Deutsche Behörden sollten klüger sein

geschrieben von pen-deutschland.de

3. Oktober 2020

Solidaritäts-Erklärung des Zusammenschlusses von Poets, Essayists, Novelists

Der deutsche PEN protestiert gegen die Entscheidung eines Berliner Finanzamts, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschist*innen, der ältesten und größten antifaschistischen Organisation Deutschlands, die Gemeinnützigkeit zu entziehen. Die VVN-BdA, die 1947 von ehemaligen KZ-Häftlingen gegründet wurde, ist bis heute eine wichtige Kraft nicht nur im Bereich »Erinnerungskultur«, sie ist auch aktiver Part in Bewegungen gegen Rassismus, Fremdenhass und andere Bedrohungen der Demokratie.

Hierzu PEN-Präsidentin Regula Venske: »No Politics in the PEN Club under no circumstances!« So lautete die Devise, als 1921 der internationale PEN-Club in London gegründet wurde. Initiatorin war die englische Erfolgsautorin Amy Dawson-Scott, erster internationaler Präsident wurde John Galsworthy. Zwar wollte man sich für die Freiheit des Wortes, für Frieden und Völkerverständigung einsetzen, aber Literatur sollte doch, bitte schön, über nationale und/oder politische Leidenschaften erhaben sein. Deutsche Behörden sollten klüger sein weiterlesen »

Vor Auschwitz war Grafeneck

geschrieben von Janka Kluge

30. September 2020


80 Jahre nach Beginn der Aktion T4

Gedenktage kommen im steten Rhythmus. Einer, der nicht so im Fokus der Öffentlichkeit steht, ist der Beginn der Aktion T4, des systematischen Mords an erkrankten Menschen. Über 70.000 Menschen wurden zwischen Januar 1940 und August 1941 in Deutschland vergast. Der Name bezieht sich auf die Zentrale in der Tiergartenstraße 4 in Berlin. Dort wurden die Morde organisiert.

Im Juli 1939 fand ein Treffen von Hitler mit dem Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti, dem Chef der Reichskanzlei Hans Heinrich Lammers und Martin Bormann statt. Dabei wurde beschlossen, dass die bereits angelaufene Ermordung 
von kranken Kindern und Jugendlichen auf Erwachsene ausgedehnt werden soll. Im Oktober 1939 unterschrieb Hitler auf privatem Briefpapier den Erlass zum Mord, zurückdatiert auf den 1. September. Seit 1933 war Hitler immer wieder darauf angesprochen worden, wann er endlich Schluss mache, mit dem »unwerten Leben«. Seine Antwort war, dass die Zeit noch nicht reif sei, aber wenn die Menschen durch einen Krieg abgelenkt seien, wäre es soweit. Vor Auschwitz war Grafeneck weiterlesen »

Plötzliches Interesse

geschrieben von Olaf Bernau

30. September 2020


Irrtümer europäischer Migrationspolitik

Spätestens seit der als europäische »Flüchtlingskrise« etikettierten Ankunft von rund drei Millionen Migrant*innen in den Jahren 2014 bis 2016, ist die ökonomische und politische Lage in afrikanischen Ländern unter dem Stichwort der »Fluchtursachen« ins Rampenlicht der Öffentlichkeit getreten. Plötzlich begann Afrika, interessant zu werden. Allein die deutsche Bundesregierung veröffentlichte in kurzer Zeit drei Afrika-Strategien. Fluchtursachenbekämpfung avancierte zu einer Art Mantra des politischen Betriebs. Die Zahl neu ankommender Migrant*innen sollte fortan nicht nur durch restriktive Grenzpolitik, sondern auch durch eine Verbesserung der Lebensbedingungen in den Herkunftsländern reduziert werden. Doch die permanente Verschärfung der EU-Migrationspolitik ist hochgradig fragwürdig, ja menschenverachtend: Zum einen, weil sie die Gewalt auf den Flucht- und Migrationsrouten immer stärker forciert. Der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge geht davon aus, dass mittlerweile mindestens genau so viele Migrant*innen in der Wüste wie auf dem Meer ums Leben kommen. Zum anderen, weil das gesamte Vorgehen – inklusive der Bekämpfung von Fluchtursachen – von gravierenden Irrtümern geprägt ist und das mit durchaus fatalen Konsequenzen. Plötzliches Interesse weiterlesen »

Nürnberger Rassengesetze

geschrieben von 
Ulrich Schneider

30. September 2020

Vor 85 Jahren wurde Antisemitismus zum Gesetz

 Unmittelbar mit der Errichtung der faschistischen Herrschaft konnte man im Deutschen Reich antijüdische Ausgrenzungen durch die Boykottaktion am 1. April 1933, das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933, die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 und die Gleichschaltung von Organisationen erleben. Das verstärkte sich mit öffentlichen Verfolgungen bis zum Sommer 1935.

