Enttäuschte Hoffnungen

geschrieben von Nelly Cárcamo Vargas

20. Mai 2019

Opfer der Pinochet-Diktatur kämpfen bis heute um Gerechtigkeit

Ich bin eine ehemalige politische Gefangene. Im März 1975 wurde ich während der Militärdiktatur festgenommen, entführt und gefoltert. Im Juni 1976 wurde ich von einem Kriegsgericht zu über zwölf Jahren Haft verurteilt. Begründung: Ich war Mitglied der Sozialistischen Jugend Chiles und damit Anhängerin der Regierung Allendes. Nach zwei Jahren Haft wurde dank des Eingreifens des Internationalen Roten Kreuzes, der Europäischen Flüchtlingskommission und des Druckes einiger Solidaritätsorganisationen meine Strafe in Verbannung umgewandelt und ich wurde zusammen mit meinem ebenfalls inhaftierten Mann in die Bundesrepublik Deutschland abgeschoben. Enttäuschte Hoffnungen weiterlesen »

Hufeisen-Paradigma

geschrieben von Axel Holz

20. Mai 2019

Extremismus-Modell behindert Jugendbildungsarbeit

Der Extremismus-Begriff dient nicht der Aufklärung über tatsächliche Gefahren für die Gesellschaft wie der Infragestellung demokratischer Strukturen, der Abwertung von Grundrechten und dem systematischen Schüren von diskriminierenden Vorurteilen.

Zu diesem Schluss kommt der Reader »Das Extremismusmodell. Über seine Wirkungen und Alternativen in der politischen (Jugend-)Bildung und Jugendarbeit« des Informations- und Dokumentationszentrums für Antirassismus-Arbeit IDA in Düsseldorf. IDA ist seit seiner Gründung 1990 gewachsen und bildet mit mittlerweile 30 Mitgliedsverbänden ein breites Spektrum jugendpolitischer und jugendverbandlicher Organisationen ab. Insbesondere in der Debatte um die »Demokratieerklärung« für förderwürdige Projekte von 2011 habe sich im öffentlichen Diskurs gezeigt, dass der Extremismus-Begriff wenig trennscharf definiert oder kritisch hinterfragt wird. Mit dem Reader versucht IDA nun, den Diskurs um das Extremismus-Modell zu bündeln, die Anwendung des Begriffs für die politische Arbeit zu hinterfragen und Alternativen zu entwickeln. Hufeisen-Paradigma weiterlesen »

»Die Ostdeutschen«

geschrieben von Regina Girod

20. Mai 2019

Reflexion einer Begegnung mit alten Fotos

 

In letzter Zeit widmen sich Politik und Medien – nach 30 Jahren gesamtdeutscher Bundesrepublik – vermehrt den »Ostdeutschen«. Wer sind sie? Was wollen sie? Und natürlich: Warum wählen sie die AfD? Darüber wird in Talkshows debattiert und in der Politik gestritten. Filme und Romane haben sich deutsch-deutscher Themen angenommen – auf beiden Seiten ist bis heute ein Gefühl von Fremdheit geblieben.

Den Jahrestag der deutschen Einheit schon im Blick, wurde im April in Berlin eine Ausstellung mit Fotos von Roger Melis eröffnet. »Die Ostdeutschen« lautet ihr provokanter Titel und das Medien-echo war beachtlich. Das mag zum einen daran liegen, dass vor allem seine Künstlerporträts zeitlos prägend sind. Wer sich heute vorstellt, wie Anna Seghers, Heiner Müller oder Christa Wolf ausgesehen haben, hat zumeist ein Foto von Roger Melis im Kopf. Doch auch der Zeitgeist kann zu dem Echo beigetragen haben, denn nach der »Wende« waren Melis´ Fotos, der schon 2009 mit 69 Jahren verstorben ist, kaum mehr präsent. Gezeigt werden nun 160 Fotografien aus den Jahren 1959 bis 1989, also 30 bis 60 Jahre alt. Für junge Menschen ist dieser Zeitraum schon historisch, der kulturelle und soziale Kontext der Bilder nicht mehr abrufbar. Doch was empfindet man als »Zeitgenossin« bei ihrem Anblick, vor allem wenn man selber aus dem Osten kommt? Können Fotos mehr erwecken, als nur persönliche Erinnerung? »Die Ostdeutschen« weiterlesen »

