„Liebe Deine Rasse“

geschrieben von Anne Rieger

5. September 2013

Neonazistinnen auf dem Vormarsch

Juli-Aug. 2007

Im September vergangenen Jahres gründete die NPD ihre Frauenorganisation „Ring nationaler Frauen“, RNF. Gitta Schüßler, Mitglied der sächsischen NPD-Landtagsfraktion, ist Bun-dessprecherin. „Ziel der RNF ist vorrangig in der Öffentlichkeit auf die Anliegen weiblicher Nationalistinnen aufmerksam zu machen, … und auch als Sprachrohr der nationalen Frauen – nach innen und nach außen – zu dienen.“ So in der Presseerklärung anlässlich der Gründung. Der RNF verstehe sich auch als eine Art Dachverband, der gerne sämtliche nationalen Frauen zusammenbringen möchte … und die möglicherweise existierende Hemmschwelle, in die Par-tei einzutreten, abbauen will. Zu dem im Januar 2007 in der Berliner Parteizentrale der NPD durchgeführten zweiten bundesweiten Treffen des RNF erklärte RNF-Sprecherin Stella Palau „Vertreterinnen aus vielen Teilen Deutschlands waren angereist“.

Die neofaschistische Szene gilt gemeinhin als Männersache. Doch verstärkt tauchen seit Be-ginn der 90er Jahre neofaschistische Frauenorganisationen auf. Es gibt für alle Angebote, für nationale Mamis, Skingirls oder altbackene Kaffeekränzchen für braune Omis. Wer für rechtsextremistische Häftlinge Päckchen packt, findet sich in der so genannten HNG – der Hilfsgemeinschaft nationaler Gefangener – wieder, das „braune Kreuz“, der so genannte Na-tionale Sanitätsdienst lockt „medizinisch Interessierte“. Der „freie Mädelbund“ wendet sich an junge Frauen, die „noch“ keine Kinder haben.

Speziell Mütter ruft die Gemeinschaft deutscher Frauen (GDF) auf. Sie stellt dafür eine „Zwergenseite“ ins Netz. Die Nachfolgeorganisation des Skingirl Freundeskreises Deutsch-land, davor Skingirl Front Deutschland, ist die größte neofaschistische Frauenorganisation. Sie wendet sich an „nationale“ Frauen mit dem Aufruf „leben in einer Zeit, in der wir uns un-serer Rolle, in der deutschen Volksgemeinschaft immer wieder auf ein neues klar machen müssen“, behauptet „in Deutschland gab es nie eine faschistische Bewegung“, weist auf NPD-Aufmärsche hin und stellt eine Karte ins Netz, auf der die „Wiedervereinigung“ mit polni-schen Gebieten gefordert wird.

Andrea Röpke, Politologin und freie Journalistin, Expertin auf dem Gebiet der Neofaschisten, beschäftigt sich intensiv mit der Neonazistinnenszene. Ihr Buch „Die Retterin der weißen Rasse – Rechtsextreme Frauen zwischen Straßenkampf und Mutterrolle“, sowie ihre Anfang des Jahres veröffentlichte DVD „NEONAZISTINNEN – Frauen in der rechten Szene.“ sind wahre „Who is who`s“ der neofaschistischen Frauenszene. Am Bundesvorstandsmitglied der NPD, Stella Palau, zeigt sich, mit welcher Konsequenz Frauen ihre neofaschistische „Mission“ verfolgen: Sie führte den Skingirlfreundeskreis Deutschland, war Gründungsmitglied der GDF, ist jetzt Sprecherin der RNF.

Renate Feldmann vom Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus, weist darauf hin, dass es ebensoviel „rechts“ denkende Frauen wie Männer gebe. In Neonazi Gruppen und Or-ganisationen seien zwischen 20 und 30 Prozent Frauen zu finden, in Parteien zwischen 7 und 20 Prozent. Der Generalsekretär der NPD, Peter Marx, gab im Februar 27 Prozent Frauenan-teil in der NPD an, bei Zugängen sogar 50 Prozent.

Die Neonazistinnen arbeiten als ganz normale Frauen in ganz normalen Berufen. Sie sind un-auffällig und anpassungsfähig, „die Netten von nebenan“. „Die Gefahr, die von dieser Szene ausgeht, wird unterschätzt“, so Michela Kötting, Sozialwissenschaftlerin an der Uni in Göt-tingen. Und die Soziologin Renate Bitzan weist auf eine grundlegenden Veränderung hin: Rechtsextreme, nationalistische gesinnte Männer müssen sich ihre Freundinnen und potentielle Ehefrauen nicht mehr außerhalb der Szene suchen. „Komplette Familien werden heute nach einem rechten Weltbild erzogen“. Da passt es, wenn die völkische Truppe „Heimatreue Deut-sche Jugend“ HDJ, die größte Jugendbetreuende Neonazis Organisation, Kinder ab 7 Jahren in Zeltlagern „ideologisch erzieht“. In ihrer Zeitschrift Funkenflug heißt es: „Doch aus den sittlich hoch stehenden, untadeligen Menschen wurde nichts mehr. Die letzten Reste des gro-ßen Traums gingen 1945 in den Trümmern der Reichshauptstadt unter.“

Offenbar werden diese Kinder, insbesondere die Mädchen zur Retterin der weißen Rasse er-zogen. „Gegenwärtig ist im Rechtsextremismus eine transnational kompatible pan-arische Ideologie auf dem Vormarsch, die in der Szene selbst auch so genannt wird. Diese pan-arische Ideologie ist nicht mehr slawophob wie der Nationalsozialismus; sondern sie bezieht ausdrücklich alle „Arier“ mit ein – also Angehörige der „weißen Rasse“, wo immer sie sich aufhalten, sei es in Russland, in Südamerika, sei es in Nordamerika, in Australien oder ir-gendwo anders auf der Welt. Für die Vertreter dieser pan-arischen Ideologie geht es vor allem darum, die „weiße Rasse“ zu bewahren und nicht mehr in erster Linie die Nation“, beschreibt Thomas Grumke auf einer Tagung der Friedrich Ebert Stiftung 2005 die internationale Situa-tion des Antisemitismus.

