Fluchtpunkt Marseille

geschrieben von Axel Holz

8. März 2026

Künstler, Helfer und Netzwerke im Europa des Jahres 1940

Im Juni 1940 hat Hitlers Wehrmacht Frankreich besiegt. Hunderttausende von den Nazis Verfolgte hatten in den 1930er-Jahren Deutschland verlassen. Viele landeten als Emigranten in Frankreich und waren nun erneut bedroht. Darunter zahlreiche Prominente – Politiker, Literaten, Lektoren, Komponisten und Maler –, die Crème de la Crème der deutschen Intellektuellen. Sie alle waren abermals in Gefahr und flüchteten vor der Front nach Südfrankreich, um über Marseille nach Tunesien, Spanien, Portugal und weiter nach Amerika zu emigrieren.

Mit Kriegsbeginn wurden alle Deutschen als feindliche Ausländer in fünf großen Lagern interniert, darunter in Gurs und Drancy. Die Bedingungen waren katastrophal, sodass Tausende bereits dort starben. Im Waffenstillstandsabkommen der Nazis mit Pétains Marionettenregime war auch die Auslieferung der Nazigegner vereinbart worden, deshalb mussten Tausende Emigranten nun um ihr Leben fürchten. Besonders Juden, politisch Verfolgte und liberale Künstler. Darunter befanden sich Lion Feuchtwanger, Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel, Golo Mann und Heinrich Mann, Alfred Döblin, Anna Seghers, Hannah Arendt und Walter Benjamin, Wilhelm Mehring und Max Ernst, aber auch Politiker wie Rudolf Breitscheid und Rudolf Hilferding. Einige brachten sich aus Verzweiflung selbst um, wie der Prosapoet Franz Hessel oder der Autor Walter Benjamin, der kurz zuvor seinen letzten Essay Anna Seghers übergeben hatte und sich auf der Flucht verzweifelt in Portbou vergiftete. Seghers floh mit ihren Kindern zu Fuß aus Paris, Louis Fürnberg steckte im Internierungslager Gurs fest. Andere liefen sich in Marseille über den Weg, auf der Suche nach Visa, Aus- und Einreisepapieren, Schiffspassagen und Geldmitteln. Spanien und Portugal waren als Durchgangsrouten notwendig, aber als Emigrationsziel nicht sicher; die USA versuchten, sich aus dem Krieg herauszuhalten, und vermieden weitgehend die Ausgabe von Visa. Tausende Emigranten saßen in der Falle und mussten um ihr Leben fürchten. Fluchtpunkt Marseille weiterlesen »

Erinnerung in Bewegung

geschrieben von Harry Friebel

8. März 2026

Gegen Ritualisierung und rechte Instrumentalisierung

Nachdem in der antifa-Januar-/Februarausgabe bereits »Gedenken neu denken«, die Neuerscheinung von Susanne Siegert, besprochen wurde, sei hier nur knapp daran erinnert, dass auch sie – aus der Perspektive einer jüngeren Generation – für eine aktivierende und inklusive Erinnerungskultur plädiert. Im Vergleich dazu argumentiert Wolfgang Benz stärker historisch-systematisch und mit dem Gewicht jahrzehntelanger Forschungserfahrung.

Wolfgang Benz, Historiker, war leitender Antisemitismusforscher an der TU Berlin und wirkt in verschiedenen Beiräten von KZ-Gedenkstätten mit. In »Zukunft der Erinnerung« schreibt er mit Vehemenz gegen die Ritualisierung der Erinnerung und des Gedenkens an. Sein Anliegen ist es, die Erinnerungsarbeit gegen politische Instrumentalisierung zu verteidigen. Mit großer Schärfe kritisiert Benz Rechtsradikale, insbesondere Funktionäre und Mandatsträger der AfD. »Die Äußerungen von Funktionären und Mandatsträgern in der Öffentlichkeit bilden ein Quodlibet (Mischmasch H. F.) von Nationalkonservativen, vulgär-patriotischen, völkisch-rassistischen, islamfeindlichen und antidemokratischen Stimmen« (S. 93). Benz verweist dabei etwa auf Höckes pöbelnde Aussprüche gegen die NS-Erinnerungskultur: Deutschland sei, so Höcke, »das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt« (ebenda) habe. Erinnerung in Bewegung weiterlesen »

