„Auch sie waren dagegen“

geschrieben von Renate Hennecke

5. September 2013

Konferenz über deutschstämmige Antifaschisten aus der CSR

Jan.-Feb. 2007

Insgesamt ist die Dokumentation von ca. 100 Lebensgeschichten deutschstämmiger Antifaschisten aus der CSR geplant. Das Museum von Ustí nad Labem ruft dazu auf, bei der Suche nach ihnen zu helfen. Näheres unter www.zapomenutihrdinove.cz/de

In Ustí nad Labem (Aussig, Nordböhmen) fand Mitte November eine Konferenz unter dem Motto „Auch sie waren dagegen“ statt. Gemeint waren ehemalige tschechoslowakische Staatsbürger deutscher Nationalität, die sich während der Bedrohung und Besetzung durch Hitlerdeutschland auf die Seite der Tschechoslowakischen Republik stellten, für deren Befreiung kämpften oder durch das Naziregime verfolgt wurden.

Sie zu ehren und ihre Lebensgeschichten zu dokumentieren, beschloss die (damals noch sozialdemokratisch geführte) tschechische Regierung unter Ex-Premier Jirí Paroubek im August 2005. Sie leitete damit eine kritische Auseinandersetzung mit Ereignissen in der unmittelbaren Nachkriegszeit ein, als die Unterscheidung zwischen „feindlicher Bevölkerung“ und deutschen Antifaschisten oft nur auf dem Papier (der Beneš-Dekrete) stand – abhängig davon, wer sich zwischen dem Zusammenbruch der faschistischen und der Entstehung neuer demokratischer Strukturen vor Ort die auf der Straße liegende Staatsmacht angeeignet hatte.

Nach einem Empfang auf der Prager Burg im Mai wurde nun in Ustí die konkrete Dokumentationsarbeit aufgenommen. Von den zehn anwesenden Zeitzeugen hatten mehrere die NS-Zeit als Kinder antifaschistischer Eltern erlebt, andere waren Nachkommen, die erst nach dem Krieg geboren wurden. Über eigene Antifa-Tätigkeit in der CSR berichteten Lorenz Knorr, der für seine deutschen Leser bereits eine Broschüre darüber veröffentlicht hat, und Gerhard Blaschke, der Älteste der anwesenden Zeitzeugen. Schon als Jugendlicher nahm er an Aktivitäten gegen die faschistische Sudetendeutsche Partei teil. Während des Krieges kam er zur deutschen Luftwaffe, leitete das Geschäftsbüro eines hohen Nazi-Funktionärs, der die Aufgabe hatte, eine Flugwerft zur Reparatur von Kampfflugzeugen zu errichten.

Blaschke verzögerte die Arbeiten, die Werft kam vor Kriegsende „nicht mehr zum Zuge“. Seinem Kriegsgerichtsurteil entkam er mit großem Glück. 1945 wurde er von tschechischen Milizionären verhaftet, die in ihm nur den Wehrmachtsangehörigen erkennen konnten. Wieder hatte er Glück und konnte sich zu einer Einheit der Roten Armee retten.

Außer den Berichten der Zeitzeugen gab es 16 Referate, hauptsächlich von Historikern. Darin wurde ein Überblick über den Stand der Forschung zum Thema gegeben. Zwei Referate fielen allerdings stark aus dem wissenschaftlichen Rahmen:

Mike Schmeitzner vom Hannah-Arendt-Institut in Dresden wollte allen Ernstes Karl Kautsky als Vertreter der Totalitarismustheorie in Anspruch nehmen. Jedoch konnte er nicht verschweigen, dass Kautsky bereits 1938 starb, den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust, dem seine Frau Luise zum Opfer fiel, also nicht mehr erlebte. Als zweiter sah Michael Schwartz vom Institut für Zeitgeschichte (Berlin) sein Hauptanliegen darin, die Umsiedlerpolitik der DDR zu verdammen. Beiden wurde aus den Reihen der Zeitzeugen energisch widersprochen.

Lebendiger Internationalismus

geschrieben von U. S.

5. September 2013

Jan.-Feb. 2007

Am 1. Dezember 2006 trafen sich über 20 Vertreter aus Basisorganisationen der VVN- BdA Sachsen in Leipzig zu einer Beratung über internationale Arbeit. Als Hauptreferent war Dr. Ulrich Schneider, Bundessprecher und Generalsekretär der FIR, eingeladen, der in einem ausführlichen Einführungsbeitrag Geschichte und aktuellen Stand der Arbeit der FIR und ihrer nationalen Mitgliedsverbände vorstellte.

Seine Ausführungen über die Probleme und Schwierigkeiten der antifaschistischen Verbände in den ehemals sozialistischen Ländern deckten sich mit den Erfahrungen der sächsischen Mitglieder, die teilweise schon viele Jahre lang über enge politische Kontakte mit Partnerverbänden in den Nachbarländern verfügen.

Hervorzuheben sind dabei die sehr konstruktiven Verbindungen zum tschechischen Verband CSBS, mit dem auf Landesebene jährliche Arbeitsvereinbarungen abgeschlossen wurden, die aber auch auf regionaler Ebene mit Leben erfüllt werden.

Andere Basisorganisationen berichteten über Partnerschaften mit polnischen und ukrainischen Veteranenverbänden, die teilweise im Rahmen von Städtepartnerschaften realisiert werden konnten. Monja Heinzig, jüngste Teilnehmerin der Beratung, berichtete von den Aktivitäten und Planungen der Freiberger Jugend – Antifa, die im nächsten Jahr Gedenkorte besichtigen wird und gleichzeitig durch Veranstaltungen mit Zeitzeugen aus Deutschland und der tschechischen Republik eine lebendige Weitergabe der historischen Erfahrungen erreichen will.

In der Beratung wurden auch Fragen der Finanzierung solcher Begegnungsarbeit angesprochen. Dabei ist die Suche nach politischen und gesellschaftlichen Partnern von großer Bedeutung. Das Treffen wurde von allen Teilnehmenden sehr positiv bewertet. Diese Veranstaltung könnte ein Impuls für andere Landesverbände sein, ebenfalls einen Erfahrungsaustausch zu internationalen Partnerschaftskontakten zu organisieren.

Spurensuche in Europa

geschrieben von Tinko Hempel

5. September 2013

Junge Antifaschisten erkunden Geschichte des Widerstands

Jan.-Feb. 2007

Die genaue Ausschreibung ist zu finden unter www.zivilcourage-vereint.de oder wird auf Anfrage zugeschickt:

MdB Dr. Gesine Lötzsch, Platz der Republik 1 in 11011 Berlin bzw. www.gesine.loetzsch@bundestag.de.

Zivilcourage kann vereinen – im Gegensatz zu einer gesetzten Verfassung etwa, die lediglich den nationalstaatlichen Status quo auf europäische Maßstäbe extrapoliert. Unser Engagement gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit soll ein europäisches Band knüpfen. Das war der Ansatz, als wir vor drei Jahren begannen, unser antifaschistisches Reise- und Bildungsprojekt „Zivilcourage vereint“ umzusetzen.

Alles fing mit einer Reise nach Oradour (Frankreich) an: DRAFD e.V. und Ver.di brachten aus Anlass des 60. Jahrestages des D-Days Jugendliche mit Zeitzeugen in der Normandie zusammen. die Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch finanzierte damals fünf Jugendlichen die Fahrt und verhalf damit dem Projekt zu großem Erfolg. Es blieb nämlich nicht bei der Begegnung von Zeitzeugen und Jugendlichen am geschichtsträchtigen Ort – es wurde weit mehr daraus: Im Anschluss an die Fahrt konzipierten die Teilnehmer eine Fotoausstellung über dieses Treffen, die in wenigen Wochen so an Renommee gewann, dass sie bereits in Wien exponiert wurde.

Wir waren begeistert von der Idee, Jugendliche Geschichte durch Zeitzeugen und an den Orten des Geschehens erfahren zu lassen – authentisch und unverfälscht. Schnell war die Idee geboren, anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung selbst eine Bildungsreise in ein europäisches Land vorzubereiten, über dessen antifaschistischen Widerstand und seine Exekutanten man wenig weiß. Belgien schien uns ein geeignetes Ziel. Die Teilnehmer ermittelten wir über einen bundesweiten Wettbewerb, an dem sich Jugendliche mit künstlerischen, antifaschistischen Beiträgen beteiligen konnten. Wir erhielten damals eine erfreulich breite Palette von Einsendungen: von komponierten Songs (heute der Titelsong unserer Homepage: www.zivilcourage-vereint.de ) über Ausstellungskonzepte bis hin zu Theaterstücken.