Brechts letzte Liebe

geschrieben von Alfred Fleischhacker

5. September 2013

Ein Buch über Isot Kilian

Juli-Aug. 2007

Marginalie

Ditte von Arnim

Brechts letzte Liebe- das Leben der Isot Kilian

Transit Verlag

Euro 18.80

Auch die nicht kleine Schar von intimen Kennern des Dramatikers Bertolt Brecht wird beim Lesen dieses Buches auf ihre Kosten kommen. Wer hingegen hinter dem Titel erotische Enthüllungen vermutet, wird enttäuscht werden. Der Band reflektiert über Persönlichkeiten , die im 20. Jahrhundert wirkten und Spuren hinterließen die bleiben werden. Er betrachte das Leben der Schauspielerin Isot Kilian.

Wer war diese Frau, von der Brecht 1954, ohne zu diesem Zeitpunkt wirklich sicher zu sein , dennoch ahnend festgehalten hatte, dass sie vielleicht seine letzte Freundin sein würde? Isot wurde 1924 in einer antifaschistisch geprägten Familie in Berlin Köpenick geboren. Vater und Mutter waren aktive Mitglieder der KPD. Dies sollte alsbald Folgen haben, die sich der noch sehr jungen Isot für immer einprägten. Musste sie doch miterleben wie ihr Vater schon kurz nach der Machtergreifung der Nazi Partei während der Köpenicker Blutwoche im Juni 1933 von braunen Schlägern des nun herrschenden Systems verschleppt und schwer misshandelt wurde. Um der ständigen Bedrohung zu entkommen, zog die Familie nach Hamburg.

Dort traf Isot auf einen etwa Gleichaltrigen, sein Name: Wolfgang Borchert. Wie sie selbst verachtete er die Nazis, las viel, wollte Schauspieler werden. Es stellte sich heraus, dass die beiden gemeinsame Interessen hatten. Sie kamen sich näher, verliebten sich ,Isot wurde schwanger. Sie waren glücklich miteinander . Der 2.Weltkrieg begann. Borchert wurde einberufen, stemmte sich gegen das ihm und Millionen zugedachte Los, Kanonenfutter für ein größenwahnsinniges Regime zu werden. Von den vier Soldaten-Jahren verbrachte er fast anderthalb Jahre in Haft., wurde wegen Hochverrat und Wehrkraftzersetzung angeklagt. Wie durch ein Wunder kehrte er physisch heil, psychisch jedoch schwer krank, nach dem Ende des Krieges nach Hamburg zurück. Es blieben ihm nur noch zwei Jahre, seine Kriegserlebnisse dramatisch zu verarbeiten. Vor genau 70 Jahren starb mit ihm sein großes Talent. Sein Stück „Draußen vor der Tür“ wird auch kommende Generationen an ihn erinnern.

Ein Jahr später fuhr seine Freundin mit der kleinen Tochter wieder nach Berlin. Sie wurde Mitglied einer kleinen Schauspielergruppe ,die ihrem Publikum mit Gedichten und Songs von Brecht in der noch stark von Ruinen gezeichneten Stadt Mut und Zuversicht für einen friedvolleren Neuanfang vermitteln wollte. Im selben Jahr kamen Brecht und Helene Weigel nach 15 Jahren Emigration über Prag nach Berlin. Ein Jahr später wurde Isot Kilian Mitglied des Berliner Ensembles.

Ditte von Arnim lässt ihre Leser teilhaben an dessen Entstehen . Als einstige Mitarbeiterin des Brecht Archivs ist sie eine bestens informierte Chronistin., sie war auch gut bekannt mit Isot Kilian.. Die vertraut ihr ihre 1982 begonnenen Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Brecht an. Der Leser erfährt, wie sich ganz behutsam ein von gegenseitiger Zuneigung geprägtes Verhältnis entwickelte. Es festigte sich durch die Ereignisse des 17. Juni l953 in Berlin und der DDR. Isot Kilian wurde in jenen stürmischen Tagen auch zu einer politisch Vertrauten, als Überbringern von Botschaften Brechts an Otto Grotewohl und Walter Ulbricht.

Die Kilian war ganz nahe bei Brecht als das Ensemble 1954 und 1955 in Paris mit „Mutter Courage und ihre Kinder“(mit Helene Weigel in der Hauptrolle) und weiteren Stücken des Dramatikers, wahre Triumphe feierte. Die Autorin entzieht sich nicht der Pflicht die Ehe zwischen Isot Kilian und Wolfgang Harich, die Anfang der 50er Jahre geschlossen wurde, kurz zu skizzieren. Eine Liaison mit einem ebenfalls herausragenden Menscher mit Visionen und Begabungen, der letztlich an den Verhältnissen scheiterte, die zum Besseren zu wenden er sich zur Aufgabe gemacht hatte. Die Beziehung währte nur kurz und barg wohl durch die sehr unterschiedlichen Charaktere der beiden von Anfang an den Keim des Scheiterns in sich .

