Worauf warten wir noch

geschrieben von Heinrich Fink

21. Mai 2020

Bonhoeffer mahnte früh zum kirchlichen Widerstand gegen den Krieg

»…Der nächste Krieg muß durch die Kirchen geächtet werden!« Diese Überzeugung vertrat Dietrich Bonhoeffer schon 1932 auf einer Konferenz für junge Christen in der Tschechoslowakei. 1934 kamen Delegierte von christlichen Jugendverbänden Europas auf der dänischen Insel Fanø zusammen. Dabei setzte Bonhoeffer seine Hoffnung darauf, dass die Abgesandten ihre Kirchenleitungen auffordern, aus biblischer Verantwortung Kriege zu ächten. Bonhoeffer war überzeugt, dass die Kirchen die Autorität haben, ihren Söhnen die Waffen aus der Hand zu nehmen. Militärseelsorgern sollte der kirchliche Auftrag entzogen werden. Seine Hoffnung war, durch dieses Engagement den Zweiten Weltkrieg zu verhindern, zumindest aber europaweit auf kirchlicher Ebene die Kriegsgefahr zu thematisieren. Worauf warten wir noch weiterlesen »

Es muss gehandelt werden

21. Mai 2020

Rede von Günter Pappenheim zu 75 Jahre nach der Befreiung des KZ Buchenwald

In einer außergewöhnlichen Situation äußere ich mich. Die Corona–Pandemie hat die Welt in den Griff genommen. Um Menschen vor Covid-19 zu schützen, sind vielfältige Maßnahmen getroffen worden. Unter diesen Bedingungen über die Befreiung und Selbstbefreiung der Häftlinge des faschistischen Konzentrationslagers Buchenwald zu sprechen, ohne in die Gesichter der Menschen sehen zu können, ist für mich neu.

Der soziale Kontakt hat für mich so große Bedeutung, weil er mir nach meiner Einweisung in das Konzentrationslager Buchenwald das Leben rettete. Als 19-jähriger politischer Häftling war ich wenig erfahren. Gnadenlos wäre ich dem Mordterror der SS ausgeliefert gewesen, hätten mir nicht erfahrene Kameraden beigestanden.

Es kam der 11. April 1945. Mein Vorarbeiter, der Dresdener jüdische Kamerad Leonhard stürzte mit der Nachricht in die Gerätekammer, er habe Häftlinge mit Waffen im Lager gesehen. Aus den Lautsprechern, aus denen soeben noch Kommandos zu hören waren, die den Tod bedeuten konnten, sprach der Lagerälteste Hans Eiden: »Kameraden! Wir sind frei!« Es muss gehandelt werden weiterlesen »

Befreier von Berlin

geschrieben von Ulrich Schneider

21. Mai 2020


Nachruf auf Ilja Semjonowitsch Kremer (1922-2020)

Wir müssen Abschied nehmen von Ilja Kremer. Er war seit Jahrzehnten mit den 
deutschen Antifaschisten und insbesondere mit der VVN-BdA verbunden.

Geboren im Januar 1922 in Gomel/Weißrussland, konnte er 1939 an der Fakultät für Geschichte der Leningrader Universität und ab 1940 an der Moskauer Universität studieren. Der faschistische Überfall vom Juni 1941 veränderte auch sein Leben. Statt Studium wirkte er am Schutz der Heimat mit, bei Befestigungsarbeiten und bis 1943 in einer Flugzeugfabrik als Dreher. Im Sommer 1943 wurde er Soldat in der Roten Armee und war am Kampf um Berlin beteiligt. In einem Interview 
berichtete er:

»Erst 1943, als die Rote Armee schon sehr schlimme Verluste erlebt hatte, wurde ich an die Front geschickt. So kam ich in eine Ausbildungseinheit und 1944 zur Flakartillerie des 5. Korps der 1. Belorussischen Front. Unser Weg führte von Lublin über Warschau, Posen und Landsberg an der Warthe nach Berlin. Ich hatte das Kommando über ein Flugabwehrgeschütz. … Als ich – wie viele andere Soldaten –meinen Namen an einer Säule im Reichstag hinterließ, war ich in Gedanken schon wieder zu Hause. Deshalb schrieb ich mit dem Bleistift, den ich aus einem zerstörten Schaufenster entnommen hatte, keinen militärischen Rang dazu, sondern: ‚Ilja Kremer, Universität Moskau‘. Aber mit der Heimkehr dauerte es noch einige Zeit. Weil ich deutsch konnte, wurde ich in Berlin schon bald für Übersetzungsaufgaben herangezogen.« Befreier von Berlin weiterlesen »

