Migrationshintergrund?

geschrieben von Irene Runge

5. September 2013

Plädoyer für Einwanderungsgeschichte als Schulfach

Nov.-Dez. 2007

Auf Deutsch gibt es sonderbare Sprachhemmungen. Beispielsweise dann, wenn es um die Einwanderung und die Einwanderer geht. Da mussten neue Begriffe her, weil das Wort »Ausländer« all jene überging, die längst deutsche Staatsangehörige waren. So erfand man sich die »einheimischen Ausländer« und »fremden Deutschen«, begann, mit dem Wort »Migrationshintergrund« auch statistisch zu jonglieren, und korrigierte politisch die Tatsache, dass es hierzulande Menschen mit – und auch ohne Migrationserfahrungen gibt.

Solche Rederegeln verhindern, dass neue Erkenntnisse mehr sind als nur Worte. Wenn bereits im Jahr 2010 rund 40 Prozent (!) aller unter Vierzigjährigen in unserem Land irgendeinen familiären oder eigenen Migrationshintergrund haben werden, könnten neue Fragen entstehen. Beispielsweise die, ob es überhaupt wichtig ist, dass fast die Hälfte dieser Altersgruppe nicht-deutscher Herkunft sein wird. Vermutlich wird sich das am stärksten in den großen Städten, und weniger sichtbar auf dem platten Lande zeigen. Ganz natürlich stehen jene an der Spitze der Entwicklung, deren Groß- oder Urgroßeltern einst aus der Türkei in die Bundesrepublik eingewandert und hier geblieben sind, gefolgt von denen aus dem längst zerfallenen Jugoslawien. Heute leben hierzulande Angehörige aus rund 200 Ethnien, doch nicht alle werden statistisch zur Kenntnis genommen. Das betrifft nicht nur die Kurden mit türkischer oder sonstiger Staatsangehörigkeit. Wie kommt es eigentlich, dass solche Themen in den politischen Debatten zwischen links und Mitte nicht zu hören sind?

Gedankliche und administrative Hilflosigkeit machen sich auch dann breit, wenn es um das Thema »Deutsche mit Migrationshintergrund« geht. Dazu gehören beispielsweise die Spätaussiedler, aber auch jene in die väterliche Heimat einwandernden Kinder der vor den Nazis ins Ausland geflohenen Juden. Auch das verschweigt die Politik, die dem Alltag zumindest Richtungen vorgeben sollte. Aber Staatsangehörigkeit ist nicht zwingend Nationalität, doch diese Frage wird dem rechten Rand überlassen. Für den bleibt fremd, wer sichtbar anderer Herkunft ist und zwar ungeachtet seines Bürgerrechts. Das allein wäre Grund genug für linke politische Gegenwehr.

Diese feste Burg kann nicht von langer Dauer sein. wenn alsbald jedes zweite Kind eine andere denn die bislang übliche deutsche Familiengeschichte haben wird. Ganz zweifellos sind diese Kinder auch Deutsche. Was denn sonst? Sie werden sich regional definieren, je nachdem, wo sie geboren sind: Berlin, Nürnberg, Luckenwalde oder Dresden, und sie werden stolz auf ihre doppelte und dreifache, auf ihre nationalen, ethnischen und religiösen Identitäten sein. Diese Kinder verfügen per Geburt über den Schatz der vor ihnen gewesenen Generationen, über längst nicht vergessene unterschiedliche familiäre Einwanderungsvergangenheiten, über Sprachfertigkeiten und kulturelle Vielfalt. Das ist ein Bildungsvorteil.

Die Einwanderer der ersten Generation haben noch Migrationserfahrungen, aber es fragt kaum jemand danach. Schon über 1,2 Millionen Kinder von eingebürgerten oder ausländischen Eltern haben bei der Geburt zusätzlich die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten. Wie sie sind rund 1,5 Millionen Kinder, bei denen ein Elternteil Ausländer, Spätaussiedler oder Eingebürgerter ist, keine Migranten und sie haben demnach keine Migrationserfahrungen.

Wie es weitergeht? In wenigen Jahrzehnten gestalten solche Kinder, denn an anderen wird es mangeln, ganz ohne Verweis auf die Herkunft ihrer Vorfahren die deutsche und europäische Politik, Wirtschaft und Kultur. Dann wird es in der Schule das Fach Einwanderungsgeschichte geben, und die letzten der ersten Einwanderer werden als Zeitzeugen gefragt sein. Wird man das aktuelle deutsche Zuwanderungs- und Flüchtlingsbegrenzungsgesetz dann überhaupt noch verstehen?

Linke Heimatgefühle

geschrieben von Conrad Taler

5. September 2013

Erwiderung auf den Artikel »Rechte Heimatgefühle«

Nov.-Dez. 2007

Unter der Überschrift »Rechte Heimatgefühle« berichtet Anne Rieger im »antifa«-Magazin vom September/Oktober 2007 über eine Regionalstudie zum Rechtsextremismus, die sich mit den Ursachen des politischen Verhaltens von Jugendlichen im württembergischen Rems-Murr-Kreis befasst. In dem Beitrag heißt es, den Sozial- und Verhaltensforschern um Professor Josef Held von der Universität Tübingen sei bei ihren Interviews aufgefallen, »dass Jugendliche mit extrem rechten Positionen gut in ihr dörfliches oder kleinstädtisches Milieu integriert sind und einen starken Bezug zur Heimat haben«.