Ditte von Arnim hat es glänzend verstanden , oft mit wenigen prägnanten Sätzen ,die in diesem Buch Portraitierten in Bezug zu der realen Umwelt zu bringen, in der sie wirkten. So bekommen Ereignisse die mehr als ein halbes Jahrhundert zurück liegen auch für später Geborene scharfe Konturen: Der Sieg der Alliierten über Hitlerdeutschland,. der bald danach beginnende Kalte Krieg, das Entstehen von zwei Deutschen Staaten Im Mittelpunkt des Buches stehen aber das Leben von Isot Kilian und einige wenige sehr glückliche Jahre an der Seite von Brecht. Sie enden mit dem Tod des großen Dramatikers 1956. Eine Lektüre die spannend geschrieben, von der ersten bis zur letzten Seite fesselt..

Ein Widerständiger

geschrieben von Heinrich Fink

5. September 2013

Willi Sitte – Partisan, Künstler, Aufklärer

Juli-Aug. 2007

Zur Erinnerung an die Befreiung vom Mussolini- und Hitlerfaschismus treffen sich in jedem Jahr im Juli Partisanen Italiens mit europäischen Mitkämpfern. Gern habe ich mit der Gruppe unserer württembergischen VVN-BDA als Gast daran teilgenommen. Am Felsendenkmal für die Partisanen, die in den Bergen umgekommen sind, sprach mich ein italienischer Veteran an: „Wenn sie aus Deutschland sind, dann kennen Sie doch Willi Sitte?“. Ja, Willi Sitte ist einer der bedeutendsten Maler und Graphiker der DDR. Und der Italiener fiel mir freudig ins Wort: “ … und als deutscher Deserteur kämpfte er auf unserer Seite, ein Genosse, ein guter Kommunist! Er ist als deutscher Soldat zu uns übergelaufen, hat für uns Flugblätter geschrieben, gedolmetscht und mit uns für die Befreiung Italiens und Deutschlands gekämpft.“ Seine italienischen Kameraden erinnern sich, wie er als 23-Jähriger in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges in einem kleinen italienischen Dorf für sie den „Totentanz des Dritten Reiches“ gemalt hat. Mir kommen Bilder von ihm vor die Augen „Lidice“ ein Diptychon zur Erinnerung an das Dorf in Tschechien, das von der deutschen Wehrmacht vernichtet wurde als Vergeltung für das Attentat auf Heidrich. Dieses Bild steht auch für das Massaker von Oradour in Frankreich oder für Kalavrita in Griechenland. Ich denke aber auch an das Bild „Freiheitsgöttin über Vietnam“ von 1970. Sitte hat sein Leben lang bis heute gegen Krieg und Faschismus gemalt. „Memento Stalingrad“(1957) und „Kampf der Thälmannbrigade in Spanien“(1961) sind bewegendes Gedenken an den bewaffneten antifaschistischen Widerstand.

In dem Sonderheft „Ikarus“ der Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde, das als „Katalog (k)einer Ausstellung zum 80. Geburtstag Willi Sittes“ als Protest anlässlich des Ausstellungsverbots am Nürnberger Germanischen Nationalmuseum erschienen ist, ist Sittes politisches Werk in dem Beitrag von Peter Michel „Zeitsprünge – und ein Kontinuum – Gedanken zum Politischen im Werk Willi Sittes“ akribisch und eindrücklich beschrieben.

Der unermüdliche Widerstand gegen Unrecht, Ungerechtigkeit und Dummheit, den Willi Sitte fünf Jahrzehnte aktiv malend lebt, wird auch in dem 1995 im Dingsda-Verlag von Joachim Jahns herausgegebenen Bildband „Herr Mittelmaß 1949 bis 1995“ überzeugend dokumentiert. In seinem einleitenden Beitrag sagt Wolfgang Hütt: „Begegnungen des Zeichners und Malers Willi Sitte mit dem ‚Herrn Mittelmaß‘ sind sein Protest gegen die ‚Wendefähigkeit des Herrn Durchschnittsmenschen‘, wie sie Carl von Ossietzky schon zur Weimarer Republik beschrieben hat“.

Er stellt menschliche Schwächen dar, macht auf seine Weise ironisch Charakterlosigkeit und sogar Gesinnungslumperei anschaulich. Diese gesellschaftlich aufdeckenden Themen kennzeichnen schon seit 1963 seine künstlerischen Aussagen. Brechts „Rundköpfe und Spitzköpfe“ inspirierten ihn zu dem Bild mit dem Titel „Die aneinander vorbeireden“. 1977, angeregt von Majakowskis Gedicht „Die auf Sitzungen Versessenen“ übt er als prominenter Genosse ebenso unübersehbar wie nachdrücklich Parteikritik.

Nach der Übernahme der DDR durch die BRD ist eine seiner kritischen Metaphern Herr Mittelmaß in der neuen Gesellschaft. Er beschreibt in seinen Bildern, wie Herr Mittelmaß Morgenluft wittert, wie er stets Anschluss findet, weil er behende die Fahne wechselt, wie er zufrieden im Sessel sitzt, wie er die Avantgarde – Weltkunst – bewundert und er nun endlich für sich den aufrechten Gang entdeckt. Besonders eindrücklich für mich ist das Bild „Einer trage des anderen Last“ (1992) als gelungene Parodie auf das bekannte Bibelwort.