Krisengewinner

geschrieben von Thomas Willms

18. Mai 2020

Die falschen Antworten der Prepper

Zu den wenigen Gewinnern in der Corona-Krise gehört vermutlich die Zeitschrift »Tactical Gear« (Taktische Ausrüstung), eines von mehreren Magazinen der deutschen Prepper-Szene. »Prepper«, der Begriff kommt von »to be prepared« (vorbereitet sein) sind bezeichnet Personen, die sich systematisch auf den gesellschaftlichen »Systemzusammenbruch« vorbereiten. Zu diesem Zweck werden insbesondere Vorräte angelegt und Ausrüstung bereitgestellt. Prepper werden im öffentlichen Diskurs zunehmend als »rechts« wahrgenommen, insbesondere wegen ihrer teilweisen Nähe zur Reichsbürgerszene. Der Chefredakteur der »Tactical Gear«, Thomas Laible, beklagt diese in der Politik immer häufiger anzutreffende Zuschreibung als ungerecht, muss aber zugeben, dass »die Szene höchst unterschiedlich« ist. Krisengewinner weiterlesen »

Schutz und Solidarität

18. Mai 2020

Aufruf: Die Gewalt an den EU-Außengrenzen muss aufhören

Antifaschistinnen und Antifaschisten aus Deutschland und Griechenland fordern: Die Gewalt gegen Geflüchtete auf griechischen Inseln wie Lesbos, aber auch an der griechisch-türkischen Landgrenze muss aufhören. Geflüchtete brauchen Schutz und Solidarität. Dies ist nicht zuletzt die Lehre aus der faschistischen Barbarei Nazideutschlands.

Seit vielen Jahren engagieren wir uns gemeinsam, Menschen aus Deutschland und Griechenland, für Gerechtigkeit gegenüber den Opfern der Naziverbrechen im besetzten Griechenland. Wir fordern die Entschädigung der Opfer sowie Reparationsleistungen Deutschlands an den griechischen Staat. Deutschland ist bis heute nicht bereit, die Verantwortung für die Verbrechen an der griechischen Bevölkerung zu übernehmen. Doch wir sagen: Die Verbrechen dürfen nicht ungesühnt bleiben, sonst droht eine 
Wiederholung.

Schon seit Jahren leben Geflüchtete auf der Insel Lesbos und anderen griechischen Inseln unter erschreckenden Bedingungen. Völlig überfüllte Lager, ohne festes Dach über dem Kopf, ohne ausreichende Ernährung oder medizinische Versorgung. Als wäre dies nicht schon schlimm genug, hat sich die Lage in den letzten Wochen zugespitzt. Uns erreichen Bilder und Nachrichten von der Insel Lesbos, die wir in Europa nicht für möglich gehalten hätten. Faschistische Milizen haben Teile der Insel übernommen, patrouillieren dort und greifen Geflüchtete an. Sie attackieren aber auch Mitarbeiter von NGOs und andere Unterstützer, zuletzt auch Journalisten, die über diese Zustände berichten. Einrichtungen für Geflüchtete wurden in Brand gesetzt. Die Polizei greift nicht ein, die Sicherheitskräfte lassen die Faschisten gewähren. Das Leben der Geflüchteten ist in akuter Gefahr. Schutz und Solidarität weiterlesen »

Du kannst nicht gewinnen

geschrieben von Kevin Schal

18. Mai 2020

»Through the Darkest of Times« – Widerstand im NS erleben?

In den letzten Jahren hat sich eine Computerspiele-Kultur entwickelt, die sich mit minimalistischen Mitteln tiefgründigen Themen widmet. In Papers Please etwa müssen Spieler*innen als Grenzbeamte zwischen Schmuggel, Menschenhandel, Flucht und Korruption ihre moralischen Werte mit dem finanziellen Überleben der eigenen Familie abwägen. In den Rollenspielen des Entwicklers Telltale reihen sich Entscheidungen aneinander, zwischen dem eigenen Überleben und der Hilfe für Fremde.

In dieser Nische lebt auch »Through the Darkest of Times« der Berliner Spieleentwickler Paintbucket Games, die das Spiel als ihren Beitrag gegen den Aufstieg der AfD beschreiben. Aufgabe der Spieler*innen ist es im Berlin des Dritten Reichs eine Widerstandsgruppe aufzubauen, mit ihr Aktionen durchzuführen und strategische Entscheidungen zwischen Gewissen, Paranoia und Hoffnung zu treffen. Du kannst nicht gewinnen weiterlesen »

Wie viel Antifaschismus gab es in 
der DDR?

geschrieben von Axel Holz

15. Mai 2020

Daniela Dahn findet Belege für eine aktive und dauerhafte 
Auseinandersetzung mit dem Faschismus in der DDR

Das jüngste Buch von Daniela Dahn »Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute« ist Teil einer Neubewertung der DDR, des Einigungsprozesses und der Ostdeutschen heute. Der Ostexperte Ilko-Sascha Kowalczuk hatte mit seinem Buch »Die Übernahme« bereits das tradierte öffentliche Bild des Transformationsprozesses im Osten ins Wanken gebracht. Auch Steffen Mau hatte dazu in »Lütten Klein« erstaunliche soziologische Belege erbracht und dauerhafte Friktionen im Ergebnis des Einigungsprozesses konstatiert.

