„Erde der Brüderlichkeit“

geschrieben von Regina Girod, Jordi Banque

5. September 2013

Ein internationaler Verband bewahrt und pflegt antifaschistisches Erbe

Sept.-Okt. 2006

Am 30. September 2006 führen der Verein „Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936 – 1939“ und der Bundesausschuss der VVN-BdA in Berlin eine Festveranstaltung zum 70. Jahrestag der Gründung der Internationalen Brigaden durch. Sie findet um 15:00 Uhr im Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz statt. Anschließend wird um 19:00 Uhr am Spanienkämpferdenkmal in Berlin-Friedrichshain, Friedensstraße, der Spanienkämpfer gedacht.

Die Vereinigung französischen Rechts „Erde der Brüderlichkeit“ wurde 1994 gegründet. Sie hat sich die Aufgabe gestellt, an den geschichtlich einmaligen Einsatz internationaler Freiwilliger für die Verteidigung von Freiheit und Demokratie in Spanien 1936 – 1939 zu erinnern, ebenso an den Kampf der französischen Résistance und jede Form internationalen antifaschistischen Widerstandes. Die Beispiele von grenz- und nationenüberschreitender Solidarität und menschlichem Einsatz, die in den Jahren1936 bis 1975 (dem Jahr von Francos Tod) auf beiden Seiten der Pyrenäen geschaffen wurden, sollen im Gedächtnis der Völker bewahrt werden. Damit will die Vereinigung zugleich Freundschaft, Solidarität und Zusammenarbeit von Menschen verschiedener Länder heute, im Geiste eines „Europas von unten“ befördern.

Ein Schwerpunkt der Arbeit von „Erde der Brüderlichkeit“ war in den letzten Jahren die Realisierung eines Projektes der Europäischen Union. Daran beteiligen sich, koordiniert durch den Verband, 21 Städte und Gemeinden aus dem Gebiet der Ebroschlacht, auf spanischer Seite der Ariege und auf französischer Seite der Pyrénées Orientales. Auf der Grundlage historischer Forschungen wurden hier Orte des Widerstandes originalgetreu rekonst­ruiert, zum Beispiel: Stätten der Ebroschlacht, Lager des Maquis in den Pyrenäen, Schleichwege zum illegalen Grenzübertritt, die von den geheimen Organisationen des Widerstandes und zur organisierten Flucht von Kämpfern der Interbrigaden und verfolgter jüdischer Menschen genutzt wurden, Fallschirmabsprungplätze, Internierungsstätten oder Internierungslager, aber auch eine Geburts- und Frauenklinik.

Im Rahmen dieses Projektes, das zu dem Programm INTEREG III / A gehörte, wurde, so eine interessante und breite Infrastruktur von Gedenkstätten, Museen, Wanderrouten, Herbergen, sowie zahlreiche Möglichkeiten für persönliche Kontakte und Betreuung geschaffen. So können sich interessierte Bürger und Touristen heute mit der Geschichte, dem Leben, und der Kultur dieser Region vertraut machen. Die Thematik „Interbrigaden und Résistance“ bildet dabei einen besonderen Schwerpunkt.

Zu den aktuellen Projekten des Verbandes „Erde der Brüderlichkeit“ gehört die Aufforstung und Gestaltung eines Areals von Pinienbäumen auf dem Territorium der Ebroschlacht, in der Nähe der Gemeinde Fatarella. Hier soll ein Ehrenhain zur Würdigung der Interbrigadisten aus fünf Kontinenten und mehr als 50 Ländern der Erde entstehen. Den Pinienbäumen werden Gedenktafeln mit Namen und Herkunftsland der internationalen Kämpfer zugeordnet. Für die Arbeit an diesem Projekt, das auch der Aufforstung des durch Waldbrände beschädigten Hains dient, sollen insbesondere jugendliche Teilnehmer aus der EU gewonnen werden.

Es ist geplant, das Projekt der Europäischen Union, nunmehr Im Rahmen des neuen Programms INTEREG III / B, weiter zu führen. Für die Beteiligung daran können sich auch Städte und Gemeinden der Bundesrepublik Deutschland bewerben, die sich dem Anliegen der bereits beteiligten französischen und spanischen Kommunen verbunden fühlen. Dabei könnte es zum Beispiel um die Bewahrung der Erinnerung an deutsche Teilnehmer der Internationalen Brigaden, der französischen Résistance, oder generell des antifaschistischen Widerstandskampfes gehen, die aus diesen Städten oder Gemeinden stammten.

Faschismus als Religion

geschrieben von Jens Grandt

5. September 2013

Hitler sah sich in der Nachfolge Jesu Christi

Sept.-Okt. 2006

Glaubt, wer nicht an Gott glaubt, gar nichts mehr? Die Streitschrift „Ludwig Feuerbach und die Welt des Glaubens“ von Jens Grandt analysiert, von Untersuchungen zum Wesen der Religion ausgehend, Erscheinungsformen säkularer Religiosität in Vergangenheit und Gegenwart. Dabei wird in polemischer Auseinandersetzung mit Marx und Engels eine Neuberwertung Feuerbachs vorgenommen. Spezielle Kapitel befassen sich mit dem Autoritätsglauben vom Papsttum bis zum neuzeitlichen Personenkult, Nationalismus, Nationalsozialismus, orthodoxen Marxismus-Leninismus und Neoliberalismus als säkulare Religion der Gegenwart. Die aktuellen Debatten über das Verhältnis von Religion und Gesellschaft sowie über ethische Werte bestätigen die Brisanz dieser Thematik.