Solche Maßnahmen zielten nicht nur auf die gesellschaftliche Ausgrenzung jüdischer Menschen, sondern auch auf die ideologische Vorbereitung der deutschen »Volksgemeinschaft« zur Regelung der »Rassenfrage«. Die Grundlagen dafür hatte der NSDAP-Reichsparteitag am 15. September 1935 gelegt. Dort wurden die »Nürnberger Rassegesetze« verkündet. Dazu gehörten das »Reichsbürgergesetz« und das »Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre« (Blutschutzgesetz). Nürnberger Rassengesetze weiterlesen »

Kulinarischer Antifaschismus

geschrieben von Ulrich Schneider

27. September 2020

»Pastasciutta Antifaschista« im Gedenken an den Widerstand italienischer Partisanen

Wie viel Antifaschismus mit Kultur und alltäglichem Leben zu tun hat, haben die italienischen Antifaschisten der ANPI, der Nationalen Vereinigung der Partisanen, immer wieder unter Beweis gestellt. So gab es in diesem Jahr zum Tag der Befreiung vom Faschismus am 25. April corona-bedingt eine landesweite Aktion. Auf Balkonen, in Gärten und anderen Orten wurde am Nachmittag das Partisanenlied »Bella Ciao« angestimmt und über Facebook und andere elektronische Kanäle weltweit verbreitet. Es war ein eindrucksvolles Zeugnis der Lebendigkeit antifaschistischer Arbeit unter Corona-Einschränkungen. Kulinarischer Antifaschismus weiterlesen »

Jugendliche Rundfunkverbrecher

geschrieben von Ulrich Sander

27. September 2020

Weltweit im Äther »gesurft« und Flugblätter hergestellt

Der Jugendwiderstand der Weißen Rose und der Edelweißpiraten gegen das Hitlerregime ist viel in der Literatur behandelt worden. Die Historiker Arno Klönne (1931–2015, Paderborn) und Karl-Heinz Jahnke (1934-2009, Rostock) haben Studien über das Phänomen des Widerstandes von Menschen hinterlassen, die zu Beginn der Naziherrschaft Kinder waren und aus eigenem unabhängigem Erleben zum Widerstand gelangten. Soweit sie überlebten, haben sie zumeist nach 1945 weiter antifaschistisch agiert.

Der Jugendwiderstand war da und zwar vielfältig. Karl Heinz Jahnke, der größte Kenner und Erforscher des Jugendwiderstandes, legte Kurzbiographien von insgesamt 268 Jugendlichen vor – 26 von ihnen waren junge Frauen – die von 1933 bis 1945 von den Nazis als Widerstandskämpferinnen und -kämpfer getötet wurden. Er wies darauf hin, dass allein bei den Studentengruppen der Weißen Rose in der Zeit von der ersten Flugblattverteilung im Juni 1942 bis zur letzten Gerichtsverhandlung gegen Weiße-Rose-Mitglieder im Oktober 1943 
49 ebenfalls sehr junge Widerstandskämpfer verurteilt und hingerichtet wurden. Sie sind weithin unbekannt geblieben. Jugendliche Rundfunkverbrecher weiterlesen »

Geschichte erwandern

geschrieben von Dieter Braeg

27. September 2020

Ein etwas anderer Wanderführer für die Salzburger Region

Im Herbst sollte man darüber nachdenken, ob es sich nicht lohnen würde, etwas mehr über jenen Teil unserer Geschichte zu erfahren, die meistens ein oft unbeachtetes Dasein fristet. Der Widerstand von Frauen und Männern im Nationalsozialismus.

