Historiker-Tagung am Pragser Wildsee

5. September 2013

Juli-Aug. 2007

Alle Anfragen im Zusammenhang mit der Anerkennung der deutschen Widerstandskämpfer gegen das Hitlerregime in Böhmen und Mähren durch die Tschechische Republik müssen an folgende Adresse gerichtet werden:

Projekt „Vergessene Helden“ beim Institut für Zeitgeschichte Prag

Ustav pro soudobe dejiny Akademie ved CR

Vlasska 9

11840 Praha 1

TSCHECHISCHE REPUBLIK

Am 30. und 31. August 2007 finden in Südtirol die „Zeitgeschichts-Tage Pragser Wildsee“ statt. Tagungsort ist das Hotel „Pragser Wildsee“ in Prags im Hochpustertal. Das internationale Symposium, das gemeinsam vom „Zeitgeschichtsarchiv Pragser Wildsee“, vom Südtiroler Landesarchiv und von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin veranstaltet wird, trägt den Titel: „Für Freiheit und Recht in Europa. Der 20. Juli 1944 und der Widerstand gegen das NS-Regime in Deutschland, Österreich und Südtirol“. Aktueller Anlass der Veranstaltung sind die 100. Geburtstage der Widerstandskämpfer Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Helmuth James Graf von Moltke. Referenten sind Historiker aus Deutschland, Österreich und Südtirol, die erstmals zu dieser grenzüberschreitenden Tagung am Pragser Wildsee zusammentreffen.

Das unter Denkmalschutz stehende Tagungsgebäude ist Sitz des „Zeitgeschichtsarchiv Pragser Wildsee“ und ein historischer Ort von europäischer Bedeutung. Hier fanden die „Sippen“- und „Sonderhäftlinge“ aus dem KZ Dachau nach ihrer Befreiung im Hochpustertal am 30. April 1945 Aufnahme. Die Gefangenen waren in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges als Geiseln der SS aus verschiedenen KZs über den Sammelpunkt Dachau nach Südtirol verschleppt worden. Am 28. April 1945 traf der Transport mit 139 Häftlingen aus 17 Ländern Europas in Niederdorf ein, wo der Leidensweg der zumeist prominenten Gefangenen endete.

Anmeldungen zur Tagung sind an das Südtiroler Landesarchiv in Bozen zu richten (Tel.: 0039/0471/411 951, www.provinz.bz.it/sla).

Spottlustig und mutig

geschrieben von Elfriede Brüning

5. September 2013

Zum 100. Geburtstag von Berta Waterstradt

Juli-Aug. 2007

Wir kannten uns schon seit den dreißiger Jahren. Beide waren wir Mitglied im „Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“, den Johannes R. Becher mit anderen 1928 gegründet hatte. Berta war schon seit längerem dabei, stand mit Becher, Friedrich Wolf, Anna Seghers und anderen, die ihre Verse schätzten, auf vertrautem Fuß. Im Januar 1933 wurde der Bund sofort verboten. Die prominenten Mitglieder, sofern sie sich nicht rechtzeitig über die Grenze hatten retten können, kamen in Konzentrationslager und wurden, wie Erich Mühsam und Carl von Ossietzky, grausam gefoltert. Wir Jungen aber blieben vorläufig ungeschoren. Wir wollten weiter zusammenkommen, jetzt nur in Dreiergruppen, und weiter schreiben, wahrheitsgetreue Beiträge über das Leben im Dritten Reich, die anonym im Ausland erschienen, vornehmlich in den „Neuen deutschen Blättern“, die Wieland Herzfelde im Malik-Verlag herausgab.

Nach unserer Verhaftung 1935 traf ich Berta bei der ersten Vernehmung in der Prinz-Albrecht-Straße wieder. Sie schien ungebrochen und bot den Gestapoleuten mutig Paroli. Sie war nicht kleinzukriegen, nicht einmal bei der Gerichtsverhandlung gegen uns Bund-Mitglieder, auf der sie unverfroren ihr Spottgedicht auf Hitler (nach der Melodie „eine Seefahrt, die ist lustig“), nur um einige Schärfen gemildert, rezitierte, was sogar dem Nazirichter ein Lächeln entlockte. Sein vorgefasstes Urteil: zweieinhalb Jahre Gefängnis, beeinflusste das indes nicht. Dass Berta, die Jüdin, die Nazizeit überlebte, verdankte sie ihrem „arischen“ Ehemann Rudi, dem Urberliner, der treu zu ihr hielt und sie dadurch vor der Deportation bewahrte. Wovor er sie nicht schützen konnte, war die ihr auferlegte Zwangsarbeit bei Siemens, die sie aber ergeben ertrug, immer das Ziel vor Augen, dem sie sich Tag für Tag näher wähnte, der endgültigen Zerschlagung des Nazireiches und dem Neuaufbau eines Staates nach dem Vorbild der Sowjetunion, in der damals, wie wir glaubten, die Arbeiter herrschten, nachdem Lenin die Kapitalisten davongejagt hatte.

Nach ´45 arbeitete Berta zunächst beim Rundfunk, wo sie Literatursendungen verfasste. Doch bald begann sie, eigene Sachen zu schreiben. Bereits 1946 entstand ihr Hörspiel „Während der Stromsperre“, das sie mit einem Schlag bekannt machte, zumal Kurt Mätzig den Stoff als Vorlage für den Film „Die Buntkarierten“ benutzte, der außerordentlich erfolgreich war und noch heute zu den Klassikern der ersten Nachkriegszeit zählt. 1949 erhielt Berta, zusammen mit dem Defa- Kollektiv, den Nationalpreis. Ein Erfolg, den sie allerdings teuer bezahlen musste, denn Rudi, ihr bis dahin so getreuer Ehemann, gefiel sich nicht in der Rolle des Prinz-Gemahls und suchte Trost bei einer anderen, weniger berühmten Frau. Fünfmal kam er reumütig zu Berta zurück, fünfmal nahm sie ihn wieder auf. Aber das sechste Mal verschwand er auf Nimmerwiedersehen.

Berta stürzte sich in die Arbeit. weitere Hörspiele entstanden, auch Bühnenstücke und alle hatten Erfolg, wenn sie auch an den Ruhm ihres ersten Hörspiels nicht heranreichen konnten. Der Name Waterstradt blieb eben ein Synonym für „Die Buntkarierten“. Später reiste sie im Auftrag des „Magazin“ zusammen mit der Illustratorin Elisabeth Shaw durch die DDR und goss alles, was sie dort sah und erlebte, in freche Verse, die Elisabeth mit ihren nicht minder frechen Zeichnungen kräftig würzte, so dass die Auflage des Blättchens, nicht zuletzt wegen dieser „Reiseberichte“, stieg und stieg, aber immer wieder wegen der Papierknappheit gedrosselt wurde. Daneben entstanden von Berta Bearbeitungen nach Werken von Georg Hermann, Clara Fiebig und Theodor Fontane. Und 1985 erschien endlich auch noch einmal ein Buch von ihr: „Blick zurück und wundre dich“, in dem sie heiter-ironisch aus ihrem Leben erzählt. Dieses Buch wünschte man sich zu Bertas Hundertstem in einer Neuausgabe: als lehrreiche Lektüre für junge Menschen, die die Zeit des Faschismus und der ersten schweren Nachkriegsjahre nur aus dem Geschichtsunterricht kennen.