Im Schatten der Historie

geschrieben von Bernd Hüttner

8. März 2026

Kunst und Kultur nach 1945 in Ost und West

Die zeithistorischen und auch die kunstwissenschaftlichen Großerzählungen waren lange von der Vorstellung eines demokratischen (West) oder antifaschistischen (Ost) Neubeginns im Kunstbetrieb nach 1945 geprägt. Dieses Narrativ hat sich für den Westen noch mehr als für den Osten als falsch erwiesen. Für die Bundesrepublik wurden in den letzten Jahren ideologische und personelle Kontinuitäten nicht nur anhand von Emil Nolde oder der weltbekannten Ausstellung documenta fundiert nachgewiesen. Im Schatten der Historie weiterlesen »

Gewerkschaften gegen Aufrüstung

geschrieben von Ulrich Stuwe

8. März 2026

Die Gegner der Aufrüstung aus den Gewerkschaften haben Ende letzten Jahres einen Sammelband publiziert, in dem sie ihre Positionen darstellen und daraus Empfehlungen ableiten. Herausgeberin ist die Gewerkschaftssekretärin Ulrike Eifler. Sie sieht in der Umstellung von Teilen der Industrie auf Rüs-tungsproduktion und die enorme Steigerung des Rüs-tungsetats auf avisierte fünf Prozent des BIP einen Klassenkampf von oben, dem sich die Gewerkschaften als Vertretung der Arbeiterklasse entgegenstellen müssen. Die Aufrüstung wird nach Meinung aller AutorInnen zu einem massiven Abbau des Sozialstaates führen und zu einer Verschlechterung der Möglichkeiten der Arbeitenden für hohe Gehälter und gute Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Hiergegen helfe als einziges Bollwerk der Aufbau einer gewerkschaftlich verankerten Friedensbewegung. Gewerkschaften gegen Aufrüstung weiterlesen »

Wer ist Höcke?

geschrieben von Janka Kluge

8. März 2026

Eine neue Biografie seziert Strategie, Netzwerk und Ideologie des Thüringer AfD-Politikers

Im Herbst 2025 erschien eine Höcke-Biografie des Journalisten Frederik Schindler. Schindler recherchiert seit 2018 zur AfD und ihren Protagonisten, seit 2021 arbeitet er bei Springer insbesondere für die verschiedenen Formate von Welt. In seinem Buch versucht er, Ideologie, Karriereweg und Kommunikationsstrategie von Björn Höcke systematisch offenzulegen – und liefert damit Material für alle, die sich ernsthaft mit der extrem rechten Formierung auseinandersetzen wollen.

Besonders aufschlussreich ist Schindlers Blick auf Höckes frühe Jahre im Schuldienst. Zwischen 1999 und 2001 absolvierte er sein Referendariat am Goethe-Gymnasium im hessischen Bensheim, anschließend wechselte er an eine integrierte Gesamtschule im rund 40 Kilometer entfernten Groß-Gerau. Dort galt er als engagierter Lehrer, insbesondere im Sportunterricht, und als jemand, der für Schüler:innen ansprechbar war. Parallel jedoch verfolgte er ehrgeizigere Pläne: Ab dem Wintersemester 2002/2003 studierte er im Fernstudium Schulmanagement an der TU Kaiserslautern, mit dem Ziel, Schulleiter zu werden. Wer ist Höcke? weiterlesen »

Kämpferinnen sichtbar

geschrieben von Peter Nowak

8. März 2026

Gewerkschaftswiderstand gegen den NS-Staat

In den 1960er-Jahren plante der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), die Geschichte der Gewerkschafter*innen aufzuarbeiten, die während des NS-Regimes Widerstand geleistet hatten. Das Projekt wurde nie realisiert. Doch fast sechzig Jahre später setzt die Arbeitsstelle »Nationale und Internationale Gewerkschaftspolitik« am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin die Pläne um. In den letzten Jahren sind zahlreiche Schriften zum gewerkschaftlichen Widerstand erschienen.

