Bastion der Kritik

geschrieben von Das Gespräch führte Nils Becker

4. September 2022

Interview zum Bundeskongress für studentische Bildung

antifa: Im Juli fand in Wiesbaden ein studentischer Kongress zur Bestandsaufnahme der politischen Bildung an Hochschulen statt. Wer war da, und was ist im universitären Kontext überhaupt politische Bildung?

Sebastian Zachrau: Unter »politischer Bildung« wird oft so etwas wie »Staatsbürgerkunde« verstanden: was im Grundgesetz steht, wie Regierung, Gerichte und Parlamente funktionieren sollen. Wenn es hoch kommt, wird noch ein Abgleich zwischen diesem Ideal und der Realität vorgenommen, wo dann etwa über geringe Beteiligung bei Wahlen geklagt wird. Wir wollen die Kommiliton*innen aber nicht zu braven Bundesbürger*innen erziehen, sondern sie zur materialistischen Gesellschaftskritik befähigen: Welche Kräfte wirken auf welche Weise in dieser Gesellschaft? Wie entstehen politische Idealvorstellungen und was verhindert ihre Verwirklichung? Dazu kamen Studierende aus dem ganzen Bundesgebiet zusammen: aus Augsburg, Dresden, Bonn, Siegen, Freiburg und vielen weiteren Orten. Der Kongress gab Gelegenheit für Austausch, Vernetzung und Diskussion. Bastion der Kritik weiterlesen »

Adenauer und die VVN

geschrieben von Bernd Kant

4. September 2022

Zur Gründung einer »nicht kommunistischen« Konkurrenzorganisation

Im Frühjahr 2022 berichteten Medien im Zusammenhang mit der Kampagne gegen Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) mehrfach darüber, dass auch der spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer Mitglied der VVN in Köln gewesen sei. Nun sind verschiedene Dokumente in unseren Archiven aufgetaucht, die Adenauers Rolle bei der Spaltung der VVN und den politischen Angriffen gegen die Organisation im Jahr 1950 anschaulich illustrieren. Adenauer und die VVN weiterlesen »

Nie vom Hass vergiftet

4. September 2022

Der tschechisch-jüdische Auschwitzüberlebende Felix Kolmer ist tot

Ja, es gibt viele Momente mit Felix Kolmer, an die ich mich erinnere. Da waren die vielen Gespräche in der Jugendbegegnungsstätte Auschwitz, der gemeinsame Gang durch das Vernichtungslager Birkenau, aber auch der Spaziergang durch Berlin, wenn er einmal ausnahmsweise Zeit nach einer Sitzung hatte. Besondere Momente waren, wenn er in Terezín über das Gelände des von den Nazis tarnweise »Ghetto« genannten Konzentrationslagers -Theresienstadt führte. Nie vom Hass vergiftet weiterlesen »

Nazigang in der Krise

geschrieben von Andreas Siegmund-Schultze

4. September 2022

Die »Turonen« bekamen in Thüringen wenig Probleme mit dem Staat aufgrund ihres rechten Terrors. Ihre tiefe Verwurzelung in der organisierten Kriminalität wird ihnen nun aber zum Verhängnis

Die insbesondere in Thüringen aktive und mutmaßlich im Jahr 2015 gegründete extrem rechte Rockergruppe »Turonen« befindet sich derzeit in einer existenziellen Krise. Zahlreiche Führungsleute der gelegentlich »Nazimafia« genannten Organisa-tion, darunter das Oberhaupt Thomas Wagner, sitzen nach zwei Wellen von Razzien durch hunderte Beamt:innen im Februar 2021 und Juni 2022 weiter im Knast (siehe Marginalie Seite 18). Die »Turonen«, die als Logo das Pfeilkreuz der ungarischen Faschisten nutzen, gelten als Elite der »Bruderschaft Thüringen«. Unter deren Dach befindet sich mit der »Garde 20« ein Rekrutierungszirkel – -rockertypisch »Supporter« genannt. Zur Kleidung gehören die bei Rockern üblichen Lederkutten. Umfangreiche Kontakte sollen die »Turonen« zu Gruppen in der Schweiz und Österreich sowie anderen Ländern Europas unterhalten, aber auch bundesweit sind die Thüringer gut vernetzt. Als Vorbild dient offenbar die oberösterreichische Nazitruppe »Objekt 21«, zu der personelle Überschneidungen existieren. Zudem deutet einiges darauf hin, dass Waffen und Drogen von »Objekt 21« zu den »Turonen« gelangt sind. Nazigang in der Krise weiterlesen »