Haben sich Bertas Jugendträume in der DDR erfüllt? Ach, sie war ein zu kritischer Geist, sie rieb sich an zu vielen Unebenheiten. Aufmerksam verfolgte sie alle Debatten im Schriftstellerverband, aber nie meldete sie sich von selber zu Wort. Sie beschränkte sich auf Zwischenrufe, die allerdings immer genau ins Schwarze trafen. Die Dogmatiker unter uns misstrauten ihr und heute weiß man, dass die Stasi die aufmüpfige Autorin schon frühzeitig beschattete. Denn war sie nicht freundschaftlich mit Stephan Heym verbunden, mit Günther Kunert, Gustav Just und anderen, die sogar Westjournalisten gegenüber ihre Kritik an der DDR freimütig äußerten?

Bertas Tod, im Mai 1990, kam völlig überraschend. Zu ihrem hundertsten werden wir in der Altheider Straße in Adlershof, Bertas jahrzehntelangem Wohnsitz, eine Gedenktafel enthüllen, mit der an sie erinnert wird: an eine Autorin, die stets, in ihren Werken und ihrem persönlichen Leben, sich selber treu blieb, weil sie mit spitzer Feder, mit Humor und Ironie, oft sogar mit verletzendem Spott um die Wahrheit stritt.

Mord als „Rassenhygiene“

geschrieben von Annika Sembritzki

5. September 2013

Burg Grafeneck – Gedenkort für Euthanasieverbrechen

Juli-Aug. 2007

www.gedenkstaette-grafeneck.de

Im Mai war die Wanderausstellung „Grafeneck 1940 – Krankenmord im Nationalsozialismus“ in der Vertretung des Landes Baden-Württemberg in Berlin zu sehen.

Anlässlich der Eröffnung wurde der neue Gedenkstättenband der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg über alle Gedenkstätten in Baden-Württemberg vorgestellt

Abgeschieden auf einer Anhöhe der Schwäbischen Alb liegt, so idyllisch wie versteckt, das Schloss Grafeneck. Vor dem Beginn des Krieges und nach dessen Ende wurde es (und wird auch heute wieder) von der evangelischen Samariterstiftung als Behinderteneinrichtung genutzt. Erst seit 1990 erinnert eine Gedenkstätte an 10.654 Menschen, die hier 1940 der „Aktion T4“ zum Opfer fielen. Grafeneck ist der Ausgangsort für die systematische industrielle Massenvernichtung von Menschen; hier wurden viele der Täter geschult, die ihre „Karriere“ später in den Vernichtungslagern des Ostens fortsetzten, und hier wurde erstmals die Effektivität des Mordens in der Gaskammer erprobt.

Seit 1929 war das Schloß Grafeneck als Einrichtung für Menschen mit Behinderung genutzt worden, 1939 wurde es vom Stuttgarter Innenministerium für „Zwecke des Reichs“ beschlagnahmt. Für die Kaschierung der geplanten Verbrechen waren Ort und Zeitpunkt sorgfältig ausgewählt worden: im Kontext des beginnenden Krieges sollten die groß angelegten Tötungen von Kranken verschleiert und bagatellisiert werden.

Im Rahmen der sogenannten „rassenhygienischen“ Propaganda waren Berechnungen darüber angestellt worden, wieviel Geld jeder „Erbkranke“ das Reich kostete, das doch all seine Ressourcen für den Krieg benötigte und sich außerstande sah, für „Arbeitsunfähige“ aufzukommen. Die Einordnung in die Kategorie „unwertes Leben“ erfolgte auf Grund von körperlicher Behinderung über geistige bis hin zu diffuseren Kategorien wie „Schwachsinn“ und Schizophrenie, die auch soziales und politisches Verhalten pathologisierten. Was als „Säuberung des Volkskörpers“ bezeichnet wurde und in Morden gipfelte, hatte seine Vorläufe bereits in Zwangsterilisationen von behinderten und von als „asozial“ eingestuften Menschen, wie den Sinti und Roma, gehabt.

Für die „Euthanasie-Aktion“ wurde kein spezielles Gesetz erlassen. Es gab lediglich einen Auftrag Hitlers, ganze fünf Zeilen lang, auf den 1.September 1939 datiert, in der dieser seine Zustimmung „für die Gewährung des Gnadentodes unheilbar Kranker“ gab und die Befugnisse von Ärzten dahingehend erweiterte, es ihrem Ermessen zu überlassen, wer als „unheilbar krank“ einzustufen sei.

Im August 1939 waren alle Behinderteneinrichtungen des Reichs aufgefordert worden, ihre Insassen, vorrangig solche, die länger als fünf Jahre dort waren, zu melden. Außer den Wilhelmsdorfer Anstalten aus dem Kreis Ravensbrück gaben alle widerstandslos die Patientendaten preis. Aus dem heutigen Baden-Württemberg wurden aus 40 verschiedenen Behinderten- und psychiatrischen Einrichtungen Menschen in grauen Bussen nach Grafeneck gebracht und in der eigens errichteten Tötungsanlage, die über eine Gaskammer und ein Krematorium verfügte, mit CO-Gas der IG Farben ermordet.

Rund einhundert Menschen waren in den Räumlichkeiten des Schlosses untergebracht, die die Tötungen überwachten, organisierten und verwalteten. Sie waren größtenteils in Berlin geworben worden; 25% von ihnen setzten ihre Arbeit später in den Vernichtungslagern fort. Grafeneck verfügte über eine „Trostbrief“ – Abteilung, die falsche Todesursachen bescheinigte und den Angehörigen mitteilte, ferner über ein eigenes Standesamt, das die Sterbeurkunden ausstellte, und über eine Abteilung, die für die Beurkundung und Verfälschung des Todesortes zuständig war und Aktentausch mit anderen Anstalten betrieb; die Verantwortlichen gingen dazu über anstelle ihrer richtigen Namen Pseudonyme zu verwenden.

Nach einem knappen Jahr wurde die „Euthanasie“-Aktion in Grafeneck für beendet erklärt, weniger durch äußere Vorgänge, die die Geheimhaltung beeinträchtigt hätten, als vielmehr, da sie als weitgehend abgeschlossen betrachtet wurde: Grafeneck war – zynisch- reichsweiter Spitzenreiter im „Gnadentöten“. Im weiteren Kriegsverlauf wurde Grafeneck für die Kinderlandverschickung und als Kinderheim genutzt, bis 1946 der Betrieb als Wohn- und Arbeitseinrichtung für Menschen mit Behinderung wieder aufgenommen wurde.

In Baden-Württemberg wird seit 1990 offiziell der Opfer der „Aktion T4“ gedacht und der Verbrechen gemahnt; neben dem regulären Betrieb existiert unter der Leitung von Thomas Stöckle die Gedenkstätte und das Dokumentationszentrum Grafeneck e.V. auf dem Schlossgelände.

