Miserable Tradition

geschrieben von Sebastian Schröder

6. November 2021

Viele Gründe gegen die Aufführung der »Feuerzangenbowle«

Die meisten kennen Heinz Rühmann in »Die Feuerzangenbowle« als schusselig-sympathische Figur Pfeiffer. Die Komödie spielt im Kaiserreich und handelt von einem Erwachsenen, der wieder in die Schule zurückkehrt, und den daraus entstehenden Verwicklungen. Wir kennen die Figur Pfeiffer, weil der Film seit 1969 regelmäßig im Ersten und den dritten Programmen der ARD ausgestrahlt wird, vorzugsweise in der Weihnachtszeit und um Silvester. Die ARD begründet dies auch heute damit, dass es »ein deutscher Filmklassiker« sei, »der sich nach wie vor großer Beliebtheit erfreut«.

Gedreht 1943, uraufgeführt im Januar 1944 – jetzt erklärt sich das unbestimmte ungute Gefühl, das sich beim Schauen einstellt. Natürlich wurde kein Film im Faschismus ohne Hintergedanken gemacht, auch die scheinbar harmlosen Filme haben ihre Funktion in der NS-Propaganda erfüllt. Miserable Tradition weiterlesen »

Eine Ahnung von Schuld

geschrieben von Gloria Diamant

6. November 2021

Über die »Kinder von Hoy« und einen »Schockmoment der deutschen Geschichte«

Die Autorin und Dokumentarfilmerin Grit Lemke hat ein Buch über ihre eigene Biografie in und mit Hoyerswerda geschrieben. Der Suhrkamp-Verlag kündigt an, hiermit werde zum ersten Mal »ein Schockmoment der deutschen Geschichte« literarisch aufgearbeitet. Das klingt gut und wichtig, zumal das Buch 30 Jahre nach dem rassistischen Pogrom in eben jener Stadt erscheint – wenn es denn nur stimmen würde. Falsche Erwartungen machen aber zum Glück noch kein schlechtes Buch.

Der Text ist angesiedelt zwischen Reportage und persönlichem Erfahrungsbericht. In dem autofiktionalen Ansatz, der die Erfahrungen der Autorin und zahlreicher Weggefährt*innen mit der Geschichte Hoyerswerdas nach 1949 verknüpft, liegt die Stärke von »Kinder von Hoy« in der Nähe zu dieser Geschichte und ihren Protagonist*innen. Eine Ahnung von Schuld weiterlesen »

Ein Buch gegen das Vergessen

geschrieben von Lisa Thomsen

6. November 2021

Schicksale der über 300 durch Neonazis Ermordeten

Mehr als 300 Menschen wurden nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland durch rechte Gewalttäter*innen ermordet. Weit mehr, als von offizieller Stelle anerkannt sind. Eine vollständige Dokumentation dieser Taten fehlte bisher. Entstanden aus dem Twitter-Account »KeinVergessen«, wird mit dem Buch diese Lücke nun endlich geschlossen und dafür Sorge getragen, dass die Opfer nicht vergessen werden.

Dabei hat der Autor Thomas Billstein es geschafft, ein sachliches, aber zugleich hochemotionales Buch zu schreiben. Es sind die sorgfältig recherchierten Fakten, die berühren, und jedes einzelne Schicksal zu der Tragödie machen, die es ist. Die Geschichte jedes einzelnen Opfers bekommt hier ihren Platz. Manchmal ist von den Menschen nur wenig bekannt, manchmal mehr. Und manchmal konnte nicht einmal mehr der Name herausgefunden werden, was es nicht weniger eindrücklich macht. Ein Buch gegen das Vergessen weiterlesen »

Rückkehr der Atomwaffe

geschrieben von Thomas Willms

6. November 2021

NATO-Generäle schreiben Romane. »Military Thriller« als Science-Fiction-Genre

Kaum in Pension, lieferte der zweithöchste NATO-General, der Brite Richard Shirreff, 2016 einen Roman über den nächsten Krieg mit Russland. Dies war vermutlich Ansporn für seinen guten Bekannten, den ehemals höchsten NATO-Militär, General James G. Stavridis, ihm nachzueifern und seinerseits den nächsten Weltkrieg und zwar mit der VR China aufs Papier zu bringen.