Bekanntlich war die parlamentarische Vertretung der PDS im Deutschen Bundestag zu dieser Zeit auf Gesine Lötzsch und Petra Pau beschränkt und es fehlte an größerer organisatorischer und finanzieller Hilfe seitens anderer Abgeordneter. Dennoch gelang uns eine eindrucksvolle Reise – auf der der wissenschaftliche Mitarbeiter schon mal zum Busfahrer wurde und uns galant durch die engen Gassen Brüssels steuerte.

In vergangenen Jahr konnten wir nun mit Hilfe anderer Abgeordnete der Linksfraktion 20 Jugendlichen eine Fahrt nach Reggio Emilia (Italien) ermöglichen. Wir fuhren unter anderem nach Marzabotto – dem Ort eines der gräulichsten Massaker deutscher Wehrmachtssoldaten an der italienischen Zivilbevölkerung- und trafen dort auf Francesco Pirini, der Augenzeuge dieser unsäglich grausamen Hinrichtung hunderter von Menschen war. Ich werde nie vergessen, wie wir uns auf einem Hügel um Francesco versammelten und er mit dünner Stimme seine Erlebnisse wiedergab. Nur das Stakkato des Übersetzers wagte seine Ausführungen zu stören. Wir vermieden jedes unnötige Geräusch – einige starrten in die Ferne, andere betroffen zu Boden. Jedes gräuliche Detail verstärkte in uns den Wunsch nach Genugtuung, wissend, dass die Verantwortlichen nie zur Rechenschaft gezogen wurden, obgleich man ihre Namen kannte. Andererseits wurden wir uns einmal mehr der Tragweite solcher Zeitzeugenberichte bewusst. Mit einem Schlag ist man Zeuge der Zeugen und trägt fortan ein Stück der historischen Last, aber auch der Verantwortung der Weitergabe des Bezeugten. Denn es kommt der Tag, an dem es uns an originären Zeugen fehlen wird, und die „Zeugen der Zeugen“ ihren Platz einnehmen müssen.

In diesen Tagen loben wir nun unseren dritten antifaschistischen Jugendwettbe-werb aus. Er steht – anlässlich des 70. Jahrestages der Gründung der Interbrigaden – unter dem Motto „¡No pasarán!“ und wird mit einer Reise nach Spanien prämiert. Wir hoffen erneut auf eine breite Beteiligung junger Antifaschistinnen und Antifaschisten an diesem Projekt.

Die „Rote Kapelle“

5. September 2013

Hans Coppi zu Forschung, Erinnerung und Auftrag

Jan.-Feb. 2007

Dr. Hans Coppi ist Vorsitzender der Berliner VVN-BdA

Mitte Dezember fand aus Anlass des 65. Jahrestages der Verhaftung von Mitgliedern der so genannten „Roten Kapelle“ in Brüssel eine internationale Konferenz über diese Widerstandsorganisation statt, an der unter anderem der Präsident der FIR, Michelle Vanderbourgh, der Botschafter Russlands in Belgien, sowie Angehörige von Widerstandskämpfern aus mehreren Ländern teilnahmen. Unser Beitrag beruht auf der Rede, die Dr. Hans Coppi auf dieser Veranstaltung gehalten hat.

Im Herbst 1941 hatte die deutsche Funkabwehr in Belgien Sender geortet, die in Verbindung mit Moskau standen. Ein Funker hieß in der Sprache der Abwehr „Pianist“. Da mehrere „Musikanten“ vermutet wurden, prägte die Abwehrstelle Belgien den Namen „Rote Kapelle“. Unter diesem Fahndungsnamen ermittelte die Gestapo 1941/42 in Frankreich, Belgien, Holland und Deutschland gegen Einzelpersonen und Gruppen mit Kontakten in die Sowjetunion. Mitte November 1942 legte die Gestapo der Nazi-Führung einen Bericht über die bolschewistische Hoch- und Landesverratsorganisation „Rote Kapelle“ im Reich und Westeuropa vor. Darin suggerierte die Gestapo, auch zur eigenen Reputation, ein organisatorisches Zusammenwirken der weitgehend autonomen Gruppen.

Auch wenn dieses Konstrukt in der Realität nicht bestanden hatte, dominierte nach 1945 in zahlreichen westlichen Veröffentlichungen die Sicht der Verfolger. Im Kalten Krieg wurde die „Rote Kapelle“ zu einem Synonym für sowjetische Spionage. Mitarbeiter von Abwehr, Gestapo und Reichskriegsgericht vermittelten in Befragungen westlicher Geheimdienste den Eindruck, dass Teile der „Roten Kapelle“ nicht aufgedeckt werden konnten und erneut ihre Tätigkeit fortsetzen würden. Die beteiligten Frauen und Männer wurden lange Zeit als Spione einer von Moskau gesteuerten Organisation diffamiert. Überlebende und selbst Angehörige standen unter dem Generalverdacht, für den sowjetischen Nachrichtendienst weiterhin tätig zu sein.

Als ich im Herbst 1968 Leopold Trepper und seine Frau Ljuba in Ost-Berlin kennen lernte, luden sie mich ein, nach Warschau zu kommen. Anfang Mai 1969 nahmen sie mich für einige Tage in ihrer Wohnung auf. Leopold Trepper nannte sich damals Leiba Domb. Mich beeindruckten seine Wärme, Offenheit und Aufmerksamkeit, mit der er auf andere Menschen zuging. Ich erinnere mich noch heute an den jiddischen Klang seiner deutschen Sprache.

Ich hoffte, von ihm mehr über meine Eltern zu erfahren. Mein Vater hatte, so las ich in verschiedenen Veröffentlichungen, als Funker in einer Berliner Widerstandsgruppe gearbeitet. Die Berliner Widerstandskreise sollten dem europaweiten sowjetischen Spionagering angehört haben.

Leopold Trepper erklärte mir, er und seine Mitstreiter seien doch keine Spione gewesen,

sondern Kämpfer in der weltweiten Front gegen das Hitlerregime. Und er sprach mit großer Hochachtung von den deutschen Antifaschisten. Zwar kannte er sie nicht persönlich, wusste nur, dass Anatolij Gurevitch im Herbst 1941 aus Moskau den Auftrag erhalten hatten, nach Berlin zu fahren. Erst viele Jahre nach dem Krieg habe er mehr von dem großen Netzwerk Berliner Widerstandskreise um den Luftwaffenoffizier Harro Schulze-Boysen und den Oberregierungsrat Arvid Harnack erfahren.

Das Ende der sechziger Jahre anwachsende Medienecho zur „Roten Kapelle“ in Westeuropa verfolgte Trepper mit großem Interesse, aber auch mit Sorge. Manches in den Veröffentlichungen, bemängelte er, vermittelte mehr die Sicht der Verfolger, ging an den Beweggründen der Widerstandskämpfer vorbei und vieles sei einfach falsch. Es war seine große Hoffnung, zeitgleich in der Sowjetunion und in Polen eine neue Geschichte der „Roten Kapelle“ zu veröffentlichen. Darin sollten die Perspektive der am Widerstand beteiligten Frauen und Männer, ihre unterschiedlichen Anschauungen und Motive, aber auch ihre große Gemeinsamkeit im Kampf gegen den deutschen Faschismus sichtbar werden.

Als ich Leopold Trepper 1972 ein letztes Mal in Warschau traf, war er einsam, sehr enttäuscht von dem anhaltenden Antisemitismus in Polen und über die Entscheidung aus Moskau, das Buch über die „Rote Kapelle“ nicht zu veröffentlichen. Schon längere Zeit hatte er vergeblich versucht, zu seiner Frau und seinen Kindern nach Westeuropa auszureisen. Erst nach massiven internationalen Protesten, erhielt er 1973 die Erlaubnis, erneut zu emigrieren.

In enger Zusammenarbeit mit Patrick Rotmann entstanden 1975 Treppers Memoiren, die einen großen Leserkreis in vielen Ländern fand. Unterlagen aus Moskauer Archiven standen den beiden nicht zur Verfügung. Sie mussten auf bisherige Veröffentlichungen zurückgreifen und übernahmen teilweise auch darin enthaltene Fehleinschätzungen. Leopold Trepper verstarb 1981 in Jerusalem und fand dort seine letzte Ruhestätte.