In diesem Band wird deutlich, wie Willi Sitte seine politische Überzeugung unbeirrt immer wieder in Bilder umsetzt. Er resigniert nicht, sondern analysiert die über ihn gekommene Gesellschaft. Mit Ironie und Satire fordert er als Zeitzeuge zum Nachdenken, Weiterdenken, und zum schöpferischen Widerstand heraus für eine Welt, die solidarisch das Leben und Überleben aller ermöglicht.

Psychologe und KZ-Häftling

geschrieben von Frank Horzetzky

5. September 2013

Victor E. Frankls Buch als Hörbuch erschienen

Juli-Aug. 2007

„Trotzdem Ja zum Leben sagen“ von Viktor E. Frankl

Hörbuch neu eingelesen von Martin Schwab

2007 Deutsche Grammophon Literatur

Als Viktor Frankl (geboren 1905, gestorben 1997 in Wien), 1942 mit seinen Eltern und seiner Frau im September 1942 in das Ghetto von Theresienstadt deportiert wurde, war er bereits ein bekannter Arzt. Er kam 1944 nach Auschwitz, Kaufering und Türkheim (zwei Nebenlager von Dachau). Seine Eltern, sein Bruder und seine Frau wurden in den Lagern ermordet. Nach seiner Befreiung ging er zurück nach Wien, wurde Privatdozent für Neurologie und Psychiat-rie an der Wiener Universität, gründete die „Österreichische Ärztegesellschaft für Psychothe-rapie“, begründete später die Logotherapie und die Existenzanalyse und war ein international anerkannter Psychiater und Psychotherapeut.

Dieses Buch gehört zu den Texten die man nur widerstrebend in den CD-Player legt – sich fragend, ist das jetzt der Moment, in dem ich das vertragen kann? – und der einen dann doch fesselt und nicht mehr losläßt und weiterbeschäftigt, lange über das eigentliche Zuhören hin-aus. Man hatte es geahnt. Denn es ist nicht so einfach, sich aus dem bundesdeutschen Alltag 2007 kommend, auf diesen 61 Jahre zurückliegenden Bericht eines KZ-Überlebenden über seine Zeit in den Lagern einzulassen. Quasi hinabzusteigen in die tiefsten Abgründe unserer deutschen Geschichte, die doch noch gar nicht so lange zurückliegen. Aber das „Wagnis“ lohnt sich.

Frankls Erinnerungsbericht entstand 1946, nur ein Jahr nach seiner Befreiung aus dem Lager. Der ursprüngliche Titel lautete: „Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager.“ Frankls Ab-sicht war eine psychologische Analyse der Situation der Häftlinge. Ihm ging es nicht um ei-nen Tatsachenbericht sondern darum, Außenstehenden die Erlebnisweise der Häftlinge ver-stehbar zu machen. Dementsprechend, und das ist eine Stärke seines Textes, nimmt die Be-schreibung ihres Denkens und Fühlens einen größeren Raum ein als die der unmenschlichen äußeren Umstände. Die SS, die Lagerverwaltung und die allgegenwärtigen Bewacher und Pei-niger finden nur nebenbei und anonym Erwähnung. Es geht dem Autor um das Leiden der unbekannten Lagerinsassen, „den harten alltäglichen Kampf der zwischen den Häftlingen tob-te“, „den kleinen Tod des gewöhnlichen Häftlings“.

Frankl stellt in beeindruckender Weise die umfassende Entwertung dar, der alles zum Opfer fiel, das nicht unmittelbar mit der Lebenserhaltung zusammenhing, einschließlich des Gefühls überhaupt Subjekt zu sein, ein Wesen mit eigenem freien Willen und persönlichem Wert. Der unpathetische Ton von Frankls Sprache zieht uns in seinen Bann. Man könnte glauben, Frankl wollte seine Leser emotional nicht überfordern, wenn er betont nüchtern berichtet, wie der „Lageralltag“ ablief, die Darstellung persönlicher Schicksale im Hintergrund lassend. Darin gleicht Frankls Beschreibung einem anderen verstörenden Bericht aus der Menschenhölle, dem später erschienenen „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertes, der ebenso jede Emotionalisierung des Themas, die man erwarten könnte, vermieden hat und darum um so ir-ritierender, erschütternder, also berührender wirkte. Es ging ihm darum zu zeigen, wie der Mensch sich einerseits in so einer Situation in die unvorstellbarsten, erniedrigendsten Um-stände einfügt und andererseits seine innere Würde bewahren kann bis zum eigenen Tod.

Frankl zeigt, wie das Lagerleben den Menschen alles nehmen konnte bis auf „die letzte Frei-heit, sich zu den Verhältnissen im Lager so einzustellen“, dass er auch hier Mensch bleibt und seine Würde bewahrt, sprich sich von den unmenschlichen Verhältnissen nicht unmenschlich machen zu lassen. Frankl geht es um die Sinnfrage, um die in zentraler Weise sein späteres Lebenswerk kreisen sollte. Nicht nur ein schöpferisch leistendes und genießendes Leben habe einen Sinn. Wenn Leben überhaupt einen Sinn habe, dann gehöre auch das Leiden dazu. Un-abhängig von der Tatsache des Überlebens an sich versucht er zu ergründen, mit welcher Hal-tung der Mensch überlebt. Für ihn hat das Leben unter allen Umständen, Leiden, Not, Sterben und Tod, einen Sinn. Frankl zieht ein beeindruckendes Resümee: „Wir haben den Menschen kennen gelernt wie vielleicht noch keine Generation. Was also ist der Mensch? Er ist das We-sen, das immer entscheidet was es ist, er ist das Wesen, das die Gaskammern erfunden hat, aber zugleich ist er auch das Wesen, das in die Gaskammern gegangen ist, aufrecht und ein Gebet auf den Lippen.“

