Eskalation der Schoa

geschrieben von Janka Kluge

4. September 2022

»Aktion Reinhardt«: Plan zur systematischen Ermordung von Jüdinnen und Juden

Anfang 1942 trafen sich in einer Villa am Rande Berlins führende Vertreter des NS-Regimes und der SS, um über den Massenmord an der jüdischen Bevölkerung zu sprechen. Den Vorsitz des Treffens, das unter dem Namen »Wannseekonferenz« bekannt wurde, hatte Reinhard Heydrich. Dabei wurde der zeitliche Ablauf der Deportationen festgelegt und bestimmt, dass die Koordination in den Händen des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) liegen soll und damit bei Heydrich. Bereits Ende Juli 1941 hatte er von Hermann Göring den Auftrag zur Organisierung des Massenmords bekommen.

Heydrich starb nach einem von Soldaten der tschechischen Exilarmee verübten Attentat am 4. Juni 1942 in Prag. Um ihn zu ehren, wurde die geplante Eskalation der Schoa nach ihm benannt, als »Aktion Reinhardt«. Lange war allerdings unter Historikern umstritten, ob der Massenmord nach ihm benannt sei, schließlich schrieb sich Heydrichs Vorname ohne den Buchstaben T. Nachdem aber Dokumente gefunden wurden, in denen Göring den Namen von ihm auch so schrieb, waren die Zweifel weitgehend passé. Eskalation der Schoa weiterlesen »

Verwobene Geschichte

geschrieben von Blake Smith

4. September 2022

Antisemitismus in Indonesien: Ein Exkurs aus Anlass jüngster Ereignisse auf der documenta

Der Auslöser dafür, dass Antisemitismus in Indonesien Thema in westlichen Medien wurde, war die Kontroverse um ein Banner, das die indonesische Künstlergruppe Taring Padi auf der documenta im Juni 2022 in Kassel präsentierte. Es enthält u. a. Bilder mit üblen Ressentiments gegenüber Juden und israelischen Sicherheitsbeamten, die Naziembleme und Schweinsköpfe tragen. Die Auseinandersetzung gewann durch Reaktionen der documenta-Organisatoren, deutscher Medien und Regierungsvertreter zusätzlich an Fahrt.

Das Transparent mit dem Titel »Peopleʼs Justice« war nicht direkt gegen Juden oder Israel gerichtet. Es scheint vielmehr antisemitische Bilder als Teil einer umfassenderen Kritik am indonesischen Regime und am Zustand internationaler Politik, einschließlich der Israels, verwendet zu haben. Die Feststellung dieser Tatsache legitimiert oder entschuldigt natürlich nicht solche Bilder. Die Verwendung antisemitischer Stereotype, um politische Argumente vorzubringen, die nicht vordergründig mit Juden in Verbindung stehen oder an sie gerichtet sind, ist auch in der westlichen Geschichte bekannt – man denke nur an die Verwendung antisemitischer Stereo-type in der »Kapitalismuskritik« sowohl von links als auch von rechts. Durch die gesamte Neuzeit zieht sich ein Klima antijüdischer Stimmungen. Verwobene Geschichte weiterlesen »

Versteckspiel

geschrieben von Lucas Kannenberg und Emma Sammet

4. September 2022

Ungewöhnliche Wege des Überlebens im NS

Der Begriff »Mimikry« bezeichnet in der Biologie die Fähigkeit bestimmter Tiere, sich zu schützen, indem sie andere Tiere imitieren. In der Filmbiografie »Der Passfälscher« von Maggie Peren über den jüdischen Grafiker Cioma Schönhaus (gespielt von Louis Hofmann) wird Mimikry zum zentralen Handlungsmotiv: Anstatt sich nach der Deportation seiner Eltern 1942 in deren geräumiger Wohnung zu isolieren, sucht der 20-Jährige sein Versteck mitten im Leben Berlins. Versteckspiel weiterlesen »

Blinde im Nationalsozialismus

geschrieben von Trudi Kindl

4. September 2022

Neue Arbeitsgruppe zum Widerstand von Otto Weidt

Als Mitglied in deutschen Blindenverbänden war es mir immer wichtig, deren Geschichte aufzuarbeiten. Welche Möglichkeiten und Grenzen hatten Blinde und Sehbehinderte im Nationalsozialismus? Wie war das Leben in den Blindenschulen und -heimen, und welche beruflichen Möglichkeiten gab es? Wurden sie aufgrund ihrer Behinderung verfolgt und im Rahmen der Euthanasie ermordet?