In den neunziger Jahren habe ich versucht, in Moskauer Archiven mehr über die Gruppen der „Roten Kapelle“ zu erfahren. Der Generalstab der russischen Streitkräfte, in deren Archiven sich viele Dokumente über diese Gruppen befinden, antwortete nicht auf meine Anfragen. 1995 fand ich im Archiv der Kommunistischen Internationale, im Nachlass von Georgi Dimitroff, einen in der Gestapohaft verfassten Bericht von Leopold Trepper. Darin schildert er die Situation in der Haft, berichtet über die verhafteten Mitstreiter und die Ziele der Gestapo-Sonderkommission, die seit August 1942 ein groß angelegtes Funkspiel mit Moskau führte. Unbemerkt von einem ihn begleitenden Gestapobeamten, gelang es Trepper, bei einem Ausgang in Paris, diese Aufzeichnungen, einer Verkäuferin zu übergeben. Sie leitete den Report an Jaques Duclos weiter. Der Chef der illegalen französischen Kommunistischen Partei ließ den in polnisch verfassten Bericht ins Französische übersetzen und per Funk an die Komintern nach Moskau übermitteln.

Trepper wollte die Zentrale in Moskau informieren und zum Handeln auffordern. Er setzte alles auf eine Karte. Bei einer Entdeckung riskierte er sein Leben. Zugleich musste er vermitteln, dass er, trotz Verhaftung und Teilnahme an dem Funkspiel, kein Gestapoagent geworden, sondern einer der ihren geblieben war. Er hatte einerseits die Schwierigkeit seiner Situation darzustellen und andererseits zu bedenken, wie schnell aus inhaftierten Mitstreitern in Moskau Verräter gemacht wurden. Er beugte vor und legte Rechenschaft ab. Vielleicht ahnte er schon, die Stunde der Abrechnung würde nach dem Krieg kommen. Er wollte auch seine Familie in der Sowjetunion schützen.

Als Trepper erfuhr, dass der mit ihm befreundete Funker der Kommunistischen Partei Frankreichs verhaftet worden war, entschloss er sich im September 1943 zur Flucht.

Bevor ich dieses Dokument im Jahre 1996 in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte veröffentlichte, habe ich mich mit der wechselvollen, oftmals dramatischen, manchmal tragischen Biografie von Leopold Trepper eingehend beschäftigt. Einiges sah ich jetzt anders, als es in dem „Großen Spiel“ von Patrick Rotman und Leopold Trepper beschrieben wurde. Die Handlungsmöglichkeiten und Bedrohungen unter der deutscher Besatzung und der Kampf um sein und das Überleben seiner Freunde nach der Verhaftung waren eine äußerst schwierige Gratwanderung. Ich gewann den Eindruck, dass alle Facetten und auch die Abgründe dieser Grenzsituation nicht vermittelbar sind. Die Einteilung in Kategorien von Helden oder Verrätern versperren die Sicht auf das komplizierte Abwägen der Gefahren und auf die unter den Bedingungen der Haft zu treffenden Entscheidungen.

Der „Grand Chef“, wie ihn seine Freunde und auch die Verfolger nannten, bleibt für mich ein Internationalist, kein Funktionär, sondern ein erfahrener kommunistischer Revolutionär, beseelt von der Vision, eine Welt ohne Armut, Ausbeutung und Unterdrückung, ohne Rassismus und Antisemitismus aufzubauen. Er lebte seit frühester Jugend, zunächst in Polen, dann in Palästina und in Frankreich in einem ständigen Wechsel von Legalität und Illegalität. In unsicheren Zeiten verbreitete er Ruhe, handelte mit Umsicht und Entschlossenheit, wenn nötig auch mit List und Charme. Und er hatte ein Gespür für Gefahren und auch für mögliche Auswege aus lebensbedrohlichen Situationen.

Mitte 1938 ließ sich Leopold Trepper als kanadischer Staatsbürger in Brüssel nieder und begann mit Leon Großvogel, den er in Palästina kennen gelernt hatte, die Gummifabrik „Le Roi de Caoutschouc“ als legale Basis und kommerzielle Tarnung für seine Arbeit zu nutzen. Über eine Ende 1938 geschaffene Tochterfirma „The Foreign Excellent Raincoat“ war vorgesehen, von sowjetischen Gewährsleuten geleitete Filialen in Skandinavien zu eröffnen. Sie sollten als Kontaktstellen für einen Nachrichtentransfer in die Sowjetunion dienen.

Der militärische Nachrichtendienst bereitete nach den für viele Mitarbeiter tödlichen Stalinschen Säuberungen eine neue Generation von „Kundschaftern“ vor. Misstrauisch gegenüber der alten Garde mit ihren Verbindungen zu kommunistischen Parteien und ihren Organisationen, sollten die Jüngeren langfristig die „Berufsrevolutionäre“ von einst ablösen. Die Vorbereitung für ihren Einsatz dauerte nur kurze Zeit, umfasste Chiffrieren und Dechiffrieren, elementare Kenntnisse des Funkens, das Fotografieren, den Umgang mit Sprengstoff und beinhaltete allgemeine Regeln für konspirative Treffs.

Anatolij Gurevitch und Michael Makarow erhielten in Paris uruguayische Pässe. Sie waren jedoch in Moskau mit ihrem neuen Geburtsland kaum vertraut gemacht worden. Als sie in Brüssel eintrafen, war Leopold Trepper entsetzt. Seine neuen Mitstreiter, die als Verbindungsleute eingesetzt werden sollten, waren sowohl für eine nachrichtendienstliche, wie auch für eine kommerzielle Tätigkeit ungenügend vorbereitet. Nach dem Prinzip „learning by doing“ wurden sie nun eingesetzt. Zunächst mussten die Agenten, die eigentlich keine waren, legalisiert werden. Der 24jährige Michail Makarow, jetzt Carlos Alamo, kaufte sich als Teilhaber in der Filiale der Firma „Le Roi de Caoutschouc“ in Ostende ein und erhielt die notwendige Arbeitserlaubnis. Der 26jährige Anatoli Gurevitch, jetzt Vincente Sierra, sollte eine Filiale für gummierte Regenmäntel in Kopenhagen übernehmen.

Der Ausbruch des Krieges machte dies unmöglich. Die Moskauer Zentrale beschloss, Gurevitch als Stellvertreter von Trepper in Belgien zu belassen. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen musste Trepper Belgien sofort verlassen. Anatolij Gurevitch blieb, als uruguayischer Geschäftsmann getarnt, im Land und übernahm die von Trepper geschaffene Gruppe. Im März 1941 gelang es Leopold Trepper und Leon Großvogel, Handelsfirmen zu gründen, die Simex in Paris mit einer Filiale in Marseille und die Simexco unter Leitung von Anatolij Gurevitch in Brüssel. Dank vielfältiger Verbindungen auch zu deutschen Wehrmachtsstellen, florierten die Geschäfte.

Nach dem militärischen Überfall auf die Sowjetunion musste der Kontakt nach Moskau über Funk hergestellt werden. Auf den „Krieg im Äther“ waren die Gruppen ungenügend vorbereitet. Nur die Brüsseler Funkstation von Johann Wenzel stand zur Verfügung, Er begann im Sommer 1941, Michael Makarow, Sophie Poznanska, Hermann Isbutzki und David Kamy im Funken und Chiffrieren auszubilden. Im Herbst 1941 konnten aus der Funkstelle in der Rue des Atrébates Meldungen nach Moskau abgesetzt und von dort empfangen werden. Das Anpeilen der Sender durch moderne Geräte war nicht bekannt oder wurde unterschätzt. Auch deshalb kam es vor 65 Jahren im Zusammenwirken der Abwehr und der Kurzwellenüberwachungsstelle West zu der Aufdeckung der Funkstelle in der Rue des Atrébates.

Anatolij Gurewitsch wurde sofort aus der Simexco zurückgezogen. Trepper schickte ihn nach Marseille in den unbesetzten Teil Frankreichs. Dort wurde Gurevitch gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Margarete Barcza am 8. November 1942 verhaftet, anschließend in Paris, Brüssel und Breendonk verhört und im Dezember nach Berlin gebracht. Ab März 1943 beteiligte er sich an dem Funkspiel der Gestapo mit Moskau.