Was sollen wir daraus lernen? Dass Heimatliebe und ländliches Milieu anfällig machen für rechtsextremistische Positionen? Wenn das stimmte, dann wären Jugendliche in städtischen Ballungszentren von vornherein weniger gefährdet. Aber auch dort finden braune Rattenfänger Mitläufer und Nachbeter. Dass »auf dem Land« konservative Denkweisen stärker verbreitet sind als anderswo ist eine Binsenweisheit. Das sollte aber nicht zu Vorurteilen gegenüber dem dörflichen Milieu verleiten, in das gerade seine Kritiker während des Urlaubs nur allzu gern selber eintauchen.

Wer sich in einem ländlichen Umfeld geborgen fühlt, der versinkt doch deswegen nicht in provinziellem Mief. Heimatliebe ist nicht das Vorrecht von Leuten, die sich national nennen, und dabei – wie Thomas Mann sich ausdrückte – nur »Dunst und Dusel, das faule, wehleidige, brutale ›Gemüt‹ im Sinn haben«. Sie ist nicht gleichbedeutend mit Weltabgewandtheit und Feindschaft gegenüber Menschen anderer Sprache oder Hautfarbe. Heimatliebe ist Ausdruck der Sehnsucht des Menschen nach Geborgenheit und Frieden.

Kurt Tucholsky hat sich leidenschaftlich dagegen gewehrt, den Heimatbegriff der politischen Rechten zu überlassen. In einem Aufsatz mit dem schlichten Titel »Heimat« schrieb er 1929: »So wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht nehmen wir, die wir hier geboren sind, Fluss und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese; es ist unser Land. Man hat uns zu berücksichtigen, wenn man von Deutschland spricht, uns: Kommunisten, junge Sozialisten, Pazifisten, Freiheitsliebende aller Grade, man hat uns mitzudenken, wenn ›Deutschland‹ gedacht wird.«

Viele heimatverbundene Menschen haben über die Naturfreundebewegung den Weg in linke Parteien gefunden und sind den Idealen ihrer Jugend ein Leben lang treu geblieben. Wer die Liebe der Menschen zu Heimat und Natur verächtlich macht, treibt sie in die Arme von Leuten, denen Heimatliebe zu allen Zeiten nur als Vehikel für dumpfen Nationalismus gedient hat. Alte Nazis und rechte Politiker konnten während des Kalten Krieges nur deswegen mit den Gefühlen von Millionen Vertriebenen ungehindert Schindluder treiben, weil andere das Wort Heimatliebe nur mit herabgezogenen Mundwinkeln über die Lippen gebracht haben. Da gibt es einiges aufzuarbeiten. Immerhin belegen zahlreiche literarische Zeugnisse, dass die von den Nazis verjagten Hitlergegner einen starken Bezug zu ihrer Heimat hatten.

So interessant die Ergebnisse der Regionalstudie über den Rechtsextremismus bei Jugendlichen im Rems-Murr-Kreis auch sein mögen, so wenig sollten sie verallgemeinert werden. Vor mehr als fünfzig Jahren wurde ich als Wahlredner in einen kleinen Weinort im Remstal geschickt. Dort bereitete die Dorfjugend dem jungen Redakteur aus Stuttgart einen heißen Abend. Als der letzte Zug nach Stuttgart weg war und ich keine Bleibe hatte, lud mich mein schärfster Kritiker ein, bei ihm und seiner jungen Familie zu übernachten.

Widerstand in Thüringen

geschrieben von Norbert Podewin

5. September 2013

Eine lesenswerte Spurensuche antifaschistischen Kampfes

Nov.-Dez. 2007

Die Fülle der Widerstandsliteratur gegen den deutschen Faschismus ist jüngst um eine bemerkenswerte Neuerscheinung bereichert worden. Autor Gerd Kaiser zeichnet die Geschichte des Widerstandes in Thüringen nach. Es war das erste Land der Weimarer Republik, in dem sich 1931 in einer Koalition NS-Politiker – so Wilhelm Frick – legal positionieren konnten. Im August des Folgejahres kam hier die erste »rein nationalsozialistische« Landesregierung ins Amt; der seit 1927 NSDAP-»Gauleiter« und fanatische Antisemit Fritz Sauckel wurde Staats- und Innenminister.

Historisch fundiert setzt Kaiser den Widerstand gegen die NS-Bewegung bereits 1923 an und kennzeichnet deren Drahtzieher: »Der Faschismus zeigte sich mitnichten als ein gesellschaftliches Problem der ‚politischen Ränder von rechts und links‹. Er war eine Frucht der finanziellen, wirtschaftlichen und politischen Herrschaftsraffinesse an der Spitze und in der Mitte der Gesellschaft, den Interessevertreter den Faschismus förderten und tolerierten, ihm schließlich den Weg öffneten.«

Die verschiedenen Etappen des Kampfes werden herausgearbeitet und die Aktivisten – vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten – gewürdigt. Doch auch Intellektuelle, Kleinbürger und Geistliche, die vor der Demagogie der Hitler-Bewegung warnten, finden Würdigung. Der Überblick über den Widerstand im Thüringer Wald wird ergänzt durch das Kapitel »Lebensbilder aufrechter Frauen, Männer und Jugendlicher«, in dem etwa 430 Antifaschisten gewürdigt werden. Bei einigen musste es bei bloßer Angabe bleiben, da Unterlagen nicht mehr vorhanden sind, so »Heinrich List; Suhl, politisch verfolgt und im KZ Buchenwald gestorben« oder »Günther Schwarze; geboren am 26.2.1912 in Rudolstadt, wohnhaft Erfurt, wurde von einem Gestapokommando kurz vor der Befreiung im Webicht erschossen«.