In Berlin hingegen, in der Tiergartenstraße 4, (nach der die sogenannte „Euthanasie“ als „Aktion T4“ bezeichnet wurde),von wo aus die Ermordung von insgesamt etwa. 200 000 Menschen veranlasst wurde, davon den 10 600 Menschen in Grafeneck, liegt heute eine Erinnerungstafel verloren auf dem Busplatz hinter der Philharmonie. Sie wirkt nicht wie ein Mahnmal, eher wie Kunst am Bau. Die geforderte „Ehre den vergessenen Opfern“ wird diesen hier nicht wirklich zuteil, vielmehr verdoppelt sich das Vergessen: Vergessene Opfer an einem vergessenen Gedenkort.

Sensibles Gedenken?

geschrieben von Hans Canjé

5. September 2013

Notizen von einem Geschichtsseminar der Friedrich-Ebert-Stiftung in
Oranienburg

Juli-Aug. 2007

Das faschistische Konzentrationslager Sachsenhausen, war, wie der Historiker Hermann Kaienburg in seiner jüngsten Veröffentlichung nachweist, „ein Organisationszentrum, in dem sich die verschiedenen Gewaltpotentiale wirkungsvoll miteinander verbinden ließen“. Hier wurden u.a. SS-Totenkopfverbände auf ihren Einsatz in den überfallenen Ländern des Ostens vorbereitet. Hier sind in den Jahren von 1937 bis 1945 etwa 200. 000 Häftlinge aus annähernd 45 Nationen eingesperrt, gedemütigt, gefoltert und für die Rüstungsindustrie ausgebeutet worden. 30-35 000 Häftlinge haben das Lager und seine rund 100 Außenlager und – Kommandos nicht überlebt. Den systematischen Mordaktionen der SS fielen über 15 000 sowjetische Kriegsgefangene zum Opfer. Anfang August 1941 wurden bei einer Massenexekution etwa 13 000 von ihnen ermordet.

„Geschichte im Dissens – Die Auseinandersetzungen um die Gedenkstätte Sachsenhausen nach dem Ende der DDR“ ist der Titel einer umfangreichen Studie aus dem Leipziger Universitätsverlag. Der hier abgehandelte Dissens besteht in der historischen Einordnung des faschistischen Konzentrationslagers Sachsenhausen (1937-1945) und des nach der Befreiung auf diesem Gelände installierte sowjetischen Internierungs- resp. „Speziallager Nr.7/Nr.1“ (1945-1950). Der Dissens hält an, auch wenn sich Historiker auf die These geeinigt haben, das eine Lager dürfe durch das andere „weder relativiert noch bagatellisiert werden“. Der skandalöse Auftritt des Brandenburgischen Innenministers Jörg Schönbohm anlässlich der diesjährigen Befreiungsfeier am 23. April hat diesen Dissens anschaulich gemacht. Demonstrativ hatte er an der Hinrichtungsstätte und dem Standort des Krematoriums, der „Station Z“, unter Protest der ehemaligen KZ-Häftlinge beide Lager auf eine Stufe gestellt, undifferenziert Opfer und Täter gleichgestellt.

Diese Nachkriegsgeschichte Sachsenhausens war Gegenstand eines Seminars, zu dem die Friedrich-Ebert-Stiftung gemeinsam mit der Gedenkstätte Sachsenhausen vom 22.-23. Juni nach Oranienburg eingeladen hatte. Überschrift „Sensibles Gedenken – Die Geschichte des sowjetischen Speziallagers Sachsenhausen an einem Ort mit zweifacher Vergangenheit“. „Zweifache Geschichte“, das ist der vor allem bei den Opfern des Faschismus mit großem Vorbehalt aufgenommene gemeinsame Nenner unter dem Historiker die Geschichte Sachenhausens, dieses sensiblen Ortes vor und nach 1945, zusammenfassen.

Bis heute, so war in der Einladung zu lesen, „haben emotionale Abwehr, einseitige Wahrnehmung, Instrumentalisierung sowie weltanschauliche Voreingenommenheit den Blick auf die Lagergeschichte verstellt.“ Hier wären meiner Meinung nach zu nennen: Die Instrumentalisierung der“zweiten Vergangenheit“ als „rotes KZ“ in den Jahren des Kalten Krieges als Beispiel für die Richtigkeit der Totalitarismusdoktrin „Rot ist gleich Braun“. Außerdem die Fortsetzung dieser Instrumentalisierung nach der „Wende“, um die DDR über die Diskriminierung des Antifaschismus als totalitäres Regime zu delegitimieren.

Genau diese Vorgehen hat bei einstigen Häftlingen des faschistischen Lagers Bedenken ausgelöst wegen der damit verbundenen Relativierung der faschistischen Barbarei. Bedenken, die bis in unsere Tage nicht beseitigt sind. Einem „sensiblen Gedenken“ an unschuldige Insassen des Speziallagers wollen sich die überlebenden KZ-Häftlinge nicht verweigern. Sensibles Gedenken aber heißt zu differenzieren zwischen Unschuldigen und den Häftlingen, die z.B. als KZ-Schergen Blutschuld auf sich geladen haben. Heißt auch anzuerkennen, dass vor dem Speziallager das KZ als Mord- und Terrorstätte des faschistischen Regimes stand.

Zum Seminar waren drei einstige Häftlinge des Speziallagers als Zeitzeugen geladen, die als Jugendliche von den sowjetischen Behörden festgenommen und in Sachsenhausen inhaftiert worden. Dazu kamen Angehörige ehemaliger Häftlinge, Lehrerinnen und an Zeitgeschichte Interessierte, die erfahren wollten, wie es dann wirklich war mit diesem Lager, wer dort zum Beispiel inhaftiert war. Dr. Ines Reich von der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätte sprach dazu auf der Grundlage des aktuellen Forschungsstandes und der Erschließung neuer deutscher und russischer Quellen in ihrem hochinformativen und sachlichen Eröffnungsvortrag. Da ist vieles noch unerforscht. „Wir wissen immer noch nicht endgültig, wer im Speziallager war.“ Das betrifft den Komplex der wegen ihrer NS-Vergangenheit Inhaftierten, den aus politischen Gründen immer wieder (bis heute noch) zu hoch angegebenen Anteil jugendlicher Häftlinge oder von Mitgliedern der SPD. Ein „Vernichtungslager“ war das Speziallager nicht. Für diese immer wieder zu hörende Behauptung gibt es keinerlei Beweise. Die Zahl von 60 000 Häftlingen von Mai 1945 bis zum Frühjahr 1950 dürfte, wie die Zahl von 12 000 Todesfällen der Realität nahe kommen. Die Häftlinge sind mehrheitlich nach der Herabsetzung der Lebensmittelrationen 1946/47 und daraus resultierenden Krankheiten gestorben. „Es ist niemand gefoltert, erhängt oder erschossen worden“, bestätigt Horst Jänischen, der als 15jähriger verhaftet und bis Juli 1948 in Sachsenhausen inhaftiert worden war.