Anfang der neunziger Jahre hörte ich in Moskau, dass Anatoli Gurevitch in Petersburg lebte. Ich rief ihn an und er lud mich ein ihn zu besuchen. Er berichtete, dass er im September1941 einen chiffrierten Auftrag der Moskauer Zentrale erhalten hatte, zur Behebung von Schwierigkeiten bei der Nachrichtenübermittlung nach Berlin zu fahren. In dem Funkspruch waren die Adresse und Telefonnummer von Harro Schulze-Boyen angegeben. Ende Oktober 1941 traf er in Berlin ein. Von einem vierstündigen Gespräch mit dem Luftwaffenoffizier Schulze-Boysen, brachte er wichtige Informationen mit, die er im November 1941 nach Moskau funken ließ. Darin wurde über knappe Treibstoffvorräte und eine voraussichtliche Offensive in Richtung der Erdölgebiete im Nordkaukasus, über die Lage der Hauptquartiere von Hitler und Göring, über große Verluste der Luftlandetruppen bei der Einnahme von Kreta, über den Bestand an Flugzeugen und über die monatliche Zuführung neuer Flugzeuge an die Luftwaffe, über erbeutete Funkschlüssel und anderes berichtet. Dies waren die bedeutendsten Nachrichten, erklärte Anatolij Gurevitch, die er je nach Moskau durchgegeben habe. Dafür erhielt er den Dank Stalins. Gurevitch versicherte mir, weitere Kontakte zu den Berliner Widerstandskreisen hätten nicht bestanden.

Nach 1933 entstanden um den Angestellten im Luftfahrtministerium Harro Schulze-Boysen und den späteren Oberregierungsrat im Wirtschaftsministerium Arvid Harnack Freundes-, Diskussions- und Schulungskreise. Durch persönliche Kontakte bildete sich 1940/41 ein loses Netzwerk von sieben Berliner Widerstandskreisen heraus. Ihnen gehörten mehr als 150 Nazigegner unterschiedlicher sozialer Herkunft und weltanschaulicher Auffassungen an: Arbeiter, Angestellte, Intellektuelle, Künstler, Ärzte, Unternehmer, Soldaten und Offiziere, Marxisten, Christen, Kommunisten und Sozialdemokraten. Sie diskutierten über politische und künstlerische Fragen, halfen Verfolgten, dokumentierten NS-Gewaltverbrechen und riefen in Flugschriften zum Widerstand auf. Mit ihren vielfältigen Widerstandsaktivitäten unterschieden sie sich von den vor allem auf die Gewinnung und Übermittlung von Nachrichten ausgerichteten Gruppen in Brüssel und Paris.

Harnack und Schulze-Boysen betrachteten die Sowjetunion als Verbündeten zur Überwindung des Nazi-Regimes und warnten einen Vertreter des NKWD-Auslandsnachrichtendienstes in Berlin vor dem militärischen Angriff auf die Sowjetunion. Stalin ignorierte all diese Warnungen. Der Kontakt nach Moskau sollte in der Kriegszeit über Funkgeräte aufrechterhalten werden, was aber wegen technischer Probleme nicht gelang.

Als im August 1942 der Funkspruch aus Moskau an den Agenten „Kent“ in Brüssel mit der Adresse von Schulze-Boysen entschlüsselt wurde, gerieten die Berliner Widerstandskreise ins Visier der Gestapo.

Am 31. August verhaftete sie zuerst Harro Schulze-Boysen und bis März 1943 mehr als 120 Männer und Frauen. Am 19. Dezember 1942 verurteilte das Reichskriegsgericht in einem ersten Prozess zehn Angeklagte zum Tode, darunter auch meinen Vater. Hitler bestätigte am 21. Dezember 1942 die Todesurteile und befahl für Schulze-Boysen, Harnack und weitere zwei Mitstreiter die sofortige Vollstreckung durch den Strang. Für die zu Zuchthausstrafen verurteilten Erika von Brockdorff und die amerikanische Staatsbürgerin Mildred Harnack ordnete Hitler die Neuverhandlung an. Mitte Januar 1943 wurden auch sie zum Tode verurteilt. Weitere 19 Prozesse mit 37 Todesurteilen folgten.

Beteiligt waren der Staatsanwalt und Richter, die dann im März 1943 in Paris zahlreiche Todesurteile gegen Frauen und Männer aus Belgien, Frankreich und Holland fällten. Weit über einhundert Personen, unter ihnen Belgier, Franzosen, Holländer, Ukrainer, Amerikaner, Schweizer, Polen, Russen, Deutsche, Bulgaren, darunter auch zahlreiche Juden, zählten zu dieser weit verzweigten und weltanschaulich heterogenen Gruppierung. Sie wurden verhaftet, litten in Gefängnissen und Konzentrationslagern. Über 50 Frauen und Männer wurden in Gestapo-Verhören gefoltert und ermordet, in Breendonk und Berlin erschossen und in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Einige entschieden sich nach Drohungen und Folter, an dem Funkspiel der Gestapo mit dem sowjetischen Generalstab teilzunehmen und hofften, auf diese Weise zu überleben.

Als Leopold Trepper, Anatolij Gurevitch und der Funker Johann Wenzel 1945 nach Moskau zurückkehrten, wurden sie verhaftet und vom KGB der Kollaboration mit der Gestapo beschuldigt und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Ihr Auftraggeber, der Generalstab der Roten Armee, stand ihnen nicht bei, sondern überließ sie ihrem Schicksal.

Meine Eltern sind im September 1942 verhaftet worden. Ende November 1942 kam ich in einem Berliner Frauengefängnis zur Welt. Mein Vater hat mich noch einmal sehen können. Meine Mutter hat sich am 2. August 1943 endgültig von mir verabschieden müssen. Erst viel später habe ich begriffen, was da mit ihr und mit mir passiert war. Geblieben ist eine sehnsuchtsvolle Zwiesprache und eine offene Wunde, eine Trauer, für die es wohl keinen Trost gibt. Ich wuchs bei meinen Großeltern auf. Viele Überlebende und Angehörige der „Roten Kapelle“ haben in den Jahrzehnten nach dem Krieg gefragt, was eigentlich damals geschehen war. Sie waren ratlos über die Ursachen der Verhaftungen und über den Tod ihrer Angehörigen. Viele ihrer Fragen konnten nicht beantwortet werden, da die sowjetische Seite sich nicht dazu äußerte.

Die Angehörigen von Abwehr, Gestapo und Reichskriegsgericht wurden nach 1945 für ihre Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht zur Verantwortung gezogen. Im Gegenteil. Sie waren gefragte Gesprächspartner für westliche Nachrichtendienste und sorgten dafür, dass die von ihnen zum Tode Verurteilten und die in der Haft Ermordeten erneut als Spione und Landesverräter diffamiert wurden. Heute vermitteln die Bücher von Gilles Perrault, Leopold Trepper, Antalolij Gurevitch, das 2004 von Yehudit Kafri in Israel veröffentlichte Buch über Sophie Poznanska, biographische Arbeiten über Mildred Harnack und Harro Schulze-Boysen und viele andere Veröffentlichungen, Tagungen und Ausstellungen eine neue Perspektive auf den Widerstand der „Roten Kapelle“ gegen das Nazi-Regime.

Die unter dem Fahndungsbegriff „Rote Kapelle“ von Abwehr und Gestapo subsumierten Personen und Gruppen in Belgien, Frankreich, Holland und Deutschland gehörten zum europäischen Widerstand gegen die deutsche Okkupation, vergleichbar mit Widerstandsgruppen, die mit anderen Nachrichtendiensten der Antihitler-Koalition zusammenarbeiteten. Sie handelten, wenn auch oftmals unabhängig voneinander, in einem sie verbindenden, gemeinsamen Geist. Sie kämpften für eine Welt des Friedens und der Freiheit und deshalb wollten sie Nazismus und Krieg in Europa überwinden. Dafür haben viele Frauen und Männer in Belgien, Frankreich, Holland und Deutschland ihr Leben eingesetzt.

Ein Freund meines Vaters, der Bildhauer Kurt Schumacher, schrieb gefesselt in der Zelle des Hausgefängnisses der Gestapozentrale im November 1942: „Ich weiß, dass meine, unsere Idee siegt, wenn auch die kleine Vorhut fällt. Wir hätten gerne dem deutschen Volk das Härteste erspart. Unsere kleine Schar hat aufrecht und tapfer gekämpft. Wir haben für die Freiheit gekämpft und konnten nicht feige sein.“

Es bleiben noch viele Fragen für die Angehörigen der „Roten Kapelle“ und für die historische Forschung offen. Es wäre deshalb wichtig, auch die Archive des russischen Generalstabes und des russischen Auslandsnachrichtendienstes für die Forschung zu öffnen. Die Analyse der dort lagernden Dokumente kann über viele Facetten des Lebens und des Widerstands Aufschluss geben. Das ist nicht nur bedeutsam für die Angehörigen, sondern auch wichtig für die Fragen heutiger und künftiger Generationen zur Geschichte des Widerstands gegen das Hitler-Regime. Die vielen tapferen Frauen und Männer der „Roten Kapelle“ gehören in das kollektive Gedächtnis des neuen vereinigten Europas. Ihr Einsatz und ihr Kampf für eine freie, friedliche und solidarische Welt nehmen uns in die Pflicht, überall gegen Rassismus, Antisemitismus und Nazismus einzutreten.