Das Buch ist im traditionsreichen linksliberalen Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster erschienen. Es hat 360 Seiten und kostet Euro 29,90.

Was uns im Gedenken an die Hitler-Diktatur und ihre barbarischen Folgen nicht in Ruhe lässt, die Frage, die wir uns immer wieder zu beantworten haben, ist: Wie konnte dies geschehen? Dieser Fanatismus, diese Selbstvergessenheit, das Jubelgeschrei, die Morde, die Vernichtung der Juden, nicht zuletzt ein Krieg gegen die Welt, dessen Entscheidung „erst eine Sekunde vor zwölf“ fallen werde, wie Goebbels noch am 15. April 1945 auftrumpfte. Ökonomische Analysen haben Hintergründe aufgedeckt, sie erklären aber nur ungenügend, wie große Teile des Volkes einer Massenpsychose verfallen konnten.

Es ist kein Zufall, dass die ersten Versuche, weltliche Glaubenssysteme mit einem eigenen Begriff zu bezeichnen, mit der Einschätzung des Faschismus und seiner deutschen Abart, des Nationalsozialismus, einhergingen. 1938 erschien in Wien Eric Voegelins kleine, aber bedeutende Abhandlung „Die politischen Religionen“; sie wurde von den Nazis sofort verboten. Wenig später hat der französische Philosoph Raymond Aron den Begriff „säkulare Religion“ geprägt und am Beispiel des Nationalsozialismus ausgeführt, wie sich ein Glaube manifestiert, der ohne jenseitigen Gott auskommt.

Die Nationalsozialisten versuchten zunächst, das Christentum für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Schon die Bezeichnung, zugleich Verheißung des NS-Regimes als des „Tausendjährigen Reiches“ ist ein christliches Klischee, der Johannesoffenbarung entlehnt, wo es heißt, nach Erscheinen des Messias beginne das tausendjährige Reich, in dem ein „neuer Himmel und eine neue Erde“ aufgehen. Auch das „Dritte Reich“ beeindruckte die in der Wirtschaftskrise verunsicherten und politisch irritierten Bürger mit dem Versprechen auf eine völlige Erneuerung nach dem „Entscheidungskampf“ zwischen Gut und Böse. Das Böse, Schlechte, nicht lebenswerte Blut sind (und waren schon bei Luther) die Juden. Bei den Nazis kommen die Kommunisten hinzu.

Die sprachlichen Bezüge auf das Christentum sind frappierend. Hitler selbst gefiel sich in der Pose des Messias: „So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn“, hatte er in seinem Buch „Mein Kampf“ verkündet. „Die Aufgabe, mit der Christus begann, die er aber nicht zu Ende führte, werde ich vollenden“, so empfahl er sich, stärker noch als der Sohn Gottes, dem deutschen Volk. Er, „der Führer“, war das jeder Religion unabdingbare Absolute, und wer in Frage stellte, dass Hitler samt seiner Gehilfen die gottgegebene Ordnung sei, bekam nicht erst im Jenseits die Krallen der Racheengel zu spüren.

Die liturgischen Ausdrucksformen waren dann auch das erste, was kritische Historiker bewogen hat, den Nationalsozialismus mit den Kategorien der Religionswissenschaft zu beschreiben. Eine aufdringliche Ikonographie – Hakenkreuz, SS-Ruhnen, Nazi-Adler, Standarten, Lichtsäulen, Pylonen und Flammenschalen – verwandelte die Feierräume der Nazis in geheiligtes Terrain. Trommelwirbel und Fanfarenklänge sorgten für die weihevolle Einstimmung. Die Magistralen zu den monumentalen Kultstätten und Hallen erinnerten während propagandistischer Großveranstaltungen an Prozessionsstraßen. Die Gestaltung der Podien war der Zentralität eines Altars angeglichen. Es gab Gemeinschaftserlebnisse in der Art einer Kommunion, zum Beispiel die Aufnahmeriten in die Hitlerjugend, Beitrittsmodi mit mythischem Glaubensbekenntnis, so bei der SA, SS, der „Leibstandarde Adolf Hitler“. Die Architektur wird gebauter Glaube. Die faschistische Ideologie und Praxis hat sich zu einer eigenen, weltlichen Sakralität verselbständigt. Obwohl die religiösen Mythen des Nationalsozialismus tausendfach widerlegt sind und die Realgeschichte 1945 einen Schlusspunkt hinter die Träume vom Tausendjährigen Reich gesetzt hat, halten die heutigen Neofaschisten an den alten Glaubenssätzen fest. Für die Abwehr der absurden Zumutung einer neu erweckten „deutschen Volksgemeinschaft“ könnte es hilfreich sein, stärker zu beachten, dass es sich hierbei um Religion handelt.

Unser Mann in Paris

geschrieben von Gerhard Leo

5. September 2013

Karl-Heinz Gerstner, deutscher Antifaschist und Mitglied der
Résistance

Sept.-Okt. 2006

Als unser Kamerad Dr. Karl-Heinz Gerstner am 14. Dezember 2005 im Alter von 93 Jahren verstarb, wurde in Nachrufen seine jahrzehntelange, oft kritische publizistische Tätigkeit auf wirtschaftlichem Gebiet in der DDR gewürdigt. Unerwähnt blieb seine hervorragende Aktivität als deutscher Antifaschist in Frankreich während der Okkupation des Landes. Er war, wie mir Jacques Duclos, Politbüromitglied in der FKP, Anfang der 1970er Jahre in einem Gespräch in Paris versicherte, für die französische Résistance „unser Mann in der Nazi-Botschaft“.

