Ein Denkmal für die SS

geschrieben von Ulrich Schneider

8. September 2021

Zedelgem/Belgien gedenkt der lettischen Legion

Geschichtsvergessenheit und Ansätze der Geschichtsrevision sind Tendenzen, die nicht nur in den baltischen Staaten, in Polen und der Ukraine zu erleben sind, sondern auch in Westeuropa. Besondere Schlagzeilen macht dabei die westflämische Kleinstadt Zedelgem. Vor drei Jahren entschied man sich, am Ort eines alliierten Kriegsgefangenenlagers ein Denkmal zu Ehren der hier umgekommenen lettischen SS-Freiwilligen zu errichten.

Laut Gemeinde entstand die Denkmalsidee am Ort des ehemaligen Internierungslagers durch staatliche lettische Stellen, die auch bei der Einweihung anwesend waren. Es ist ein Projekt der Gemeinde Zedelgem und des Museums der Besatzung Lettlands. Man erklärte der Gemeinde, dass es sich bei der »lettischen Legion« im eigentlichen Sinne um antibolschewistische »Freiheitskämpfer« gehandelt habe, die im Sinne europäischer Verständigung durchaus ein Denkmal verdient hätten. Und so wurde das Denkmal »Der lettische Bienenstock« am 23. September 2018 eingeweiht, etwa drei Kilometer  vom ehemaligen Kriegsgefangenenlager entfernt. Ein Denkmal für die SS weiterlesen »

Keine Insel der Seligen

geschrieben von Andreas Peham

8. September 2021

Rechter Terror auch in Österreich

Lange galt Österreich als vom Rechtsterror verschont – dem Werwolf-Terror der 1940er Jahre und dem Südtirol-Terror der 1960er Jahre zum Trotz. Und wenn, wie 1982, Neonazis aus dem Umfeld der Nationaldemokratischen Partei (NDP) doch Bomben (bei Juden bzw. jüdischen Einrichtungen) legten, dann haben sie das wie Ekkehard Weil als »Einzeltäter« getan. Auch die 1993 beginnende Terrorserie der »Bajuwarischen Befreiungsarmee« (BBA) beendete nicht, dass das massenmörderische Potenzial der Neonaziszene im Land ignoriert und heruntergespielt wurde.

Nach Jahrzehnten der Verharmlosung scheint das Bewusstsein der Bedrohung durch rechten Terror nun langsam wieder zu wachsen. Anfang Dezember vergangenen Jahres sah sich gar Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) gezwungen, vor der Gefahr zu warnen. Den unmittelbaren Anlass bot die Aufdeckung einer österreichisch-deutschen »Terrorallianz« (Kronen Zeitung) rund um den niederösterreichischen Neonazi Peter Binder (53). Bei mehreren Hausdurchsuchungen wurden ein riesiges Waffenarsenal und Sprengstoff sichergestellt. Keine Insel der Seligen weiterlesen »

Bildung unterwegs

geschrieben von Uwe-Jens Kluge

8. September 2021

Österreich zwischen Kollaboration und antifaschistischem Widerstand

Anfang Juli begab sich eine 14-köpfige Gruppe mit ihren Fahrrädern auf den Donau-Radweg von Passau nach Wien, um der österreichischen Geschichte der 30er und 40er Jahre des 20. Jahrhunderts auf die Spur zu kommen. Veranstalter war »Arbeit und Leben Herford«, ein vom DGB getragener Verein der Erwachsenenbildung, der in den vergangenen Jahren bereits eine Vielzahl von Gedenkstättenfahr-ten und antifaschistischen Bildungsreisen in unterschiedlichen Ländern Europas durchgeführt hat. Bildung unterwegs weiterlesen »

Braune Ränder

geschrieben von Peps Gutsche

8. September 2021

Andreas Speits neues Buch über gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus

Der freie Journalist und Autor Andreas Speit ist bekannt für seine zeitgemäßen Analysen extrem rechter Bewegungen und angrenzender Phänomene. Das Buch »Verqueres Denken« ist dabei als etwas Besonderes zu sehen, richtet es doch den Blick auf alternative Milieus. So zeigt er anhand aktueller Beispiele, wie an rassistisches, antisemitisches und behindertenfeindliches Denken angeknüpft oder darauf Bezug genommen wird – in der »Querdenken«-Bewegung ebenso wie an Waldorfschulen, in der Tierrechtsbewegung und bis hin zu Extinction Rebellion.