Die Rechten lachen

geschrieben von Anne Rieger

5. September 2013

Zu „durchgestrichene Hakenkreuze“

Jan.-Feb. 2007

Getoppt wird die absurde Situation, dass die Staatsanwaltschaft Stuttgart Antifaschisten verfolgt und kriminalisiert, die mit eindeutig antifaschistischen Symbolen gegen Faschisten aufklären und durch das durchgestrichene, zerschlagene, in den Papierkorb geworfene Hakenkreuz der NSDAP auf die Kontinuität des inhumanen und Hass predigenden Faschismus aufmerksam machen, noch dadurch, dass der gleiche Oberstaatsanwalt sich seit 4 Jahren weigert, gegen SS-Leute und Mörder von Sant` Anna di Stazzema Anklage zu erheben.

Am 12. August 1944 verübten Angehörige der 16. SS-Panzergrenadier-Division eins der schlimmsten Kriegsverbrechen an Zivilisten auf italienischem Boden. Auf dem Rückzug vor den alliierten Truppen ermordeten die deutschen SS-Angehörigen 560 Einwohner des toscanischen Bergdorfes Sant`Anna die Stazzema. Es waren ausnahmslos Frauen, Kinder und alte Männer.

Im vergangenen Jahr wurden zehn ehemalige SS-Soldaten, die alle in Deutschland leben, in Abwesenheit von einem italienischen Gericht zu lebenslanger Haft wegen dieses Massakers verurteilt. Erst 2002 nahm die Staatsanwaltschaft in Stuttgart die Ermittlung gegen 14 ehemalige Angehörige der deutschen SS-Division auf. Trotz der Verurteilung in Italien wurde bisher keine Anklage erhoben. Oberstaatsanwalt Häusler – derselbe – ermittelt seit vier Jahren, obwohl durch die Vorermittlungen durch die italienischen Gerichte in manchen Fällen ein ganz konkreter Tatnachweis erbracht ist und ausreichend Hinweise für die Eröffnung eines Hauptverfahrens, gäbe es allemal.

Antifaschisten verfolgen und SS-Verbrecher von der Anklage verschonen. Es ist tatsächlich so, wie die Stuttgarter Zeitung schrieb:“Die Rechten lachen sich ins Fäustchen.“

Suche nach Quellenmaterial

geschrieben von Karl L. Hesse

5. September 2013

Jan.-Feb. 2007

Ich suche zur Lokalhistorie des Faschismus in BENDORF/RHEIN Quellen zu verfolgten Kommunisten .Es geht um die Orte Bendorf, Mülhofen und Sayn. Sollten Leser der antifa bei eigenen Recherchen etwas darüber gefunden haben, bitte ich um Mitteilung. Speziell suche ich nach Informationen über Ewald Wolf, Josef Maß, Heinrich Schlöffel, Hermann Bernhard, Jakob Späth und Heinrich Halfen, die bereits im März 1933 in KZs verschleppt wurden.

Laut Bendorfer Zeitung vom 23. September 1933 muss dies für diese Genossen das KZ Esterwegen bei Osnabrück gewesen sein. Deshalb bitte ich auch um Hinweise von denjenigen, die etwas über dieses frühe KZ wissen. Natürlich ist mir bewusst, dass gleichzeitig und später viele Bendorfer Christen, Juden, Gewerkschafter, Sozialdemokraten und ander Nazigegner das gleiche schreckliche Schicksal erlitten. Für Hinweise unter 02622 / 160 800 wäre ich dankbar.

„Fühlend und kämpfend“

geschrieben von Friedbert Mühldorfer

5. September 2013

Lina Haag feiert in München ihren 100. Geburtstag

Jan.-Feb. 2007

„Sie kennt keine Flucht aus der Wirklichkeit, sie bleibt mit allen Fasern ihrer Persönlichkeit in der Zeit, fühlend, beobachtend, urteilend und kämpfend für eine bessere Zeit.“ Oskar Maria Graf formulierte diese Zeilen über Lina Haag 1963 zu ihrem bewegenden Buch „Eine Handvoll Staub“, das er „einem unendlichen Liebesbrief“ nannte. Lina Haag beschrieb 1944 in Form eines Briefs an ihren Mann Alfred, von dem sie seit Monaten nichts mehr gehört hatte, ihren eigenen Lebensweg und den ihres Mannes:

Lina Haag entstammt einer Arbeiterfamilie aus Schwäbisch Gmünd. Bereits als Jugendliche lernt sie den Tischler Alfred kennen, mit dem sie sich gegen das wachsende soziale Elend engagiert, zunächst im Kommunistischen Jugendverband, dann in der KPD. Lina und Alfred heiraten und bald wird die Tochter Käte geboren. Aber Lina hat wenig Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben und will stattdessen in Argentinien, wo ein Onkel lebt, eine neue Zukunft für die Familie aufbauen. Weil das Geld für eine zweite Fahrkarte fehlt, fährt Lina 1929 zunächst allein, um etwas zu verdienen, damit Alfred mit der Tochter später nachkommen kann.

Aber aus diesem Traum wird nichts, weil sich Alfred inzwischen voll in die politische Arbeit gestürzt hatte – als Journalist, dann als Gemeinderat und schließlich als Landtagsabgeordneter der KPD; er will nicht weg. So kehrt Lina 1931 nach Deutschland zurück. Gleich nach der Machtübernahme durch die Nazis wird Alfred verhaftet, drei Wochen später auch Lina. Ihr Leidensweg führt sie – nur einmal für wenige Monate unterbrochen – insgesamt über viereinhalb Jahre durch Gefängnisse und das Konzentrationslager Lichtenburg. Ihre Entlassung 1939 bringt zwar das Wiedersehen mit ihrer Tochter, aber sie weiß vom Leiden ihres Mannes in den Lagern Dachau und Mauthausen. Wieder setzt sie all ihre Kraft ein, ihn freizubekommen, erreicht sogar eine Unterredung bei Heinrich Himmler und schließlich die Freilassung von Alfred. Aber das Wiedersehen ist kurz, weil er bald darauf – trotz „Wehrunwürdigkeit“ – als Soldat an die Ostfront geschickt wird.

Erneut ist Lina mit ihrer Tochter allein. In Berlin macht sie eine Ausbildung als Krankengymnastin, arbeitet dann als Krankenschwester und lässt sich 1944 nach Garmisch versetzen, wo sie – in Ungewissheit über das Schicksal Alfreds – ihr Buch heimlich schreibt, immer in Angst vor erneuter Verhaftung.

Nach Kriegsende zieht Lina zusammen mit ihrer Tochter nach München, arbeitet in ihrem Beruf und erlebt das große Echo auf ihr Buch „Eine Handvoll Staub“, das 1947 im Nest-Verlag erstmals erscheint, im gleichen Jahr in London und in Halle. Aber von ihrem Mann fehlt noch immer jede Spur. Erst 1948 kehrt er aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück.

Alfred widmet sich bald ganz der Arbeit für die Interessen der ehemaligen KZ-Häftlinge, als Fachmann für Entschädigungsfragen, als Landesvorsitzender der VVN Bayern, als Vertreter des Internationalen Dachau-Komitees und Mitinitiator der KZ-Gedenkstätte Dachau. Lina verdient Geld, kann sich endlich der Familie widmen, diskutiert mit Alfred, besänftigt ihn oder gibt ihm neuen Mut in jenen schwierigen Zeiten, kümmert sich um die ausländischen Kameradinnen und Kameraden – und schafft damit auch die Grundlagen für Alfreds Arbeit.

Lina Haags Buch wurde auch in Ungarn und der Sowjetunion in 100 000facher Auflage herausgegeben, und 1977 erstmals auch wieder in der BRD, im Röderberg-Verlag; Für Lina ist es Ehrensache, Erlöse daraus zu spenden.

Das wachsende Interesse gerade Jüngerer an der Geschichte von Verfolgung und Widerstand berührt Lina sehr und führt in den nächsten Jahren – auch nach Alfreds Tod 1982 – zu neuem Engagement bei Lesungen, bei Gesprächen mit Jugendlichen und vor allem auch bei der Korrespondenz mit Leserinnen und Lesern ihres Buchs. Das Echo ist noch größer geworden, seit neue Auflagen bei Fischer, im Silberburg-Verlag und jüngst bei dtv erschienen sind.

Bis heute bemüht sich Lina, Briefe und Fragen zu beantworten, um immer wieder beizutragen zur Aufklärung über die Verbrechen damals, auf dass diese sich nie wiederholen mögen.