Wo Kaiser bei seiner akribischen Suche fündiger wurde, lernen wir politische Lebensbilder in aller Vielfalt kannten. Hunderte Überlebende und Angehörige wurden befragt und stellten einmalige Dokumente und Fotos zur Verfügung. »Gefunden wurden«, so der Autor, »bisher zumeist unbekannte Briefschaften, Anklageschriften und Urteile, Flugblätter, handgeschriebene Erinnerungen von knapp einer Seite bis zu unveröffentlichten Autobiografien von über 200 Seiten«. Nachgewiesen aber werden auch nach 1990 »gelöschte« Erinnerungsstätten und Persönlichkeiten, die nicht in die These von den »zwei deutschen Diktaturen« passten.

Gerd Kaiser

Auf Leben und Tod. Stille Helden im antifaschistischen Widerstand 1923 bis 1945, edition bodoni 2007,

ISBN-10: 3929390965
ISBN-13: 978-3929390964

Gerd Kaiser selbst hat ein hervorragendes quellenkritisches Werk vorgelegt und darin keinen Zweifel an seiner politischen Haltung gelassen. Er schreibt dazu bündelnd: »Die seit Ende des 20. Jahrhunderts in Umlauf gebrachten gestanzten Worthülsen vom ›verordneten‹ oder ›rituellen‹ Antifaschismus sind sprachliche und ideologische Stempel. Sie sollen politische Blindheit und Unvermögen, wirtschaftlich motivierte Liebedienerei oder Mitläufertum aus Karrieregründen gegenüber dem Phänomen Faschismus, vor allem dessen Mitgestaltung oder dessen stillschweigende Duldung oder Verherrlichung kaschieren, aktive antifaschistische Gesinnungen und Haltungen herabwürdigen, historische Tatsachen und Taten verschweigen, verfälschen oder ›delegitimieren‹«.

Der Rabbiner-Nachfahre

geschrieben von Irene Runge

5. September 2013

Günter Nobel: Kommunist, Brandenburg-Häftling,
Shanghai-Emigrant

Nov.-Dez. 2007

Am 12. März 2003 hatte der Jüdische Kulturverein Berlin zu einem Fest geladen, denn Günter Nobel war gerade 90 Jahre alt geworden, aber er legte wenig Wert auf solche Art Ehrungen. Also bat er seine Gäste um gute Laune und solidarische Spenden für seinen Verein. So haben wir auch seinen 85. gefeiert, den 80. hat er uns vorenthalten.

Günter, der Nachfahre bedeutender deutscher Rabbiner, der von den Nazis exmatrikulierte Berliner Student, der Kommunist, Brandenburghäftling zwischen 1936 und1939, der Werkzeugmacher, Shanghai-Emigrant, SBZ-Rückkehrer aus politischer Überzeugung, der Ehemann, Vater, Groß- und Urgroßvater, Freund und Genosse – er wirkte schließlich als längst berenteter Wirtschaftsfunktionär über Jahre hinweg auch als engagiertes Vorstandsmitglied im Jüdischen Kulturverein Berlin. Wenn ich an ihn in dieser Funktion denke, fällt mir seine wache Disziplin ein, seine klare Parteilichkeit, sein solidarisches Mitgefühl, sein verschmitzter Humor. Er war ohne Wenn und Aber einer von uns.

Wie andere seiner Generation hatte auch Günter Religion und jüdisches Brauchtum mit Muttermilch und Vaterwort aufgesogen, aber wie sehr viele unserer sozialistischen Eltern schlug auch er dieses jüdische Erbe aus. So war er an dessen Weitergabe an uns wegen frühzeitig intensiver Politisierung in SAP und KPD folglich auch nicht beteiligt.

Dass er und Genia, seine Frau, sich nach dem Ende der DDR ausgerechnet auch noch in einem Jüdischen Kulturverein beheimatet haben, dass sich Günter in unseren Sprecherrat wählen ließ, dass er dadurch über Jahre unsere endlosen Debatten zu Religion und Weltlichkeit, über die richtige Gestaltung jüdischer Feiertage und die Kaschrut freundlich, gar wohlwollend zur Kenntnis nahm und gern mit orthodoxen Besuchsrabbinern plauderte, die ihn als einen Nobel-Nachfahren mit größter Hochachtung behandelten, gehörte dazu.