Frankl führt hier Opfer und Täter auf eine zutiefst menschliche und berührende Weise zu-sammen. Bei ihm gibt eine keinen Rassismus, keine Spur von Vorwurf an die Täter, keinen Haß, keine Verachtung. Das, worin die Stärke des Buches besteht, die Beschreibung individu-eller Nöte, mag anderen gleichzeitig als Mangel erscheinen, nämlich durch das Fehlen der Re-flektion von gesellschaftlichen Ursachen und Zusammenhängen. Aber das war nicht Frankls Anliegen, vielleicht sah er sich dazu auch nicht als berufen an. Dabei müssen wir verstehen, dass nach seiner Meinung niemand die Sinnfrage für sich allein, isoliert stellen kann. Für ihn bezieht sie das Gegenüber, den getrennten Anderen in seinem eigenen Recht, immer mit ein. Die Frage nach dem Lebenssinn ist so auch immer auf die Gemeinschaft bezogen. Gerade oh-ne diesen gemeinschaftlichen Bezug, sich der Verantwortung für die Menschen überhaupt bewusst zu sein, geht der Mensch seines Lebenssinnes verlustig.

Für uns, die wir heute nicht solchen extremen existentiellen Situationen ausgesetzt sind, stellt sich die Frage nach dem Lebenssinn auf andere Weise immer wieder neu. Victor Frankls Buch, das in Millionenauflage in vielen Sprachen erschienen ist, gehört zu den unverzichtba-ren Werken, in denen historische Erfahrungen menschlicher Existenz für die nachfolgenden Generationen aufgehoben sind.

Bilder gegen Rechts

geschrieben von Gerhard Fischer

5. September 2013

Schülerwettbewerb in einem Problembezirk

Juli-Aug. 2007

Die Idee ist gut, und geboren wurde sie in Berlin-Lichtenberg: Kinder und Jugendliche sollen Gelegenheit erhalten, mit Bildern selber gegen Neonazismus anzugehen. „Bilder gegen Rechtsextremismus und Gewalt – Schülerinnen und Schüler zeigen Gesicht“ heißt die Aktion. Seit dem Frühjahr ist die Lichtenberger Schülerschaft aufgerufen, in Plakaten und Zeichnungen, in Fotografien und Computergrafiken, mit Kollagen und anderen bildkünstlerischen Mitteln auszudrücken, wie sie sich mit alltäglichem Rechtsextremismus auseinandersetzt und für ein demokratisches Zusammenleben in der Gesellschaft einsteht.

Was rechtsextreme Straftaten angeht, gehört Lichtenberg zu den Schwerpunktbezirken in der Hauptstadt, in der 2006 die einschlägigen „Propagandadelikte“ und Gewalttaten, soweit sie polizeibekannt wurden, um 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr zunahmen. Lichtenberg hat aber auch einen „Lokalen Aktionsplan für Demokratie und Toleranz – gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus“, der von den kommunalen Gremien getragen wird, und außerdem eine aktive „Initiative gegen Rechtsextremismus“ , in der die VVN-BdA verantwortlich mitarbeitet und die auch das neue Schülerprojekt unterstützt.

Angeregt wurde es vom Lichtenberger Kulturverein e.V. Damit will er den Versuchen extrem Rechter begegnen, nicht nur in Bürgervertretungen vorzudringen, sondern auch in Bereiche der Sozialarbeit, in Familien und Schulen, in Jugendklubs und Sportgemeinschaften. Dazu suchte und fand der Kulturverein bereitwillige Partner in Bildungseinrichtungen, in Politik und Wirtschaft, in Wissenschaft, Kunst und Kultur. Die Arbeiten der Schülerinnen und Schüler beispielsweise bewertet eine Jury, die von Prof. Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste, geleitet wird und der auch der VVN-BdA-Vorsitzende Prof. Dr. Heinrich Fink angehört. Schirmherrin des Projekts ist Christina Emmrich, die Bezirksbürgermeisterin.

Zu Beginn gewann der Kulturverein die Schulen des Bezirks und dort vor allem die Leiter des Fachbereichs Kunst zur Mitarbeit: die Gymnasien, so die nach Hans und Hilde Coppi benannte Schule, aber auch Schüler und Lehrer aus anderen Schulen. Auch Bezirksverordnetenversammlung und Bezirksamt wurden von dem Vorhaben unterrichtet. So wurden Erstunterzeichner für einen „Aufruf an alle Lichtenberger Kinder und Jugendlichen in den Schulen, Sportvereinen und Jugendfreizeiteinrichtungen des Stadtbezirks“ gewonnen, bei der Aktion mitzumachen.

Deren Ziel ist es, „dass die beteiligten Schülerinnen und Schüler aufmerksamer werden gegenüber ihrem sozialen Umfeld, bewusst sehen, was sich tut, die menschenfeindlichen Ideologien im Rechtsextremismus wahrnehmen und sich für demokratische Lösungen der Probleme der Gesellschaft stark machen“, heißt es in der Konzeption zum Projekt. Mit seinen Themen beschäftigten sich inzwischen Projekttage an den Schulen. Begleitende Beiträge in Medien verliehen ihm öffentliche Aufmerksamkeit.