Am 18. Januar feiert die Kameradin Lina Haag ihren 100. Geburtstag. Dabei begleiten sie die Glückwünsche ganz vieler Menschen, weil Lina in besonderer Weise für den oft vergessenen Mut steht, für Durchhaltekraft und Widerstand gerade auch von Frauen in der Zeit des Naziregimes.

Vergesst Treblinka nicht!

geschrieben von Karl Forster

5. September 2013

Einer der schrecklichsten Orte des faschistischen Terrors muss erhalten
werden.

Jan.-Feb. 2007

AUFRUF

Treblinka!

Hilfe gegen das Vergessen

In Treblinka wurden beinahe eine Million Menschen ermordet. Heute droht das Konzept der Nazis, alle Spuren zu beseitigen, durch das Vergessen dieses Ortes und den langsamen Verfall der Gedenkstätte aufzugehen.

Auschwitz und Majdanek sind staatliche Museen. Alle anderen Gedenkstätten in Polen – und es gibt deren viele – sind den Regionalmuseen zugeordnet. Doch das zuständige Regionalmuseum kann die notwendigen Aufwendungen für den Erhalt der Gedenkstätte Treblinka nicht alleine leisten.

Doch Treblinka ist – wie Auschwitz und Majdanek und die anderen Vernichtungslager – eine deutsche Schuld. Und somit auch eine deutsche Verantwortung. Zu dieser Verantwortung gehört auch der Erhalt der Gedenkstätte. Deshalb ist es erforderlich, dass sich staatliche Institutionen, Vereine und Privatpersonen, Bundes- und Lokalpolitiker, Unternehmen und viele andere, beteiligen am Erhalt dieses wichtigen Gedenkortes.

Wir, die Deutsch-Polnische Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland e.V. und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V. rufen auf zur Gründung einer Hilfsinitiative für Treblinka.

Verbreiten Sie diesen Aufruf und die Informationen über Treblinka. Sammeln Sie Spenden. Wir unterstützen Sie mit Informationen, Referenten. Schreiben Sie uns, wie Sie helfen wollen.

Deutsch-Polnische Gesellschaft der BRD e.V.

Prof. Dr. Christoph Koch, Vorsitzender

VVN-BdA e.V.

Prof. Dr. Heinrich Fink, Vorsitzender

Kontakt: Initiative Treblinka, c/o Karl Forster, Riesaer Str. 18, 12619 Berlin

e-mail: Initiative-Treblinka@polen-news.de

Wir fahren etwa eine Autostunde von Warschau aus in nordöstlicher Richtung. Was wir suchen, ist ein beinahe vergessenes Stück Erde, das eigentlich zu den schrecklichsten Erinnerungen Deutschlands gehört: Treblinka. Ein Name, mit dem nur Menschen etwas anfangen können, die sich mit dem Terror der Nazis, der systematischen Vernichtung jüdischer Menschen, befasst haben. Aber auch unter ihnen ist kaum jemand, der diesen Ort schon gesehen hat. Ihm fehlt die Symbolkraft von Auschwitz, die Anschaulichkeit des ehemaligen Lagers von Majdanek. Hierher kommen keine Scharen von Touristenbussen (Die KZ-Gedenkstätte Auschwitz spricht von derzeit einer Million Besuchern im Jahr). Hier gibt es auch keine Jugendbegegnungsstätte die es Jugendgruppen ermöglicht, in der Nähe zu übernachten. Doch es gibt eine Gedenkstätte, und das ist schon eine Besonderheit für sich. Denn hier hatten die Nazis versucht, rechtzeitig alle Spuren zu verwischen. Und fast ist es ihnen gelungen. Alle Einrichtungen wurden abgebaut, ein Teil der Massengräber exhumiert und die Leichen verbrannt. Das gesamte Gelände umgegraben und darauf ein Bauernhof errichtet. Und befreite Häftlinge, welche sich – wie die ehemaligen Häftlinge anderer Lager – regelmäßig treffen und berichten können gibt es nicht. Nur einige wenige, die fliehen konnten, überlebten diese Hölle und kaum noch einer lebt heute noch. Doch drei Schüler aus Bielefeld arbeiteten gegen dieses Vergessen an.

Dass es in der Gedenkstätte Treblinka heute eine wirklich informative Ausstellung gibt, ist in der Tat drei Schülern des Gymnasiums der Friedrich-v.Bodelschwingh-Schulen in Bielefeld zu verdanken. Eva Budde, Felix Hansen und Jonathan Sokolowski, alle Jahrgang 1984, hatten sich an einem Praktikumsprojekt in Geschichte beteiligt. Von der Gedenkstätte Majdanek, wo das Praktikum hauptsächlich stattfand, fuhren sie nach Treblinka. Der Leiter der Gedenkstätte dort, Edward Kopowka, regte an, eine solche Ausstellung zu erarbeiten. Der Plan erwies sich als schwierig. Die Einarbeitung in das historische Thema, die Einladung an einen Überlebenden, Samuel Willenberg, nach Bielefeld mit beeindruckenden Gesprächen, aber auch die praktische Umsetzung und das Suchen nach Sponsoren für den Druck zogen das Projekt in die Länge. Doch die Schüler verfolgten es auch über ihr Abitur hinaus. Und im Sommer 2005 wurde die Ausstellung von den Schülern und der Geschichtslehrerin Beate Stollberg-Wolschendorf übergeben. Heute können Besucher auf 16 Informationstafeln auf polnisch und deutsch die Geschichte dieses Ortes, der Opfer aber auch der Täter lesen. Gleichzeitig wurde eine Informationsbroschüre hergestellt.

Treblinka war ein Musterbeispiel an Täuschung. Der Name war nämlich in der Bevölkerung durchaus bekannt. Hier befand sich das Arbeitslager Treblinka (später auch Treblinka I genannt) das Ende 1941 gebaut wurde. Heute sieht man unter anderem noch die riesige Kiesgrube dieses Zwangsarbeitslagers. Im Arbeitslager hielten sich ständig zwischen 1.000 und 1.200 polnische Gefangene (Juden und Nichtjuden) auf, mit wechselnder Zusammensetzung. Sie arbeiteten in der Kiesgrube, in den Lagerwerkstätten und auf dem Bahnhof Malkinia. Frauen mussten landwirtschaftliche Arbeiten im Lager ausführen. Anfangs meldeten sich viele sogar freiwillig, hier in der Kiesgrube zu arbeiten – um beispielsweise nicht zur Zwangsarbeit nach Deutschland geschickt zu werden. Wachttürme und Stacheldrahtzäune hinderten die Gefangenen an der Flucht. Die SS hatte ihre Unterkünfte zwischen den Gefangenenbaracken und der Kiesgrube.

Als die Rote Armee sich im Juli 1944 näherte, gab die SS das Lager auf.

Heute sind einige Bereiche des ehemaligen Lagers von Wald befreit, Gras bedeckt den Boden.

Es sind noch einige bauliche Hinterlassenschaften zu sehen: Betonfundamente von Baracken, die Lagerrampe, ein Schwimmbecken für die SS-Mannschaft.

Als man dann im Sommer 1942 zwei Kilometer entfernt Treblinka II errichtete, glaubten viele, es handle sich um das Arbeitslager. Ein wahrhaft tödlicher Irrtum. Denn ein „Lager“ existierte hier eigentlich gar nicht. Zwar gab es einige wenige Baracken für die „Funktionshäftlinge“. Doch alles andere war auf schnelle Ermordung ausgelegt.

Treblinka galt auf Grund der Nutzung von Erfahrungen aus den Lagern Belzec und Sobibor bei der SS als das „perfekteste Vernichtungslager“ der „Aktion Reinhardt“. Im Auftrag des Reichsführers-SS und „Chefs der deutschen Polizei“, Heinrich Himmler, ernannte der SS- und Polizeiführer des Distrikts Lublin, Odilo Globocnik, den SS-Obersturmführer Irmfried Eberl zum ersten Lagerkommandanten von Treblinka. Dieser wurde im September 1942 von dem früheren Kommandanten des Vernichtungslagers Sobibor, Franz Stangl abgelöst. Beide waren zuvor in den „Euthanasie“-Anstalten an der Ermordung psychisch Kranker und Körperbehinderter beteiligt gewesen, ebenso das ihnen unterstellte deutsche Lagerpersonal. Die Bewachung des Lagers und den Betrieb der Gaskammern übernahmen Volksdeutsche und Ukrainer.

