalt vor 30 Jahren

antifa: Eure Ausstellung »brotherland« beschreibt ihr als »visuelle Recherche über Nationalismus, Rassismus, Gewalt und geplatzte Träume«. Ein großes Feld ist dabei die Geschichte von sogenannten DDR-Vertragsarbeiter:innen und die rassistische Gewalt Anfang der 90er-Jahre, die viele von ihnen miterleben mussten. Was bewegte euch zu dem Projekt?

Thomas Jakobs: Im Grunde geht es uns darum, dass es jahrzehntelang eine mangelhafte oder auch gar keine Aufarbeitung der rassistischen Gewalt nach der »Wiedervereinigung« gab und uns hier ein anderer Blick auf diese Zeit wichtig ist. Interessanterweise sind beispielsweise im RBB und im MDR in den Jahren 2020 und 2021 doch ungewohnt differenzierte Berichte über die »Baseballschlägerjahre« erschienen. Wir wollen die Geschädigten, die ehemaligen Vertragsarbeiter:innen, aber auch Deutsche zu Wort kommen lassen. Mit verschiedenen Mitteln versuchen wir die Komplexität greifbarer zu machen, indem wir bspw. verschiedene Medien benutzten: Visuelles, Bilder, Audiodateien mit den Interviews und ebenso Berichte in textlicher Form. Ein anderer Blick weiterlesen »

Ermordete Nachbarn

geschrieben von NRW-Archiv/Ulrich Sander

1. Juli 2022

Fundstück zur Verfolgung der Düsseldorfer Sinti und Roma

Eine bemerkenswerte Fundsache fand sich in den Beständen der VVN-BdA in Nordrhein-Westfalen. Der Düsseldorfer Künstler und Antifaschist Otto Pankok (1893–1966) listete darin seine Nachbarn auf, die von den Faschisten ermordet wurden, weil sie »Zigeuner« waren. Diese Liste stellte er Ende der 1940er-Jahre der VVN zur Verfügung, damit deren Verfolgungsschicksale nicht vergessen würden. Ermordete Nachbarn weiterlesen »

Behauptendes Behaupten

geschrieben von Bernhard Trautvetter, Essen

1. Juli 2022

Zu »Warum dieser Krieg?«, antifa Mai/Juni 2022

Thomas Willms neigt dazu, Argumente großer Aussagekraft und Heftigkeit zu formulieren, ohne diese herzuleiten. Ich nenne das das Prinzip des behauptenden Behauptens. Ich bin Kritiker des Krieges Russ-lands gegen die Ukraine, wie meine Texte dazu in Telepolis belegen. Dies vorab, wenn ich nun den Text »Warum dieser Krieg?« des Bundesgeschäftsführers der VVN-BdA kritisiere. Etwa der Satz: »Putin versteht sich … als der aktuelle Sachwalter der heiligen Entität, die Iwan der Schreckliche … begründete« stellt eine Behauptung ohne inhaltlich herleitendes Argument dar.  Die Beweisführung ersetzt Thomas Willms durch einen unspezifischen Verweis auf russische Militärs und Fernsehsendungen. Ähnlich problematisch ist das nächste Argument: »Es wird so getan, als gäbe es eine Art Einmaleins der politischen Geografie, nach der der vorwärtskriechenden -NATO … mit Gewalt begegnet werden müsse. … diese Denkschule – gipfelnd im Konzept des ›Lebensraums‹ …«, kritisiert Thomas Willms ebenfalls ohne Absicherung seiner Diagnose. In einem Text mit diesem Titel als Ausgangsfrage streicht Thomas Willms die NATO-Osterweiterung als spannungssteigerndes Element der Vorgeschichte des Krieges vom Tisch: »Die harte Wahrheit ist, dass der Westen … Russland nach 1991 … als besiegte Macht von gestern, die man getrost ignorieren kann«, abgetan habe. Dem alleine widersprechen die Texte unter anderem von George F. Kennan, Robert McNamara, CIA-Chef Burns, Egon Bahr und Klaus v. Dohnanyi. Ich setze mich seit Beginn meines politischen Engagements für das Prinzip des beweisenden und herleitenden Behauptens ein. Die Strategie der Verkürzung und der schnellen Unterstellungen ist seit jeher die unserer Gegner. Von ihr und von ihnen halten wir uns lieber fern. Und ich freue mich, wenn ein Diskurs dazu führt, dass Fragen, die am Anfang standen (siehe die Überschrift »Warum dieser Krieg?«), am Ende so präzise wie möglich beantwortet sind.     Mit kameradschaftlichen Grüßen

Anmerkung der Redaktion

Für eine Vielzahl an vorwiegend ablehnenden E-Mail-Reaktionen hat der Artikel in der letzten Ausgabe gesorgt, der sich mit den innenpolitischen Bedingungen in Russland auseinandersetzte. Die Redaktion erreichten 22 kurze und lange Stellungnahmen dazu. Die meisten als klassische Leser*innenbriefe, es gab auch einige Austrittsschreiben, aber ebenso Glückwünsche. Wir bedanken uns für die Einsendungen. Alle wurden von der Redaktion und Autor Thomas Willms zur Kenntnis genommen und diskutiert.