Am Ende des Schuljahrs ist Annahmeschluss für einzureichende Arbeiten, im Juli und August wird die Jury arbeiten, für September ist eine würdige Abschlussveranstaltung geplant. Dann sollen die Ergebnisse ausgestellt werden. Ein Berliner Branchenführer der Außenwerbung, der den Hauptpreis stiftete, will als Medienpartner die besten der eingegangenen „Kunstwerke“ auf 30 großformatigen Flächen in der Hauptstadt bekannt machen. Auch das Internet soll genutzt werden, um sie zu verbreiten, an Lichtinstallationen im Stadtraum ist gedacht und nicht zuletzt an eine CD-Rom.

„Partigiani“ in Bremen

geschrieben von Erika Klantz

5. September 2013

Fotoausstellung zur Geschichte des italienischen Partisanenkampfes

Juli-Aug. 2007

Der in der Bundesrepublik bisher wenig bearbeiteten Geschichte der italienischen Partisanen hat sich die Ausstellung „Partigiani“ gewidmet. Sie wurde am 19. Juni im Foyer des Gewerkschaftshauses in Bremen eröffnet. Die Eröffnungsrede hielt Hans Koschnick, der durch seine Tätigkeit in Mostar international bekannte ehemalige Bürgermeister Bremens. Koschnick betonte die besondere Verbindung Bremens zu Marzabotto (Städtepartnerschaft und regelmäßige gegenseitige Besuche über die Friedensschule in Vegesack). Er erwähnte die wechselnde Rolle der italienischen Armee als Besatzer und Opfer deutschen Terrors in Jugoslawien vor und nach dem Sturz Mussolinis 1943 und ging auf die unterschiedlichen Partisanengruppen und ihre ungleiche Behandlung durch die westlichen Alliierten ein. Begleitet wurde die Ausstellung in Bremen durch den Vortrag „Der nette Nazi von nebenan“ von Carsten Neumann, über Symbole, Mythen und Ideologie des heutigen Faschismus in Deutschland.

Als Fotoausstellung angekündigt, enthält „Partigiani“ neben diesen auch Reproduktionen faschistischer Plakate und andere Abbildungen, dazu viele sehr informative Texte in deutsch und italienisch. Den Beginn des bewaffneten Widerstands setzen die Ausstellungsmacher mit der Verkündung des italienisch-alliierten Waffenstillstandes am 08.09.1943 und der anschließenden Besetzung des noch nicht von Alliierten befreiten Italiens durch Wehrmacht und SS fest. Das Mussollini- Regime war wenige Wochen vorher gestürzt worden.

Sehr anschaulich schildert die Ausstellung die Entwicklung der italienischen Gesellschaft vom Beginn des Faschismus, über die deutsche Besatzung, die Partisanentätigkeit bis zur Befreiung Norditaliens nur wenige Tage vor dem europäischen Kriegsende. Besonders erwähnenswert sind die sehr erschütternden Schilderungen und Bilder der Verbrechen die Wehrmacht, welche SS und italienische Faschisten – im Auftrag der deutschen Besatzungsmacht bzw. der faschistischen Repubblica Sociale Italiana – an den Partisanen und der mit ihnen sympathisierenden Bevölkerung begingen. Dazu gehören Massaker – von denen das in Marzabotto (29.9.-5.10.44) mit 770 Toten das verheerendste war -, Folterungen an Verdächtigen und markante Einzelschicksale, wie die Erschießung von sieben Brüdern der Familie Cervi oder von Irma Bandiera, die nach fünftägiger Folter vor ihrem eigenen Haus erschossen wurde.

Mindestens ebenso gelungen fand ich die Darstellung der unterschiedlichen Partisanengruppen und ihrer durchaus unterschiedlichen Motivationen. Den größten Anteil mit etwa 50 % aller Verbände hatte die Garibaldibrigaden (kommunistisch), etwa 20 % machten die Brigaden „Gerechtigkeit und Freiheit“ der Aktionspartei aus. Daneben gab es die sozialistische „Brigate Matteotti“, die „Brigate Mazzini“ der Republikanischen Partei und unterschiedliche autonome (parteiunabhängige) Verbände; sowie ab 1944 auch katholische Gruppen. Die „Comitato di liberazione nazionale“ (Nationales Befreiungskomitee) bildete zwar ein einheitliches Oberkommando um den Berufsoffizier Raffaele Cadorno mit lokalen Untereinheiten, doch in der Praxis blieben häufig genug die politischen Unterschiede entscheidend. Trotz dieser Gruppenvielfalt und der räumlichen Gegebenheiten gelang es der Ausstellung verständlich zu machen, warum es auch zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen kam, ohne dabei in Schuldzuweisungen zu verfallen.

Kritisch anzumerken ist, dass der antifaschistische Widerstand vor dem 8.9.1943 nur sehr lapidar behandelt wird. Auch erscheint es mir eher unwahrscheinlich, dass sich die Masse der italienischen Bevölkerung gegenüber dem Mussolini-Regime tatsächlich so distanziert und passiv verhalten hat, wie die Ausstellung an mehreren Stellen anführt. Doch diese kleinen Schwachpunkte werden durch ihre Stärken, vor allem die ausführliche, informative und gleichzeitig verständliche Bearbeitung des Themas, mehr als ausgeglichen. Der Besuch der Ausstellung „Partigiani“, die ja bereits seit mehreren Jahren durch die Bundesrepublik wandert, ist nach wie vor jedem zu empfehlen

»antifa«Ausgabe Mai-Juni 2007

5. September 2013

Mai-Juni 2007

Editorial

geschrieben von Ernst Antoni

5. September 2013

Mai-Juni 2007

Befreiung von Faschismus und Krieg im Mai vor 62 Jahren. Jubel überall in Europa. Unser Titelfoto zeigt eine Straßenszene aus Bukarest.