Ein mahnendes Gewissen

geschrieben von Gerald Netzl

20. Mai 2019

Zum 70. Jahrestag des Bundes Sozialdemokratischer Freiheitskämpfer in Österreich

 

Der Bund Sozialdemokratischer FreiheitskämpferInnen, Opfer des Faschismus und aktiver AntifaschistInnen ist mit 4.000 Mitgliedern die größte NS-Opferorganisation in Österreich. 2019 begeht er das Jubiläum seines 70-jährigen Bestandes. Aus diesem Anlass zieht der Bund mit der Vorlage einer umfangreichen Organisationsgeschichte Bilanz über seine bisherigen Aktivitäten. Die Gründergeneration rekrutierte sich aus dem Kreis sozialistischer Widerstandskämpfer- und kämpferinnen gegen Austrofaschismus (1934-1938) und Nationalsozialismus (1938-1945) – mittlerweile übernahmen nachfolgende Generationen die Erinnerungskultur und das leider noch immer notwendige Engagement gegen aktuelle Erscheinungsformen von Rechtsextremismus und Geschichtsrevisionismus. Ein mahnendes Gewissen weiterlesen »

Stele informiert über Täterort

20. Mai 2019

Die »Rassenhygienische und bevölkerungsbiologische Forschungsstelle« in Berlin

Am 29. März 2019 wurde endlich am authentischen Ort Unter den Eichen 82-84 Ecke Bötticherstraße im heutigen Bezirk Steglitz-Zehlendorf eine Stele zur Information über die dort ab 1936 befindliche »Rassenhygienische und bevölkerungsbiologische Forschungsstelle« enthüllt.

Zur würdigen Übergabe der Stele sprachen Ralf Wieland, Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, Petra Rosenberg, Vorsitzende des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg e.V. und Frank Mückisch, Bezirksstadtrat für Bildung, Kultur, Sport und Soziales von Steglitz-Zehlendorf. Stele informiert über Täterort weiterlesen »

Lesbische Opfer

geschrieben von Janka Kluge

20. Mai 2019

Von der Unsichtbarkeit zur Sichtbarkeit

Die Situation lesbischer Frauen in der Geschichte und insbesondere während des Faschismus hat mich immer wieder beschäftigt, auch wenn sie nicht immer der Mittelpunkt meiner Auseinandersetzung mit der Geschichte war.

Ich erinnere mich noch an einen Spaziergang, es muss fast 30 Jahre her sein, als ich von einem lesbischen Paar erfuhr, das in der Résistance gekämpft hat. Als meine Gesprächspartner mein besonderes Interesse für die Frauen bemerkten, zeigten sie sich erstaunt. Ihre Sexualität habe doch nichts damit zu tun, dass sie aktiv gegen Nazis waren. Für mich waren bis dahin alle Erzählungen über Menschen aus dem Widerstand automatisch heteronormativ belegt. Lesbische Opfer weiterlesen »

Dr. Sauerbruch ist auferstanden

geschrieben von Thomas Willms

20. Mai 2019

Die Serie »Charité« der ARD

Krankenhäuser sind als Orte von Leben, Tod, Heldenmut, Niedertracht und desaströsen Liebesgeschichten seit jeher beliebter Spielort von Film und Fernsehen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass nun auch die Berliner Charité zum Gegenstand einer Fernsehserie geworden ist.

Ging es in der ersten Staffel von 2017 filmisch ganz achtbar um die Zeit der großen medizinischen Fortschritte um 1900, um Rudolf Virchow, Robert Koch, Paul Ehrlich und andere, setzt die zweite Staffel 1943 ein. Hier gibt es nur noch einen Heroen: den Chirurgen Ferdinand Sauerbruch. Die 1951 verstorbene Medizin-Legende wäre in der jungen Generation beinahe doch dem Vergessen anheimgefallen. Nun ist er wieder da, der Halbgott in Weiß, der Lenin und Hindenburg behandelt hat, jeden entweder duzte oder anschrie, der unumschränkte Herrscher im OP. Es ist schon beängstigend zu sehen, wie Ulrich Noethen das Genie nicht interpretiert, sondern regelrecht auferstehen lässt. Wie im realen Leben verblassen nahezu alle anderen Charaktere neben ihm. Schuld daran sind nicht die Schauspieler, auch nicht die ordentlichen Filmhandwerker, sondern ein Drehbuch, das einen tiefen und dabei erschütternden Einblick in das gibt, was heute wirklich über die NS-Zeit gewusst und gedacht wird. Dr. Sauerbruch ist auferstanden weiterlesen »