Im November 1989 fand dazu in Berlin-Wannsee ein Seminar statt, an dem sich Mitglieder der deutschen Blindenverbände beteiligten. In spannenden Referaten lernten wir Grundlagen der NS-Ideologie gegenüber Behinderten und ihre Auswirkungen bis heute kennen. Zeitzeugen berichteten über ihren Alltag im NS. Ein wichtiger Schwerpunkt war »Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses«, die Praxis der Zwangssterilisation und die Haltung der Blindenorganisationen. Schließlich lernten wir Blinde kennen, die gegen die Nazis Widerstand leisteten. Die Referate und weitere Beiträge sind auch veröffentlicht worden.1 Blinde im Nationalsozialismus weiterlesen »

Nicht das ganze Bild

geschrieben von Sebastian Schröder

4. September 2022

Ein populäres Buch über die Organisation Consul – mit Leerstellen

Novemberrevolution 1918: »Mit dem Monarchen verschwand ein System von Hierarchien aus Deutschland, das alle verinnerlicht hatten, vom Adeligen und Offizier bis zum Angestellten, Arbeiter und Dienstboten. Millionen hatten sich für diese Ordnung in den Schützengräben und in der Heimat aufgeopfert, um sie nun in ein paar novemberklammen Tagen zergehen zu sehen.« Nicht das ganze Bild weiterlesen »

No deals with germany

geschrieben von Harry Friebel

4. September 2022

Eine erinnerungspolitische Posse aus der Bonner Republik

Der Titel des Buchs von Jacob S. Eder »Holocaust-Angst« ist Programm: Die Regierung der Bundesrepublik wurde bereits Ende der 70er irritiert durch Informationen, dass die US-Regierung eine zentrale Holocaustgedenkstätte in Washington plane. Der damalige US-Präsident James Carter hatte »zum angemessenen Gedenken an die Opfer des Holocaust« die Kommission für die Gestaltung eines entsprechenden Konzepts für das spätere »United States Holocaust Memorial Museum« (USHMM) eingerichtet. In dieser Zeit war die Aufmerksamkeit vieler US-Bürger:innen – insbesondere ausgelöst durch die TV-Serie »Holocaust« – auf die Millionen Opferschicksale europäischer Juden in der NS-Diktatur gerichtet. Anfang der 80er-Jahre schrillten dann die Alarmglocken bei der BRD-Regierung, weil die Gedenkstätte in Washington primär aus der Opferperspektive geplant werden sollte. Der Regierung Kohl erschien das als ein Affront: Sie befürchtete, dass »die deutsche Geschichte mit dem Segen der US-Regierung auf den Holocaust reduziert werden würde. So ging man davon aus, dass das USHMM nur Juden als Opfer, Amerikaner als Befreier und Deutsche allein als Täter darstellen würde«. No deals with germany weiterlesen »

Stets im Widerspruch

geschrieben von Yves Müller

4. September 2022

Eine wichtige Biografie über Kurt Hirsch

Der Name Kurt Hirsch ist den meisten Menschen kein Begriff. Selbst Kenner:innen der bundesrepublikanischen Zeitgeschichte ist die Person unbekannt, deren Leben quasi das »kurze 20. Jahrhundert« (Eric Hobsbawm) umspannte. Das liegt wohl auch daran, dass sich Hirsch nie in den Vordergrund spielte, ebenso keine Memoiren hinterließ. Nun hat ein langjähriger Weggefährte, der Publizist Peter B. Heim, Kurt Hirsch eine Biografie gewidmet.