Der promovierte Jurist, der hervorragend französisch sprach und nach dem Studium von 1936 bis 1939 in der Deutschen Handelskammer in Paris gearbeitet hatte, wurde schon im Juni 1940, nachdem er wegen der Folgen einer Kinderlähmung als wehruntauglich erklärt worden war, in die deutsche Botschaft im okkupierten Paris versetzt. Als „wissenschaftlicher Hilfsarbeiter“ in der Wirtschaftsabteilung war er in einer untergeordneten Position, aber in der Botschaft unter dem Naziführer Abetz liefen viele Fäden zusammen und für die Résistance gab es dort wichtige Informationen.

Gerstners Tätigkeit für die Résistance war nicht eine spontane Entscheidung in Paris, sie entsprach seinen Überzeugungen und Erfahrungen. In seiner Klasse im Berliner Reformrealgymnasium gab es zahlreiche Schüler aus jüdischen Familien, zu denen er freundschaftliche Beziehungen unterhielt. Sein Klassenlehrer Heinrich Müller, ein Romanist, verstand es, die Jungen für die französische Aufklärung und die Ideen der Revolution von 1789 zu begeistern. „Wir waren liberale Republikaner mit mehr oder weniger Linksdrall“, schreibt er in seinen Erinnerungen (Karl-Heinz Gerstner: Sachlich, kritisch und optimistisch, Edition Ost, Berlin 1999.) Über die bündische Jugend, in der sich Ende der 1920er Jahre viele Mitglieder nach links orientierten, kam Gerstner zur „Deutschen Jugendschaft vom 1. November“. Der Führer dieses Bundes schloss sich 1932 der KPD an.

Schließlich war seine Verlobte Sybille, mit der er fast 65 Jahre verheiratet sein wird, die Tochter eines jüdischen Pelzhändlers, den die Nazis verfolgten und der in einem ihrer Zuchthäuser sterben wird.

Der entscheidende Anstoß für sein Engagement in der Résistance war die Freundschaft mit einem führenden Mitglied des französischen kommunistischen Jugendverbandes. Während seiner Tätigkeit in der Deutschen Handelskammer in Paris lernt er im Winter 1937 bei einem Ski-Urlaub in den französischen Alpen den Medizinstudenten Serge Tsouladzé kennen. Er ist der Sohn eines vor der Revolution geflüchteten zaristischen Generals aus Georgien, der sich, wie so erstaunlich viele andere weißrussische Emigranten der zweiten Generation, in Frankreich der kommunistischen Bewegung angeschlossen hatte. Gerstner und Tsouladzé stellen ihre übereinstimmenden Überzeugungen besonders über die Gefährdung des Friedens durch die Nazibarbarei fest.

Als Gerstner 1940 als Angestellter in der deutschen Botschaft zu arbeiten beginnt, sucht er sofort seinen Freund Tsouladzé auf. Unter dem Decknamen Sergent ist der jetzt der Leiter einer bedeutenden Résistancegruppe junger Kommunisten. Gerstner sagt sofort zu, als er gefragt wird, ob er bereit sei, die Résistance über wichtige Vorgänge in der Botschaft zu informieren. Tsouladzé brachte den deutschen Antifaschisten in Verbindung mit Pierre Hentgès, einem führenden kommunistischen Journalisten, dem Beauftragten des illegalen Politbüros der FKP zur Zusammenarbeit mit der TA (Deutsche Arbeit), wie wir unsere in die Résistance integrierte Organisation deutscher Antifaschisten nannten. Auf wöchentlichen Treffen mit Tsouladzé, an denen später auch je ein Repräsentant der Gaullisten und der Sozialisten teilnahmen, informierte Gerstner über Aktivitäten der Botschaft zur politischen Absicherung der verbrecherischen Besatzungsmacht. Seine Arbeit in der Wirtschaftsabteilung gab ihm die Möglichkeit, Passierscheine zur Reise in die unbesetzte Zone zu beschaffen und die Résistance machte davon reichlich Gebrauch. Schließlich erfuhr Gerstner mehrmals von bevorstehenden Razzien gegen jüdische Bürger, allerdings erst unmittelbar davor. So mussten Gerstner, Serge und dessen enge Mitarbeiter innerhalb von Stunden Dutzende Wohnungen der Gefährdeten aufsuchen, um zu warnen. Mit einigen dieser Geretteten stand Gerstner noch Jahrzehnte nach Kriegsende in freundschaftlicher Verbindung.

Als Gerstner im Juli 1945 im befreiten Berlin von den sowjetischen Behörden festgenommen wurde unter dem Verdacht, an der verbrecherischen Okkupationspolitik in Frankreich beteiligt gewesen zu sein, trafen innerhalb kurzer Zeit mehr als 20 Bescheinigungen von Franzosen ein, die zu seiner Entlassung aus der Haft führten. Alle französischen Garanten hatten die kühnen Aktionen des deutschen Antifaschisten gelobt, so auch René Dumont, der spätere Präsidentschaftskandidat der Grünen. „Ich bewahre auch heute Herrn Gerstner meine ganze Freundschaft“, schrieb Dumont auf einem Kopfbogen des französischen Landwirtschaftsministeriums.