Ein Hort der Schönen Künste?

geschrieben von Ernst Antoni

20. Mai 2019

Kritische Betrachtung der Frühgeschichte einer Akademie

»Ein Bericht über eine Akademie«: Das »Kafkaeske« im Haupttitel dieser vor kurzem erschienen Studie über »Die Bayerische Akademie der Schönen Künste von 1948 bis 1968« fällt ins Auge. Warum sie »der Versuchung, im Titel auf Franz Kafkas ‚Bericht für eine Akademie‘ anzuspielen, nicht widerstehen« konnte, darüber informiert Edith Raim im Nachwort zu ihrem Buch.

In diesem wird ja nicht »für« sondern »über« eine Akademie berichtet. Konkret: über die ersten zwanzig Jahre ihrer Geschichte, nachdem sie 1948 – die NS-Zeit und der Zweite Weltkrieg waren gerade erst vorbei – gegründet worden war. Das Buch ist als Veröffentlichung dieser bis heute bestehenden Institution erschienen. Im Vorwort schreibt »für das Direktorium« Winfried Nerdinger, Direktor der Abteilung Bildende Kunst der Akademie: »Um jede Form von Nabelschau zu vermeiden, sollte ein fachlich geschulter Blick von außen auf die schwierige Frühgeschichte der Akademie geworfen werden. Wir sind dankbar, dass wir auf Empfehlung des Instituts für Zeitgeschichte die Historikerin Dr. Edith Raim als Autorin gewinnen konnten, die freien Zugang zu allen Unterlagen und Archivalien erhielt.« Ein Hort der Schönen Künste? weiterlesen »

Unser Titelbild

7. April 2019

Aktion vor dem Bundesinnenministeriums in Berlin. Foto: campact

Editorial

geschrieben von Regina Girod

7. April 2019

Das Jahr 2019 beschert der Bundesrepublik eine Reihe 70. Jahrestage. Im Mai 1949 wurde das Grundgesetz verkündet und im August der erste Bundestag gewählt, der sich dann im September konstituierte. Da ist einiges an staatlichen Feierstunden zu erwarten, aber werden sie auch die problematischen Seiten der Gründungsgeschichte thematisieren? Wahrscheinlich nicht. Zwischen Dezember 1946 und April 1949 fanden vor US-Militärgerichten in Nürnberg 12 sogenannte Nachfolgeprozesse des Hauptkriegsverbrecherprozesses statt. Wir erinnern in unserem Spezial an drei dieser Verfahren, den Ärzteprozess, den gegen Friedrich Flick und andere führende Wirtschaftsbosse und den so genannten Wilhelmstraßenprozess – gegen Beamte des Auswärtigen Amtes, der vor genau 70 Jahren endete. Über ihn schreibt Otto Pfeiffer: »Mit dem Beginn des Kalten Krieges war das Interesse der westlichen Seite an einer konsequenten Ahndung der Naziverbrechen bereits während des Prozesses erlahmt… Auf Grund späterer Begnadigungen saß praktisch keiner der Verurteilten nach 1951 noch in Haft.« (Seite16) Mit dem Wiederaufstieg alter Nazis in der Bundesrepublik beschäftigt sich auch Willy Winkler in seinem bei Rowohlt erschienen Buch: »Das braune Netz: Wie die Bundesrepublik von früheren Nazis zum Erfolg geführt wurde«, das auf Seite 27 von Axel Holz besprochen wird. Angesichts der Rechtsentwicklung in Europa haben die Wahlen zum Europäischen Parlament, die bei uns am 26. Mai stattfinden werden, eine besondere Bedeutung. Welche Positionen vertreten »Rechtsaußenparteien« heute schon im Europaparlament und was ist von ihnen zu erwarten? Diese Fragen behandelt Martin Schirdewan in seinem Beitrag auf den Seiten 22-23. Die Verleihung des Göttinger Friedenspreises an die »Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost«, die für den 9. März geplant ist, hat in den letzten Wochen zu kontroversen Diskussionen geführt. Unser Frankfurter Redaktionsmitglied, P.C.Walther, nimmt auf Seite 6 dazu eine Positionsbestimmung vor.

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