Antifaschistische Position?

geschrieben von Jürgen Horn, Berlin

1. Juli 2022

Zu »Fakten schaffen«, antifa Mai/Juni 2022

Die VVN-BdA hätte die Möglichkeit gehabt, eine eigene friedenspolitische Position zu entwickeln. Die hätte in etwa lauten können: Kein Siegfrieden. Unmittelbare Einstellung sämtlicher Kampfhandlungen. Sofortige Aufnahme von Friedensverhandlungen ohne Vorbedingungen. Das könnte erweitert werden: Widerstand gegen all die Kräfte, die mit diesem Krieg ihre Geschäfte machen.

Anders als ein Standpunkt einseitiger Verurteilung Putins wäre das kein Opportunismus und keine kleinbürgerliche Kapitulation vor der derzeitig erzeugten antirussischen Hysterie. Man kann diese Forderungen sogar aufstellen, ohne dass sich zuvor alle vollständig einig sein müssen, wer denn nun wirklich verantwortlich zeichnet und wer nicht.

Das ist nicht geschehen. Sondern? Der Vorsitzende der VVN-BdA hat eine andere Position veröffentlicht. Diese ist weder pazifistisch, noch ist sie antimilitaristisch, wie in dem Text behauptet wird. Beides ist Etikettenschwindel. Sie ist im Grunde nicht einmal antifaschistisch. Und warum? Nachdem das dort ausgebreitete Friedensgesäusel beendet ist, kommt man nämlich zu der Stelle, wo sich Herr Gutsche auf die Seite der eigentlichen Kriegspartei stellt und dieser heiße Tipps gibt, wie man den Russen noch besser abstrafen könne.

Da er hierbei jedoch auf Mittel waffenloser Züchtigung orientiert, wird er damit auf wenig Sympathien bei den US-amerikanischen Rüstungskonzernen und Ölgesellschaften stoßen, in deren geostrategischem Interesse die Russische Föderation ja eigentlich erst zu diesem Krieg provoziert worden ist. Aber auf deren Seite steht er mit seinen Vorschlägen allemal.

Ein selbstständige antifaschistische Position zu diesem Konflikt kann nur sein: Wir befinden uns seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts in einem imperialistischen Weltneuordnungskrieg. Die imperialistischen Staaten führen diesen Krieg untereinander wegen der geopolitischen Interessen der großen Kapitalgesellschaften, denen sie dienen, auch wenn diese Staaten nicht wie im Ersten und im Zweiten Weltkrieg direkt aufeinander einschlagen. Der Imperialismus ist es, der immer wieder Faschismus oder zumindest die Tendenz zu Faschismus hervorbringt. Erst wenn Antifaschist*innen diese Haltung zu dem aktuellen Konflikt haben, sind sie in der Lage, in diesem Konflikt eine eigene Position einzunehmen. Erst dann besteht die Möglichkeit, danach zu fragen, wo diese Tendenz des Imperialismus realpolitisch und aktuell am stärksten, am reaktionärsten, am abenteuerlichsten und mit der deutlichsten faschistoiden Tendenz hervortritt.

Wenn man so herangeht, dann kommt man unter Umständen zu vollkommen anderen Einschätzungen als der des Vorsitzenden der VVN-BdA – hoffentlich …

Schöngeredetes Kriegsbündnis

geschrieben von Tobias Pflüger

1. Juli 2022

Zur Geschichte der NATO. Von Tobias Pflüger

Auf den ersten Blick ist die NATO einfach ein Militärbündnis von einigen Staaten unter der Führung der USA mit Frankreich, Großbritannien, Kanada und Deutschland sowie der Türkei. Im übertragenen Sinne also eine Melone, fünf Äpfel und viele kleine Pflaumen. Doch diese NATO hat eine zum Teil erschreckende Geschichte und Gegenwart.

NATO-Gründung

Gegründet wurde die NATO am 4. April 1949 als »North Atlantic Treaty Organization« von den westlichen Mächten, die gegen Deutschland u. a. den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben. Die zwölf Gründungsstaaten der NATO 1949 waren die USA, Kanada, Frankreich, Großbritannien (damals mit Malta), Italien, Belgien, Dänemark (mit Grönland), Niederlande, Norwegen, Portugal, Luxemburg und Island. Die eher östlichen europäischen Staaten schlossen sich später unter der Ägide der Sowjetunion in der »Warschauer Vertragsorganisation« – im Westen »Warschauer Pakt« genannt – zusammen, formal ratifiziert wurde er durch die Gründungsstaaten am 5. Mai 1955. Schöngeredetes Kriegsbündnis weiterlesen »

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