Aus mir nicht bekannten, wohl weit zurückliegenden, gewiss religiösen Gründen, waren zwei der großen rabbinischen Dynastien in Deutschland, die der Nobels und Carlebachs, heftig und unversöhnt miteinander verfeindet. Im Jahr 1990 nun kam der unvergessene Reb Shlomo Carlebach, der fast letzte bekannte Rabbiner aus der berühmten Carlebach-Dynastie aus Manhattan zu uns in den Jüdischen Kulturverein. Er sang wie immer predigend und predigte singend mit, für und bei uns, aber auch im Westberliner Interkonti-Hotel. Dort fand gerade irgendeine jüdische Tagung statt. Einige von uns folgten Reb Shlomo brav dorthin, in einer Eingebung flüsterte ich ihm zu, dass sich auch Günter Nobel unter den Gästen befinde. Sofort holte der Rabbiner den überraschten Günter auf die Bühne, umarmte ihn, und so kam es endlich zu der längst überfälligen und unerwarteten Aussöhnung der Familien Carlebach und Nobel. Damals war mir und uns nicht im Entferntesten klar, dass in diesem Moment an der jüdischen Geschichte Deutschlands weiter geschrieben wurde.

Aber Günters Prioritäten waren dennoch andere: Ihm ging es um die Erfahrungen aus dem Widerstand und um die daraus abzuleitende politische Agenda der Gegenwart. Er war, er sah sich als einen der letzten Zeitzeugen, die über den Kampf und die Lehren daraus berichten konnten. So, als wir beispielsweise zum ersten Mal Heinz Fromm, den Präsidenten des Bundesverfassungsschutzes zu einem öffentlichen Gespräch in den Verein eingeladen hatten. Es war natürlich Günter, der eindringlich argumentierend von diesem das Verbotsverfahren der NPD anmahnte. Kein Antifa-Sonntag im September, kein Fabrik-Aktions-Gedenken, keine politische Debatte, die er freiwillig verpasst hätte.

Aus Shanghai kehrten Günter und Genia 1947 mit kämpferischer Zuversicht in die spätere DDR zurück – nicht zuletzt war es Bruno Baum, Freund und Mithäftling in Brandenburg, der Auschwitz überlebt hatte, der die beiden in Briefen nach Shanghai von dieser Mission überzeugte.

Wir werden dafür zu sorgen haben, dass Günters deutsch-jüdisch-politisch-kulturell-persönliche Biographie nicht allzu einseitig erinnert wird.

»Rat der Götter«

geschrieben von Klaus Woinar

5. September 2013

Umfassende Studie zur Geschichte der IG Farben erschienen

Nov.-Dez. 2007

Janis Schmelzer, ein profunder Kenner des IG Farben-Konzerns, stellt die Absicht seiner Studie in der Einleitung wie folgt dar: »Schlaglichtartig wird das Verhältnis der aufstrebenden Chemiefirmen zu der jeweiligen Staatsmacht in den drei aufeinander folgenden Staatsformen beleuchtet.« Für das Kaiserreich stellt er die einflussreichen Persönlichkeiten Carl Duisberg, Carl Bosch und Fritz Haber in den Vordergrund. Für die Zeit Weimarer Republik untersucht er die wachsende Einflussnahme der Direktoren der sich 1925 zur IG Farben zusammenschließenden Chemiefirmen, die sich machtbewusst als der »Rat der Götter« verstanden. Die engen Verflechtungen zwischen der Nazi-Diktatur und der »IG-Farben« sollen am Beispiel der Aktivitäten der nun den Konzern beherrschenden Vorständler Carl Bosch und Carl Krauch bewiesen werden.

Das erste Kapitel des Buches behandelt die Zeit vor und während des Ersten Weltkrieges über die Nachkriegskrise bis zur Gründung der IG Farben 1925. An der, den Prozess der Konzentration in der deutschen Chemieindustrie prägenden, Persönlichkeit, des »angestellten Unternehmers« Carl Duisberg, analysiert der Autor das Expansionsbestreben, welches in Zusammenarbeit mit militärischen Eliten zum Ersten Weltkrieg und im Kriege zu Kriegsverbrechen an Soldaten und ausländischer Zivilbevölkerung führte. Die Zitate aus Duisberg Denkschriften von 1904 und 1915 und anderen Dokumenten sind treffend. Im Unterkapitel »Klassenauseinandersetzungen 1918-1924« belegt Janis Schmelzer die offene Parteinahme von Vertretern der Weimarer Republik zum Schutz der Interessen der IG-Herren.

Das umfangreiche zweite Kapitel behandelt die Zeit von der Bildung der »Interessengemeinschaft der deutschen Teerfarbenfabriken AG (IG Farben)« 1925 bis zur Machtübergabe an Hitler. Im Zentrum steht dabei die IG-Spionage-Zentrale »Berlin NW 7«. Viele der hier beheimateten Büros des Konzerns dienten insbesondere der Vorbereitung auf den Zweiten Weltkrieg sowie der Militarisierung der Wirtschaft. Der Autor beleuchtet außerdem die Aktivitäten der IG in aller Welt. Die Namen der IG-Manager Max Ilgner, Carl Bosch, Carl Krauch, Fritz Gajewski als auch die Firmen Standard Oil und Norsk Hydro werden genannt, und damit verbunden die der im Berliner Büro beheimateten Abteilungen zur Tarnung von Auslandsbesitzungen der IG vor dem deutschen Fiskus wie auch die vielfältigen Verquickungen mit Wehrmachts- und Rüstungsdienstellen, um die Profite zu maximieren. Im Unterkapitel »Vom ›Kalle-Kreis‹ zum ›Freundeskreis Reichsführer SS‹« veranschaulicht Schmelzer die Verbindungen zu den politischen Interessensbewahrern in der Weimarer Republik über die frühzeitige finanzielle Förderung der Nazi-Partei ab Januar 1932, wie auch die Zusammenarbeit mit den Mussolini-Faschisten. In einem weiteren Unterkapitel schildert er den Aufbau und die Tätigkeit der »einzigen deutschen konzerneigenen Kolonialschule« in der Dübener Heide, sowie die Entsendung von Konzernvertretern in Nazi-Ministerien.