In fünf Kapiteln widmet sich der Autor scharfsinnig anhand der Analyse von Demonstrationen, Social-Media-Kanälen, Interviews mit Expert_innen und Selbstdarstellungen unterschiedlichen Gruppen und Einzelpersonen. Dabei sieht Speit in der aktuellen »Bio-Boheme« mit ihrem Hang zu Veganismus und Alternativmedizin eine dritte Lebensreform-Bewegung. Diese in der Antimoderne verhaftete Strömung zeichnet sich durch die Ablehnung der Industrialisierung sowie Urbanisierung aus und sieht den Menschen von der Natur entfremdet. Ihre zweite Welle erreichte sie in den 1960er Jahren und begleitete damit die Gründung der Grünen als alternative Bewegung. Braune Ränder weiterlesen »

Anschlussfähig an den NS

geschrieben von Jochen Gester

8. September 2021

»Deutsche Christen« in der Kirche Mecklenburgs

Unter dem Titel »Lutherrose und Hakenkreuz – Die Deutschen Christen und der Bund der nationalsozialistischen Pastoren in der evangelisch-lutherischen Kirche Mecklenburgs« hat der promovierte Theologe Peter Ulrich die Ergebnisse einer Forschungsarbeit zur jüngeren deutschen Geschichte publiziert. Peter, langjähriger Bundessprecher des Bundes der religiösen Sozialisten Deutschlands (BRSD), hatte sich bereits zuvor mit der Mecklenburger Kirchengeschichte befasst und eine Biografie des Pastors Aurel von Jüchen geschrieben.

Vor uns liegt eine mehr als 600 Seiten starke materialvolle Studie, die Lehrreiches für unterschiedliche Fragen (Landes- und Sozialgeschichte, nationalsozialistische Ideologie und Politik) zu bieten hat. Der Umfang der eingesehenen Quellen ist beeindruckend. Das Buch hat drei Hauptteile: die Vorgeschichte von 1933, die in Mecklenburg etwa 1850 begann und sich mit den wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen der großagrarisch geprägten Provinz befasst. Dann die Weimarer Republik, in der die Grundlagen für die Anschlussfähigkeit des deutschen Protestantismus an den NS gelegt wurden. Im folgenden wird das Wirken der »Deutschen Christen« (DC) unter dem NS-Regime näher untersucht. Der dritte Teil umfasst die letzten Kriegsjahre und reicht hinein bis in die ersten Jahre der DDR. Anschlussfähig an den NS weiterlesen »

Wütend bin ich schon lange

8. September 2021

Der Rapper Refpolk im antifa-Gespräch über den VS, die VVN-BdA und »DeutschrapMeToo«

antifa: Dein neuer Song »Im Verborgenen Gutes tun« kann wohl als Hasstirade auf den Verfassungsschutz gelten. Was empört dich an ihm so?

Refpolk: Wütend bin ich schon lange: Der VS war für mich das erste Mal während meiner antifaschistischen Politisierung, vielleicht 2003 oder 2002, Thema. Etwas später habe ich mit »Geheime Informanten« ein Buch von Rolf Gössner zu V-Mann-Strukturen gelesen.

Bis heute zeigt sich immer wieder: Der VS hat eine lange rechte bis extrem rechte Kontinuität in der BRD, Hans-Georg Maaßen war also kein Ausrutscher. Während linke Strukturen ausgespäht werden, sind Verstrickungen zum offenen Neonazismus gang und gäbe. Gesamtgesellschaftlich gefährlich ist, dass dem VS dennoch Kompetenz zugesprochen wird: Er schützt, das sagt ja schon sein Name, schließlich die Verfassung. Klar ist jedoch, dass zivilgesellschaftliche Akteur:innen, antifaschistische Gruppen, Rechercheteams, Medien und Archive viel fundierter über Nazis informieren. Wütend bin ich schon lange weiterlesen »

Zeichen von Solidarität

geschrieben von Gloria Diamant

8. September 2021

»Unentbehrlich« ist ein Plädoyer für die Unterstützung von Betroffenen

Die beiden Autorinnen Harpreet Kaur Cholia und Christin Jänicke haben mit »Unentbehrlich« einen Sammelband über die vielfältige und notwendige Solidarität von Organisationen, Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen mit Betroffenen rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt vorgelegt. Der Fokus des Buches liegt zunächst auf Geschichte und Arbeit von Opferberatungsstellen, öffnet sich jedoch auch weiteren zivilgesellschaftlichen bzw. autonomen Gruppen und Aspekten hinsichtlich der Organisation von nötiger Solidarität.