Gedenkstättenleiter Morsch rief die gern verdrängte Tatsache in Erinnerung, dass zu der Zeit, als im Westen die „Roten KZ“ „hochgejubelt“ wurden, die NS-Opfer dort diskriminiert wurden, um ihre Entschädigung zu kämpfen hatten. In seinen Thesen zur „Zukunft der Erinnerungskultur“ unterstrich er: „Das Gedächtnis an das KZ und das Speziallager muß getrennt bleiben“.

Sachlich analysiert

geschrieben von Axel Holz

5. September 2013

Jude und Judenbild im Literaturunterricht der DDR

Juli-Aug. 2007

Mathias Krauß: Völkermord statt Holocaust

Jude und Judenbild im Literaturunterricht der DDR

Anderbeck-Verlag 2007, 14,80 €

ISBN 978-3-937751-39-9

War die DDR antisemitisch? War allein der kommunistische Widerstand Thema im Schulunterricht? Hat die DDR-Schule vierzig Jahre lang den Holocaust verschwie-gen? Viele Fragen und unterschiedliche Antworten, denn vieles ist mittlerweile ver-gessen und ein schräges DDR-Bild fast schon gewohnter Alltag. Erst kürzlich hat sich die Wochenzeitung „Freitag“ ausführlich damit beschäftigt, ob und wie die DDR antisemitisch war. Antisemitismus, Antizionismus und antiimperialistische Kritik an der Politik Israels wurden dabei voneinander unterschieden. Wie nötig das ist, zeigt die aktuelle Diskussion, in der immer wieder Kritik an der Politik Israels als antisemitisch abgetan wird.

Mathias Krauß hat sich nun mit den Wurzeln dieser Diskussion in der DDR beschäftigt – speziell mit der Auseinandersetzung um Faschismus und Holocaust im Schulunterricht der DDR. Tatsächlich hat sich die DDR-Schule mit dem Judentum so wenig beschäftigt wie mit dem Christentum und dem Islam. Auch wird man den Begriff Holocaust in den Schulbüchern, Lehrbüchern und Unterrichtsmaterialien der DDR nicht finden. Statt dessen ist vom Völkermord die Rede, den es tatsächlich nicht nur an jüdischen Menschen fast aller europäischen Völker gab, sondern auch an den Polen, Weißrussen, Ukrainern und den Völkern Jugoslawiens.

Wurde wegen dieses anders verwendeten Begriffes das Thema Judenverfolgung im DDR-Unterricht negiert? Keineswegs, denn allein über dreißig Texte setzten sich in den Schulbüchern von der sechsten bis zwölften Klasse mit den Themen Faschismus, Widerstand, Judenverfolgung, KZ und Völkermord auseinander. Zweifellos fielen dabei Behinderte, Sinti und Roma und auch Homosexuelle als Opfergruppe unter den Tisch. Aber die kritische Auseinandersetzung mit dieser Einseitigkeit der Opferbetrachtung hat in vielen Teilen Europas ihre eigene schwierige und langwierige Geschichte. Auch die Profilierung des kommunistischen Widerstandes in der DDR gegenüber vielfältigen anderen Widerstandsformen findet in der Überhebung des militärischen Widerstandes und dem zeitweiligen Verschweigen jeglichen anderen Widerstandes sein durch den kalten Krieg geprägtes westdeutsches Pendant.

Den westdeutschen Leser wird überraschen, dass allein 85 Texte jüdischer Autoren im Anhang genannt werden, die zum Lehrstoff des Literaturunterrichtes der DDR zählten und von denen er in seinem eigenen Schulunterricht vielleicht kaum etwas gehört hat. Ausführlich wird in diesen Texten auch auf das Thema Judenverfolgung eingegangen. Ein Fazit des Autors: Wenn Defizite vorhanden waren – den für die Deutschstunde ausgewählten Werken jedenfalls können sie nicht angerechnet werden. Bezeichnend ist auch die Auseinandersetzung mit der Judenverfolgung im faschistischen Deutschland außerhalb des Unterrichts. Der Roman von Peter Edel „Die Bilder des Zeugen Schattmann“ etwa und dessen vierteilige Verfilmung des DDR-Fernsehens aus dem Jahre 1973, zeigt detailliert den Rassismus, das perfide System der Judenverfolgung und deren Leben in Angst und Schrecken, die Kollaboration der deutschen Nachbarn aber auch die erlebte Solidarität auf. Der Hauptdarsteller Gunter Schoß war beim Thema Völkermord in seiner eigenen Familie auf eisernes Schweigen gestoßen. Kein Wunder, denn seiner Vater war aktiver SS-Offizier. Die Auseinandersetzung mit dem faschistischen Völkermord hatte ihm erst die Schule ermöglicht und damit die Grundlage gelegt für sein eigenes antifaschistisches Wirken in Funk und Fernsehen.

Das Buch von Mathias Krauß wendet sich einerseits an die ostdeutschen Leser, erinnert sie an jene interessanten Tex zur Auseinandersetzung mit Krieg, Völkermord und Faschismus, denen kaum ein Schüler unter dem Diktat des Einheitslehrplanes entgehen konnte. Es zeigt dem Leser aber auch mögliche Interpretationen des Lesestoffes auf, die in der DDR unter den Tisch fielen oder nur selten aufgegriffen wurden. Dabei wird der einstige Schulstoff um Informationen ergänzt, die im Unterricht keine Rolle spielten, obwohl sie zur Einordnung und das Verständnis des jeweiligen Werkes wichtig gewesen wären. Das Buch wendet sich auch an den westdeutschen Leser, dessen Bild vom Schulunterricht der DDR aus nachvollziehbaren Gründen sicher deutlich anders ausfällt und der hier mit einer literarischen Welt konfrontiert wird, von deren Existenz er möglicherweise bislang nichts geahnt hat.

Schweigen und Auflehnen

geschrieben von Ernst Antoni

5. September 2013

Aufforderung, den Dichter Wolfgang Bächler zu lesen

Juli-Aug. 2007

Bücher von Wolfgang Bächler:

Die Zisterne, Esslingen 1950

Der nächtliche Gast, Frankfurt/M. 1953

Lichtwechsel 1 u. 2 (Esslingen 1955/1960)

Türklingel, München 1962

Türen aus Rauch, Frankfurt/M. 1963

Traumprotokolle, München 1972

Ausbrechen, Frankfurt/M. 1976

Stadtbesetzung, Frankfurt/M. 1979

Die Erde bebt noch, Frankfurt/M. 1982

Nachtleben, Frankfurt/M. 1982

Im Zwischenreich, München 1985

Ich ging deiner Lichtspur nach, Frankfurt/M. 1988

Im Schlaf, Frankfurt/M. 1988

Einer, der auszog, sich köpfen zu lassen, Frankfurt/M. 1990

Wo die Wellenschrift endet, Denklingen 2000

Ausbrechen/ aus den Wortzäunen,/ den Satzketten,/ den Punktsystemen,/ den Einklammerungen,/ den Rahmen der Selbstbespiegelungen,/ den Beistrichen, den Gedankenstrichen/ – um die ausweichenden,/ aufweichenden Gedankenlosigkeiten gesetzt – / Ausbrechen/ in die Freiheit des Schweigens.

