Es bleibt eine Schande

geschrieben von Erika Klantz

5. November 2023

Sammelband zum Elend der Traditionspflege in der Bundeswehr

Jakob Knab führt mit seinen Mitautoren eine Auseinandersetzung, die längst gewonnen scheint. Spätestens mit der überarbeiteten Wehrmachtsausstellung ist allen klar, dass es keine »sauberen« staatlichen Institutionen im »Dritten Reich« gegeben hat, schon gar keine »saubere Wehrmacht«. Dies heißt aber nicht, dass es in der Bundeswehr nicht noch Menschen gibt, die die »Ehre« einzelner Wehrmachtsoffiziere nicht noch retten wollen. Gegen diese Traditionspflege wenden sich die Beiträge in »›Helden‹ der Vergangenheit?«. Es bleibt eine Schande weiterlesen »

Das nie wieder

5. November 2023

Seemann und Autor: Film über Walter Kaufmann. Gespräch mit Dirk Szuszies

antifa: Ihr habt einen Film über den im Jahr 2021 verstorbenen Walter Kaufmann gedreht. Wer war das?

Dirk Szuszies: Walter Kaufmanns Leben lässt sich kaum in wenigen Sätzen zusammenfassen. Er wurde 1924 in Berlin als Sohn einer armen polnischen Jüdin geboren und mit drei Jahren in eine wohlhabende jüdische Familie in Duisburg adoptiert. Bis es mit Hitlers Machtergreifung zum Bruch kam, beschrieb er seine Kindheit als sehr glücklich. Mit einem der letzten Kindertransporte wurde er nach England gerettet, seine Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Davon erfuhr er lange nichts, da er von den Briten nach Australien abgeschoben wurde. Dort arbeitete er im Hafen und knüpfte so Kontakte zur Seemannsgewerkschaft, in der er auch Mitglied wurde und durch die seine Liebe zum Schreiben gefördert wurde. Darauf folgte ein wechselhaftes Leben, immer blieb er aber begeisterter Seemann und Autor. Das nie wieder weiterlesen »

Handlungsspielräume

geschrieben von Ulrich Schneider

5. November 2023

Ausstellung über »Frankfurter Polizeibeamte im Nationalsozialismus«

In der historischen Auseinandersetzung mit der NS-Herrschaft ist der Terrorapparat im weitesten Sinne gut aufgearbeitet. Auch zu den Strukturen der Gestapo liegen mittlerweile substanzielle Untersuchungen vor. Dabei gibt es keinen Zweifel, dass alle Teile der Sicherheitsdienste, von der Polizei auf den unterschiedlichen Ebenen bis zu den Geheimdiensten, den NS-Terroreinheiten der SA und SS sowie den Polizeibataillonen der Ordnungspolizei, in Verbindung mit der Justiz zur Ausschaltung jeglichen Widerstands und zur Durchsetzung der faschistischen Zielvorstellung einer rassistisch normierten Volksgemeinschaft ihren jeweiligen Beitrag geleistet haben. Handlungsspielräume weiterlesen »

Feministischer Antifaschismus

geschrieben von Muerbe u. Droege

5. November 2023

Alltägliche Gegenöffentlichkeit

Politische Theorie und Praxis werden durch das geformt, was öffentlich wird und was privat bleibt. Ein Verständnis, das über liberale und konservative Standpunkte hinausgeht, bedarf in dieser Hinsicht einer erweiterten Auffassung. Reproduktive Rechte stehen im Zentrum demokratischer Politik, denn Selbstbestimmung ist die Grundlage von Teilhabe. Der Versuch, autoritäre, völkische und patriarchale Gesellschaftsmodelle umzusetzen, ist international beobachtbar und steht auf der Agenda eines breiten rassistischen, frauen*- und queerfeindlichen Bündnisses, das von religiösen Fundamentalist*innen über extrem rechte Organisationen bis hin zu Spitzenpolitiker*innen aktueller Regierungen reicht. Der Angriff auf den Sozialstaat im Neoliberalismus ist nicht zu trennen von der erneuten Zuweisung der Reproduktionsarbeit in die Familie. Feministischer Antifaschismus weiterlesen »