Jetzt ist im Metropol-Verlag der dritte Band der Reihe »Gewerkschafterinnen im NS-Staat« erschienen. Auf über 400 Seiten finden sich Biografien von 50 Gewerkschafterinnen, die zum großen Teil unbekannt waren. Tatsächlich wurden Frauen oft als Lebensgefährtinnen männlicher Antifaschisten betrachtet. Dabei wurde der eigenständige Beitrag der Widerstandskämpferinnen ausgeblendet. Kämpferinnen sichtbar weiterlesen »

Lust an der Zerstörung

geschrieben von Christian Meyer

8. März 2026

Warum destruktive Affekte die Demokratie von innen aushöhlen

Die Soziolog_innen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey legen mit ihrem zweiten gemeinsamen Buch eine tiefgehende und umfassende Analyse faschistischer Tendenzen vor. Dafür beziehen sie sich auf Klassiker kritischer Sozialforschung ebenso wie auf neuere Arbeiten sowie aktuelle Studien zu Autoritarismus und Rechtsruck in verschiedenen Ländern. Vor allem kommen sie immer wieder auf den Psychoanalytiker und Philosophen Erich Fromm zurück, was dem breiten Theoriefundament ihrer Analyse einen besonderen Charakter verleiht. Das Buch bietet einen guten Überblick des Forschungsstands und eignet sich somit auch gut als Einstieg ins Thema Rechtsruck und neuer Faschismus. Wie schon ihr Buch über Corona-Proteste »Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus« (2022) fußt das aktuelle Buch außerdem auf umfassender Empirie. Um destruktiven Tendenzen in der Gesellschaft nachzuspüren, haben die Autor_innen 2.595 Fragebögen und 41 längere Interviews ausgewertet. Lust an der Zerstörung weiterlesen »

Ausgabe Januar/Februar 2026

geschrieben von Nils Becker

2. Januar 2026

Unser Titelbild zeigt eine der Blockaden vom 29. November 2025 in Gießen. Hier kamen Zehntausende Antifaschist:innen zu den Protesten gegen das Gründungstreffen der AfD-Jugendorganisation »Generation Deutschland«. Foto: Widersetzen Presse

Unser Titelbild zeigt eine der Blockaden vom 29. November 2025 in Gießen. Hier kamen Zehntausende Antifaschist:innen zu den Protesten gegen das Gründungstreffen der AfD-Jugendorganisation »Generation Deutschland«. Foto: Widersetzen Presse

Editorial: Bundespräsident Steinmeier hat in seiner Weihnachtsansprache an unsere Vorstellungskraft appelliert: »Stellen sie sich vor, in der Dunkelheit erstrahlt ein Licht«. Wer den Kitsch beiseite schiebt, merkt gleich, dass für das Licht wohl wir selbst sorgen müssen. Denn die Regierung feiert die negativen Superlative und affirmiert eine Krisenwahrnehmung (irgendwas zwischen Altersarmut, Migration und Kriegsbedrohung), die der Einfachwelt der Rechtspopulist*innen und ihren affektgeladen sowie empathielosen Lösungsansätzen zugute kommt.

Aus dem Hause von Innenminister Dobrindt hören wir, dass die Abschiebungen im Jahresvergleich zu 2024 um 20 Prozent erhöht werden konnten. Pro Tag sind das 65 Menschen, davon etwa zehn minderjährig, die gegen ihren Willen außer Landes geschafft wurden. Im Dezember hat die Bundesregierung zudem ein Gesetz erlassen, um noch schneller – nämlich ohne Zustimmung des Bundesrats, Staaten als »sicher« klassifizieren und Asylverfahren regelhaft negativ bescheiden zu können. Ein Regieren durch Rechtsverordnungen – fast so, wie man es dem US-Vorbild vorwirft. Nicht erwähnt wurde, dass Bundeskanzler Merz, der – entgegen der Norm – auch eine eigene Weihnachtsansprache hielt, diese jedoch ausschließlich auf TikTok und nur an die CDU/CSU richtete. Darin drohte er, dass es so weitergeht: »Wir brauchen Geduld und einen langen Atem« – beim Umbau der Staaten hin zu illiberalen Demokratien, möchte man zynisch hinzufügen.

»Dem destruktiven Charakter schwebt kein Bild vor. Er hat wenig Bedürfnisse, und das wäre sein geringstes: zu wissen, was an Stelle des Zerstörten tritt«, schrieb Walter Benjamin 1931, als er die demokratischen Nihilisten seiner Zeit beobachtete, die zwar bereit waren, Feuer zu legen, aber keine Idee davon hatten, mit der Dynamik der Flammen umzugehen. Der Faschismus war kein Betriebsunfall, sondern eine Eskalation im Kontinuum dieser Politik. Auch heute werden wir mehr brauchen als den »Funken Mut«, wie Steinmeier ihn uns wünscht, um Licht im Dunkeln zu machen.

