Jahrzehnte vergessen

geschrieben von Bernd Kant

28. Januar 2020

Neue Dokumentation erinnert an Schweizer KZ-Häftlinge

Ob es an der überschaubaren Zahl liegt oder doch an der fehlenden gesellschaftlichen Aufmerksamkeit, wollen die Autoren einer neuen Studie nicht bewerten. Entscheidend ist aber, dass die ehemaligen Schweizer Bürger, die in verschiedenen deutschen Konzentrationslagern eingekerkert waren, im eigenen Land weitestgehend vergessen wurden. Dies ist dankenswerter Weise durch eine umfangreiche Veröffentlichung von drei historisch engagierten Journalisten im vergangenen Jahr beendet worden.

Die Idee für dieses Buch ging auf einen Besuch der Autoren im KZ Buchenwald zurück, wo sie im Jahre 2015 auf dem Appellplatz mit der Tatsache konfrontiert wurden, dass in dem Lager auf dem Ettersberg auch Schweizer inhaftiert waren. Tatsächlich gab es in der Schweiz bis dahin nur Einzelveröffentlichungen zu dem Thema. Nicht historische Institute, sondern antifaschistische Hobbyhistoriker begannen mit der Sammlung von Quellen, Dokumenten und Zeitzeugenberichten. Auf diese Materialien baute die journalistische Recherche auf, nicht ahnend, welchen Umfang diese Arbeit annehmen würde. Zeitzeugen konnten die Autoren nicht mehr befragen, die letzte bekannte Überlebende starb Anfang 2019 in Genf. Jahrzehnte vergessen weiterlesen »

Der Vater war ein Nazitäter

geschrieben von Axel Holz

28. Januar 2020

Die Geschichte einer schwierigen Befreiung

Bewundernd schaut ein zwölfjähriger blonder Junge zu seinem Vater auf dem Foto auf, der ihn wiederum von der Seite stolz und fordernd anblickt. Es ist das Umschlagsbild auf Jens-Jürgen Ventzkis Buch »Seine Schatten, meine Bilder. Eine Spurensuche«, das der österreichische Studienverlag mit Unterstützung des Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung und der Stadt Wien bereits 2011 herausgebracht hat. Nun wurde das Buch auf einer Lesereise in Mecklenburg-Vorpommern in Rathäusern und Schulen vorgestellt, organisiert von den Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin, einer Gedenkstätte, die sich ideenreich gedenkstättenpädagogisch dem ehemaligen KZ Wöbbelin widmet und zugleich ein Museum über den umstrittenen Dichter Theodor Körner enthält. Der Vater war ein Nazitäter weiterlesen »

Neue braune Schollen

geschrieben von Janka Kluge

25. Januar 2020

Wie der Blut- und Boden-Mythos weiter lebt

Die beiden antifaschistischen Journalisten Andrea Röpke und Andreas Speit haben eine neue Recherche vorgelegt. Der Untertitel des Buches »Völkische Landnahme« zeigt die Stoßrichtung der Untersuchung. Immer öfter fallen Menschen, die in ländliche Gegenden gezogen sind, mit rechten Einstellungen auf. Diese Siedlungsbewegung hat mehrere Ursachen. Zum einen sind in vielen ländlichen Gebieten verlassene Bauernhöfe und Häuser günstig zu haben. Weil in vielen Kommunen die Entwicklung eher so ist, dass die Menschen in größere Städte ziehen, werden die neuen Einwohner oft freundlich begrüßt. Für viele Nazikader ist es eine neue Erfahrung, ungestört ihren Aktivitäten nachgehen zu können. Die nächste Antifagruppe ist oft viele Kilometer entfernt.

Es gibt für die neue Siedlungsbewegung aber noch einen anderen Grund. In der rechten Ideologie spielt die Natur seit jeher eine besondere Rolle. In der völkischen Bewegung wird schon immer eine besondere Verbundenheit der Menschen mit der heimischen Erde betont. Dieser »Blut und Boden« Mythos blieb auch nach dem Sieg über den Faschismus in Deutschland fester Bestandteil rechten Denkens. Doch erst mit dem Aufstieg der Neuen Rechten wurde er wieder salonfähig. Statt »Scholle« und »Blut und Boden« hieß er jetzt »Ethnopluralismus«. Gemeint war jedoch dasselbe. Menschen sollen nur dort leben, wo schon ihre Vorfahren zu Hause waren. Neue Familien sollen auch nur innerhalb dieser Grenzen gegründet werden. »Für die Völkischen, die Verfechter einer elitären deutschen Gesinnungsgemeinschaft spiegelt die angestrebte Lebensweise auf dem Lande die eigene Weltanschauung wider«, heißt es im Vorwort. Neue braune Schollen weiterlesen »

Zensorin in der »Telefónica«

geschrieben von Eva Fischer

25. Januar 2020

Ilsa Barea-Kulcsars Roman ist erstmals auf Deutsch erschienen

Im November 1936 ist die militärische Lage der Spanischen Republik äußerst ernst. Jeden Tag droht die Einnahme von Madrid, da die franquistischen Putschisten unter General Franco mit Unterstützung der deutschen und italienischen Faschisten bereits am Stadtrand von Madrid stehen. Die solidarische, antifaschistische Bewegung mobilisiert seit Wochen weltweit zu verschiedenartigster Unterstützung der Spanischen Republik.