Radikaler Aufklärer

geschrieben von Lorenz Gösta Beutin

5. September 2013

Ein Buch und eine Konferenz anlässlich des 85. Geburtstags von Lorenz
Knorr

Sept.-Okt. 2006

Lorenz Gösta Beutin (Herausgeber):

„Aufklärung, Frieden, Antifaschismus. Ausgewählte Reden und Schriften“, PapyRossa, Köln 2006

Im Juli ist das neue Buch von Lorenz Knorr mit dem Titel „Aufklärung, Frieden, Antifaschismus“ erschienen, das ausgewählte Texte von 1945 bis heute enthält. Unter dem gleichen Titel findet am 2. September 2006 eine Konferenz statt.

Mit den drei Begriffen von Buch und Konferenz ist die Spannbreite des Schaffens von Lorenz Knorr charakterisiert, wie sie Ulrich Schneider in der letzten Ausgabe anhand biographischer Notizen entfaltet hat. Der Band bietet einen publizistischen Querschnitt durch diese Bereiche und ist gleichzeitig ein Zeitdokument zur Geschichte der linken, antifaschistischen Kräfte im 20. Jahrhundert, ihre bitteren Niederlagen aber auch wichtigen Erfolge.

Die Texte geben Antworten auf die Fragen, welche Konsequenzen nach 1945 notwendig gewesen wären, welche tatsächlich gezogen wurden und wie mit dieser Vergangenheit bis heute umgegangen wird. Sie zeigen ebenso Gegenperspektiven auf zur gegenwärtigen Politik des entfesselten Kapitalismus in Deutschland und weltweit.

Durch autobiographische Passagen, historische Herleitungen sowie Stichwortverzeichnis und Glossar, in dem auf wichtige, heute aber wenig bekannte Personen und Begriffe eingegangen wird, ist dies Werk nicht nur Experten und Freunden des Autors zugänglich, sondern gerade auch jenen Menschen, die erst am Anfang ihres gesellschaftspolitischen Engagements stehen. Zu Beginn des Bandes finden sich fünf autobiographische Texte, die sich unter anderem. mit dem antifaschistischen Widerstand in der CSR, den Diskussionen über das Nachkriegs­europa, der Zeit bei der „SJD – Die Falken“, dem Austritt aus der SPD und dem Generalsprozess beschäftigen.

Im zweiten Teil geht es unter der Überschrift „Faschismus, Revisionismus, Antifaschismus“ um die personellen und inhaltlichen Kontinuitäten vom Faschismus zur BRD, die Geschichte des Sozialdarwinismus, die Absolution der revanchistischen Politik der Vertriebenenverbände durch den verstorbenen SPD-Politiker Peter Glotz und antifaschistische Perspektiven. Im friedenspolitischen Abschnitt widmet sich Knorr der Geschichte der Friedensbewegung sowie spezifischen Aspekten der Frage von Krieg oder Frieden.

Die Texte von „Geschichte, Ökonomie und globale Machtverhältnisse“ behandeln den antimilitaristischen Kampf Wilhelm Liebknechts, die Auswirkungen des globalisierten Kapitalismus und den Entwurf der EU-Verfassung. Von zentraler Bedeutung ist der letzte Teil zu gesellschaftlichen Perspektiven. Hierin geht es um Ziele und Mechanismen der Kulturpolitik und -industrie, das Gedankenerbe der Französischen Revolution und das Menschenbild von Karl Marx. Die beiden letzten Texte widmen sich resümierend aktuellen Erfordernissen linker Politik im Ringen für eine „humane Weltgesellschaft der Freien und Gleichen“ (Knorr).Deren Aktualität und Notwendigkeit wird auch die Konferenz am 2. September im DGB-Haus in Frankfurt am Main verdeutlichen. Eingeladen vom Deutschen Freidenkerverband Hessen, unterstützt u. a. von der VVN-BdA, vom DGB Region Frankfurt und dem Europäischen Friedensforum, wird es neben der Eröffnung durch Monika Krotter-Hartmann vom Freidenker-Verband und der Buchvorstellung durch den Herausgeber Impulsreferate von Ulrich Schneider zum Antifaschismus, Wolfgang Richter vom Europäischen Friedensforum zur Friedenspolitik und Wolf-Dieter Gudopp-von Behm zum Thema Aufklärung geben. In der abschließenden Runde werden neben Lorenz Knorr und einigen seiner Freunde und Weggefährten alle Anwesenden die Möglichkeit bekommen, über den Weg zu einer ausbeutungs- und kriegsfreien Gesellschaft zu diskutieren.

Es ging ums Leben

geschrieben von Alfred Fleischhacker

5. September 2013

Eine Familiengeschichte aus dem Widerstand

Sept.-Okt. 2006

Peter Neuhof:

„Als die Braunen kamen. Eine Berliner jüdische Familie im Widerstand“, Pahl-Rugenstein, Euro 24,80

Zunächst begann das Leben des Autors ganz unspektakulär. Geboren 1926, von den Eltern geliebt und ohne materielle Sorgen. Doch das sollte mit den sich zuspitzenden Problemen in der Gesellschaft bald anders werden. Denn die Eltern waren alles andere als passive Beobachter der Verhältnisse. Politisch im linken Spektrum aktiv, wollten sie das mögliche tun, die Machtübernahme der Braunen zu verhindern.

