Mathias Wörsching analysiert Faschismustheorien
Ist Jair Bolsonaro ein Faschist? Er bezieht sich gern auf Hitler, Mussolini oder Franco und hätte selbst wahrscheinlich nichts dagegen, so genannt zu werden. Doch heißt das auch, dass in Brasilien bereits Faschismus herrscht? Darüber gehen die Meinungen stark auseinander. Vor allem für seine Gegner ist die Antwort dennoch wichtig. Strategie und Taktik, Kampfformen und Bündnispartner hängen davon ab.
Bereits seit hundert Jahren steht die Menschheit vor diesen Fragen: Was ist Faschismus? Wer trägt ihn und wie kann man ihn bekämpfen? Philosophen, Ökonomen und Historiker, Soziologen, Politologen und Psychologen haben Theorien dazu entwickelt. Ob ihre Konzepte überdauerten und wirkungsmächtig wurden, hing vor allem davon ab, ob politische Akteure sie übernahmen und in ihre Praxis übersetzten. Oft wurden die Theorien vereinfacht, manchmal aus politischen Erwägungen heraus negiert oder gar bekämpft. Die Auseinandersetzung mit Faschismustheorien ist ohnehin ein komplexes Unterfangen. Historische Linien durchdringen sich mit thematischen und politischen Linien. Kontinuitäten und Brüche in der Theorieentwicklung hängen von Bedingungen der Zeitgeschichte ab. Jede neue Generation von Wissenschaftlern und Politikern stellt eigene Fragen an die Geschichte. Eines zeigt die Erfahrung von hundert Jahren Theorieentwicklung jedoch klar: Es gibt keine einzig richtige und wahre Theorie vom Faschismus. In kleinen Schritten nähert sich die theoretische Erkenntnis den höchst komplexen Zusammenhängen faschistischer Formierung von Gesellschaft an. Daraus folgt, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit Faschismustheorien ohne politische Tabus und Vorurteile erfolgen muss. Keine Richtung hat die Wahrheit für sich allein gepachtet. Ein breiter wissenschaftlicher Diskurs über unterschiedliche Horizonte hinweg steht noch aus. Hinzu kommt, dass selbst der historische Faschismus in normalen Bildungsgängen kaum noch behandelt wird, ganz zu schweigen von der Rezeption theoretischer Konzepte über ihn. Dadurch droht bereits Erkanntes und Gedachtes in Vergessenheit zu geraten. Angesichts des Erstarkens der extremen Rechten überall in der Welt ein gefährlicher Verlust. Von Faschismus reden weiterlesen »






