Hervorhebenswert ist die Diskussion über die Prämissen, unter denen gearbeitet wird. Weil die Solidarität mit den Betroffenen an erster Stelle steht, unterscheiden sie sich notwendigerweise und zum Glück fundamental von der Arbeit staatlicher Stellen. Hier werden zwei Punkte besonders deutlich. Zeichen von Solidarität weiterlesen »

Geforderte Haltung

geschrieben von Axel Holz

8. September 2021

Aktualisierung der Mitte-Studie zu rechten Einstellungsmustern

Rechtsextreme Einstellungen nehmen ab, aber die Mitte bleibt offen für antidemokratischen Populismus, einem Einfallstor zum Rechtsextremismus. Das ist das Resümee der neuen Mitte-Studie des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) unter dem Titel »Die geforderte Mitte«. Die Studie wird seit 2006 alle zwei Jahre durchgeführt und zeigt die Entwicklung gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit innerhalb der deutschen Bevölkerung. Dazu wurden 1.750 deutsche Staatsbürger Anfang des Jahres 2021 telefonisch befragt. Von ihnen schätzten immerhin 70 Prozent den Rechtsextremismus als größte Bedrohung der Gesellschaft ein – noch vor Klimawandel, sozialer Spaltung und Corona-Krise. Mit 72 Prozent sieht sich die große Mehrheit als überzeugte Demokraten, aber der Anteil derer wächst, die sich gegenüber der Demokratie ambivalent verhalten oder demokratiefeindliche Positionen vertreten. 13 Prozent der Befragten sind offen für rechten Populismus. Populismus sei in Teilen der Mitte anschlussfähig, kommentieren die Autoren, und die Mitte könne bei dort schwelenden Ressentiments auch abgeholt werden. Geforderte Haltung weiterlesen »

Aus Geschichte gelernt?

geschrieben von Regina Girod

8. September 2021

Die Ausstellung Flucht, Vertreibung, Versöhnung im Berliner Deutschlandhaus

Die Stiftung »Flucht, Vertreibung, Versöhnung« entstand auf Initiative von Erika Steinbach, der langjährigen Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, der seit Jahrzehnten berüchtigt ist für nationalistische und revanchistische Positionen. Steinbach war bis 2017 Bundestagsabgeordnete der CDU und ist seit 2018 Vorsitzende der Desiderius-Erasmus-Stiftung, die als parteinahe Stiftung der AfD fungiert. Das Ziel der Initiative bestand von Anfang an darin, mit einer Ausstellung an das Leid der deutschen Vertriebenen nach 1945 zu erinnern. Aus Geschichte gelernt? weiterlesen »

Zwischen den Fronten

geschrieben von Christin Kaspari

8. September 2021

Ein neuer Film zur Roten Kapelle

Was eint Sophie Scholl und Claus Schenk Graf von Stauffenberg? Ihr Widerstand im »Dritten Reich«, ihre Hinrichtung deswegen – diese Antworten liegen auf der Hand. Sie sind die Gesichter des Widerstands gegen Nazideutschland, den die Erinnerungskultur der BRD vor und nach ’89 als erinnernswert betrachtet. An Sophie Scholl erinnert zurzeit ein bizarres Multimediaprojekt der Öffentlich-Rechtlichen, das an dieser Stelle nicht weiter bewertet werden soll. Stauffenbergs und seiner Mitverschwörer wird jährlich im Bendlerblock des Verteidigungsministeriums gedacht, dient er der Bundeswehr doch als erlösender Beleg dafür, dass nicht alle Militärs unter Hitler gleichgeschaltete Gewalttäter gewesen sind.

Warum nun aber Stauffenberg und nicht beispielsweise Harro Schulze-Boysen, Offizier der Luftwaffe und hingerichtet auf direkten Befehl Hitlers wegen Hochverrat und Landesverrat, und seinen Mitkämpfer*innen diese prominente Rolle, oder zumindest irgendeine, im bundesdeutschen Gedächtnis zukommt, das ist eine der großen Fragen, die sich Carl-Ludwig Rettinger in seinem Dokumentarfilm »Die rote Kapelle – Das verdrängte Widerstandsnetz« zu beantworten anschickt. Zwischen den Fronten weiterlesen »

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