Die stark angloamerikanisch geprägten »Military Thriller« bilden streng genommen eine Untergruppe der Science-Fiction, wobei ihre Handlungen typischerweise in der »nahen Zukunft« angesiedelt sind. In jeder Hinsicht ist das Genre dem tatsächlichen Militär eng verbunden und damit natürlich im weitesten Sinne promilitär, wenn nicht offen militaristisch. Seine Autoren (weibliche scheint es zumindest unter Klarnamen nicht zu geben) pflegen enge Kontakte zum Militär, und umgekehrt werden die Romane insbesondere sehr häufig von Angehörigen der Streitkräfte gelesen. Wie Thriller im allgemeinen folgen sie Konventionen: Harte Kerle (mittlerweile häufig weiblichen Geschlechts) treffen einsame Entscheidungen, um den Angriff eines finstere Absichten hegenden Gegners zurückzuschlagen. Dieser verfügt außer dem Überraschungsmoment häufig noch über weitere taktische Vorteile, die die clevere amerikanische Seite zu überwinden hat, was gerne viele hundert Seiten lang anhält. Sozusagen dankbar aufgenommen (endlich mal wieder ein anständiger Gegner) werden die chinesischen und besonders die russischen Aufrüstungsprogramme mit ihrem Schwerpunkt auf futuristischen Waffensystemen, was die althergebrachte Rollenzuschreibung von Ost und West umkehrt. Die frühere US-amerikanische technologische Überlegenheit ist jedenfalls im Roman erledigt. Rückkehr der Atomwaffe weiterlesen »

Spurensuche in Puzzleteilen

geschrieben von Peps Gutsche

6. November 2021

In einer Graphic Novel zeichnet Bianca Schaalburg eine Familiengeschichte nach

Bianca Schaalburg zeichnet in ihrer Graphic Novel »Der Duft von Kiefern. Meine Familie und ihre Geheimnisse« behutsam die eigene Familiengeschichte von der Geburt ihrer Mutter 1939 bis zu ihrer eigenen Geburt 1968 nach. Dabei nutzt sie die Möglichkeiten, die der Comic als Medium bietet, um Welt- und Familiengeschichte, Vergangenheit und Gegenwart emotional zu verbinden.

Ausgangspunkt der Recherche, die die Grundlage für das Buch bietet und die Bianca Schaalburg gemeinsam mit ihrem Sohn durch Berlin, nach Lettland und Israel führt, ist die Frage nach der Rolle ihres Großvaters während der NS-Zeit. Sie enttarnt die deutsche und familiäre »Wir haben von nichts gewusst«-Erzählung durch die Analyse von Familienfotos, mithilfe des Soldbuchs ihres Großvaters, Recherchen in Landesarchiven und durch Gespräche. Ihr Großvater Heinrich Schott, gelernter Dentist und angeblicher Buchhalter, der bereits 1926 in die NSDAP eingetreten war und die jüngste Tochter Edda nach der Tochter Hermann Görings benannte, war als Leutnant 1942 bis 1944 in Riga stationiert. Fotos legen nahe, dass er im Rigaer Ghetto eingesetzt war. In den Wäldern rund um Riga wurden 1941 bis 1944 mehr als 40.000 Menschen durch die SS ermordet. Die Frage, ob ihr Großvater in die Massenerschießungen involviert war, kann der Comic nicht beantworten; Bianca Schaalburg macht das Wissen ihres Großvaters über die systematischen Morde aber präsent. Gesprochen wurde in der Familie nie über das, was Heinrich Schott getan hat. Spurensuche in Puzzleteilen weiterlesen »

Unser Titelbild

9. September 2021

In Erinnerung an die am 10. Juli in Hamburg verstorbene Esther Bejarano (siehe Seiten 6 und 7) gestalteten drei Künstler*innen ein 50 Quadratmeter großes Gemälde an der Außenwand des »club alpha 60« in Schwäbisch Hall. Foto: Martin Künne

editorial

geschrieben von Nils Becker

9. September 2021

Wir alle kannten Esther Bejarano als eine Frau von großer Entschiedenheit und geradezu unglaublichem Elan, die viele noch bis zuletzt auf großen Bühnen erleben durften. Wir widmen diese Ausgabe der antifa dieser unbeugsamen Zeitzeugin. Trotz aller Trauerbekundungen bis in die höchsten Kreise (siehe
Seite 7), konnte sich die Hamburger Bürgerschaft bisher nicht dazu durchringen, sie zur Ehrenbürgerin zu machen. Das kann gern nachgeholt werden.

Die aktuelle Ausgabe steht zudem im Zeichen des Wahlkampfs, der Versprechungen und Verlautbarungen. Viele von uns werden auf der »Unteilbar«-Demo am 4. September in Berlin gegen Rassismus demonstrieren. Doch wie weit reicht der Appell an die offene Gesellschaft? Wie schlagkräftig sind die Bündnisse in der konkreten Umsetzung der Ansprüche? Wir widmen uns deshalb nicht nur wieder der AfD, als größter extrem rechter Kraft (Seiten 5, 9, 12), sondern richten unseren Blick auch auf die politischen Umbrüche in ehemals alternativen Milieus (Seite 27), in der Mitte (Seite 31) und Netzwerken, die sich diese Verwerfungen durch moderne Technologien zunutze machen (Seite 14).