Widerstand trotz Angst

geschrieben von Christa Bröcher, »Kinder des Widerstandes«, Mitglied im Aktionskomitee DIZ Emslandlager

5. November 2023

90 Jahre »Lied der Moorsoldaten«

»Dann ziehn die Moorsoldaten NICHT mehr mit dem Spaten ins Moor!« So endet das weltweit bekannte, in viele Sprachen übersetzte und bis heute in mehreren hundert Adaptionen gesungene und gespielte »Lied der Moorsoldaten«. Es zeugt vom Willen, sich durch die Misshandlungen der SS und die unmenschlichen Arbeitsbedingungen nicht beugen zu lassen. Häftlinge hatten den Liedtext geschrieben (Johann Esser), überarbeitet (Wolfgang Langhoff), die Melodie notiert (Rudi Goguel), das Liedblatt illustriert (Hanns Kralik). Gesungen von einem 40 Mann starken Häftlingschor, wurde das Lied im Rahmen eines von den Lagerinsassen gestalteten Kulturprogramms – initiiert von dem Schauspieler Wolfgang Langhoff – am 27. August 1933 im KZ Börgermoor uraufgeführt. Widerstand trotz Angst weiterlesen »

Ausgabe September/Oktober 2023

geschrieben von Nils Becker

14. September 2023

Demonstration am 12. August in Dortmund: Gedenken an den 16jährigen Mouhamed Lamine Dramé, der vor einem Jahr bei einem Polizeieinsatz erschossen wurde. Bericht auf den NRW-Seiten im Länderteil dieser Ausgabe. Foto: Uwe Bitzel/umbruch-bildarchiv.org

Laut einer Befragung des Meinungsforschungsinstituts Emnid könnten sich 18 Prozent der Deutschen vorstellen, eine von Thilo Sarrazin geführte Partei zu wählen. Diese Umfrage war im Winter 2010/11 und reflektierte das gesellschaftliche Echo auf das rassistische Buch »Deutschland schafft sich ab« des prominenten SPDlers Sarrazin. Der vermeintliche Ruf nach einer rechtspopulistischen Partei war laut genug, dass sich Teile des rechten Bundes Freier Bürger, sowie liberal-konservative Eurokritiker*innen mit CDU/FDP-Parteikarrieren Erfolgschancen ausrechneten, um die Regierung Merkel mit einem Bündnisprojekt von rechts unter Druck zu setzen. Sarrazin und die Gründungsmitglieder der AfD, die mit ihrer »Wahlalternative 2013« erstmalig antraten, sind vergessen, wie die Wirtschaftskrise von 2010 – die der eigentliche AfD-Gründungsmythos ist. Geblieben ist diese Partei, mit einer nunmehr extrem rechten Führung, und das Wähler*innenpotential, das nun auch realisierbar ist.

Wer sich über die Ursachen der Radikalisierung der Partei und die Auswirkungen auf uns alle Gedanken macht, sollte die absichtsvollen Bemühungen des sogenannten demokratischen Spektrums und die Rolle der zum Erfolg der AfD maßgeblichen Medien berücksichtigen. Mit Blick auf die deutsche Geschichte und die jüngeren Entwicklungen in vielen anderen Ländern, waren schon 2012 die Dynamiken vorhersehbar, die durch die Mobilisierung von Angst, Wut und Nationalismus entstehen. Trotzdem wurde und wird weiter verantwortungslos mit dem Feuer gespielt.

