Ein langer Weg

geschrieben von Janka Kluge

9. September 2021

Ravensbrück: Gedenkkugel zur Erinnerung an lesbische Opfer kann endlich kommen

Mitte Juli hat die Brandenburgische Gedenkstättenstiftung nach langer Auseinandersetzung beschlossen, dass auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Ravensbrück eine Gedenkkugel zur Erinnerung an verfolgte lesbische Frauen aufgestellt werden soll. Die Auseinandersetzung darüber reichte bis in die achtziger Jahre zurück. Bereits in der DDR hatten Lesbengruppen regelmäßig gefordert, dass im ehemaligen Konzentrationslager Ravensbrück auch an die inhaftierten lesbischen Frauen erinnert wird. Die von ihnen abgelegten Kränze wurden immer sofort entfernt und aus einem Gästebuch der Mahn- und Gedenkstätte die Seiten herausgetrennt, auf denen sie an die lesbischen Frauen erinnert hatten. Ein langer Weg weiterlesen »

Netzwerk der Intoleranten

geschrieben von Lina Dahm

9. September 2021

Datenleck bei rechtem Kampagnenprojekt CitizenGo

Matteo Fraioli, der Campaigns Director von CitizenGo aus Italien gibt sich kämpferisch: »Wir werden niemals aufgeben! Wir werden weiterhin unsere Stimme erheben, das Leben, die Familie und die Freiheit zu verteidigen.« Im Hintergrund ist das Gebäude des EU-Parlaments in Brüssel zu sehen, in dem die Abgeordneten kurz zuvor den sogenannten Mati-Report verabschiedet haben.

Fraioli ist Teil einer Delegation, die an diesem Tag rund 350.000 Unterschriften an die Mitglieder der Europäischen Volkspartei übergeben. Sie wollen damit erreichen, dass die Abgeordneten gegen den Bericht stimmen, der sexuelle und reproduktive Gerechtigkeit sowie LGBTIQ*-inklusive Bildung und Sexualaufklärung an europäischen Schulen gewährleisten soll. Die Aktion vor dem Parlament ist der vorläufige Abschluss einer Kampagne, hinter der die rechtskonservative Stiftung CitizenGo steht. Netzwerk der Intoleranten weiterlesen »

Von Anfang an erzählen

9. September 2021

Leserbrief von Marie-Louise Hänsel

Der Rostocker Puschkinplatz ist seit über sieben Jahrzehnten ein besonderer Begegnungsort (…). Es ist ein Ehrenfriedhof, auf dem 312 noch in den letzten Kriegstagen gefallene sowjetische Soldaten und sechs Offiziere sowie 397 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter ihre letzte Ruhestätte fanden. (…)

Am 22. Juni 2021, dem 80. Jahrestag des Überfalls Deutschlands auf die Sowjetunion, fand auf dem Puschkinplatz eine bewegende und in Erinnerung bleibende Gedenkkundgebung statt, die von dem Liedermacher Tino Eisbrenner musikalisch begleitet wurde. Rostocks Bürgerschaftspräsidentin Regine Lück (Die Linke) erinnerte in ihrer Rede an die grausamen Verbrechen, die die Deutsche Wehrmacht an den sowjetischen Menschen beging. Dr. Cornelia Nenz, stellvertretende Vorsitzende des Heimatverbandes Mecklenburg-Vorpommern sprach hier das erste Mal. Sie widmete sich besonders den schändlichen Verbrechen der Nazis an den sowjetischen Kriegsgefangenen. Sie berichtete aus dem Erleben ihres Vaters, Dr. Friedrich Lettow, der 1933 als Arzt vielen gefährdeten Menschen dazu verhalf, noch rechtzeitig über die tschechische Grenze zu fliehen. Er wurde verraten und saß von 1935 an bis zur Befreiung in KZs. Er war in Buchenwald, Natzweiler, Sachsenhausen und Bergen-Belsen. Mit bewegenden Worten berichtete Dr. Nenz: »Im Jahr 1941 war mein Vater im Konzentrationslager Buchenwald. In seinem Buch ›Arzt in der Hölle‹ schildert er, wie nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion die ersten sowjetischen Kriegsgefangenen ins Lager gebracht wurden und wie ausgehungert sie waren. Es dauerte nicht lange, bis sich die Nazis besonders perfide Ermordungspraktiken ausdachten: Sie ließen die sowjetischen Offiziere und sogenannte Kommissare zur angeblichen Größenbestimmung an eine Messlatte treten, an der alles so vorbereitet war, dass sie dort einen genau platzierten Genickschuss empfingen. An der Wand waren viele Lagen Papier angebracht; spritzte das Blut, dann wurde eine Lage abgerissen. Auf dem Boden waren Rillen, verstopfte das Blut die Rillen, mussten andere Häftlinge das Blut beseitigen«. Angesichts dieser Verbrechen sprach sie von einem Skandal, dass weder Bundestag noch Bundesregierung bereit waren, des 80. Jahrestages des Überfalls auf die Sowjetunion in angemessener Form zu gedenken. Einzig der Bundespräsident sprach im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst. Dr. Cornelia Nenz warnte vor Geschichtsklitterung, den 2. Weltkrieg erst von dem Tag an zu erzählen, als die Sowjetarmee in die deutschen Städte kam, also in das Ursprungsland des Krieges zurückkam. »Geschichte darf nicht halb, sondern muss von Anfang an erzählt werden. Als Warnung und Mahnung für unsere Nachkommen«, sagte sie.