Die österreichische Autorin Ilsa Barea-Kulcsar, damals 34 Jahre alt, seit früher Jugend in der sozialistischen Arbeiterbewegung aktiv als Journalistin und Propagandistin, fasst den Entschluss, als Journalistin nach Spanien zu gehen. Sie trifft in Madrid ein, als die Regierung gerade nach Valencia evakuiert wurde und für sie keine Arbeitsmöglichkeit in Madrid besteht. Doch sie setzt sich durch, kommt als akkreditierte Journalistin zurück nach Madrid und wird der Presseabteilung des Außenministeriums zugeordnet. Ihre Arbeitsstelle wird die Telefónica, das damals höchste Gebäude in Madrid mit Symbolkraft für die Republik.

In diesem einzigartigen Roman, der sich nur auf wenige Tage im November 1936 und auf das Hochhaus konzentriert, verarbeitet sie ihre Erfahrungen aus den Tagen, die für das damalige Überleben der Republik entscheidend waren. Zensorin in der »Telefónica« weiterlesen »

Schlichte »Propaganda«

geschrieben von Reinhold Weismann-Kieser

25. Januar 2020

Ein Roman von der Kunst und den Schrecken des Krieges

Steffen Kopetzky ist ein vielseitig begabter und prämierter deutscher Literat. Er ist akademisch gebildet und dennoch bodenständig. In seiner Heimatstadt Pfaffenhofen an der Ilm lebt er mit seiner Familie und ist kommunalpolitisch für die SPD tätig. Nun hat er es unternommen, einen großen Roman über die letzte Phase des Krieges nach der Invasion in der Normandie zu schreiben. Als Schauplatz wählt er die »Schlacht im Hürtgenwald«, laut Wikipedia »das Verdun der USA in der Eifel«, ein entsetzliches und sinnloses Opfer an Menschen und Material also.

Als Erzähler schlüpft er in die Rolle eines Offiziers der Truppe für psychologische Kriegsführung, und Redakteur der »Stars and Stripes«. Der ist für diese Aufgabe qualifiziert durch die Abstammung seiner Mutter aus einer deutschen Sprachinsel in Pennsylvania. Anschließend wurde er durch den eingewanderten deutschen Vater in der Bronx sozialisiert. Durch seine Boxer-Ausbildung erlangte er ein Stipendium an einer renommierten Uni und genoss dort literarische Bildung.

Nach der Landung in der Normandie gerät er durch einige Verwicklungen in den frontnahen Einsatz in der Eifel. All das wird detailliert und liebevoll erzählt, durchmischt mit abenteuerlich-brutalen Details. Schlichte »Propaganda« weiterlesen »

Gesprächsaufklärung NSU

22. Januar 2020

Die Ergebnisse des Untersuchungsausschusses im Podcast-Format

antifa: Ihr habt drei Jahre lang als außerparlamentarische Beobachter die Sitzungen des NSU-Untersuchungsausschuss besucht und regelmäßig Zusammenfassungen als Radio-Sendungen im Internet veröffentlicht. Wie kam es dazu?

GSA: Seit der NSU im November 2011 bekannt wurde, haben wir die Berichterstattung darüber verfolgt. Die Verstrickungen von Nazis und Behörden haben uns entsetzt, wenn auch nicht völlig überrascht. Bald hat sich gezeigt, dass auch der Brandenburger Verfassungsschutz mit seinem V-Mann Carsten Szczepanski eine Rolle im NSU-Komplex gespielt hat. Der V-Mann hatte schon 1998 wichtige Hinweise auf die späteren Mörder geliefert. Im Jahr 2016 hat deshalb der Brandenburger Landtag einen Untersuchungsausschuss eingesetzt um das Handeln der Behörden zu untersuchen. Wir haben uns einen Podcast gewünscht, der den Untersuchungsausschuss begleitet und dokumentiert. Weil wir als Potsdamer in der Nähe waren, haben wir dann entschieden, es selbst zu versuchen.

antifa: Was unterscheidet euch von den anderen BeobachterInnen des Ausschusses wie beispielsweise NSU-Watch? Oder: Gibt es ähnliche Projekte wie eures? Gesprächsaufklärung NSU weiterlesen »

Kein Ende. Nirgends

geschrieben von Heinrich Fink

22. Januar 2020

Dokumente und Gedanken aus der Wendezeit von Christa Wolf

In der DDR-Wende von 1989 war die Schriftstellerin Christa Wolf eine unentbehrliche, wichtige Stimme. Sie hat sich unermüdlich eingemischt und eingesetzt für eine sachliche Klärung der aktuellen Konflikte. Sie hoffte, auf einen demokratisch veränderbaren Sozialismus, was in ihren Interviews und Berichten nun wieder nachzulesen ist. Die Leser erfahren viel Neues über Christa Wolfs Biographie, vor allem über ihre Arbeit als Schriftstellerin. Die Leser können im nun vorliegenden Buch auch ihre eigene Position »von damals« noch einmal reflektieren.