Peter ist gerade sechs Jahre alt, als Gerhard Weiss, ein Bekannter der Familie, von einem SA-Mann beim Plakatekleben ermordet wird. Das geschieht im Norden Berlins, wo auch die Neuhofs wohnen, die, wie der Ermordete auch, der KPD angehören. Wenig später übernehmen die Nazis die Reichskanzlei. Unmittelbare Folge: Der Prozess gegen den Mörder von Gerhard Weiss gerät zur Farce. Der SA-Mann bleibt so gut wie ungeschoren. Das Auslöschen des Lebens eines Freundes der Familie wird für den Heranwachsenden zu einem Grunderlebnis. Für die Familie bricht mit dem 30. Januar 1933 eine andere Zeit an. Fortan sind sie doppelt stigmatisiert. Denn der Vater ist Kommunist und auch noch Jude. Die materielle Sicherheit ist perdu und der November-Pogrom 1938 bringt neue Einschränkungen.

Rückblickend schreibt Peter über diese Zeit: „Unsere Eltern brauchen uns nicht zu sagen, wie wir uns jetzt verhalten müssen. Sie vertrauen uns. Sie sagen uns alles. So wachsen wir als Gegner der Nazis auf.“ Peter wird noch einige Jahre zur Schule gehen und später anerkennend feststellen, dass er von den Lehrern nicht ein einziges Mal schlechter behandelt wurde als irgendein anderer Mitschüler.

Doch aus dem Hessischen treffen neue Hiobsbotschaften in Berlin-Frohnau ein. Verwandte des Vaters in Friedberg werden in der Pogrom-Nacht abgeholt und in das KZ Buchenwald gesperrt. Im Juli 1940 muss Peters Vater zu seinem Vornamen Karl den zusätzlichen „Israel“ annehmen. Als Jude gebrandmarkt, wird er zunächst in die Farbenfabrik Warnecke und Böhm in Berlin-Weißensee zur Zwangsarbeit geschickt. Zusammen mit hunderten von Leidensgefährten schuftet er für einen Mini Lohn. Viele von ihnen werden bei der „Fabrikaktion“ Ende Februar 1943 aus den Werkhallen die Vernichtungslager deportiert. Nur ganz wenige der bei Warnicke und Böhm damals Arbeitenden erleben das Kriegsende.

Karl Neuhof wird als Mitglied einer Widerstandsgruppe der KPD schon zwei Wochen früher von der Gestapo verhaftet und bleibt einige Monate als Untersuchungshäftling in einem Berliner Gefängnis. Die Mutter überwindet ihre Angst und geht in die Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße. um Näheres über ihren Mann zu erfahren. Sie landet, ohne zu wissen, wer ihr Gegenüber ist, bei Eichmann. Der – damals noch im Siegesrausch – brüllt sie an und gibt ihr den höhnischen Rat, sich als „Arierin“ beim nächsten Standesamt von dem Juden scheiden zu lassen.

In dieser Zeit hat der Vater die Stärke und Kraft zu Tagebuchaufzeichnungen, um der Familie aus der Zelle Ratschläge zur Bewältigung des Alltags zu geben und seine Gefühle und Eindrücke über Mithäftlinge festzuhalten. Durch eine glückliche Fügung sind die Niederschriften erhalten geblieben und jetzt in Auszügen in diesem Buch nachzulesen.Durch Verhöre von Mitgefangenen des Vaters gerät auch die Mutter in die Fänge der Gestapo. Man schreibt bereits das Jahr 1944, als der Prozess gegen sie stattfindet. In dessen Verlauf spricht der Vorsitzende des Gerichts eher beiläufig von „dem inzwischen verstorbenen Ehemann“ der Angeklagten. Die Mutter ist bei diesen Worten dem Zusammenbruch nahe. Dann erfahren Ehefrau und Sohn, dass das Familienoberhaupt schon im Oktober l943, wenige Tage nach dem Abbruch der Aufzeichnungen, im KZ Sachsenhausen erschossen wurde, weil die deutsche Justiz zu diesem Zeitpunkt gegen Juden nicht mehr prozessierte. Die engsten Kampfgefährten der im ganzen Reich aktiven Widerstandsgruppe wurden wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und hingerichtet, Gertrud Neuhofs Bewährungsstrafe aufgehoben. Sie kommt nach Ravensbrück.

Und wie schon nach der Festnahme des Vaters, macht sich Peter mit einem Paket für die Mutter auf den Weg in das Frauen-KZ. Inzwischen ist auch er als „Mischling 1. Grades“ zur Zwangsarbeit verurteilt. Der Eintritt in die Höhle des Löwen ist für ihn mit nicht vorhersehbaren Risiken verbunden. Doch Mut ist eine Eigenschaft, die die Familie durch die Jahre der Gewaltherrschaft begleitet. Mutter und Sohn erleben den Zusammenbruch des Hitler-Regimes.

Der Autor schildert, wie er es erlebte: „Ich habe bärenstarke Sibiriaken und T34 erwartet. Doch statt dessen Pferdegespanne. Ein Rotarmist löst sich von seinem Wagen. Er deutet auf mein Handgelenk… Und schon hat meine Uhr ihren Besitzer gewechselt. ‚Mensch, du kannst mir doch nicht die Uhr klauen‘, mehr fällt mir nicht ein. Er kann es offensichtlich doch und zieht weiter, weiter in den Krieg. Bis zum Reichstag ist es noch ein langer Weg. Was ist da schon eine Uhr…“

Ein Buch voller Spannung, voller Dramatik und etlichen Gedanken zum Leben heute.