Thomas Neuhold, Mitbegründer des Salzburger Bergfilmfestivals, Mitglied des KZ Verbandes/VdA und Mitglied des Österreichischen Alpenklubs, hat als Alpinjournalist schon einige Tourenbücher verfasst. Zusammen mit Andreas Prader, Historiker, Lehrbeauftragter der Universität Salzburg, ebenfalls Mitglied des KZ-Verbandes/VdA, hat er nun ein ungewöhnliches Wanderbuch für Salzburg herausgegeben. Es beinhaltet vor allem Spaziergänge durch die Stadt und leichte Wanderungen. Insgesamt 35 Vorschläge. Die Wege führen auch ins Hochgebirge. Beispielsweise nach Kaprun mit seinen Kraftwerksbauten, wo Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Selbstverständlich gibt es auch ein Kapitel »Basisausrüstung Wandern«, um entsprechend vorbereitet auf  Tour zu gehen. Geschichte erwandern weiterlesen »

Der Stil des ›Wir‹

geschrieben von Janka Kluge

24. September 2020


Zur Rhetorik der parlamentarischen Rechten

Der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering hat im November 2018 vor der Plenarversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken gesprochen. Das Zentralkomitee hatten ihn eingeladen, über die Rhetorik der AfD zu referieren. Der Vortrag ist jetzt stark erweitert bei Reclam erschienen.

Detering hat Reden und Veröffentlichungen führender AfD-Politiker sowie literarische Texte untersucht. Im Vorwort schreibt er: »Im Folgenden geht es also nicht allein um die Wörter, sondern um ihre Kontexte, ihre Pragmatik und ihre Performanz. Es geht um Stilanalyse und Rhetorik.«

Typische Äußerungen

Die Aussagen, die Detering untersucht, sind bekannt. Oft ist in den Medien über sie berichtet worden und es hat sich eine Diskussion über das Sagbare entwickelt. Es ist aber gesagt worden und war dadurch in der Welt. Hinter den Äußerungen »Vom Vogelschiss der Geschichte«, dem »Mahnmal der Schande« und den »Kopftuchmädchen« steckt System. Es geht in den Reden stets um ein vermeintliches »wir« und »die Anderen«, die angeblich nicht dazu gehören. Diesem »Wir« wird eine gemeinsame Kultur und Geschichte zugeschrieben. Immer wieder sagen führende Mitglieder der AfD, dass sie sich das Land zurückholen wollen. Detering führt dazu aus: »Höcke setzt eine Zeitenwende voraus, einen Gegensatz von Vorher und Nachher. (…) Höcke datiert seine Zeitenwende erstaunlich präzise, nur tut er es indirekt, über die Bande. Gut und richtig waren die Zustände demnach vor der ›umfassenden Amerikanisierung‹ und der ›nach 1945 begonnen systematischen Umerziehung‹. Gut und richtig waren sie vor dem 8. Mai 1945.« Höcke nenne dieses Datum in seiner Polemik gegen Richard von Weizsäcker ausdrücklich. Es lohnt sich für die Analyse nicht nur ein, oder zwei Sätze der Reden zu lesen, sondern sie sich insgesamt anzuschauen. Deterings Analyse ist so wichtig, dass ich sie ausführlicher zitieren möchte.

»Infolge der 1945 begonnenen Umerziehung weg vom Nationalsozialismus hin zur Demokratie befinden diejenigen, die Höcke ›wir‹ nennt, sich bis in die Gegenwart hinein, ›immer noch‹ in einer ›Geistesverfassung‹ und in einem ›Gemütszustand eines total besiegten Volkes‹. ›Total‹ war also nicht der Krieg, den Goebbels gegen die zivilisierte Welt ausgerufen hat, ›total‹ war vielmehr der Sieg der parlamentarischen Demokratie und der offenen Gesellschaft. Man muss sich das in der Deutlichkeit vor Augen halten, in der er es selbst sagt. Höckes Antwort auf die Frage, wen er mit ›unser Volk‹ meint lautet: das was am 8. Mai 1945 besiegt worden ist. Dagegen sind alle, die heute in Deutschland leben und sich zur Demokratie, Westbindung, offenen Gesellschaft bekennen, Volksfeinde und Verräter – im günstigsten Fall noch irgendwie ›zurück(zu)holen‹, an den schlechtesten mag man gar nicht denken.«

Drohungen

In seinem Buch »Nie zweimal in den gleichen Fluss« hat Höcke die Drohungen gegen Linke und Antifaschisten, die sich nicht vereinnahmen lassen, deutlich ausgesprochen. Es müsse zu »wohltemperierten Grausamkeiten« kommen, wenn sie aus dem Volk ausgeschlossen werden. Dasselbe gilt nach Höcke auch für die Millionen Menschen, die angeblich nicht nach Deutschland gehören.