Gedichte von Wolfgang Bächler aus mehr als 30 Jahren (von 1943 bis 1975) waren in einer Lyriksammlung vereinigt, die der Frankfurter S.Fischer-Verlag vor wiederum mehr als 30 Jahren, 1976, herausgegeben hat. Das Gedicht „Ausbrechen“ stand am Schluss und gab dem Band den Titel.

Die „Freiheit des Schweigens“ hat sich der Dichter Bächler, der am 24. Mai 2007 im Alter von 82 Jahren in München gestorben ist, in den folgenden Jahrzehnten noch oft genommen. Verstummt allerdings ist er, zumindest was die Wahrnehmung in der literarischen Öffentlichkeit betrifft, erst am Ende des vergangenen Jahrhunderts. In den nicht allzu üppigen Mediennachrufen war gerne vom „Bohemien“ Bächler die Rede. Ein Poet, den es aus dem Allgäu ins west-östliche Berlin verschlug, dann ins existentialistische Paris und schließlich für lange Zeit nach München-Schwabing.

Bis in die 90er-Jahre gab es immer wieder zu Büchern gewordene literarische Wortmeldungen des Mitbegründer der Gruppe 47, dem es Zeit seines Lebens und Schaffens an der „Hoppla-jetzt-komm-ich“-Attidüde mangelte, die schon 1947 im Literaturbetrieb nützlich war. Zudem war Bächler vor allem Lyriker und die haben es ohnehin schwerer.

Größere Aufmerksamkeit mit Prosatexten erfuhr er eigentlich nur mit seinem Buch „Traumprotokolle“ (1972) – eine selbsttherapeutische Maßnahme des immer wieder von schweren Depressionen Geplagten. Ein „Auskunftsbuch“ nannte er es. Die darin zwischen 1954 und 1969 entstandenen in Tagebuchform aufgezeichneten Traumepisoden können auch heute – sollte sie wieder einmal ein Verlag veröffentlichen wollen – nicht nur Analytikern, sondern auch Zeit-, Gesellschafts- und Literaturhistorikern interessante Auskünfte geben. Sprachliche Meisterstücke sind sie überdies.

Schon die Titel von Bächlers Büchern zeigen, dass da einer nicht in Wolkenkuckucksheimen wohnen wollte: „Stadtbesetzung“ (1979), „Die Erde bebt noch“ (1982), „Einer. der auszog, sich köpfen zu lassen“ (1990). Im Internet-Literaturmagazin „Titel“ war zu Bächlers 80. Geburtstag eine schöne Würdigung von Carl Wilhelm Macke zu lesen. Mit diesem Zitat: „Die jungen Deutschen meines Alters hatten besser schießen als lesen und schreiben gelernt…Ich sollte auch schießen lernen. Aber meine Hand zitterte, wenn ich schießen musste. Ich traf die Zielscheibe nicht…Ich traf die Menschen nicht…Ich schoß immer daneben. Ich hätte nur mich selber erschießen können.“

In Bächlers Träumen, seinen Gedichten, seiner Prosa, ging es immer wieder um Krieg, um den Faschismus und auch um das Aufbegehren, damit so etwas nie wieder geschehen kann. Um die „rauchenden Krater“ und den „Ruß der Rüstungsfabriken“.

Ein „Sozialist ohne Parteibuch“ sei er, hat er einmal geschrieben, „ein Deutscher ohne Deutschland“. Bei seiner Beerdigung sprachen immerhin zwei Buchverleger – und, sehr einfühlsam, ein Pfarrer, der offen gestand, dass er vorher nicht gewusst hatte, wen er da als Schäflein in seiner Gemeindekartei hatte. Weshalb er sich schnell noch in dessen Werk habe einlesen müssen. „Als ich Soldat war, sprach ich kein Gebet./Die ersten schrillen Kugeln trafen Gott.“, heißt es in einem Bächler-Gedicht.

Mitte der 80er-Jahre ist Wolfgang Bächler in die VVN-BdA eingetreten. Deren „Erinnern für die Zukunft“ entsprach seinem Welt- und Kunstverständnis. Bis zu seinem Tod ist er dabei geblieben. Gedenken wir seiner, indem wir es wie sein Pfarrer halten und uns einlesen in sein dichterisches, selten vordergründig „politisches“ Werk.

„Liebe Deine Rasse“

geschrieben von Anne Rieger

5. September 2013

Neonazistinnen auf dem Vormarsch

Juli-Aug. 2007

Im September vergangenen Jahres gründete die NPD ihre Frauenorganisation „Ring nationaler Frauen“, RNF. Gitta Schüßler, Mitglied der sächsischen NPD-Landtagsfraktion, ist Bun-dessprecherin. „Ziel der RNF ist vorrangig in der Öffentlichkeit auf die Anliegen weiblicher Nationalistinnen aufmerksam zu machen, … und auch als Sprachrohr der nationalen Frauen – nach innen und nach außen – zu dienen.“ So in der Presseerklärung anlässlich der Gründung. Der RNF verstehe sich auch als eine Art Dachverband, der gerne sämtliche nationalen Frauen zusammenbringen möchte … und die möglicherweise existierende Hemmschwelle, in die Par-tei einzutreten, abbauen will. Zu dem im Januar 2007 in der Berliner Parteizentrale der NPD durchgeführten zweiten bundesweiten Treffen des RNF erklärte RNF-Sprecherin Stella Palau „Vertreterinnen aus vielen Teilen Deutschlands waren angereist“.

Die neofaschistische Szene gilt gemeinhin als Männersache. Doch verstärkt tauchen seit Be-ginn der 90er Jahre neofaschistische Frauenorganisationen auf. Es gibt für alle Angebote, für nationale Mamis, Skingirls oder altbackene Kaffeekränzchen für braune Omis. Wer für rechtsextremistische Häftlinge Päckchen packt, findet sich in der so genannten HNG – der Hilfsgemeinschaft nationaler Gefangener – wieder, das „braune Kreuz“, der so genannte Na-tionale Sanitätsdienst lockt „medizinisch Interessierte“. Der „freie Mädelbund“ wendet sich an junge Frauen, die „noch“ keine Kinder haben.

Speziell Mütter ruft die Gemeinschaft deutscher Frauen (GDF) auf. Sie stellt dafür eine „Zwergenseite“ ins Netz. Die Nachfolgeorganisation des Skingirl Freundeskreises Deutsch-land, davor Skingirl Front Deutschland, ist die größte neofaschistische Frauenorganisation. Sie wendet sich an „nationale“ Frauen mit dem Aufruf „leben in einer Zeit, in der wir uns un-serer Rolle, in der deutschen Volksgemeinschaft immer wieder auf ein neues klar machen müssen“, behauptet „in Deutschland gab es nie eine faschistische Bewegung“, weist auf NPD-Aufmärsche hin und stellt eine Karte ins Netz, auf der die „Wiedervereinigung“ mit polni-schen Gebieten gefordert wird.