Erinnerung an Ruth Rewald

geschrieben von Dirk Krüger

5. September 2013

Autorin eines Kinderbuches über den Spanischen Bürgerkrieg

Sept.-Okt. 2006

Ruth Rewald:

„Vier spanische Jungen“, Röderberg, Frankfurt 1987, 191 Seiten

Am 17. Juli 1942 – exakt sechs Jahre nach dem Beginn des Spanischen Bürgerkriegs und annähernd drei Jahre nach seiner Beendigung – kommt es in Frankreich, in der „Zone d’occupation allemande“ zur berüchtigten Großrazzia „Rafle du Vel‘ d‘ Hiv“. Auslöser der Aktion war die Forderung, nunmehr konzentriert die „Endlösung der Judenfrage“ auch in Frankreich durchzusetzen.

Unter den verhafteten jüdischen Frauen ist auch die 1933 zur Emigration nach Frankreich gezwungene deutsch-jüdische Kinder- und Jugendbuchautorin Ruth Rewald. Sie wird von der Gestapo in dem Dorf Les Rosiers-sur-Loire festgenommen, wohin sie im Sommer 1940 mit ihrer kleinen Tochter aus Paris vor den einmarschierenden deutschen Truppen geflohen war. Am 29. November 1940 hatten sie den Ort erreicht und sich dort niedergelassen.

Ihr gesamtes schriftliches Hab und Gut wird beschlagnahmt. Es gelingt Ruth Rewald vor ihrem Abtransport in das Konzentrationslager Auschwitz noch eine Karte an ihren Mann, Hans Schaul, zu schreiben, der in einem französischen Lager in Djelfa in der algerischen Sahara interniert ist. Die Karte trägt den Poststempel: Angers / Maine-et-Loire, 18. VII. 1942. Sie ist das letzte Lebenszeichen von ­Ruth Rewald.

Am 16. April 1945 beginnt die Rote Armee mit dem Angriff auf Berlin. Als am 2. Mai 1945 der letzte Widerstand gebrochen ist, fallen den Soldaten mit dem Roten Stern in den Kellern des Reichssicherheitshauptamtes große Mengen Akten und Schriftstücke in die Hände. Dabei stoßen sie auch auf einen Karton mit der Aufschrift: „Beschlagnahmung Ruth Gustave Schaul, geb. Rewald, 5.6.06 / Berlin, Referendarin / Deutsch.R.“ Darin enthalten sind zahlreiche Briefe, persönliche Dokumente, Fotos, Notizen, Manuskripte ihrer schriftstellerischen Tätigkeit – all das, was der Gestapo bei ihrer Verhaftung in die Hände gefallen und nach Berlin gebracht worden war. Der Vorgang hat einen hohen symbolischen Wert. Die Nazis, die dieses Leben auslöschen und vergessen machen wollten, haben durch ihr Handeln dazu beigetragen, dass dieser Plan nicht aufgegangen ist, denn der in dem Karton enthaltene Nachlass wird zunächst in die Sowjetunion gebracht und im Jahr 1957 den zuständigen Stellen in der DDR übergeben. Seitdem wird er im Zentralen Staatsarchiv Potsdam (heute Bundesarchiv) archiviert und trägt die Signatur: „90 Re 1, Nachl. R. Rewald-Schaul 1932 – 1939“.

Dort wurde er durch einen Zufall entdeckt. Selbst ihr Mann, Hans Schaul, der Dank der Hilfe der Sowjetunion gerettet werden konnte und später viele Jahre Chefredakteur der theoretischen Zeitschrift der SED war, wusste zunächst nichts davon. Dieser Fund und weitere umfangreiche Forschungen und Nachforschungen ermöglichten eine fast lückenlose Rekonstruktion des Lebens und literarischen Werkes von Ruth Rewald, das die Faschisten ausradieren wollten.

Das wohl wichtigste Manuskript dieser Zeit blieb fast 50 Jahre unveröffentlicht. Das Kinderbuch „Vier spanische Jungen“, mit dem die Autorin nach ihren eigenen Worten vor allem die internationale Solidarität mit den spanischen Kindern anspornen und selbst einen Beitrag dazu leisten wollte. In den Monaten November / Dezember 1937 und Januar / Februar 1938 lebte und arbeitete sie dafür in Spanien im Kinderheim „Ernst Thälmann“, das von der XI. Internationalen Brigade eingerichtet und unterhalten wurde. Nach Paris zurückgekehrt begann sie unverzüglich mit der Niederschrift des Buches. Sie beendete die Arbeiten am 30. September 1938.

Die zentrale Idee im Werk Ruth Rewalds ist der Humanismus. So wurde es zu einem humanistischen Protest und zu einer Alternative zu der auf Rassenhass, Unmenschlichkeit, Völkerfeindschaft und Kriegsbereitschaft zielenden Kinder- und Jugendliteratur im faschistischen Dritten Reich.

Ruth Rewald ist nur 36 Jahre alt geworden. So ist ihr Werk relativ klein geblieben. Vieles macht den zeitbedingten Eindruck des Unfertigen. Die Zeit, in die sie hineingeboren wurde, waren ihrer Entwicklung und Reife nicht günstig. Dennoch, aus dem, was sie geschrieben und wie sie es geschrieben hat, werden wir Nachgeborenen die Verpflichtung ableiten müssen, der deutsch-jüdischen Kinder- und Jugendbuchautorin Ruth Rewald den Platz einzuräumen, der ihr und ihrem Werk gebührt.