»Krieg und Neuordnung« behandelt Schritte der IG zur Tarnung eigener Tochterfirmen in zu erwartenden »Feindstaaten«, der Unterstützung des spanischen Putschgenerals Franco gegen die demokratisch gewählte Regierung, zur Beutesicherung in den von der Wehrmacht okkupierten Ländern Europas. Aber es werden auch die Anstrengungen von IG-Beauftragten in enger Zusammenarbeit mit NS-Dienststellen zur Sicherung des IG-Vermögens für die Nachkriegszeit beleuchtet, wofür die IG-Farben die Schweiz bevorzugte.

Im letzten Kapital »Die Täter unter Anklage« wird die juristische Aufarbeitung der verbrecherischen Rolle dieses Konzerns, beginnend mit Versuchen, die IG bereits nach dem Ersten Weltkrieg zur Verantwortung zu ziehen, über die Verbrechensbeweise im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess über den Nürnberger »IG Farben Prozess« 1947/48 bis hin zu den Auseinandersetzungen zwischen den Opfern und führenden Vertretern der ehemaligen IG Farben, die in Nachfolgeunternehmen tätig waren, und der »I.G. Farben in Auflösung«.

In diesem Kapitel bezieht der Autor eindeutig Stellung für die Forderungen der Opfer.

Dem Buch liegt ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis zugrunde. Wichtige Dokumente sind zum Teil als Faksimile abgedruckt. Eine Erläuterung benutzter Abkürzungen erleichtert das Verständnis. Der Autor wird seinem Anliegen, »einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis des Phänomens IG Farben zu leisten« vor allem durch Beweisführung mit den Unternehmensdokumenten, die zum Teil erstmals publiziert werden, durchaus gerecht.

Janis Schmelzer

IG Farben vom »Rat der Götter« Aufstieg und Fall

Schmetterling Verlag, Stuttgart 2006, 200 S., ISBN 3-89657-469-8

Die Verfolgung der Aktivitäten zur Kriegsvorbereitung und der verschlungenen Wege der I.G. zur Tarnung ihrer Tochterfirmen im Ausland erschweren in ihrer Detailtreue etwas die Lesbarkeit.

Insgesamt ein empfehlenswertes, trotz der Detailfülle, handliches Lehrbuch über die Machtfülle und politische Praxis eines transnationalen Mammutkonzerns. Parallelen zum gegenwärtigen Konzentrationsprozess von »Global Playern« kann der Leser selbst ziehen.

Als Zeuge in dieser Sache

geschrieben von Peter Kirchner

5. September 2013

Rudolf Hirsch zum Hundertsten

Nov.-Dez. 2007

Am 17. November würde der Schriftsteller Rudolf Hirsch seinen hundertsten Geburtstag begehen. Geboren in einer wohlbehüteten, relativ gut situierten jüdischen Kaufmannsfamilie in Krefeld, erlebte er ursprünglich das Milieu einer deutsch-patriotischen, ja kaisertreuen Umgebung. Nach den Ereignissen des November 1918 trafen auch den Gymnasiasten Hirsch offen antisemitische Tendenzen. Um das väterliche Schuhgeschäft »in bester Lage« in seiner Heimatstadt zu übernehmen, begann Hirsch eine Lehre in einer Schuhfabrik. Nach dem frühen Tode des Vaters übernahm der gerade 21 Jahre alte Rudolf 1928 das elterliche Geschäft. Nur wenige Jahre später trat er – wie so viele junge jüdische Intellektuelle aus so genanntem »gut-bürgerlichem Haus« – der KPD bei. Wenige Wochen nach der Machtergreifung der Nazis musste Hirsch aus Deutschland fliehen, um einer Verhaftung zu entgehen. Seine Stationen waren Holland, Belgien und Frankreich. Das Geschäft wurde in dieser Zeit »arisiert«. Er kehrte nochmals nach Deutschland zurück, wirkte in der illegalen Arbeit einer kommunistischen Widerstandsgruppe in Berlin, um dann 1937 endgültig zu emigrieren, diesmal nach Palästina. Hier blieb ihm nur die Arbeit eines Schuhfräsers, aber seine politische Tätigkeit setzte er fort.