Widerspruch zu Erfahrungen

Seit dreißig Jahre wird neben beachtlichen kritischen Analysen zur DDR auch an einer ideologisierenden Legende zur DDR-Gesellschaft gearbeitet. Ziel ist es dabei, wie es zahlreiche westdeutsche Politiker Anfang der neunziger Jahre ausgesprochen haben, den anderen deutschen Staat zu delegitimieren. Mit dem Angriff auf das antifaschistische Erbe sollte das letzte Stück Identifikation der Ostdeutschen zerstört werden. Nichts hätte diskriminierender für sie sein können als der neuerliche Vorwurf, die DDR-Bürger hätten generell ein Problem mit ihrem Verhältnis zu den Juden gehabt. Laut Wikipedia hat die DDR die Juden als eigenständige Opfergruppe verschwiegen, während Westdeutschland auf den Aufbau guter Beziehungen zu Israel setzte. Im Medienmainstream ist die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der DDR angeblich 1952 beendet worden. Und im Forschungsmainstream ist die Ermordung der Juden in der DDR nach den 80er Jahren ein verschwiegenes Thema gewesen. Kaum ein Vorwurf in der medialen Debatte hat die Wut der Ostdeutschen so entfacht. In der offiziellen Darstellung ihrer Geschichte finden sie nicht nur ihre Lebensleistung oft nicht anerkannt, sondern ihre eigene Erfahrung steht nicht selten im Widerspruch zur offiziellen Geschichtserzählung. Daniela Dahn hat weitere Argumente und Belege zum angeblichen »Mythos Antifaschismus« gefunden, die in der öffentlichen Debatte weiterhin ignoriert werden. Wie viel Antifaschismus gab es in 
der DDR? weiterlesen »

Seuchennotstand

geschrieben von Reinhold Weismann-Kieser

15. Mai 2020


Die Literatur kennt Corona-Zustände schon lange

Seuchen waren immer wieder Gegenstand der Literatur. Pest als Geißel der Menschheit beschäftigte die Autoren. Genannt seien nur Boccaccio (14. Jahrhundert), Daniel Defoe (18. Jahrhundert) oder Edgar Allan Poe (19. Jahrhundert). Der Klassiker des 20. Jahrhundert ist »Die Pest« von Albert Camus (1947). 1995 schließlich erschien der Roman des Portugiesen José Saramago, 1997 
erstmals deutsch unter dem Titel »Die Stadt der Blinden«. In allen diesen Werken geht es den Autoren nicht nur um den Verlauf und die Schrecken der Seuche. Immer kommen auch gesellschaftliche, moralische und religiöse Probleme zur Sprache. Seuchennotstand weiterlesen »

Rückschau auf Verdrängtes

geschrieben von Bernd Kant

15. Mai 2020

Der antifaschistische Historiker Manfred Weißbecker zieht Bilanz

Vielen Mitgliedern der VVN-BdA und engagierten Historikern dürfte der Name Prof. Manfred Weißbecker geläufig sein. Bei seinen Büchern arbeitete er oftmals mit dem verstorbenen Berliner Historiker Kurt Pätzold zusammen. Werke zur NSDAP-Geschichte (u.a. »Das Firmenschild: Nationaler Sozialismus. Der deutsche Faschismus und seine Partei«), das Buch »Stufen zum Galgen« über die Hauptkriegsverbrecher von Nürnberg oder das »Kleine Lexikon historischer Schlagworte« dürften im Bücherregal vieler Antifaschisten stehen. Der Rezensent selbst erinnert sich noch, Ende der 70er Jahre den Band »Entteufelung der braunen Barbarei« mit großem Gewinn gelesen zu haben. Dabei geht es um eine kritische Auseinandersetzung mit neueren Tendenzen in der Geschichtsschreibung der BRD zu Faschismus und faschistischen Führern. Dass Manfred Weißbecker nunmehr im 85. Lebensjahr einen Rückblick auf sein geschichtswissenschaftliches Schaffen wagt, ist gut zu verstehen. Rückschau auf Verdrängtes weiterlesen »

Eine Hütte für Bakunin

12. Mai 2020

Ein Gespräch mit Christopher Hölzel

 antifa: Du engagierst dich für die Bakuninhütte, die auf dem Berg Hohe Maas liegt. Was macht sie aus?

Christopher: Das Besondere liegt bestimmt darin, dass die Baku-ninhütte das einzige staatlich anerkannte Kulturdenkmal des Anarchosyndikalismus in der BRD ist.

antifa: Was gibt es über die Gründungsgeschichte zu erzählen?

Christopher: Südthüringen war nach Ende des Ersten Weltkrieges eine Hochburg der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD). Anlehnend an die Ideen von Gustav Landauer hatte sich 1919 eine Gruppe aus Meiningen entschieden, einen Acker von einem Hektar zu pachten und dort genossenschaftlich Landwirtschaft zu betreiben. Dies geschah zur Selbstversorgung und lief mehrere Jahre unter hohem körperlichen Aufwand. 1926 wurde aufgrund eines Starkregens beschlossen, eine Schutzhütte zu bauen. Einzelne überlieferte Bilder lassen auf etwa 40 Aktive schließen. Später wurde das Gebäude immer weiter ausgebaut.

antifa: Was ist über die Geschichte in der Zeit des Faschismus bekannt? Eine Hütte für Bakunin weiterlesen »

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