Tabus und Geheimnisse

geschrieben von Hans Canjé

5. September 2013

Ein Konferenzband dokumentiert ihre Aufdeckung

Sept.-Okt. 2006

Eckart Spoo (Herausgeber):

„Tabus bundesdeutscher Geschichte“, Ossietzky Verlag Hannover, 248 Seiten, Euro 15,00

Tabus in der bundesdeutschen Geschichte? Gibt es die überhaupt? Das zu ergründen und nach den Ursachen dafür zu forschen hatte sich Ende Oktober 2005 in Hamburg ein Kongress mit dem Titel „Tabus der bundesdeutschen Geschichte“ (ohne Fragezeichen) zum Ziel gesetzt. Die Einladung erging von der 1998 gegründeten Bürgerinitiative für Sozialismus, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, der Geschichtswerkstatt St. Georg e. V., dem ASTA der Universität Hamburg und der in Berlin erscheinenden Zeitschrift „Ossietzky“ Nun liegen, vom Ossietzky Verlag herausgegeben, die Hamburger Kongressmaterialien vor. Untergliedert in vier Abschnitte: „Selbstentnazifizierung“, „Und andere Kontinuitäten“, „Opposition unerwünscht“ und „teile und herrsche“ ist hier versammelt, was unter anderem Historiker, Zeitzeugen und Publizisten in den 32 Vorträgen, den regen Diskussionen in fünf Arbeitsgruppen und einer resümierenden Podiumsrunde an Leichen aus so manchem Kellern der altbundesdeutschen Geschichte hervorgeholt haben. Angesichts gegenwärtiger Geschichtsschreibung, die sich erklärtermaßen noch umfassender der Durchleuchtung der Geschichte der „zweiten deutschen Diktatur“, des „Unrechtsstaates“ DDR widmen will, gemessen an der untadligen Entwicklung des anderen deutschen Teilstaates, liegt hier ein höchste informative und anregende Lektüre vor. Ist die Geschichte der Alt-BRD tatsächlich so beispielhaft verlaufen? Welche Auswirkungen hatte der zur Staatsdoktrin erhobene Antikommunismus nicht nur auf die innenpolitische Entwicklung der BRD? Kann die Geschichte des einen deutschen Staates überhaupt ohne die das anderen verstanden werden? Fragen, die beispielsweise in Heinrich Hannovers Betrachtung eines halben Jahrhunderts antikommunistisch geprägter „Rechtsprechung“ als Auftakt zum Komplex „Verschwiegene Geschichte“ Antworten finden. Otto Köhlers Vortrag über die Selbstentnazifizierung am Beispiel des ersten Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts (BVG) Höpke-Aschoff, ein „hochrangiger Mitarbeiter der Leichenfledderer und Plünderungsspezialisten“ im Dienste der faschistischen „Treuhandstelle Ost“, ist ein Meisterstück des demokratischen Enthüllungsjournalismus. Helmut Kramer, Richter an Oberlandesgericht i. R., konstatierte quasi in Fortsetzung eines Vortrages von Norman Paech: „Indem der Bundesgerichtshof die Verfolgung der Wehrmachtsverbrechen schwer behinderte, flankierte er die auf die Wiederaufrüstung gerichtete Politik der Adenauer-Ära.“ Der Hamburger Völkerrechtler hatte unter der Überschrift: „Nürnberg 1945 – 1949, alles verleugnet, verdrängt, vergessen?“ die bis heute ungesühnt gebliebenen Verbrechen der Wehrmacht in Griechenland, Weißrussland oder Serbien betrachtet.

Als Begleitliteratur zur gegenwärtigen Diskussion über die Umtriebe der Geheimdienste bieten sich die hier nachzulesenden Vorträge von Erich Schmidt-Eenbohm und Klaus Körner an. Ähnlich Aktuelles zur „Patriotismus-“ und „Leitkulturdebatte“ (bei Beleuchtung der geschichtlichen Vorbilder) ist bei Wolfgang Wippermann „Feindbild Ost“ und Kurt Pätzold „Über die Produktion von Geschichtsbildern“ zu finden. Ein empfehlenswertes Lesebuch für unsere Zeit.

Spaniens Himmel, ein Lied kehrt zurück

geschrieben von Ingrid Schiborowski

5. September 2013

Sept.-Okt. 2006

Christina Seidel, Kurt Wünsch:

„Spaniens Himmel breitet seine Sterne… oder Ein Lied kehrt zurück“, Pahl-Rugenstein, Euro 14,90

Auf einem Sommertreffen des Vereins „Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936 – 1939 e. V.“, an dem auch ausländische Gäste teilnahmen, regten diese an, für Jugendliche heute, die vom Spanischen Bürgerkrieg kaum noch etwas wissen, einen Roman zu schreiben. Er sollte das Thema nicht als ferne Geschichte, behandeln, sondern an den Erfahrungen und Problemen junger Menschen heute anknüpfen. Das Buch sollte zum 70. Jahrestag des Putsches der Franco-Faschisten erscheinen.

Zur Umsetzung dieser Idee gründeten Mitglieder des Vereins die Projektgruppe „Buch 2006“. Sie sichteten Bücher, Material, Dokumente und Fotos, sprachen mit Interbrigadisten aus vielen Ländern, und gewannen die beiden Schriftsteller, Dr. Christina Seidel und Dr. Kurt Wünsch aus Halle, die auf der Grundlage des Materials einen Roman für junge Leser schrieben. Vier Jahre lang begleitete die Projektgruppe das Entstehen des Buches.

Ihre Mitglieder standen den Autoren in vielen Diskussioen über die Gestaltung und Bewertung historischer Ereignisse zur Seite. Ein für alle produktiver Prozess.