Arnold Zweig, mit dem ihn eine dann lebenslange intensive Freundschaft verband, und die ebenfalls nach Palästina emigrierte Lea Grundig, beeinflussten ihn und ermunterten ihn auch, seinen schriftstellerischen Neigungen nachzugehen. 1939 hatte er seine erste Frau Ruth geheiratet. Beide kehrten mit Hilfe von Zweig und Grundig 1949 nach Deutschland zurück. Die gerade gegründete DDR wurde ihre neue Heimat, bewusst gewählt, um am Aufbau eines antifaschistischen deutschen Staates mitzuwirken. Er fand bei der »Täglichen Rundschau« eine Anstellung als Gerichtsreporter, und als 1953 die »Wochenpost« begründet wurde, schrieb er für dieses Blatt seine Kolumne »Als Zeuge in dieser Sache« und erreichte mit ihr ein unerwartetes republikweites Interesse. Seine Gerichtsberichte befassten sich mit dem Schicksal von Menschen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren, versuchten aber gleichzeitig, Probleme im gesellschaftlichen Zusammenleben zu erfassen und Partei zu ergreifen – oft für die Beschuldigten, gleichsam als Sachwalter der Angeklagten. Seine Beiträge auf der letzten – oft als erste gelesenen – Seite der »Wochenpost«, die er fast drei Jahrzehnte bis 1981 regelmäßig gestaltete, machten ihn berühmt.

Daneben schrieb er Gerichtsreportagen über Prozesse gegen ehemalige Täter der Nazidiktatur, so die Auschwitzprozesse in Frankfurt am Main 1963 bis 1965 und 1966, den Prozess um die Mordaktion T4 1967 und später den Lischka-Prozess in Köln 1979 sowie den Majdanek-Prozess, zusammengefasst in dem Band »Um die Endlösung« (1982). Mit diesen Berichten vermittelte er einem breiten Kreis von Interessierten ein wichtiges Thema der jüngsten deutschen Geschichte, zeigte die Untaten der Angeklagten auf, aber auch die unvollständige Bereitschaft der bundesdeutschen Justiz, eine wirkliche Aufarbeitung und Verurteilung zuzulassen..

Gemeinsam mit seiner zweiten Frau, der Schriftstellerin Rosemarie Schuder, begann er ab 1981 zusammenzutragen, was dann als »Der gelbe Fleck – Wurzeln und Wirkungen des Judenhasses in der deutschen Geschichte« (1987) erschien. Hier wurde, in essayistischer Form, die Kontinuität der Verfolgung der Juden über die Jahrhunderte hinweg bis zum Holocaust dargestellt. Schuder und Hirsch verfassten auch die Biografie ihres Freundes Kurt Julius Goldstein, »Nr. 58866 Judenkönig« (1996).

Endlich begann er, in seinem 89. Lebensjahr, einem ständigen Drängen der Freunde entsprechend, seine Autobiografie zu schreiben. Er nannte sie »Aus einer verlorenen Welt«. Unvollendet erschien sie nach seinem Tode (2002).

Am 7. Juni 1998 starb Rudolf Hirsch im 91. Lebensjahr. In unserer Erinnerung bleibt er als aufrichtiger und liebenswerter Chronist seiner Zeit, mit einem festen politischen Standpunkt, den er stets mit Nachdruck vertrat.

»antifa«Ausgabe Sept.-Okt. 2007

geschrieben von Foto: arbeiterfotografie.com

5. September 2013

Sept.-Okt. 2007

Verleihung des Aachener Friedenspreises am 1. September 2007

Editorial

geschrieben von Regina Girod

5. September 2013

Sept.-Okt. 2007

N24 wollte es wissen und beauftragte EMNID, es herauszufinden. Am 28. August verkündete der Sender das Ergebnis der Umfrage: Eine klare Mehrheit der Bundesbürger ist für eine Neuauflage des NPD-Verbotsverfahrens. 66 Prozent sprechen sich dafür aus, das Bundesverfassungsgericht erneut anzurufen; nur 23 Prozent sind dagegen. Ebenso deutlich wird der Rechtsradikalismus als ein Problem des ganzen Landes und nicht nur der neuen Länder empfunden: Nur 19 Prozent sagen, rechtsradikale Tendenzen gebe es vor allem in Ostdeutschland. 77 Prozent meinen, das Problem bestehe in Ost und West gleichermaßen.

Ohne Zweifel hat die nonpd-Kampagne der VVN-BdA Anteil daran, das Problem überhaupt wieder auf die politische Tagesordnung zu setzen. Seit sieben Monaten sammeln Antifaschistinnen und Antifaschisten bundesweit Unterschriften für die Forderung nach einem neuen Verbotsverfahren und stehen dabei zugleich als Diskussionspartner für die Frage zur Verfügung, warum die Neonazis in diesem Land immer mehr an Boden gewinnen und was dagegen getan werden kann. Der demagogischen Floskel mancher Politiker, man müsse die Neonazis vor allem politisch bekämpfen, kann man nur eine Forderung entgegensetzen: Fangt sofort damit an, Möglichkeiten gibt es genug!

Unbestritten würde ein Ausbau der Demokratie und ihre Verankerung im Alltag der Bürger den Feinden der Demokratie am ehesten das Wasser abgraben. Mit dem Abbau der Grundrechte geht die Politik jedoch den entgegengesetzten Weg. In unserem Spezial untersucht die Rechtsanwältin Gabriele Heinecke, wie die Gesetzgebung der letzten Jahre verfassungsmäßige Grundsätze untergraben und ausgehöhlt hat. Nicht zuletzt steht die Beteiligung der Bundeswehr an Militäreinsätzen überall in der Welt im absoluten Gegensatz zu den Idealen des Grundgesetzes. Dem entschieden entgegenzutreten, bleibt Aufgabe aller Antifaschistinnen und Antifaschisten. Nicht nur am Antikriegstag.