Nach zehn Jahren AfD hat sich einiges verändert, und wir müssen konstatieren, dass auch wir als Antifaschist*innen womöglich in die nächste Phase der Auseinandersetzung eintreten müssen: Was ist zu tun, wenn der Faschismus, ob nun als durchsetzungsfähige Minderheit oder im Bündnis mit Opportunist*innen aller Couleur, entscheidend das Miteinander hierzulande, die EU und die Außenpolitik prägt? Es macht sehr wohl einen Unterschied, ob die AfD in den Parlamenten, Rathäusern und Sicherheitsapparaten sitzt. Das  wissen wir, nicht erst seit ein rechtes Parteienbündnis in Italien die Regierung übernommen hat. Da es darauf keine einfachen Antworten gibt, sollte der Dialog dazu, was von wem zu tun ist, bald starten, bevor es wieder zu spät ist. Weitere zehn Jahre können wir uns nicht leisten.

Inhalt der Ausgabe

Zeitgeschehen
Brandmauern, Zündler, Feuerwehr (Kerstin Köditz)
Niger: Der »richtige« Ort (Ina Sembdner)
Besondere Kombination: Fachkräfte und Asylrecht (Nils Becker)
Henstedt-Ulzburg: Der Täter war bereit zu töten (Sonja Petersen)
Zum Sommerinterview von Höcke: Inklusion ist keine Ideologie (Sigrid Falkenstein, Julia Gilfert, Gabriele Lübke)
Sächsische Schweiz: Antifa-Wanderseminar (Maxi Schneider)
Zum AfD-Parteitag: Sie wittern die Macht (Thomas Willms)
Militärische Planspiele in der Ukraine (IPPNW)
Meldungen
Interview: Kein CSD ohne Antifa (Kathrin Vogler)
»Rechtsrockland« Thüringen (Martina Renner)
Hubert Aiwanger unter Druck (Janka Kluge)
Archive der VVN: Neueröffnung des Hartmut-Meyer-Archivs in Köln
Leserbriefe: »Querfront« in der Weimarer Republik? zu Spezial Juli/August.
Leserbrief: Die Staatsnähe der französischen Medien zu „Demokratische Militarisierung“ (Juli/August)

Spezial
Rechte Medienprojekte und digitale Mobilisierungen (Maik Fielitz)
Neues rechtes Hetzmedium: Nius (Andreas Siegmund-Schultze)

Portrait: Marianne Wilke (Matthias Behring)

Geschichte
Die internationalistische Chile-Solidaritätsbewegung vor 50 Jahren (Ulrich Schneider)
Bildungsreise zum jüdischen Exodus 1947 in Österreich (Peps Gutsche)

Internationales
Türkische Kriegsverbrechen gegen Kurd:innen und Êzîd:innen mit EU-Hilfe (Civaka Azad)
Die FIR auf dem Weg zum XIX. Kongress in Barcelona (Ulrich Schneider)
Partisanen-Wanderung Region Emilia-Romagna (Johanna Jawinsky)

Kultur
Volkstheater. Der rechte Angriff auf die Kunstfreiheit (Janka Kluge)
Interview zur Podcastreihe: „Qabale“ (Juliet Schnabel)
Fritz-Bauer-Forum in Bochum (Ulrich Sander)
Verfassungsschutz. Wie der Geheimdienst Politik macht (Sebastian Schröder)
Lesebuch zu Harry und Martha Naujoks (Henning Fischer)
Föhrenwald, das vergessene Schtetl (Harry Friebel)
Faschismus, Antifaschismus und Epoche sozialer Revolution (Regina Girod)
Phantastische Gesellschaft. Falsche und imaginierte Familiengeschichten zur NS-Verfolgung (Nils Weigt)
Kroatische Exilgruppen in der Bundesrepublik (Peter Nowak)

Rücktitel: Ula Richter

Brandmauern, Zündler, Feuerwehr

geschrieben von Kerstin Köditz

14. September 2023

Wie es der AfD gelingt, den Diskurs zu bestimmen

Eine Brandmauer ist eine Wand, die durch ihre besondere Beschaffenheit dafür sorgen soll, dass ein Feuer nicht von einem Gebäude oder Gebäudeteil auf ein anders übergreifen kann. Sie muss diese Aufgabe auch dann erfüllen, wenn Löschwasser und Hitze auf sie einwirken oder Bauteile auf sie stürzen. Natürlich darf eine Brandmauer nicht durch brennbare Baustoffe unterbrochen werden oder Hohlräume aufweisen. Kurz: Eine Brandmauer ist eine Defensivmaßnahme, die im Ernstfall Schlimmeres verhindern soll. Der Ernstfall, das ist der Brand. Sie wirkt nicht dort, wo es bereits brennt.