Im Unterschied zu Daniela Dahns Buch »Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute«, in dem es um die Analyse und Praxis der grundlegenden Umstrukturierung der DDR in eine kapitalistische Gesellschaft geht, geht es bei Christa Wolf noch um die Diskussionen im Vorfeld der Vereinigung – was von der sozialistischen Gesellschaft erhalten werden könnte oder sogar müsste. Kein Ende. Nirgends weiterlesen »

Ein Einzelner sagt »Nein«

22. Januar 2020

Terrence Malicks Film über Franz Jägerstätter

Franz Jägerstätter war ein stiller Held des Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Das ist heute allgemein anerkannt, auch von der katholischen Kirche, der er angehörte. Weil er wegen Verweigerung des Kriegsdienstes hingerichtet wurde, gilt er seit 2007 als Märtyrer und wurde im selben Jahr von Papst Benedikt XVI. selig gesprochen. Doch das späte Datum zeigt bereits: Dem war nicht immer so. Nicht zu seinen Lebzeiten und auch später für lange Jahre nicht.

Jägerstätter lebte, mit kleineren Unterbrechungen, seit seiner Geburt in der kleinen Gemeinde St. Radegund in Oberösterreich, wo er von seinem Stiefvater einen Bauernhof erbte. 1936 heiratete er seine Frau Franziska und wendete sich, durch sie angeregt, tief dem katholischen Glauben zu. Den Nationalsozialismus lehnte er ab, da er diesen nicht mit den Lehren der Kirche vereinbar sah. Bei der Volksabstimmung über den bereits vollzogenen Anschluss Österreichs stimmte er als einziger im Dorf mit »Nein«. 1940 wurde er zum ersten Mal zur Wehrmacht einberufen. Dem kam er zunächst nach und leistete seine Grundausbildung ab, konnte jedoch ein Jahr später zunächst wieder auf seinen Hof zurückkehren. Im Folgenden reifte in ihm der Entschluss, nicht zum Militär zurückzukehren.

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Editorial

geschrieben von Regina Girod

12. Dezember 2019

Mit der Landtagswahl in Thüringen ist die AfD nach Sachsen und Brandenburg in diesem Jahr in drei ostdeutschen Bundesländern mit Stimmenanteilen von mehr als 20% in Landtage gewählt worden – ein Alarmsignal für die Demokratie! Führende Sozialdemokraten brachten inmitten ihres eigenen Debakels am Wahlabend immerhin die Klarheit auf, die AfD durchgehend als »rechtsextrem«, nicht mehr rechtspopulistisch zu bezeichnen. Zuvor hatte der SPD-Politiker Michael Roth die AfD den »politischen Arm des Rechtsterrorismus« genannt. Die Hoffnung der AfD, in einem ungebremsten Lauf an die Macht zu gelangen, ist jedenfalls gescheitert. An vielen Orten tritt ihr breiter und bunter Widerstand entgegen. Wir informieren auf Seite 9 über die Proteste gegen den Parteitag der hessischen AfD in Fulda und rufen dazu auf, sich an den bundesweiten Protesten gegen den AfD-Parteitag am 30.11. und 1. 12. in Braunschweig zu beteiligen.

Antifaschismus heißt nicht nur, den politischen Kampf gegen alte und neue Nazis, Rassisten und Nationalisten zu führen, sondern auch, offensiv humanistische, demokratische und emanzipatorische Werte zu vertreten und zu verteidigen. Was uns aktuell als politischer Rechtsruck entgegentritt, wird flankiert von einem kulturellen Wandel, der sich in den letzten dreißig Jahren vollzogen hat. Einem Aspekt dieser Entwicklung widmet sich Cornelia Kerth in unserem Spezial mit dem Titel »Zurück in die imperialen Vergangenheit«, in dem sie sich als Ethnologin und Afrikanistin mit der »Auferstehung« des Berliner Stadtschlosses und der Konzeption des Humboldt-Forums auseinandersetzt. (Seite 13 – 16)

Der Kampf um die Erinnerung an den historischen Faschismus und seine Gegner hat nach der »Wende« schnell europäische Dimensionen angenommen. Das zeigte auch das Beispiel der italienischen Gedenkstätte im Museum Auschwitz-Birkenau. (Seite 26 -27) Sie wurde aus dem Museum verbannt, weil sie nicht mehr dem Gedenkstättenkonzept der polnischen Regierung entsprach. Sabine Bade beschreibt, wie sie gerettet wurde.

 

Unser Titelbild:

12. Dezember 2019

Demonstration gegen rechten Terror und Antisemitismus nach dem Anschlag in Halle 12.10.2019. Foto: Antifaschistische Gruppen Hamburg

Demonstration gegen rechten Terror und Antisemitismus nach dem Anschlag in Halle 12.10.2019

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