Der Massenmord begann am 23. Juli 1942 an Juden aus dem Warschauer Ghetto. Bis zum Frühjahr 1943 wurden dann fast eine Million Menschen, überwiegend polnische, slowakische, griechische, mazedonische und jugoslawische Juden sowie Bewohner des Ghettos Theresienstadt in Treblinka, aber auch rund 30.000 nichtjüdische Polen und tausende Sinti vergast. Anfang März 1943 ließ die SS die Massengräber öffnen und die Leichen verbrennen, um die Spuren des Verbrechens zu verwischen.

Als sich die Leichenverbrennung dem Ende näherte und die Liquidierung des Lagers bevorstand, gelang es Häftlingen des Sonderkommandos am 2. August 1943, Waffen zu erbeuten. Sie wagten den Aufstand. Etwa 840 Häftlinge waren daran beteiligt. Doch die meisten von Ihnen wurden überwältigt und ermordet. Nur rund 60 gelang es zu fliehen. Sie sind die einzigen Überlebenden von Treblinka. Die zurückgebliebenen Gefangenen wurden sofort von der SS erschossen. Anschließend ließ sie das Lager abreißen, den Boden umpflügen und zur Tarnung ein Bauernhaus errichten.

Nach 1945 stellte sich die Frage, wie geht man mit diesem Gelände um, bei dem eigentlich keine Spuren mehr vorhanden sind. Doch man wollte und musste einen Gedenkort schaffen.

1964 wurde am Ort des ehemaligen Vernichtungslagers eine Denkmalsanlage errichtet. Ein symbolisches Tor aus Stein wurde geschaffen, die Bahngleise werden von schwellen-ähnlichen Steinen angedeutet, an denen eine Rampe wiedererstand. Dort wo ein Stacheldrahtzaun und Wachtürme standen, sind große Steinblöcke aufgestellt.

An der Stelle der früheren Gaskammern steht ein großer Turm aus Granitquadern, den etwa 17.000 Granitsteine umgeben, auf denen Inschriften die Länder und Orte nennen, aus denen Juden in Treblinka starben. Für jedes Land, für jeden Ort ein Stein. Die unterschiedliche Größe der Steine soll wenigstens annähernd die unterschiedliche Zahl der Opfer aus diesem Land anzeigen. Eine Besonderheit unter den Steinen die sonst außer den Orten keine Namen tragen, ist die Steingruppe für Janusz Korczak. Henryk Goldszmit, wie er eigentlich hieß, war am 5. August 1942 mit 200 Kindern des jüdischen Waisenhauses aus dem Warschauer Ghetto in Treblinka ermordet worden. Hinter der ehemaligen Gaskammer aus besonderem Material eine Nachbildung der Scheiterhaufen auf denen die Leichen verbrannt wurden.

Ein wirklich beeindruckendes, weitläufiges Mahnmal das ohne die Restaurierung alter Baracken, Effekten etc. auskommt. Aber eine Restaurierung ist auch hier dringend erforderlich. Nach über 40 Jahren drohen viele Teile dieses Monuments zu verfallen. Es ist Zeit zu helfen. Durch eine Finanzierung der Restaurierung auch aus Deutschland. Aber auch durch Besuche in Treblinka. Gedenkstättenfahrten von Gruppen, aber auch Einzelbesuche. Vergesst Treblinka nicht!

… ist unfruchtbar zu machen“

geschrieben von Hans Canjé

5. September 2013

Symposium zu „Justiz und Erbgesundheit“ im Faschismus

Jan.-Feb. 2007

Die Dokumentations- und Forschungsstelle „Justiz und Nationalsozialismus“ an der Justizakademie des Landes Nordrhein-Westfalen in Recklinghausen veranstaltete vom 6.-8. Dezember 2006 ein Symposium „Justiz und Erbgesundheit“. Die für diese Stelle derzeit zuständige Richterin Dr. Hella-Verana Daubach hatte hierzu vor allem Justizangehörige verschiedener Gerichte des Landes sachkundige Referenten, Betroffene und mit Karin Berndt vom Arbeitskreis Justiz Mannheim auch eine Vertreterin des bürgerschaftlichen Engagements zur Aufhellung der Rolle der faschistischen Justiz, der Kontinuitäten nach 1945 und der Würdigung der Opfer eingeladen. Die in die Gegenwart reichenden Folgen der Untaten des Faschismus wurden den Teilnehmern durch den Film „Lebensunwert“ – Der Weg des Paul Brune von Robert Krieg und Monika Nolte auf erschütternde Weise nahegebracht. Wo heute schon über wieder über „lebensunwertes Leben“ laut nachgedacht wird, sollte dieser Film zur Anschauung nicht fehlen.

(Die DVD „Lebensunwert“ ist zum Preis von 14,90 Euro plus 2,50 Euro Versankosten zu beziehen bei: Westfälisches Landeszentrum, 48133 Münster (E-Mail: medienzentrum@lwl.org)

„Tod dem lebensunwerten Leben“ proklamierten die „Nationalsozialistischen Monatshefte 1930. Das war die brutale Kurzfassung dessen, was Adolf Hitler im August 1929 in seiner Schlussrede auf dem Nürnberger Parteitag der faschistischen NSDAP erklärt hatte: Wenn in Deutschland jährlich eine Million Kinder geboren und zugleich 700 000 bis 800 000 der Schwächsten „beseitigt“ würden, wäre das im Endergebnis sogar eine Kräftesteigerung. Am 14. Juli 1933, das Regime war eben im Amt, verkündete die „Reichsregierung“ das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, das im Januar 1934 in Kraft trat. Mit dem Gesetz, so Ministerialdirigent im Innenministerium Arthur Gütt, solle der „Verschlechterung des Erbgutes unseres Volkes“, den Minderwertigen und Asozialen, die „völlig unbrauchbar für das Leben sind“, den „erblich belasteten“, die sich „hemmungslos fortpflanzen“ begegnet werden.

Dessen 1. Paragraph verurteilte die als „erbkrank“ Deklarierten zur „Unfruchtbarmachung“, zur Sterilisierung. Erbliche Taubheit, Blindheit, Fallsucht, Schwachsinn, körperliche Missbildungen (Klumpfuß) oder oft willkürlich konstatierte Schizophrenie waren vorgegebene und damit zu „behandelnde“ Fälle für die im ganzen Land geschaffenen „Erbgesundheitsgerichte“. In den Feldzug zur Vernichtung der „lebensunwerten“ waren die Medizin wie die Justiz als Vollstrecker eingebunden. Darum auch widmete sich das Symposium der Justizakademie konzentriert deren in der Geschichtsschreibung unterbelichteten Rolle bei der Realisierung dieses Gesetzes, der bereitwilligen Mitwirkung der Amtsärzte zur „Reinhaltung der Rasse“, zur „Ausmerze“ der „Volksschädlinge“, der „entarteten“, und des „Untermenschentums“. Etwa 400 000 Zwangssterilisationen wurden zwischen 1933 und 1944 durchgeführt. Mindestens 5000 starben an den Folgen der Verstümmelungen.

Historiker, Richter, von den Maßnahmen des Regimes Betroffene oder deren Vertreter beleuchteten den staatlichen Vernichtungsfeldzug, dessen Vorkämpfer in der Weimarer Republik oder die Rolle von Theoretikern der Eugenik, der Lehre von der „Erbgesundheit, im internationalen Rahmen. „Gedankenspiele“, die im Faschismus gebündelt zur brutalen staatspolitischen Realität werden konnten.

Prof. Hans-Walter Schmuhl brachte diesen, in manchen Beiträgen doch etwas zu kurz gekommenen Tatbestand auf den Punkt. Die Verkündung des Gesetzes und seine Realisierung bezeichnete er als den „Beginn eines weltweit einzigartigen Experiments“, den „Volkskörper zu reinigen“. Das Regime habe die Exekutierung dieser „ureigensten NS-Politik“ in die Hände der Justiz gelegt. Er verwies dabei u.a. auf einem Sonderlehrgang, der vom 12. bis zum 14. Februar 1934 im Berlin-Dahlemer Kaiser-Wilhelm-Institut zur Vergatterung der Vorsitzenden der Erbgesundheits- und Erbgesundheitsobergerichte statt gefunden hat. Hier wurden die Richter von führenden Vertretern des Regimes über die „Aspekte der „Rassenhygiene im völkischen Staat“ informiert, einschließlich einer Vorführung der „Technik der Sterilisierung“ in der Berliner Charité. Land- und Amtsgerichtsrat von Lehe berichtete seinem Vorgesetzen: „Der Lehrgang hat bei den Teilnehmern großes Verständnis für die Grundzüge der Vererbungslehre geweckt und ihnen die richtige Auffassung von den hohen Aufgaben und Zielen einer nationalen Rassenhygiene vermittelt, die bei den Entscheidungen der Erbgesundheitsgerichte zum Ausdruck kommen soll.“