Andrea Röpke, Politologin und freie Journalistin, Expertin auf dem Gebiet der Neofaschisten, beschäftigt sich intensiv mit der Neonazistinnenszene. Ihr Buch „Die Retterin der weißen Rasse – Rechtsextreme Frauen zwischen Straßenkampf und Mutterrolle“, sowie ihre Anfang des Jahres veröffentlichte DVD „NEONAZISTINNEN – Frauen in der rechten Szene.“ sind wahre „Who is who`s“ der neofaschistischen Frauenszene. Am Bundesvorstandsmitglied der NPD, Stella Palau, zeigt sich, mit welcher Konsequenz Frauen ihre neofaschistische „Mission“ verfolgen: Sie führte den Skingirlfreundeskreis Deutschland, war Gründungsmitglied der GDF, ist jetzt Sprecherin der RNF.

Renate Feldmann vom Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus, weist darauf hin, dass es ebensoviel „rechts“ denkende Frauen wie Männer gebe. In Neonazi Gruppen und Or-ganisationen seien zwischen 20 und 30 Prozent Frauen zu finden, in Parteien zwischen 7 und 20 Prozent. Der Generalsekretär der NPD, Peter Marx, gab im Februar 27 Prozent Frauenan-teil in der NPD an, bei Zugängen sogar 50 Prozent.

Die Neonazistinnen arbeiten als ganz normale Frauen in ganz normalen Berufen. Sie sind un-auffällig und anpassungsfähig, „die Netten von nebenan“. „Die Gefahr, die von dieser Szene ausgeht, wird unterschätzt“, so Michela Kötting, Sozialwissenschaftlerin an der Uni in Göt-tingen. Und die Soziologin Renate Bitzan weist auf eine grundlegenden Veränderung hin: Rechtsextreme, nationalistische gesinnte Männer müssen sich ihre Freundinnen und potentielle Ehefrauen nicht mehr außerhalb der Szene suchen. „Komplette Familien werden heute nach einem rechten Weltbild erzogen“. Da passt es, wenn die völkische Truppe „Heimatreue Deut-sche Jugend“ HDJ, die größte Jugendbetreuende Neonazis Organisation, Kinder ab 7 Jahren in Zeltlagern „ideologisch erzieht“. In ihrer Zeitschrift Funkenflug heißt es: „Doch aus den sittlich hoch stehenden, untadeligen Menschen wurde nichts mehr. Die letzten Reste des gro-ßen Traums gingen 1945 in den Trümmern der Reichshauptstadt unter.“

Offenbar werden diese Kinder, insbesondere die Mädchen zur Retterin der weißen Rasse er-zogen. „Gegenwärtig ist im Rechtsextremismus eine transnational kompatible pan-arische Ideologie auf dem Vormarsch, die in der Szene selbst auch so genannt wird. Diese pan-arische Ideologie ist nicht mehr slawophob wie der Nationalsozialismus; sondern sie bezieht ausdrücklich alle „Arier“ mit ein – also Angehörige der „weißen Rasse“, wo immer sie sich aufhalten, sei es in Russland, in Südamerika, sei es in Nordamerika, in Australien oder ir-gendwo anders auf der Welt. Für die Vertreter dieser pan-arischen Ideologie geht es vor allem darum, die „weiße Rasse“ zu bewahren und nicht mehr in erster Linie die Nation“, beschreibt Thomas Grumke auf einer Tagung der Friedrich Ebert Stiftung 2005 die internationale Situa-tion des Antisemitismus.

Brechts letzte Liebe

geschrieben von Alfred Fleischhacker

5. September 2013

Ein Buch über Isot Kilian

Juli-Aug. 2007

Marginalie

Ditte von Arnim

Brechts letzte Liebe- das Leben der Isot Kilian

Transit Verlag

Euro 18.80

Auch die nicht kleine Schar von intimen Kennern des Dramatikers Bertolt Brecht wird beim Lesen dieses Buches auf ihre Kosten kommen. Wer hingegen hinter dem Titel erotische Enthüllungen vermutet, wird enttäuscht werden. Der Band reflektiert über Persönlichkeiten , die im 20. Jahrhundert wirkten und Spuren hinterließen die bleiben werden. Er betrachte das Leben der Schauspielerin Isot Kilian.

Wer war diese Frau, von der Brecht 1954, ohne zu diesem Zeitpunkt wirklich sicher zu sein , dennoch ahnend festgehalten hatte, dass sie vielleicht seine letzte Freundin sein würde? Isot wurde 1924 in einer antifaschistisch geprägten Familie in Berlin Köpenick geboren. Vater und Mutter waren aktive Mitglieder der KPD. Dies sollte alsbald Folgen haben, die sich der noch sehr jungen Isot für immer einprägten. Musste sie doch miterleben wie ihr Vater schon kurz nach der Machtergreifung der Nazi Partei während der Köpenicker Blutwoche im Juni 1933 von braunen Schlägern des nun herrschenden Systems verschleppt und schwer misshandelt wurde. Um der ständigen Bedrohung zu entkommen, zog die Familie nach Hamburg.

Dort traf Isot auf einen etwa Gleichaltrigen, sein Name: Wolfgang Borchert. Wie sie selbst verachtete er die Nazis, las viel, wollte Schauspieler werden. Es stellte sich heraus, dass die beiden gemeinsame Interessen hatten. Sie kamen sich näher, verliebten sich ,Isot wurde schwanger. Sie waren glücklich miteinander . Der 2.Weltkrieg begann. Borchert wurde einberufen, stemmte sich gegen das ihm und Millionen zugedachte Los, Kanonenfutter für ein größenwahnsinniges Regime zu werden. Von den vier Soldaten-Jahren verbrachte er fast anderthalb Jahre in Haft., wurde wegen Hochverrat und Wehrkraftzersetzung angeklagt. Wie durch ein Wunder kehrte er physisch heil, psychisch jedoch schwer krank, nach dem Ende des Krieges nach Hamburg zurück. Es blieben ihm nur noch zwei Jahre, seine Kriegserlebnisse dramatisch zu verarbeiten. Vor genau 70 Jahren starb mit ihm sein großes Talent. Sein Stück „Draußen vor der Tür“ wird auch kommende Generationen an ihn erinnern.

Ein Jahr später fuhr seine Freundin mit der kleinen Tochter wieder nach Berlin. Sie wurde Mitglied einer kleinen Schauspielergruppe ,die ihrem Publikum mit Gedichten und Songs von Brecht in der noch stark von Ruinen gezeichneten Stadt Mut und Zuversicht für einen friedvolleren Neuanfang vermitteln wollte. Im selben Jahr kamen Brecht und Helene Weigel nach 15 Jahren Emigration über Prag nach Berlin. Ein Jahr später wurde Isot Kilian Mitglied des Berliner Ensembles.