Mit dem Forderungskatalog der Unabhängigen Kommission Antiziganismus (Seite 8), steht die nächste Regierung unter Druck zu liefern, aber auch nur weil die aktuelle sich betont zurückgehalten hat, die strukturellen Diskriminierungen zu beseitigen. Wer tatsächlich den Anspruch verfolgt, der rassistischen Abwertung Maßnahmen entgegenzusetzen, muss die Perspektive der Betroffenen einnehmen (Seite 30). Wie es nicht geht, zeigt das neu eröffnete Zentrum gegen Vertreibung in Berlin (Seite 32). »Schuld und Verantwortung« riechen hier übel nach Heuchelei, wenn man sich den heutigen Unwillen zur tatsächlichen Verantwortungsübernahme für (Kriegs-)Flüchtlinge anschaut.

In eigener Sache: Erstmalig drucken wir Teile eines Comics, der bald erscheint (Seite 34). Wir können solche größeren Vorhaben jetzt auch öfter bringen, weil wir uns entschieden haben, von Zeit zu Zeit vier Seiten mehr zu drucken. Unser Magazin wird dadurch nicht nur dicker sondern auch vielfältiger.

In Vielfalt vereint

geschrieben von Regina Girod

9. September 2021

Diversität als Anspruch und Herausforderung

Im nächsten Jahr begeht die VVN-BdA ihren 75. Geburtstag – in Familien ein guter Grund, in alten
Fotoalben zu blättern und sich zu erinnern. Die Fotos
aus den jahrzehntelangen Kämpfen unserer Vereinigung befinden sich, zusammen mit einer Vielzahl von Dokumenten, Beschlüssen und Protokollen, in Hunderten Akten im Archiv des Bundesverbandes.

Von besonderem Interesse sind bei einem solchen Jubiläum natürlich die Fotos der Gründer und Gründerinnen der Organisation, ergänzt durch Bilder jener, die den Faschismus nicht überlebt haben. Viele Männer und wenige Frauen sind da zu sehen, bei Demonstrationen, auf Kongressen, oft an Rednerpulten. Ihre unterschiedliche politische Herkunft ist äußerlich kaum auszumachen. Politik wurde, so sie auf Fotos festgehalten ist, auch bei uns vor allem in Anzügen gemacht. In Vielfalt vereint weiterlesen »

Abgeschottete Welt?

geschrieben von Andreas Siegmund-Schultze

9. September 2021

Das SEK Frankfurt mit seinem Naziskandal bekommt einen neuen Anstrich

Meistens läuft es nach Schema F: Innerhalb einer Polizeibehörde wird eher zufällig ein neuer rechter Skandal publik, aus dem aufgeschreckten Apparat heraus wird kurzerhand eine intensive Aufklärung versprochen und gemeinsam im Chor mit sogenannten Polizeigewerkschaften eine Vorverurteilung der Beamt:innen beklagt. Ernste Konsequenzen: Fehlanzeige. Wie auch? Von Institutionen, die unabhängig von der Polizei zu solchen Vorkommnissen ermitteln, wie es andernorts praktiziert wird, hält man hierzulande wenig. Und dies trotz vieler Studien, die belegen, dass in Polizei und Justiz die Zustimmung zu rechten und autoritären Positionen noch weiter verbreitet ist als ohnehin schon in der Gesamtbevölkerung. Abgeschottete Welt? weiterlesen »

Hin zum Autoritären

geschrieben von Janka Kluge

9. September 2021

Die AfD macht mit ihrem Wahlprogramm ziemlich deutlich, was und wohin sie will

Wenige Wochen vor dem Urnengang lohnt es, sich in Erinnerung zu rufen, dass die AfD bereits im April in Dresden trotz der anhaltenden Pandemie einen
Präsenzparteitag abgehalten und dort ihr Wahlprogramm verabschiedet hatte. Der Bundesvorstand hat-
te zuvor einen entsprechenden Entwurf vorgelegt, der auf dem Wahlparteitag kontrovers diskutiert wurde. Immer wieder mahnten Redner, dass man nicht alles in das Programm reinschreiben könne,
was man eigentlich wolle. Die Änderungsanträge kamen fast ausschließlich von Mitgliedern des nur formal aufgelösten »Flügels«. Somit wurde das Programm weiter deutlich nach rechts verschoben. Hin zum Autoritären weiterlesen »

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