Die Brandmauer, von der gerade – angestoßen vom CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz – im politischen Leben alle reden, ist die »Brandmauer gegen rechts«; konkret: gegen die AfD. Jene Partei, die Merz mit seiner CDU halbieren wollte. Jene AfD, deren Vorsitzender Tino Chrupalla inzwischen davon spricht, dass die von ihm geführte AfD die CDU halbieren wolle. Damit ist er noch zurückhaltend. Maximilian Krah, Spitzenkandidat der AfD zur Europawahl gibt als Ziel gar die Parole aus, die CDU müsse vernichtet werden. »Die CDU bleibt also der strategische Hauptgegner«, so Krah. Es brennt also tatsächlich. Lichterloh. Brandmauern, Zündler, Feuerwehr weiterlesen »

Der »richtige« Ort

geschrieben von Ina Sembdner

14. September 2023

Bundeswehr in Niger: Fluchtabwehr unter Deckmantel der »Terrorbekämpfung«

Zu den Ländern auf den letzten zehn Plätzen des Human Development Index, der die »menschliche Entwicklung« in den jeweiligen Ländern »misst«, gehören nicht zufällig all jene Staaten Westafrikas, die sich nach Putschen in einem militärisch geführten Übergang finden: Guinea (182), Burkina Faso (184), Mali (186) und zuletzt Niger, das an Stelle 189 von 191 offiziell registrierten Staaten steht. Der »richtige« Ort weiterlesen »

Besondere Kombination

geschrieben von Nils Becker

14. September 2023

Die Bundesregierung will rassistische Stimmungen und Nützlichkeitsdenken verbinden

Im August präsentierte die Bundesregierung zwei Vorschläge zur Begrenzung und Regulierung der Zuwanderung. Einerseits wurde auf die gestiegenen Zahlen von Asylanträgen mit Vorschlägen zur Beschleunigung von Abschiebungen reagiert, andererseits eine Reform des Staatsbürgerschaftsrechts eingebracht, das vor allem diejenigen befriedigt, die Deutschland im globalen Wettbewerb um die besten Köpfe gefährdet sehen. Beides wird das Leben für zahlreiche Geflüchtete schwerer machen. Besondere Kombination weiterlesen »

Täter war bereit zu töten

14. September 2023

Solidarität mit Opfern rechter Gewalt. Gespräch mit Sonja Petersen

antifa: Stellt euer Bündnis bitte kurz vor. Welche Aktionen habt ihr bisher durchgeführt?

Sonja Petersen: Das Bündnis besteht seit knapp einem Jahr, in ihm sind antifaschistische Gruppen aus Schleswig-Holstein und Hamburg vernetzt. Neben einer Demonstration im Juni dieses Jahres in Henstedt-Ulzburg haben wir mittlerweile europaweit Informationsveranstaltungen zur rechten Autoattacke vom 17. Oktober 2020 durchgeführt. Seit Prozessbeginn begleiten wir die Verhandlungen kontinuierlich als Beobachter*innen im Gerichtssaal und organisieren unregelmäßig immer wieder auch antifaschistische Kundgebungen davor.

antifa: Der Angriff wurde in Pressemeldungen als Verkehrsunfall verharmlost und die politische Motivation größtenteils außen vor gelassen. Wie habt ihr diese Entwicklung wahrgenommen, und hat sich daran seit Prozessbeginn etwas geändert? Täter war bereit zu töten weiterlesen »

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