Ein Hektar Land für »alle«

geschrieben von Arbeitskreis Anastasia

4. September 2022

Die Entwicklung rechtsesoterischer Familienlandsitze der Anastasia-Bewegung in Deutschland und deren ideologische Basis

Nicht erst seit der Corona-Pandemie, sondern schon seit Jahren gibt es einen Trend zum Wohnen auf dem Land, zu Selbstversorgung und zu mehr »Natürlichkeit«. Auch wenn auf den ersten Blick meist alles nett und harmlos wirkt, so lohnt sich doch oft ein kritischer Blick. Finden sich zum Beispiel in einem Youtube-Video über natürliche Geburten und die richtige mentale Vorbereitung Bezugnahmen auf die Anastasia-Bücher, sollten die Alarmglocken klingeln. Doch worum geht es bei Anastasia?

Die Anastasia-Bewegung basiert auf der Buchreihe »Anastasia – Die klingenden Zedern Russlands« von Wladimir Megre. Der russische Autor traf angeblich im Jahr 1994 auf einer Geschäftsreise eine Frau namens Anastasia, die einsam in der russischen Taiga lebt. In insgesamt zehn Bänden, die in den Jahren 1996 bis 2010 auf Russisch erschienen sind und seitdem in diverse Sprachen, unter anderem ins Deutsche, übersetzt wurden, berichtet Megre über seine fiktiven Begegnungen und Gespräche mit Anastasia. Ein Hektar Land für »alle« weiterlesen »

Entwicklungsbegleiter

geschrieben von Kristin Caspary

4. September 2022

Vor 25 Jahren starb der Wirtschaftswissenschaftler Jürgen Kuczynski

Jürgen Kuczynski hat nicht nur zu Zeiten des »kurzen zwanzigsten Jahrhunderts«, wie es ein britischer Freund einst ausdrückte, gelebt, sondern ganz aktiv an ihm mitgewirkt. Davon zeugen nicht nur abertausende Publikationen zu allen möglichen Themen von schöner Literatur bis zu Wirtschaftsgeschichte (seiner Lebensaufgabe), sondern vor allem sein stets aufrechtes politisches Engagement. Entwicklungsbegleiter weiterlesen »

Wider die Macht

geschrieben von Gerald Netzl

4. September 2022

Die Kunstsammlung des Dokuarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW)

Seit Februar 2022 und noch bis 15. Januar 2023 zeigt das Haus der Geschichte in der Landeshauptstadt von Niederösterreich St. Pölten mehr als 150 Grafiken, Zeichnungen und Ölgemälde aus der ca. 200 Objekte umfassenden Kunstsammlung des DÖW. Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) mit Sitz in Wien ist eine Stiftung, die gemeinsam von der Republik Österreich, der Stadt Wien und dem Verein Dokumentationsarchiv getragen wird. Es betreibt Informationsarbeit durch Buchveröffentlichungen und im Internet und sammelt, archiviert und wertet Quellen zu folgenden Themen wissenschaftlich aus: Widerstand, Verfolgung und Exil während der Zeit des Nationalsozialismus, NS-Verbrechen, NS- und Nachkriegsjustiz, Rechtsextremismus in Österreich und Deutschland nach 1945, Restitution und Wiedergutmachung von NS-Unrecht. Wider die Macht weiterlesen »