Marie-Louise Hänsel

Den anderen Menschen nicht zum Fremdling machen

geschrieben von Mathias Wörsching (Berlin)

9. September 2021

Über antifaschistische Geschichtspolitik in der Einwanderungsgesellschaft

Etwa ein Viertel der Bevölkerung Deutschlands ist nichtdeutscher Herkunft oder hat mindestens ein Elternteil nichtdeutscher Herkunft. Je jünger die Altersgruppe, desto höher der Anteil: In vielen Großstadtvierteln haben mittlerweile die meisten Kinder und Jugendlichen den sogenannten Migrationshintergrund. Unsere VVN-BdA hingegen hat nur wenige Mitglieder, die nicht als deutsch und »weiß« wahrgenommen werden. Also werden wir von vielen Menschen mit Migrationshintergrund wohl zwangsläufig als Teil einer privilegierten »weiß«-deutschen Mehrheitsgesellschaft angesehen – während die VVN-BdA selbst Teil einer oppositionellen, häufig angefeindeten Minderheit ist und immer noch viele Verfolgte des Naziregimes (und erst recht deren Nachkommen) zu ihren Mitgliedern zählt. Wie beeinflusst diese Lage einen Kernbereich unserer Praxis – die Vermittlung des Erbes der Verfolgten und Widerstandskämpfer*innen? Müssen wir unsere historisch-politische Arbeit den heutigen multiethnischen und multikulturellen Bedingungen stärker anpassen? Falls ja – wie kann das gelingen? Den anderen Menschen nicht zum Fremdling machen weiterlesen »

Morts pour la France

geschrieben von Bernd Kant

9. September 2021

Missak Manouchian – ein armenischer Resistance-Kämpfer

Die Resistance in Frankreich wurde vielfältig von Emigranten unterstützt. Arbeitsmigranten und politische Flüchtlinge waren Mitstreiter auch in den bewaffneten Partisaneneinheiten. Eine der bekanntesten Persönlichkeit ist der Armenier Missak Manouchian. Er wurde am 1. September 1906 in Adıyaman im Osmanischen Reich geboren. Weil sie Armenier waren, flohen er und seine Geschwister vor türkischen Nationalisten 1925 zu Verwandten nach Frankreich. Dort arbeitete er als Fabrikarbeiter bei Citroën und wurde Mitglied der französischen KP. Dabei vergaß er seine armenischen Wurzeln nicht. Für die armenischen Migranten in Frankreich arbeitete er als Journalist und gründete eine Lyrikzeitschrift.

Da Missak Manouchian als Ausländer und Kommunist mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Frankreich im Juni 1940 in doppelter Hinsicht bedroht war, gab es für ihn nur die Entscheidung, sich in die migrantische kommunistische Partisanenorganisation FTP-MOI (Francs-tireurs et partisans – main-d’œuvre immigrée) im Bezirk Paris einzureihen. Die Basis dieser Arbeit waren die sozialen Netzwerke der Migranten, die weder für die Gestapo noch für den kollaborierenden französischen Geheimdienst zu durchdringen waren. Morts pour la France weiterlesen »

Ein Vernichtungskrieg

geschrieben von Ulrich Schneider

8. September 2021

80 Jahre nach dem Massaker von Babyn Jar

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 besetzte die Wehrmacht bis Oktober 1941 fast die gesamte Ukraine. Die Schlacht um Kiew hatten die Deutschen bereits Mitte September für sich entschieden. In der Stadt selbst begannen Einsatzgruppen sofort mit der Erfassung der knapp 50.000 jüdischen Einwohner, überwiegend ältere Männer, Frauen und Kinder. Die Wehrmacht stellte Kiew unter Besatzungsrecht und ernannte den Chef der Feldkommandantur 195, Generalmajor Kurt Eberhard, zum Stadtkommandanten von Kiew. Verantwortlicher Oberbefehlshaber war Generalfeldmarschall Walter von Reichenau.

Wenige Tage nach der Besetzung der Stadt kam es im Kiewer Stadtzentrum zu Explosionen und Bränden, die vermutlich von Partisanen ausgelöst wurden, bei denen mehrere Hundert Angehörige der Wehrmacht und Einwohner von Kiew ums Leben kamen. Am 27. September 1941 wurde beschlossen, alle Kiewer Juden zu ermorden und dieses Vorhaben als eine »Evakuierungsaktion« zu tarnen. Ein Vernichtungskrieg weiterlesen »

Bodenpolitik der Zukunft

geschrieben von Janka Kluge

8. September 2021

Hitlers koloniale Vorstellungen richteten sich gen Osten

»Wir fordern Land und Boden (Kolonien) zur Ernährung unseres Volkes und Ansiedlung unseres Bevölkerungs-Überschusses«, heißt es bereits im 25-Punkte-Programm der NSDAP aus dem Jahr 1920. Die Forderung nach Kolonien stellten in der Weimarer Republik mehrere konservative Vereine und Parteien. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg waren dem Deutschen Reich die Kolonien aberkannt worden.