Ditte von Arnim lässt ihre Leser teilhaben an dessen Entstehen . Als einstige Mitarbeiterin des Brecht Archivs ist sie eine bestens informierte Chronistin., sie war auch gut bekannt mit Isot Kilian.. Die vertraut ihr ihre 1982 begonnenen Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Brecht an. Der Leser erfährt, wie sich ganz behutsam ein von gegenseitiger Zuneigung geprägtes Verhältnis entwickelte. Es festigte sich durch die Ereignisse des 17. Juni l953 in Berlin und der DDR. Isot Kilian wurde in jenen stürmischen Tagen auch zu einer politisch Vertrauten, als Überbringern von Botschaften Brechts an Otto Grotewohl und Walter Ulbricht.

Die Kilian war ganz nahe bei Brecht als das Ensemble 1954 und 1955 in Paris mit „Mutter Courage und ihre Kinder“(mit Helene Weigel in der Hauptrolle) und weiteren Stücken des Dramatikers, wahre Triumphe feierte. Die Autorin entzieht sich nicht der Pflicht die Ehe zwischen Isot Kilian und Wolfgang Harich, die Anfang der 50er Jahre geschlossen wurde, kurz zu skizzieren. Eine Liaison mit einem ebenfalls herausragenden Menscher mit Visionen und Begabungen, der letztlich an den Verhältnissen scheiterte, die zum Besseren zu wenden er sich zur Aufgabe gemacht hatte. Die Beziehung währte nur kurz und barg wohl durch die sehr unterschiedlichen Charaktere der beiden von Anfang an den Keim des Scheiterns in sich .

Ditte von Arnim hat es glänzend verstanden , oft mit wenigen prägnanten Sätzen ,die in diesem Buch Portraitierten in Bezug zu der realen Umwelt zu bringen, in der sie wirkten. So bekommen Ereignisse die mehr als ein halbes Jahrhundert zurück liegen auch für später Geborene scharfe Konturen: Der Sieg der Alliierten über Hitlerdeutschland,. der bald danach beginnende Kalte Krieg, das Entstehen von zwei Deutschen Staaten Im Mittelpunkt des Buches stehen aber das Leben von Isot Kilian und einige wenige sehr glückliche Jahre an der Seite von Brecht. Sie enden mit dem Tod des großen Dramatikers 1956. Eine Lektüre die spannend geschrieben, von der ersten bis zur letzten Seite fesselt..

Ein Widerständiger

geschrieben von Heinrich Fink

5. September 2013

Willi Sitte – Partisan, Künstler, Aufklärer

Juli-Aug. 2007

Zur Erinnerung an die Befreiung vom Mussolini- und Hitlerfaschismus treffen sich in jedem Jahr im Juli Partisanen Italiens mit europäischen Mitkämpfern. Gern habe ich mit der Gruppe unserer württembergischen VVN-BDA als Gast daran teilgenommen. Am Felsendenkmal für die Partisanen, die in den Bergen umgekommen sind, sprach mich ein italienischer Veteran an: „Wenn sie aus Deutschland sind, dann kennen Sie doch Willi Sitte?“. Ja, Willi Sitte ist einer der bedeutendsten Maler und Graphiker der DDR. Und der Italiener fiel mir freudig ins Wort: “ … und als deutscher Deserteur kämpfte er auf unserer Seite, ein Genosse, ein guter Kommunist! Er ist als deutscher Soldat zu uns übergelaufen, hat für uns Flugblätter geschrieben, gedolmetscht und mit uns für die Befreiung Italiens und Deutschlands gekämpft.“ Seine italienischen Kameraden erinnern sich, wie er als 23-Jähriger in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges in einem kleinen italienischen Dorf für sie den „Totentanz des Dritten Reiches“ gemalt hat. Mir kommen Bilder von ihm vor die Augen „Lidice“ ein Diptychon zur Erinnerung an das Dorf in Tschechien, das von der deutschen Wehrmacht vernichtet wurde als Vergeltung für das Attentat auf Heidrich. Dieses Bild steht auch für das Massaker von Oradour in Frankreich oder für Kalavrita in Griechenland. Ich denke aber auch an das Bild „Freiheitsgöttin über Vietnam“ von 1970. Sitte hat sein Leben lang bis heute gegen Krieg und Faschismus gemalt. „Memento Stalingrad“(1957) und „Kampf der Thälmannbrigade in Spanien“(1961) sind bewegendes Gedenken an den bewaffneten antifaschistischen Widerstand.

In dem Sonderheft „Ikarus“ der Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde, das als „Katalog (k)einer Ausstellung zum 80. Geburtstag Willi Sittes“ als Protest anlässlich des Ausstellungsverbots am Nürnberger Germanischen Nationalmuseum erschienen ist, ist Sittes politisches Werk in dem Beitrag von Peter Michel „Zeitsprünge – und ein Kontinuum – Gedanken zum Politischen im Werk Willi Sittes“ akribisch und eindrücklich beschrieben.

Der unermüdliche Widerstand gegen Unrecht, Ungerechtigkeit und Dummheit, den Willi Sitte fünf Jahrzehnte aktiv malend lebt, wird auch in dem 1995 im Dingsda-Verlag von Joachim Jahns herausgegebenen Bildband „Herr Mittelmaß 1949 bis 1995“ überzeugend dokumentiert. In seinem einleitenden Beitrag sagt Wolfgang Hütt: „Begegnungen des Zeichners und Malers Willi Sitte mit dem ‚Herrn Mittelmaß‘ sind sein Protest gegen die ‚Wendefähigkeit des Herrn Durchschnittsmenschen‘, wie sie Carl von Ossietzky schon zur Weimarer Republik beschrieben hat“.

Er stellt menschliche Schwächen dar, macht auf seine Weise ironisch Charakterlosigkeit und sogar Gesinnungslumperei anschaulich. Diese gesellschaftlich aufdeckenden Themen kennzeichnen schon seit 1963 seine künstlerischen Aussagen. Brechts „Rundköpfe und Spitzköpfe“ inspirierten ihn zu dem Bild mit dem Titel „Die aneinander vorbeireden“. 1977, angeregt von Majakowskis Gedicht „Die auf Sitzungen Versessenen“ übt er als prominenter Genosse ebenso unübersehbar wie nachdrücklich Parteikritik.

Nach der Übernahme der DDR durch die BRD ist eine seiner kritischen Metaphern Herr Mittelmaß in der neuen Gesellschaft. Er beschreibt in seinen Bildern, wie Herr Mittelmaß Morgenluft wittert, wie er stets Anschluss findet, weil er behende die Fahne wechselt, wie er zufrieden im Sessel sitzt, wie er die Avantgarde – Weltkunst – bewundert und er nun endlich für sich den aufrechten Gang entdeckt. Besonders eindrücklich für mich ist das Bild „Einer trage des anderen Last“ (1992) als gelungene Parodie auf das bekannte Bibelwort.

In diesem Band wird deutlich, wie Willi Sitte seine politische Überzeugung unbeirrt immer wieder in Bilder umsetzt. Er resigniert nicht, sondern analysiert die über ihn gekommene Gesellschaft. Mit Ironie und Satire fordert er als Zeitzeuge zum Nachdenken, Weiterdenken, und zum schöpferischen Widerstand heraus für eine Welt, die solidarisch das Leben und Überleben aller ermöglicht.