Rechte Wahlbündnisse

geschrieben von Cornelia Hildebrandt

4. September 2022

Was in Frankreich verhindert werden konnte, scheint in Italien machbar

In Frankreich hatte sich lange vor den Wahlen eine gesamtgesellschaftliche reaktionäre Bewegung mit Regierungsmitgliedern, Persönlichkeiten aus dem gesamten politischen Spektrum und Medien formiert und zunehmend die politische Agenda bestimmt, so dass selbst das rassistische Narrativ vom »großen Austausch« einen festen Platz im gesellschaftlichen Diskurs hat. Die Kandidatur Éric Zemmours half darüber hinaus, den Schwerpunkt der Debatten auf die extreme Rechte zu verlagern und durch die Koexistenz verschiedener rechtsextremer Strömungen diesen ideologischen Raum breiter aufzufächern, während Jean-Luc Mélenchons Linksbündnis -NUPES dämonisiert wurde. Hinzu kam die Weigerung Emmanuel Macrons, auf nationaler Ebene eine Wahlempfehlung im Rahmen von Duellen zwischen der NUPES und dem Rassemblement National (RN) von Marine Le Pen abzugeben, mit der Folge des Zusammenbruchs der republikanischen Front in den 200 Wahlkreisen, in denen sich RN für den zweiten Wahlgang qualifiziert hatte. Nun ist Le Pen auch noch drittstärkste Kraft im Nationalparlament. Rechte Wahlbündnisse weiterlesen »

Republik demontiert

geschrieben von Ulrich Schneider

4. September 2022

Teil 1 von 5 der Reihe: Der Weg ins Dritte Reich

Mit dem Sturz der sozialdemokratischen Reichsregierung Müller und der Einsetzung des ersten Präsidialkabinetts unter Heinrich Brüning 1930 begann die Demontage des parlamentarischen Systems der Weimarer Republik. Als der Reichstag den Haushalt 1930 ablehnte, wurde der Haushalt per »Notverordnung zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen« erlassen. Anschließend löste Reichspräsident Paul von Hindenburg – durchaus im Rahmen der Verfassung – den Reichstag auf und ordnete für September 1930 Neuwahlen an. Das Ergebnis war eine massive Verschiebung zugunsten der NSDAP, die über 15 Prozent zulasten der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) und der Deutschen Volkspartei (DVP) hinzugewann und mit 107 Abgeordneten die zweitstärkste Reichstagsfraktion bildete. Zwar besaßen die Rechtsparteien nur knapp ein Drittel der Mandate, sie verkündeten jedoch lautstark einen Machtanspruch der »Nationalen Opposition«. Republik demontiert weiterlesen »

Geschichte eines Dulag

geschrieben von Hans-Georg Schwedhelm

4. September 2022

In Duderstadt sollte an ein Durchgangslager für alliierte Kriegsgefangene erinnert werden

In Duderstadt (Südniedersachsen) soll ein altes Ziegeleigelände zu Wohnraum umgestaltet werden. Ein Investor steht bereit, und die Stadtverwaltung ist dabei, die Voraussetzungen hierfür zu schaffen. Aus verschiedenen Gesprächen mit älteren Einwohner*innen der Stadt wurde bekannt, dass in der Endphase des Zweiten Weltkrieges Tausende von Kriegsgefangenen in der Ziegelei Bernhard untergebracht waren. Duderstadt hatte im Zweiten Weltkrieg keine militärische Bedeutung, so dass die große Anzahl von Kriegsgefangenen doch verwundert. Wie kam es dazu?

Die alliierten Truppen landeten am 6. Juni 1944 in der Normandie und befreiten Frankreich von der deutschen Besatzung, die Rote Armee im Januar 1945 Polen. Das Deutsche Reich wollte nicht, dass die Kriegsgefangenen, KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter*innen in die Hände der Befreier fielen. Man wollte nicht, dass es lebende Zeugen für die menschenunwürdige Behandlung gab. Geschichte eines Dulag weiterlesen »

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