Detering führt in seinem Buch ein weiteres Beispiel an. Die Präsidentin des baden-württembergischen Landtags Muhterem Aras wird von Mitgliedern der AfD-Fraktion oft attackiert. Sie sprechen ihr das Recht ab, sich als Deutsche zu bezeichnen, obwohl sie seit vielen Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt und die allermeiste Zeit ihres Lebens in Deutschland gelebt hat. Immer wieder betont Aras, wie wichtig es ist, dass aus der Vergangenheit gelernt wird, damit sich der Faschismus nicht wiederholt. Emil Sänze, stellvertretender Fraktionsvorsitzende der AfD im Landtag sagte in einer Rede: »Als der unsägliche Judenmord stattfand, hatten die Vorfahren von Frau Aras daran genauso wenig Anteil wie am Sieg Otto des Großen über die Ungarn, an den Opfern der Bevölkerung im Dreißigjährigen Krieg, an der Reichsgründung Bismarcks oder an der Verabschiedung des Grundgesetzes.« Was Sänze hier einfordert, ist eine Form Ariernachweis, der in das Jahr 955 zurückgeht.

Deterings kleines Büchlein, es umfasst nur 77 Seiten, ist wie Arznei gegen Rassismus. Dadurch, dass er an wenigen ausgesuchten Beispielen aufzeigt, was im Kontext von Äußerungen von führenden AfD-Politikern eigentlich gemeint ist. Zusammenfassend führt er am Schluss des Buches aus, dass die Sprache Gaulands dem »Jargon von Gangstern« gleicht. Das gilt nicht nur für Gauland. Sie sprechen nicht nur die Sprache von Nazis, sondern sind welche.

Heinrich Detering: Was heißt hier »wir«?, Reclam Verlag 2019, 
77 Seiten, 6 Euro

Dem Zeitgeist folgen

geschrieben von Regina Girod

24. September 2020

Zur neuen Ausstellung über KZ-Aufseher*innen in der Gedenkstätte Ravensbrück

Seit16 Jahren wird in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück die Dauerausstellung »Im Gefolge der SS: Aufseherinnen des Frauen-KZ Ravensbrück« gezeigt. Ausstellungsort ist eines der Wohnhäuser, in denen viele der KZ-Aufseherinnen gelebt haben. Präsentiert werden Resultate der sogenannten »Täter*innenforschung«, die sich seit den 90er Jahren in der wissenschaftlichen Arbeit auch der KZ-Gedenkstätten etabliert hat. Ein Ansatz, der verschiedene Perspektiven auf historische Prozesse untersucht, um so zu einem komplexeren Bild zu gelangen. Ein erklärtes Ziel dieses Herangehens besteht aber auch darin, die Einseitigkeit ideologischer Geschichtsdarstellungen aufzubrechen. Bei einer Gedenkstätte auf dem Gebiet der früheren DDR läuft dies wohl vor allem auf die Relativierung früher vermittelter Geschichtsbilder hinaus. Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten veröffentlichte 2007 in ihrer Schriftenreihe einen Begleitband zur Ausstellung, der zuletzt 2018 neu aufgelegt wurde. Er ist bis heute im Besucherzentrum zu erwerben und stellt die ausgestellten Dokumente, Fotos und Materialien in historische, kulturelle und politische Zusammenhänge. Um es gleich vorwegzunehmen: dieser Begleitband ist trotz einiger politischer Querschläger wirklich zu empfehlen, die neue Ausstellung dagegen nicht. Dem Zeitgeist folgen weiterlesen »

Gedenkort Hebertshaus

geschrieben von Ernst Antoni

24. September 2020

Recherchen zum Massenmord an sowjetischen Kriegsgefangenen

Das Buch ist auf seiner Titelseite angekündigt als »Begleitband zur Open-Air-Ausstellung und zur Gedenkinstallation ‚›Ort der Namen‹ «. Also gewissermaßen eine Art Katalog. Darunter steht der Haupttitel: »Der Massenmord an den sowjetischen Kriegsgefangenen auf dem SS-Schießplatz Hebertshausen 1941-1942«.

Der Text auf dem Rücktitel liefert die Präzisierung: »Auf dem SS-Schießplatz Hebertshausen, zwei Kilometer nördlich des Häftlingslagers des KZ Da-chau, ermordete die Lager-SS 1941 und 1942 über 
4.000 sowjetische Kriegsgefangene. Die Opfer waren zuvor in den Kriegsgefangenenlagern der Wehrkreise München, Nürnberg, Stuttgart, Wiesbaden und Salzburg von Einsatzkommandos der Gestapo nach ideologischen und rassistischen Kriterien ›ausgesondert‹worden. Insbesondere kommunistische Funktionäre, Angehörige der ›Intelligenz‹ sowie Juden fielen der Massenmordaktion zum Opfer, aber auch ein hoher Prozentsatz ganz einfacher Soldaten.« Gedenkort Hebertshaus weiterlesen »

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