Psychologe und KZ-Häftling

geschrieben von Frank Horzetzky

5. September 2013

Victor E. Frankls Buch als Hörbuch erschienen

Juli-Aug. 2007

„Trotzdem Ja zum Leben sagen“ von Viktor E. Frankl

Hörbuch neu eingelesen von Martin Schwab

2007 Deutsche Grammophon Literatur

Als Viktor Frankl (geboren 1905, gestorben 1997 in Wien), 1942 mit seinen Eltern und seiner Frau im September 1942 in das Ghetto von Theresienstadt deportiert wurde, war er bereits ein bekannter Arzt. Er kam 1944 nach Auschwitz, Kaufering und Türkheim (zwei Nebenlager von Dachau). Seine Eltern, sein Bruder und seine Frau wurden in den Lagern ermordet. Nach seiner Befreiung ging er zurück nach Wien, wurde Privatdozent für Neurologie und Psychiat-rie an der Wiener Universität, gründete die „Österreichische Ärztegesellschaft für Psychothe-rapie“, begründete später die Logotherapie und die Existenzanalyse und war ein international anerkannter Psychiater und Psychotherapeut.

Dieses Buch gehört zu den Texten die man nur widerstrebend in den CD-Player legt – sich fragend, ist das jetzt der Moment, in dem ich das vertragen kann? – und der einen dann doch fesselt und nicht mehr losläßt und weiterbeschäftigt, lange über das eigentliche Zuhören hin-aus. Man hatte es geahnt. Denn es ist nicht so einfach, sich aus dem bundesdeutschen Alltag 2007 kommend, auf diesen 61 Jahre zurückliegenden Bericht eines KZ-Überlebenden über seine Zeit in den Lagern einzulassen. Quasi hinabzusteigen in die tiefsten Abgründe unserer deutschen Geschichte, die doch noch gar nicht so lange zurückliegen. Aber das „Wagnis“ lohnt sich.

Frankls Erinnerungsbericht entstand 1946, nur ein Jahr nach seiner Befreiung aus dem Lager. Der ursprüngliche Titel lautete: „Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager.“ Frankls Ab-sicht war eine psychologische Analyse der Situation der Häftlinge. Ihm ging es nicht um ei-nen Tatsachenbericht sondern darum, Außenstehenden die Erlebnisweise der Häftlinge ver-stehbar zu machen. Dementsprechend, und das ist eine Stärke seines Textes, nimmt die Be-schreibung ihres Denkens und Fühlens einen größeren Raum ein als die der unmenschlichen äußeren Umstände. Die SS, die Lagerverwaltung und die allgegenwärtigen Bewacher und Pei-niger finden nur nebenbei und anonym Erwähnung. Es geht dem Autor um das Leiden der unbekannten Lagerinsassen, „den harten alltäglichen Kampf der zwischen den Häftlingen tob-te“, „den kleinen Tod des gewöhnlichen Häftlings“.

Frankl stellt in beeindruckender Weise die umfassende Entwertung dar, der alles zum Opfer fiel, das nicht unmittelbar mit der Lebenserhaltung zusammenhing, einschließlich des Gefühls überhaupt Subjekt zu sein, ein Wesen mit eigenem freien Willen und persönlichem Wert. Der unpathetische Ton von Frankls Sprache zieht uns in seinen Bann. Man könnte glauben, Frankl wollte seine Leser emotional nicht überfordern, wenn er betont nüchtern berichtet, wie der „Lageralltag“ ablief, die Darstellung persönlicher Schicksale im Hintergrund lassend. Darin gleicht Frankls Beschreibung einem anderen verstörenden Bericht aus der Menschenhölle, dem später erschienenen „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertes, der ebenso jede Emotionalisierung des Themas, die man erwarten könnte, vermieden hat und darum um so ir-ritierender, erschütternder, also berührender wirkte. Es ging ihm darum zu zeigen, wie der Mensch sich einerseits in so einer Situation in die unvorstellbarsten, erniedrigendsten Um-stände einfügt und andererseits seine innere Würde bewahren kann bis zum eigenen Tod.

Frankl zeigt, wie das Lagerleben den Menschen alles nehmen konnte bis auf „die letzte Frei-heit, sich zu den Verhältnissen im Lager so einzustellen“, dass er auch hier Mensch bleibt und seine Würde bewahrt, sprich sich von den unmenschlichen Verhältnissen nicht unmenschlich machen zu lassen. Frankl geht es um die Sinnfrage, um die in zentraler Weise sein späteres Lebenswerk kreisen sollte. Nicht nur ein schöpferisch leistendes und genießendes Leben habe einen Sinn. Wenn Leben überhaupt einen Sinn habe, dann gehöre auch das Leiden dazu. Un-abhängig von der Tatsache des Überlebens an sich versucht er zu ergründen, mit welcher Hal-tung der Mensch überlebt. Für ihn hat das Leben unter allen Umständen, Leiden, Not, Sterben und Tod, einen Sinn. Frankl zieht ein beeindruckendes Resümee: „Wir haben den Menschen kennen gelernt wie vielleicht noch keine Generation. Was also ist der Mensch? Er ist das We-sen, das immer entscheidet was es ist, er ist das Wesen, das die Gaskammern erfunden hat, aber zugleich ist er auch das Wesen, das in die Gaskammern gegangen ist, aufrecht und ein Gebet auf den Lippen.“

Frankl führt hier Opfer und Täter auf eine zutiefst menschliche und berührende Weise zu-sammen. Bei ihm gibt eine keinen Rassismus, keine Spur von Vorwurf an die Täter, keinen Haß, keine Verachtung. Das, worin die Stärke des Buches besteht, die Beschreibung individu-eller Nöte, mag anderen gleichzeitig als Mangel erscheinen, nämlich durch das Fehlen der Re-flektion von gesellschaftlichen Ursachen und Zusammenhängen. Aber das war nicht Frankls Anliegen, vielleicht sah er sich dazu auch nicht als berufen an. Dabei müssen wir verstehen, dass nach seiner Meinung niemand die Sinnfrage für sich allein, isoliert stellen kann. Für ihn bezieht sie das Gegenüber, den getrennten Anderen in seinem eigenen Recht, immer mit ein. Die Frage nach dem Lebenssinn ist so auch immer auf die Gemeinschaft bezogen. Gerade oh-ne diesen gemeinschaftlichen Bezug, sich der Verantwortung für die Menschen überhaupt bewusst zu sein, geht der Mensch seines Lebenssinnes verlustig.

Für uns, die wir heute nicht solchen extremen existentiellen Situationen ausgesetzt sind, stellt sich die Frage nach dem Lebenssinn auf andere Weise immer wieder neu. Victor Frankls Buch, das in Millionenauflage in vielen Sprachen erschienen ist, gehört zu den unverzichtba-ren Werken, in denen historische Erfahrungen menschlicher Existenz für die nachfolgenden Generationen aufgehoben sind.

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