Die „scheinbare Objektivität der Richter verhalf diesen Gesetzen zur Legitimität und zur Akzeptanz“ erläuterte Astrid Ley von der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen. Die Schlüsselstellung der Amtsärzte habe jeden Einspruch der Betroffene ausgeschlossen. Volker Friedrich Drecktrah illustrierte diese Feststellung am Beispiel des Erbgesundheitsgerichtes Stade. Die laut Vorschrift „rein arischen Richter“ entschieden in den „ordentlichen Verfahren“ zur „Unfruchtbarmung“ pro Fall in acht bis zehn, ab 1935 auch schon in drei Minuten über Wohl und Wehe der Opfer, deren Verkrüppelung, auch über Leben und Tod. Tatkräftige Unterstützung fanden die Hüter der „Erbgesundheit des Volkes“ durch die Wohlfahrtsverbände, Hilfsschullehrer, selbstverständlich durch alle Zweige des Gesundheitswesens, wie Johannes Vossen in seiner Untersuchung zur „sozialrassistischen Ausrichtung“ des Wuppertaler Erbgesundheitsgerichts anmerkte. Nicht wenige Beteiligte seien nach 1945 durch das Gesetz zum Artikel 131 wieder in den Staatsdienst gelangt, standen nicht selten im neuen Amt ihren früheren Opfern gegenüber. Ein Tatbestand der, wie vor allem von Margret Hamm vom Bund der „Euthanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten angemerkt wurde, im Gegensatz stand zur bis heute anhaltenden Stigmatisierung der Opfer und der staatlichen Weigerung, diese Gesetzgebung als faschistisches Unrecht anzuerkennen.

Paul Brune nahm an diesem Symposium teil. Der 1935 geborene, wurde als achtjähriger von einem „Erbgesundheitsgericht“ als „lebensunwert“ abqualifiziert. Er überlebte mit Glück und Lebenswillen „Idiotenanstalten“ und „Pflegeeltern“ die ihn noch bis 1957 als „Psychopathen“ ausbeuten konnten. Seine NS-Akte, die ihm „asoziales Verhalten infolge Erbanlage“ attestiert hatte, lag bis ins Jahr 2003 auf den Schreibtischen von Amtsärzten. Dann endlich wurde er als Opfer des Faschismus anerkannt.

Mit Geschichte leben

geschrieben von Wolfgang Gehrcke

5. September 2013

Jan.-Feb. 2007

Oktober 2006: Erstmals in seiner Geschichte befasst sich der Deutsche Bundestag mit den Freiwilligen, die auf Seiten der Republik im Spanischen Bürgerkrieg die Demokratie gegen den Faschismus verteidigt haben. Die Fraktion DIE LINKE. hat beantragt, ihr Engagement zu würdigen und sie nennt in ihrem Antrag Namen – die Namen aller Abgeordneten des Reichstages und jener, die später im Bundestag saßen, die in Spanien in den Internationalen Brigaden kämpften. Die Linke gibt den Demokraten, die oftmals namenlos blieben, Namen zurück.

Wolfgang Gehrcke ist außenpolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag

Der Antrag der Linksfraktion im Bundestag zur Würdigung der deutschen Kämpfer für die Spanische Republik 1936-1939 war ein Tabubruch, verschwieg doch die offizielle Geschichtsschreibung der Republik West das Thema weitgehend. Angehörige der faschistischen Legion Condor genossen dagegen ungebrochen Renten und Anerkennung. Noch immer gibt es in Berlin die „Spanische Allee“, benannt nach der „siegreichen Heimkehr“ der deutschen Truppen. Die Geschichtsschreibung West war immer auf dem rechten Auge blind.

Der Geschichtsschreibung des „neuen Deutschlands“ droht nach der Vereinigung das gleiche Schicksal. Aber Demokratie in der Gegenwart braucht Wurzeln in der Geschichte. Oder konkret: Der Rechtsextremismus, die Lauheit der Mitte haben geschichtliche Vorläufer. Ein Hauch Weimar liegt noch immer in der Luft. Geschichtliche Verortung kann auch für die Linke kein Beiwerk sein, sondern ist Teil der Standortbestimmung für das Heutige.

Aus der Geschichte muss man lernen können; nicht nur Individuen, sondern Gesellschaften müssen lernen können. Dies Lernen erfordert immer Selbstkritik, „schonungslose Selbstkritik“, wie sie Rosa Luxemburg einforderte. Gerade wenn schonungslose Selbstkritik Richtschnur eigenen Handelns würde, wenn die Linke das einlöst, was Rosa Luxemburg vorschlug, müssen Barmherzigkeit, Wahrhaftigkeit und Nachsicht dazukommen. Diese sind bisher nicht unmittelbar in linken Traditionen verankert, genauso wenig wie die Fähigkeit zu schonungsloser Selbstkritik.

Barmherzigkeit deshalb, weil politische Entscheidungen immer in Raum und Zeit, in geschichtlich konkreten Situationen getroffen werden. Die „Nachgeborenen“ können Entscheidungen abwägen, die Faktoren, welche zu ihnen geführt haben, bewerten, sie prinzipiell verwerfen oder bejahen. Aber keine und keiner möge urteilen, wie sie oder er sich in der konkreten Situation verhalten hätte. Was bleibt, ist Dankbarkeit, dass man selbst in unbarmherzigen Verhältnissen nicht lebte oder sich entscheiden musste. Oftmals werden Menschen, sozialistische Vorkämpferinnen und Vorkämpfer postum als unerschrocken gewürdigt. Das mag so gewesen sein. Für mich würde ich lieber eine Einordnung als „erschrocken“ wählen. Dankbar dafür, dass vieles an meiner Generation und an mir vorüber gegangen ist, was andere bewältigen mussten. Deswegen: Seid barmherzig, wenn ihr über Personen urteilt, aber entschlossen im Urteil über die Dinge.

Wer möchte nicht eine Vorkämpferin oder ein Vorkämpfer für Wahrhaftigkeit sein, der Vergangenheit gegenüber und in der Gegenwart? Wahrhaftigkeit ist eine seltene Tugend geworden in Zeiten, in denen Verlogenheit geradezu ein Markenzeichen der Politik geworden ist. Im Großen wie im Kleinen. Schon die Sprache ist verlogen, ein Mittel der Verschleierung und nicht der Wahrhaftigkeit. Kriegseinsätze heißen heute Friedensmissionen, Sozialabbau wird mit Flexibilisierung umschrieben und Globalisierung lautet das Zauberwort, mit dem jede Schurkerei erklärt wird. Wer sich an Wahlversprechen hält oder diese glaubt, den hält SPD-Minister Müntefering für dumm.

Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit müssen für die Linke Geschwister sein. Ohne Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit wird auch linke Politik hohl und beliebig. Doch Vorsicht: Auch unsere Geschichte ist voll von peinlichen Umschreibungen, Verdrehungen und Lügen. Umschreibungen, nicht weil sich Erkenntnisse erweitert haben, sondern weil Macht sich verlagert hat. Erinnern wir uns an retuschierte Fotos und nicht zu nennende Namen. Auch Linke haben Revolutionäre zur Vergessenheit verurteilt. Stefan Heym beschreibt dies im „König David Bericht“. Das Urteil des Königs Salomo über den von ihm bestellten Geschichtsschreiber lautet, künftig nicht mehr genannt zu werden. Auch in der Geschichte der kommunistischen und sozialistischen Bewegung kennen wir solche Unpersonen. Über Zeiten nur, doch schlimm genug. Wahrheit, die scheibchenweise von oben zugeteilt wird, ist Unwahrheit. Erkenntnis ist immer ein Prozess der Näherung, des Relativen. Geschichte bleibt ein Prozess zwischen dem Tatsächlichen, dem Möglichen und dem konkreten Zufall. Geschichte bleibt ein Widerspruch zwischen der Absicht der handelnden Personen und den Auswirkungen ihrer Handlungen in der Gesellschaft.

Nachsicht forderte Brecht in seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“ ein für diejenigen, die die Welt freundlich machen wollten und glaubten, selbst nicht freundlich sein zu können. „Gedenkt unser mit Nachsicht!“ mahnte er. Mit Nachsicht zu denken und zu gedenken heißt, umsichtig im Urteil zu werden.

Die Linke braucht in diesem Sinne einen über den Tag hinausgehenden geschichtlichen Standort. Ohne ihn wird sie ein Rohr im Winde sein. Sie braucht politische Alternativen, Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit im Handeln, rationale Analysen und Emotionen, Kultur und Kunst.

Ältere Nachrichten · Neuere Nachrichten