Viele Beiträge in dieser antifa belegen, wie aktuell der Schwur der befreiten Häftlinge des KZ Buchenwald bis heute geblieben ist. Und wie er, Franz von Hammerstein berichtet darüber, den Lebensweg ehemaliger Widerstandskämpfer und Verfolgter unterschiedlichster Weltanschauung fürderhin geprägt hat.

Neofaschistische Provokationen und Gewalttaten, Versuche von ganz rechts, den Geschichtsdiskurs zu prägen, Demokratieabbau, Bundeswehreinsätze im Ausland und künftig auch im Inland, Angriffe auf Grundgesetz und Bürgerrechte unter dem Vorwand, so den Terrorismus zu bekämpfen: kein Mangel an Warnsignalen. Zur Diskussion über Strategien, wie solchen Entwicklungen begegnet werden kann, will das antifa-Spezial von Kurt Pätzold anregen.

Und es gibt auch vieles zu vermelden, das Mut zu weiterem Engagement macht: die bisherige Bilanz unserer nonpd-Kampagne etwa oder die (Teil-)Erfolge vor Gericht gegen die Kriminalisierung von Antifaschistinnen und Antifaschisten.

Meldungen

geschrieben von Zusammengestellt von P.C.Walther

5. September 2013

Mai-Juni 2007

Die Anzahl rechtsextremer Straftaten ist im vergangenen Jahr erneut gestiegen. Mit 14 Prozent Zuwachs auf mehr als 18.000 wurde der bisherige Rekord von 2005 (15.914) deutlich übertroffen. Die Zahl der Gewalttaten stieg um acht Prozent auf rund 1.100. Das sind im Durchschnitt drei Gewalttaten pro Tag. Die Zahlen wurden Ende März 2007 veröffentlicht. In den ersten beiden Monaten dieses Jahres wurden 1.714 rechtsextreme Straftaten registriert. Dabei handelt es sich allerdings nur um „vorläufige“ Zahlen, die in der Regel noch erheblich nach oben korrigiert werden.

Bei den Kommunalwahlen im April in Sachsen-Anhalt steigerte die NPD ihren Stimmenanteil von 0,6 auf 2,5 Prozent. Sie zog in sieben von neun Landkreisen mit 13 Mandatsträgern in die Parlamente ein.

Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg lehnte die Entlassung eines Geschichtslehrer ab, der im Unterricht Naziverbrechen verharmlost hatte. Mit einer jahrelangen vorübergehenden Suspendierung vom Dienst sei der Lehrer genug „belastet“ worden, erklärte das Gericht. Er darf den Schuldienst wieder aufnehmen. (Az.: OVG 80 D 6.05)

Bei Polizeibeamten der Spezialeinheit für Personenschutz, die den früheren Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden, Michel Friedman, zu beschützen hatten, waren nazistische Utensilien (Darstellungen in SS-Uniform, Urkunden „im Namen des Führers“ und Neonazi-Lieder) entdeckt worden. Da die naziverherrlichenden Fundstücke „nur für den Privatgebrauch verwendet“ worden seien, stellte die Staatsanwaltschaft in zwei Fällen die Verfahren bereits ein.

Weil sie im März in Halbe versucht hatten, einen Naziaufmarsch zu blockieren, wurden dreißig Antifaschisten in Brandenburg mit Bußgeldbescheiden von 75 bis 125 Euro belegt. Dieses Vorgehen stehe in krassem Gegensatz zu den wiederholten Aufforderungen, Zivilcourage gegen rechtsextreme Hetze zu zeigen, erklärte Berlins VVN-Vorsitzender Hans Coppi.

Aus der Bundeswehr wurden erneut rechtsextreme und rassistische Vorfälle bekannt:

In Dresden wurden an einer Heeres-Ofiziersschule an Fenstern Hakenkreuz- und Reichskriegsflaggen entdeckt. Angeblich wurden sie nur zu „Schulungszwecken“ verwandt. In Rendsburg hatte ein Ausbilder dazu aufgefordert, sich beim Übungs-Schießen Afroamerikaner „in der Bronx“ vorzustellen. Der Ausbilder wurde fristlos entlassen, nachdem der Vorfall öffentlich bekannt geworden war. Vorgesetzte Dienststellen wussten allerdings schon Monate vorher Bescheid.

Laut „Frankfurter Rundschau“ (vom 21.3.07) hat der Wehrbeauftragte des Bundestages knapp 150 „einschlägige Vorkommnisse“ in seinem aktuellen Bericht aufgelistet.

Die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, sprach sich im April erneut für ein Verbotsverfahren gegen die NPD aus. Der Politik warf Knobloch „mangelnden Einsatz“ im Kampf gegen „die schockierend hohe Zahl rechtsextremer Straftaten“ vor. Auch der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Berlins Innensenator Körting (SPD), sprach sich erneut für ein NPD-Verbot aus.

21 Organisationen protestierten in einem Offenen Brief an Bundeskanzlerin Merkel gegen die neuen Verschärfungen im Ausländerrecht. Sie richteten sich gegen die Mehrheit der Flüchtlinge und seien integrationsfeindlich.