Am 16. Juli 2006, am Vorabend des 70. Jahrestages des Beginns des Spanischen Bürgerkrieges, stellten es die Autoren in Berlin vor. Wir wünschen ihm viele interessierte Leser.

Heimatbraune Dichtkunst

geschrieben von Raimund Gaebelein

5. September 2013

Niederdeutsche Heimatbewegung im Nationalsozialismus

Sept.-Okt. 2006

Ferdinand Krogmann, Waldemar Augustiny:

„‚Schöngeist‘ unterm Hakenkreuz. Ein Beitrag zur niederdeutschen Heimatbewegung im Nationalsozialismus“, VDG Verlag, Weimar 2005, 138 Seiten

Worpswede gilt Kunstbeflissenen als Künstlerdorf und Malschule. Der Barkenhoff Heinrich Vogelers und der Parisaufenthalt Paula Becker-Modersohns täuschen leicht über den erdverbundenen Naturromantizismus eines Fritz Mackensen hinweg, der schon 1911 mit anderen Worpsweder Malern einen Protestaufruf Carl Vinnens gegen die „Überschwemmung“ Deutschlands mit großen Massen französischer Bilder verfasste. Die Worpsweder Schule begründete eine „Heimatkunstbewegung“ gegen die als undeutsch denunzierten Impressionisten. 1933 wurde Fritz Mackensen vom Bremer Senat zum Direktor einer „Nordischen Kunsthochschule“ berufen, mit der Aufgabe „Aufbau arteigener Kultur im Sinne Adolf Hitlers“ (Wümme Zeitung vom 12. April1934).

Für den Worpsweder Historiker und Journalisten Ferdinand Krogmann ist „Heimatkunst“ keineswegs die unschuldige Suche nach der blauen Blume. Am Beispiel des Worpsweder Schriftstellers und Bundesverdienstkreuzträgers Waldemar Augustiny (1897-1979) versucht er, ihre tiefe Verstricktheit in die Blut-und-Boden-Mystik nachzuweisen.

Krogmanns Studie beruht auf intensivem Quellenstudium und Auswertung bis dahin unbekannter und unveröffentlichter Dokumente. Der vorliegende Band entstand aus Anlass eines jahrelangen Rechtsstreits wegen einer Zeitungsveröffentlichung des Verfassers.

Augustiny charakterisierte sich 1950 selbst als „Standhaften, der Wahres gedacht und das Eigene nicht verleugne“. Er setzte sich ein für eine von fremden Einflüssen freie deutsche Kunst, die „mit der Landschaft und den Menschen der Heimat verwurzelt sein sollte“. 1933 erschien sein erster Roman „Die Fischer von Jarsholm“, demzufolge eine Gemeinschaft „nur unter Opfern“ geboren werden kann. 1950 sollte er in einer geschönten Fassung dem Helden den Opfertod ersparen. Die dörfliche Gemeinschaft der Fischer in Augustinys Werk ist ein „Modell für die Volksgemeinschaft“. In seinem erfolgreichen zweibändigen Roman „Die große Flut. Chronik der Insel Strand“ propagierte Augustiny 1943 in übler Form das Gebot der Rassentrennung und der Reinhaltung der Rasse. Eigens zu diesem Zwecke wurde er vom Wehrdienst freigestellt. Der Untergang der Insel Strand 1634, so meinte er, beruhe darauf, dass sie „ganze Völkerschaften der Deiche wegen dulden“ musste. Fremde (Holländer und Flamen!) „beflecken das Leben der Gemeinden“, damit wird die „alte, geheiligte Ordnung“ zersetzt: „Eine Tochter, die von einem Fremden ein Kind erwartet, verdient nichts anderes als den Tod durch das Wasser“.

Waldemar Augustiny wurde zum Vorsitzenden des Entnazifizierungsausschusses in Osterholz-Scharmbeck berufen. So konnte er guten Freunden wie Georg Grabenhorst, ehemaliger Landesleiter der Schrifttumskammer Hannover, August Hinrichs, ehemaliger Landesleiter der Reichsschrifttumskammer Weser-Ems, oder Agnes Miegel Persilscheine ausstellen. 1950 begann Augustiny, sich vorsichtig von Freunden wie Hans Grimm zu distanzieren, die die Zeichen der Zeit nicht erkannt hatten und sich in ihren öffentlichen Reden „unklug“ und „herausfordernd missverständlich“ ausdrückten. Anlässlich seines 80. Geburtstags behauptete Waldemar Augustiny von sich selbst, ein halbes Jahrhundert „eingesponnen“ gelebt zu haben als freier Schriftsteller am Rande des Teufelsmoors. Zu einer kritischen Auseinandersetzung mit seinem Lebenswerk zeigte er sich weder willig noch fähig.

„Olga“

5. September 2013

Sept.-Okt. 2006

Vor zwei Jahren kam ein bemerkenswerter Dokumentarfilm über das Leben von Olga Benario heraus, der die Biografie der unvergessenen Antifaschistin auch der jüngeren Generation nahe brachte. Ab 31. August 2006 läuft nun ein brasilianischer Spielfilm zum selben Thema in den deutschen Kinos an. Erste, im Internet veröffentlichte Kritiken, bewerten ihn bemerkenswert schlecht. Vielleicht gerade ein Grund, sich ein eigenes Bild von dem Film zu verschaffen. „antifa“ wird in der nächsten Ausgabe berichten.

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