Zeitgeschehen
Wehrpflicht reloaded (Cornelia Kerth)
US-Sicherheitsdoktrin: Kriegserklärung an die Welt (Rojin Kadir)
Interview „Widersetzen“: Widerstand intensivieren (Lou&Marc)
Interview mit AgR: AfD-Erfolge verhindern (Christian Schneider)
Hammerskins: Nazistruktur bleibt aktiv (Janka Kluge)
Medien befördern Vorurteile (Axel Holz)
NSU-Prozess: Bisher unbestraft
Debanking: Ein Angriff auf die Geschäftstätigkeit (Nils Becker)
Meldungen (Ulrich Stuwe)
Netzwerktreffen der Lagergemeinschaften (Maxi Schneider)
BAK K+R: Kirchen gegen extreme Rechte
Interview: Gedenkini Lübeck. Einen neuen Anlauf wagen (Betty Bass)
„Seitenwechsel“: Rechte Buchmesse als Knotenpunkt (Jan Tölva)
Demokalender gut gefüllt (Andreas Siegmund-Schultze)
Archiv: Digitalisierung abgeschlossen (Maxi Schneider)
Leserforum: Nationale Symbole und Nahost (Mathias Wörsching)

Spezial
Gedenkstättenkonzept: Status quo der Erinnerung (Maxi Schneider und Ulrich Schneider)

Portrait
Dompropst Bernhard Lichtenberg: Gewissen gegen Barbarei (Jutta Harnisch)
Bertl Lörcher: Seinem Weg treu (Friedbert Mühldorfer)

Geschichte
Interview zu 100 Jahren Heideruh: Ein Ort, der verbindet (Bea Trampenau)
Roma-Gedenkstätten in Tschechien (Gerald Netzl)
Curiohaus-Prozesse: Symbolische Abrechnung (Russel Kent)

Internationales
75 Jahre FIR (1) (Ulrich Schneider)
Franco und sein Erbe (Carmela Negrete)

Kultur
Mitte-Studie: Seismograf der Stimmung (Axel Holz)
Katharina Höftmann Ciobotaru, Sohrab Shahname: Über den Hass hinweg (Harry Friebel)
Susanne Siegert: Gedenken neu denken (Bernd Hüttner)
Bettina Wilpert: Die bärtige Frau (Peps Gutsche)
Bela Winkens: Brief an die Mutter (Gabi Bauer und Peter Piro)
Vor 90 Jahren: Friedensnobelpreis für Ossietzky (Janka Kluge)
Heinz Jürgen Schneider: Rote Marine (Peter Nowak)
Karl Banghard: Die wahre Geschichte der Germanen (Mathias Wörsching)



Wehrpflicht reloaded

geschrieben von Cornelia Kerth

2. Januar 2026

Erst Fragebogen, dann Zwangsdienst

Am 5. Dezember wurde es im Bundestag beschlossen, im Januar geht es los: Für den ersten Schritt zum »freiwilligen« Wehrdienst ist die Wehrerfassung bereits aktiviert, junge Menschen erhalten zum 18. Geburtstag einen Fragebogen. Frauen können ihn (noch) einfach ignorieren, Männer müssen ihn bei Androhung eines Bußgelds (bis zu 1.000 Euro) ausgefüllt zurückschicken. Wer ankreuzt, dass er kein Interesse am Dienen hat, hat damit seine Pflicht erst mal erfüllt. Stufe zwei tritt allerdings schon ein Jahr später in Kraft: Dann ist für Männer auch die Musterung Pflicht. Ein Schelm, wer dabei an die Debatte über fehlende Voraussetzungen für eine »neue Wehrpflicht« in Struktur und Logistik der Bundeswehr und ihrer Verwaltung denkt, und weiteren »Aufwuchs« kommen sieht, wenn Kapazitäten für Unterbringung und Ausbildung geschaffen sind … Wehrpflicht reloaded weiterlesen »

Kriegserklärung an die Welt

geschrieben von Rojin Kadir

2. Januar 2026

Die neue US-Sicherheitsstrategie

Das nationale Sicherheitspapier der USA ist ein Dokument seiner Zeit – der postfaktischen, neofaschistischen Zeit des neoliberalen AI- und Tech-Kapitalismus. Die reaktionäre Internationale, die Massenmörderkaste konstituiert sich weiter. Das System ist zunehmend beherrscht von Kriegen über regionale Vorherrschaft zwischen alten Hegemonen und denjenigen, die sich einst als Alternative präsentierten, heute aber die Regeln eines autoritären kapitalistischen Systems genauso gut beherrschen. Das Papier liest sich als eine weitere Kriegserklärung an die Welt. Kriegserklärung an die Welt weiterlesen »

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