Meldungen

geschrieben von Zusammengestellt von P. C. Walther

5. September 2013

Sept.-Okt. 2007

Auch im Juli und August fanden zahlreiche Protestaktionen gegen Neonazis statt. In der Regel stoßen Naziaufmärsche an allen Orten auf Widerstand. In Tübingen beteiligten sich etwa 10.000 Menschen an der Protestaktion.

Im Zusammenhang mit dem Heß-Todestag demonstrierten in Bayern und Thüringen Tausende gegen die Naziaufmärsche. Das Bundesverfassungsgericht hatte erneut das Verbot der Heß-Kundgebung in Wunsiedel bestätigt. Dagegen erlaubten Gerichte an anderen Orten die Aufmärsche, die allerdings stellenweise nur geringe Beteiligung aufwiesen. In Sachsen-Anhalt waren im Zusammenhang mit dem Heß-Todestag sämtliche Naziaufmärsche verboten.

In der ersten Hälfte dieses Jahres haben Neonazis mehr Menschen verletzt als zuvor. Das geht aus Antworten der Bundesregierung auf Anfragen der Linksfraktion hervor. Danach ging die Zahl der registrierten Gewalttaten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zwar von 389 auf 324 zurück; die Zahl der Verletzten stieg jedoch von 256 auf 324, also um über 25 Prozent. Insgesamt wurden im 1. Halbjahr 5.321 rechtsextremistische und fremdenfeindliche Straftaten registriert (im gleichen Vorjahreszeitraum waren es 5.901). Dabei handelt es sich allerdings erst um vorläufige Zahlen, die meistens noch ergänzt werden.

Die Erinnerung an die Naziherrschaft werde »missbraucht«, um »die Massenvertreibungen zu rechtfertigen«, erklärte Vertriebenenbunds-Präsidentin Erika Steinbach auf dem »Tag der Heimat«.

Mit den neuen Lehrplänen für die Schulen stehe »weniger Zeit für die Behandlung des Nationalsozialismus ur Verfügung«, heißt es im Ergebnis einer Untersuchung, die im »GedenkstättenRundbrief« der Stiftung Topographie des Terrors veröffentlicht wurde. Darüber hinaus ergebe sich in den Lehrplänen »der Eindruck eines verbrecherischen Staates ohne eigentliche Handlungsträger«; auf die werde nämlich nicht eingegangen. Auch Opfergruppen wie z.B. die sowjetischen Kriegsgefangenen würden nicht erwähnt. Dagegen nähmen »deutsche Opfer von Luftangriffen, Flucht und Vertreibung viel Raum ein«.

Weil sie eine CD-Schulhof-Aktion der NPD unterbunden haben, wird drei Männern in Waren (Mecklenburg-Vorpommern) der Prozess gemacht. Sie hatten den Verteiler von NPD-Schulhof-CDs aufgefordert, die Verteilaktion zu unterlassen. Als er das nicht tat, nahmen sie ihm Nazi-CDs weg und warfen sie in einen Müllbehälter. Der NPD-Funktionär erstattete Anzeige. Daraufhin erhielten die drei Strafbefehle zwischen 1.600 und 2.400 Euro. Nachdem sie Widerspruch einlegten, soll es jetzt Ende September zur Gerichtsverhandlung kommen.

Der kürzlich verstorbene ehem. SS-Führer Heinz Barth, der 1983 wegen Massenmords zu lebenslanger Haft verurteilt, 1997 jedoch freigelassen wurde, erhielt eine »Kriegsopfer«-Zusatzrente, die ihm vom Landessozialgericht Potsdam zugesprochen worden war.

1.640 Waffen wurden zwischen 2002 und 2006 bei Rechtsextremisten sichergestellt, darunter Faustfeuerwaffen, Spreng- und Brandvorrichtungen sowie Hieb- und Stichwaffen. Das teilte die Bundesregierung auf Anfrage der Linksfraktion mit. Im vergangenen Jahr seien bei 257 Straftaten Waffen verwendet worden.

Bischof Gerhard Feige hat die katholische Siedlungsgemeinschaft St. Gertrud in Magdeburg angewiesen, den Mietvertrag mit einem Nazi-Szeneladen umgehend zu lösen. Ein solcher Laden im Gebäude einer katholischen Gemeinschaft sei mit christlicher Botschaft unvereinbar.

Das gegen Michael Csaszkoczy wegen seines antifaschistischen Engagements verhängte Berufsverbot als Lehrer in Baden-Württemberg und Hessen wurde nunmehr auch in Hessen vom zuständigen Verwaltungsgericht Darmstadt für unzulässig erklärt. Es habe keine Einzelfallprüfung stattgefunden. Eine Einstellungsverfügung lehnte das Gericht jedoch ab; es müsse erst eine Einzelfallprüfung erfolgen. Die Bundesregierung erklärte indessen, dass an der Berufsverbotspraxis mit »Einzelfallprüfungen« generell festgehalten werde.