Mit jugend- und familienfreundlichen Kampagnen will die NPD Einfluss auf größere Bevölkerungskreise, insbesondere auf Kinder und Jugendliche nehmen. In Thüringen soll im Mai eine solche Kampagne gestartet werden. Dabei will die NPD mit Kinder- und Familienfesten, mit Infoständen und „Beratungs“-Angeboten auftreten. An Schulhöfen soll Nazi-Infomaterial verteilt werden. Mit Lokalblättchen unter harmlos klingenden Titeln (wie „Der Wartburgkreis-Bote“) werden Haushalte mit Nazipropaganda versorgt. In Sachsen wird kostenlose Schüler-Nachhilfe angeboten. Außerdem werden Wochenend-Fahrten und Ausflüge offeriert.

Geschichte und Politik

geschrieben von Regina Girod

5. September 2013

Oder: Wem gehört die Deutungsmacht?

Mai-Juni 2007

Scheinbar eine rhetorische Frage, wo doch seit Menschengedenken die Historie von jenen gedeutet wird, welche die politische und auch die ökonomische Macht dazu besitzen. Aus der Geschichte wurden und werden Machtansprüche und Kriegsgründe hergeleitet, mit ihrer Hilfe kann man innere und äußere Gegner diffamieren und tatsächliche politische Interessen verschleiern. Seit jeher werden nicht nur den Nachgeborenen geschichtliche Lehren vermittelt, sondern jeder, der politisch aktiv wird, ordnet sich mit seinem Handeln in historische Zusammenhänge ein. Geschichtsfälschung und

-umdeutung gehören zu den klassischen Methoden politischer Manipulation. Sie zu hinterfragen, aufzuklären und immer wieder aufzuklären, darin besteht wohl die einzige Möglichkeit, Deutungsmacht zu brechen.

Beispiel eins: der Fall Oettinger. Was kann ihn dazu bewegt haben, seinen Amtsvorgänger wenigstens postum von dem Vorwurf, ein nationalsozialistischer Täter gewesen zu sein, freizusprechen? Immerhin hat er nicht bestritten, dass Filbinger in der Nazizeit Marinerichter war. Dass er keine Todesurteile gefällt hätte, war dagegen schon eine Lüge. Interessanterweise traten sofort, nachdem die ersten Proteste laut geworden waren, führende CDU Politiker auf und verkündeten, Oettinger habe ihnen »aus der Seele gesprochen«. Also doch mehr als ein freundlicher Trost für die Hinterbliebenen? In der Bundesrepublik Deutschland bekleideten ehemalige Nazigrößen hohe und höchste Ämter, die Bundeswehr wurde mit Nazimilitärs aufgebaut, auch im diplomatischen Dienst verblieben viele »Ehemalige«. Die »Entnazifizierung« lief im Unterschied zur sowjetischen Besatzungszone vielerorts als Farce ab. Als Täter galten höchstens ein paar SS-Leute, aber selbst die wurden bis heute nicht an jene Länder ausgeliefert, in denen sie ihre Verbrechen begangen haben.

Der erzwungene Rücktritt Filbingers im Jahr 1978 stellte diese Normalität in Frage. Der Form nach ein Einzelfall, warf er doch ein Schlaglicht auf verdrängte und verleugnete Geschichte. Die Rede Oettingers kann als Beweis dafür gelten, dass die Affäre Filbinger für bestimmte politische Kreise bis heute eine Niederlage darstellt, die man zu gern revidieren würde. Und sei es auch nur im historischen Gedächtnis. Getreu dem Motto. »Ich bin es nicht gewesen – Adolf Hitler ist es gewesen!«

Beispiel zwei: ein umgekehrter Fall aus Berlin. Eine mutige Antifaschistin wird zur »stalinistischen Täterin« umgedeutet. Aus Anlass des einhundertsten Geburtstages von Ruth Werner beantragte unlängst die PDS-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung von Treptow/Köpenick, einen bisher namenlosen Uferweg nach der bekannten DDR-Schriftstellerin zu benennen. Ruth Werner, Kommunistin jüdischer Herkunft, hatte in der Emigration als Funkerin für die sowjetische Aufklärung gearbeitet, unter anderem gemeinsam mit Richard Sorge und Klaus Fuchs. Mehr als einmal riskierte sie dabei ihr Leben. Im zuständigen Ausschuss der BVV Treptow/Köpenick stieß der PDS-Antrag allerdings auf deutlichen Unwillen. Ein Abgeordneter der CDU monierte, dass man doch in Berlin gerade eine Gedenktafel für die Opfer des Stalinismus eingeweiht hätte. Da könne man jetzt nicht eine »stalinistische Täterin« ehren. Diese Argumentation wurde allerdings noch überboten, von dem Berliner NPD-Vorsitzenden Bräunig. Er bezeichnete Ruth Werner und ihre Mitkämpfer als »Vaterlandsverräter«, seine üblen Beschimpfungen wurden mit einem Ordnungsruf quittiert, anschließend schritt man zur Abstimmung und lehnte den Antrag ab.

Die Tatsache, dass die SPD-Bürgermeisterin von Treptow/Köpenick bereit war, am 8. Mai auf der Veranstaltung zum Tag der Befreiung am Treptower Ehrenmal für die gefallenen Sowjetsoldaten zu sprechen zeigt, dass im Gedächtnis mancher Politiker die grundlegenden Lehren der Geschichte des 20. Jahrhunderts noch bewahrt sind. Überlassen wir nicht jenen die Deutungsmacht, die sie – nicht nur bei Politikern – für immer vergessen machen wollen.

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