Der amerikanische Diplomat W. R. Castle notierte 1922 über ein Gespräch mit dem Industriellen Hugo Stinnes: »Die Vision von Stinnes reicht weit. Er sieht, wie der Weg gen Osten sich wieder öffnet, das Verschwinden von Polen, die deutsche wirtschaftliche Ausbeutung von Russland und Italien. Seine Absicht ist friedlich und auf Wiederaufbau gerichtet. Wird sie nicht vielleicht doch zu einem neuen Krieg führen, falls wir und der Rest der Welt nicht gewillt sind, uns unter die deutsche Oberherrschaft zu begeben?« Stinnes war damit einer der ersten, die nach dem Ersten Weltkrieg erneut die politische Ausrichtung nach Osten vollzogen. Bodenpolitik der Zukunft weiterlesen »

Ein Denkmal für die SS

geschrieben von Ulrich Schneider

8. September 2021

Zedelgem/Belgien gedenkt der lettischen Legion

Geschichtsvergessenheit und Ansätze der Geschichtsrevision sind Tendenzen, die nicht nur in den baltischen Staaten, in Polen und der Ukraine zu erleben sind, sondern auch in Westeuropa. Besondere Schlagzeilen macht dabei die westflämische Kleinstadt Zedelgem. Vor drei Jahren entschied man sich, am Ort eines alliierten Kriegsgefangenenlagers ein Denkmal zu Ehren der hier umgekommenen lettischen SS-Freiwilligen zu errichten.

Laut Gemeinde entstand die Denkmalsidee am Ort des ehemaligen Internierungslagers durch staatliche lettische Stellen, die auch bei der Einweihung anwesend waren. Es ist ein Projekt der Gemeinde Zedelgem und des Museums der Besatzung Lettlands. Man erklärte der Gemeinde, dass es sich bei der »lettischen Legion« im eigentlichen Sinne um antibolschewistische »Freiheitskämpfer« gehandelt habe, die im Sinne europäischer Verständigung durchaus ein Denkmal verdient hätten. Und so wurde das Denkmal »Der lettische Bienenstock« am 23. September 2018 eingeweiht, etwa drei Kilometer  vom ehemaligen Kriegsgefangenenlager entfernt. Ein Denkmal für die SS weiterlesen »

Keine Insel der Seligen

geschrieben von Andreas Peham

8. September 2021

Rechter Terror auch in Österreich

Lange galt Österreich als vom Rechtsterror verschont – dem Werwolf-Terror der 1940er Jahre und dem Südtirol-Terror der 1960er Jahre zum Trotz. Und wenn, wie 1982, Neonazis aus dem Umfeld der Nationaldemokratischen Partei (NDP) doch Bomben (bei Juden bzw. jüdischen Einrichtungen) legten, dann haben sie das wie Ekkehard Weil als »Einzeltäter« getan. Auch die 1993 beginnende Terrorserie der »Bajuwarischen Befreiungsarmee« (BBA) beendete nicht, dass das massenmörderische Potenzial der Neonaziszene im Land ignoriert und heruntergespielt wurde.

Nach Jahrzehnten der Verharmlosung scheint das Bewusstsein der Bedrohung durch rechten Terror nun langsam wieder zu wachsen. Anfang Dezember vergangenen Jahres sah sich gar Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) gezwungen, vor der Gefahr zu warnen. Den unmittelbaren Anlass bot die Aufdeckung einer österreichisch-deutschen »Terrorallianz« (Kronen Zeitung) rund um den niederösterreichischen Neonazi Peter Binder (53). Bei mehreren Hausdurchsuchungen wurden ein riesiges Waffenarsenal und Sprengstoff sichergestellt. Keine Insel der Seligen weiterlesen »

Bildung unterwegs

geschrieben von Uwe-Jens Kluge

8. September 2021

Österreich zwischen Kollaboration und antifaschistischem Widerstand

Anfang Juli begab sich eine 14-köpfige Gruppe mit ihren Fahrrädern auf den Donau-Radweg von Passau nach Wien, um der österreichischen Geschichte der 30er und 40er Jahre des 20. Jahrhunderts auf die Spur zu kommen. Veranstalter war »Arbeit und Leben Herford«, ein vom DGB getragener Verein der Erwachsenenbildung, der in den vergangenen Jahren bereits eine Vielzahl von Gedenkstättenfahr-ten und antifaschistischen Bildungsreisen in unterschiedlichen Ländern Europas durchgeführt hat. Bildung unterwegs weiterlesen »

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