Kurt Hirsch wird am 2. August 1913 in Wien in eine jüdische Familie geboren. Der Erste Weltkrieg beginnt, und er setzt der österreichischen kuk-Monarchie ein jähes Ende. Hirsch wird nur kurz in einer zionistischen, dann einer sozialistischen und schließlich in der kommunistischen Jugendorganisation aktiv. Seit 1934 ist er für den illegalen KJVÖ als Instrukteur tätig, wird jedoch schon 1937 ausgeschlossen, weil er sich kritisch zu den stalinistischen Säuberungen in der Sowjetunion äußert. Nach dem »Anschluss« Österreichs an das faschistische Deutschland folgt im März 1938 die Verhaftung durch die Gestapo und die Deportation in das Konzentrationslager Dachau. Im Jahr darauf kommt Hirsch nach Buchenwald, wo er dank der Unterstützung anderer Gefangener bis zur Befreiung überlebt. Aus dieser Zeit kennt Hirsch auch seinen Leidensgenossen Emil Carlebach. Trotz politischer Differenzen verbindet beide zeitlebens eine Freundschaft. Stets im Widerspruch weiterlesen »

Notwendige Kritik

geschrieben von Claude Lampe

4. September 2022

Peter Bierl sucht nach Unmenschlichkeit im »linken« Spektrum

Linke Bewegungen sind in Geschichte und Gegenwart nicht ausschließlich Lichtgestalten der Humanität, als die sie sich gerne ausgeben. Peter Bierl wendet den Blick auf einige der menschenfeindlichen Irrungen und Wirrungen in Theorie sowie Praxis einiger derer, die sich politisch links verorten. Herausgekommen ist eine fundierte, an Material übervolle und notwendige Kritik an gewissen Grundlagen mehr oder weniger linker Gesellschaftsanalyse. Dennoch bleibt am Ende die Frage, an wen sich diese Kritik richtet – von welcher Linken wird hier eigentlich gesprochen?

Bierl konzentriert sich auf drei Sparten linker Theorie und die darauf aufbauende Praxis – Tierrechtsbewegung, Religionskritik und Eugenik. Während erstere als klassische Betätigungsfelder der Linken gelten, überrascht der Themenbereich Eugenik zunächst, ist darum aber umso erkenntnisreicher.

Sozialchauvinismus bei Peter Singer

Peter Bierl: Unmenschlichkeit als Programm. Verbrecher-Verlag, Berlin 2022, 364 Seiten, 24 Euro

Peter Bierl: Unmenschlichkeit als Programm. Verbrecher-Verlag, Berlin 2022, 364 Seiten, 24 Euro

Den Anfang macht, wenig verwunderlich, eine Auseinandersetzung mit Peter Singer (Australien) und dessen Thesen zum Verhältnis von Menschen und Tieren. Ausgehend vom utilitaristischen Prinzip des maximalen Glücks entwickelten sich dessen Thesen hin zu Sozialchauvinismus und Euthanasieforderungen, mit der Einteilung in wertvolle und wertlose Menschen. Konsequenterweise fordern Singer und mit ihm verbundene Theoretiker*innen die gewissenlose Tötung von behinderten Menschen oder Säuglingen: »Statt sich zu fragen, wie die Verhältnisse verbessert werden können auf einem Planeten des Überflusses, wirbt Singer für die einfache Lösung: Mord.« (S. 35). Bierl zeigt auf, wie sich solches Denken trotz zaghafter Abgrenzungsversuche auch in der radikalen Tierrechtsbewegung wiederfindet.

Eng verknüpft mit Singers Sozialchauvinismus ist die Eugenik. Aufschlussreich ist, wie verbreitet eugenisches Denken seit Darwin auch in linken Bewegungen und wie eng verknüpft es mit Rassismus, Kolonialismus und Antisemitismus war. Gerade Bierls Zusammentrag sozialistischer, feministischer und anarchistischer Diskurse und Forderungen nach »Rassenhygiene« vor 1945 liest sich mit Gewinn vor allem auch deshalb, weil sich Wiedergänger gegenwärtig in der Soziobiologie oder im programmatischen »evolutionären Humanismus« der Giordano-Bruno-Stiftung finden.

Zuletzt stehen bestimmte Spielarten der Religionskritik im Fokus. Weit davon entfernt, Religionskritik an sich abzulehnen, schafft es Bierl dennoch, auf problematische Aspekte derselben zu verweisen. Wiederum aus historischer Perspektive wird aufgezeigt, wie konsequent sich antisemitische Denkmuster auch von links finden lassen, nämlich immer dann, wenn es »nicht um Religionskritik [geht], sondern um Angriffe auf die abrahamistischen Religionen« (S. 233) und gleichzeitig einer neuen Spiritualität das Wort geredet wird.