Mit einer Zugstafette auf der früheren Deportationsstrecke der Reichsbahn soll an die über 12.000 jüdischen Kinder und Jugendlichen aus anderen Opfergruppen erinnert werden, die von den Nazis verschleppt wurden. (Näheres unter: www.zug-der-erinnerung.de)

Kein Krieg und Nazis weg!

geschrieben von Ulrich Sander

5. September 2013

Gedanken zum Antikriegstag von Ulrich Sander

Sept.-Okt. 2007

Am 15. September, wenige Tage vor der Beschlussfassung des Bundestages zum weiteren Militäreinsatz in Afghanistan, wird in Berlin eine bundesweite Demonstration der Friedensbewegung stattfinden. Um an dieser Demonstration teilnehmen zu können, hat der Bundesausschuss der VVN-BdA hat seine planmäßige Tagung nach Berlin verlegt.

Von Bundeskanzlerin Angela Merkel stammt der furchtbare Satz: »Um die Politik anderer Nationen zu beeinflussen, um den Interessen und Werten der eigenen Nation zu dienen, müssen alle Mittel in Betracht gezogen werden, von freundlichen Worten bis zu Marschflugkörpern.« Deutschland ist entgegen der UNO-Charta wieder Krieg führende Nation. Und dies nachdem sich die Menschen in Europa 1945 schworen: Nie wieder Krieg – nie wieder Faschismus!

Aus dieser richtigen Erkenntnis wurde 1999, als unser Land sich daran beteiligte, wieder Bomben auf Jugoslawien zu werfen, der zynische Satz des Außenministers Fischer: Nie wieder Auschwitz, und daher müssen wir wieder – diesmal an der Seite der USA und der NATO – in den Krieg ziehen. Aber Auschwitz hätte verhindert werden können, wenn 1933 die Warnung befolgt worden wäre: »Wer Hitler wählt, wählt den Krieg.«

Von dem Vermächtnis, dass nie wieder von deutschem Boden Krieg ausgehen dürfe, vom eindeutigen Friedensauftrag des Grundgesetzes ist in der Politik nicht mehr viel übrig geblieben. Die jüngsten Entwicklungen im Inneren zeigen, dass auch der gültige antifaschistische Auftrag des Grundgesetzes nicht mehr ernst genommen wird.

Vor 50 Jahren hat der DGB den Antikriegstag 1. September ins Leben gerufen. Dazu gab er in diesem Jahr eine bemerkenswerte Erklärung heraus. Sie richtet sich jedoch vor allem an die EU, und man scheute sich, auch die deutsche Politik in die Verantwortung zu nehmen. Der Friedensratschlag sprach es dagegen für die Friedensbewegung aus: »Die Bundeswehr aus Afghanistan zurück zu holen, den Umbau der ursprünglich als reine Verteidigungsarmee konstruierten Bundeswehr in eine weltweit eingreiffähige Interventionsarmee zu stoppen, ›Abrüstung statt Sozialabbau‹ zu fordern, die Pläne des Innenministers Schäuble zum Einsatz der Bundeswehr im Inneren und zum Grundrechteabbau zu bekämpfen – all das sind Forderungen, die dem DGB auch heute gut zu Gesicht stehen würden.«

Neben dem DGB-Aufruf zum 1. September und vielen Aktionen der Gewerkschafts- und Friedensbewegung zum Antikriegstag – der im Osten oft auch noch Weltfriedenstag heißt – gab es diesmal eine weitere Neuigkeit. Friedens- und Antifa-Bewegung gingen mit der Aktion der VVN-BdA für ein NPD-Verbot in die Offensive. Jeder konnte dabei mitmachen und für ein Verbot der NPD unterschreiben. So wurde der Antikriegstag zu einem Höhepunkt der Unterschriftensammlung und führte in der Praxis zur »Wiedervereinigung« der Losungen »Nie wieder Krieg« und »Nie wieder Faschismus«.

Nachdem am 1. September auch wieder Nazis, etwa in Dortmund, ungehindert aufmarschieren durften, um auf ihre Weise für den »Frieden« einzutreten – »Nie wieder Krieg – nach unserm Sieg«, riefen sie – bekräftigten Demokraten vielerorts die Forderung: Es muss endlich Schluss damit gemacht werden, dass höchste Gerichte den Faschismus verharmlosen. Das Bundesverfassungsgericht nennt das Nazigegröle »missliebige« Meinungen, der Bundesgerichtshof nennt »Ausländer raus« eine zulässige und nicht volksverhetzende Losung. Der Widerstand dagegen bleibt auf der Tagesordnung. Und es gibt auch Verbündete in der Justiz: Wir müssen das »historische Gedächtnis« der Verfassung wieder aktivieren, forderte das höchste NRW-Gericht, das Oberveraltungsgericht in Münster. Und dazu gehört, die antifaschistischen und antimilitaristischen Bezüge der Verfassung wieder voll wirksam werden zu lassen.

Mit 160 Veranstaltungen der Friedens- und Gewerkschaftsbewegung sowie vieler Antifaschistinnen und Antifaschisten am diesjährigen Antikriegstag hat sich eine breite gemeinsame Bewegung sowohl für Demokratie als auch gegen den Krieg zurückgemeldet. Der nächste Höhepunkt folgt schon in wenigen Tagen, am 15. September in Berlin.

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