Spannend ist, wie Peter Bierl es schafft, zwischen den drei genannten Themen konsequent Querverbindungen zu schaffen, zum Beispiel, wenn die Auffassung von der fundamentalen Gleichheit der Menschen in sozialchauvinistischer Tradition und soziobiologischer Sicht als Relikt religiöser Moral abgelehnt wird. Besonders bei der Giordano-Bruno-Stiftung wird diese Verknüpfung immer wieder deutlich und hervorgehoben. Die Kritik ist einerseits berechtigt, andererseits steht damit aber eine im Kern bürgerliche Organisation im Zentrum des Buches.

Leerstellen

Es ist klar, dass ein einzelnes Buch zu menschenfeindlichen Tendenzen innerhalb eines heterogenen linken Spektrums nicht alle Aspekte aufzeigen und diskutieren kann, auch wenn es hauptsächlich um biologistische und sozialchauvinistische Tendenzen geht. Dennoch scheint die Schwerpunktsetzung bisweilen fragwürdig. Zwar ist man nach der Lektüre fundierte*r Kritiker*in der Giordano-Bruno-Stiftung, vermisst allerdings andere kritikwürdige Positionen im gleichen Kontext. So findet sich beispielsweise nichts über den transfeindlichen TERF (Trans-Exclusionary Radical Feminism)-Feminismus. Fragwürdig ist auch, wie relevant die im Buch erwähnten und kritisierten Organisationen, Gruppen und Einzelpersonen innerhalb des linken Spektrums überhaupt sind. Bierl sorgt aber immerhin für eine fundierte historisch-materialistische Kritik an einigen Aspekten, die sich teilweise auch in linker Theorie und Praxis wiederfinden.

Linke Kritiker*innen der Linken

Gerade dann, wenn die Thesen Peter Singers als Chorgesänge auf den Kapitalismus oder die Methodik der Soziobiologie als selbsterfüllende Prophezeiungen enttarnt werden, wird deutlich, dass die besten Kritiker*innen der Linken immer noch Linke sind. Dies gilt insbesondere auch für die zahlreichen Hinweise auf den mal offen vorgetragenen, mal eher verklausulierten Antisemitismus.

Vererbter Schmerz

geschrieben von Peps Gutsche

4. September 2022

Der mühevolle Weg zur Sichtbarkeit von Sklavinnenaufständen

Die US-amerikanische Juristin und promovierte Historikerin Rebecca Hall beleuchtet in der eindrucksvollen Graphic Novel »Rufe aus der Vergangenheit« ihre eigene Familiengeschichte, Erzählungen weiblichen Widerstands gegen die Sklaverei und die Frage, wie Schmerz und Trauma intergenerational weitervererbt werden. Durch die Kollaboration mit dem Zeichner Hugo Martinez wird ihre persönliche und akademische Suchbewegung in eindrücklichen Bildern nachgezeichnet.

Das wenige Material, das Hall in ihrer mühevollen und kleinteiligen Recherche zu drei Aufständen zusammenträgt, wird ergänzt durch den fiktiven, aber auf den Materialien basierenden möglichen Nacherzählungen der Geschehnisse. Dadurch gibt sie den häufig namen- und gesichtslosen Protagonist*innen Sichtbarkeit und Anerkennung. Vererbter Schmerz weiterlesen »

Keine digitalen Avatare

geschrieben von Maxi Schneider

4. September 2022

Eine Ausstellung zum Schweigen, Reden und Zuhören von jüdischen Holocaustüberlebenden

Das Kooperationsprojekt des Jüdischen Museums Hohenems mit der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg wird aktuell in Zusammenarbeit mit dem Berliner Centrum Judaicum gezeigt. Ein bereits bestehender Teil leitet durch die Nachkriegsgeschichte und fragt nach der Rolle, Funktion und Form von Zeitzeug*inneninterviews in den unterschiedlichen historischen Kontexten bis heute. Der Fokus liegt auf Westdeutschland mit Exkursen in die USA, nach Osteuropa und nach Israel. Ein neu hinzugekommener Teil thematisiert anhand von Videointerviews mit überlebenden Berliner Jüd*innen die Gemachtheit der Zeitzeugenberichte. Keine digitalen Avatare weiterlesen »

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