Zweifelhaftes Relief

geschrieben von Gerald Netzl

1. Juli 2022

Antisemitisches Schandmal an der Wittenberger Marienkirche darf bleiben

Mitte Juni lehnte der Bundesgerichtshof in Karlsruhe die Klage auf Entfernung des antisemitischen Schmähbildes an der Wittenberger Marienkirche ab. Die Kammer wies die Klage gegen das vorinstanzliche Urteil des Oberlandesgerichts Naumburg mit der Begründung ab, die Kirche habe sich mit einer Erklärung ausreichend distanziert.

Seit dem Jahr 1290 befindet sich an der Südfassade der Wittenberger Stadtkirche in vier Metern Höhe ein zweifelhaftes Relief. Es zeigt eine Sau, an deren Zitzen zwei Menschen saugen, die durch ihre Spitzhüte als Juden erkennbar sind. Ein Rabbiner hebt den Schwanz der Sau und blickt ihr in den After. Wie man weiß, gelten Schweine im Judentum als unrein. Dieses Relief trägt den unschönen Namen »Judensau«, die Kirche als solche hat große historische Bedeutung, predigte in ihr doch einst der Reformator Martin Luther. Zweifelhaftes Relief weiterlesen »

Stigmatisiert und vergessen

geschrieben von Ulrich Schneider

1. Juli 2022

Ein Videoporträt über die Antifaschistin und Kommunistin Anette Langendorf

Da die Zeit der Zeitzeug*innen zu Ende geht, müssen neue mediale Zugänge erprobt werden, wenn deren historische Erfahrungen und Biografien für die nachgeborenen Generationen gesichert werden sollen. In den 80er- und 90er-Jahren wurden manche von ihnen im Rahmen von Geschichtsprojekten zum ersten Mal interviewt, von einigen sogar Videoaufnahmen gemacht. Was macht man aber, wenn es zu wichtigen Persönlichkeiten des antifaschistischen Kampfes in einer Region keine Filmaufnahmen, noch nicht einmal originale Audioaufnahmen gibt? Vor dieser Herausforderung standen die Mannheimer Klaus Dollmann, Chris Hölzing, Annette Lennartz und Fritz Reidenbach, als sie sich entschieden, ein Videoporträt von Anette Langendorf (1894–1969) zu gestalten, einer profilierten Mannheimer Antifaschistin und Kommunistin, die sich nach der Befreiung engagiert für den antifaschistisch-demokratischen Neubeginn eingesetzt hat. Stigmatisiert und vergessen weiterlesen »

Reich, rechts, mächtig

geschrieben von Sebastian Schröder

1. Juli 2022

David de Jongs Buch »Braunes Erbe« über Nazimilliardäre à la Flick, von Finck, Quandt und Oetker

BMW, Mercedes-Benz, Porsche, Allianz, Oetker. Wie sind diese deutschen Weltkonzerne wohl groß geworden? Die vier reichsten Männer in der BRD waren 1970 Friedrich Flick, August von Finck, Herbert Quandt und Rudolf-August Oetker. Den entscheidenden Teil ihrer enormen Vermögen konnten sie ab 1933 erwerben, in der Stahl- und Rüstungsindustrie, bei Versicherungen sowie Banken und in der Lebensmittelindustrie. Der langsame Aufstieg dieser Familienclans in den zwanziger Jahren, der rasante Weg in die höchsten Machtpositionen im deutschen Faschismus, das kurze Straucheln nach dem 8. Mai 1945, die spektakuläre Rückkehr an die Spitze seit den 1950er-Jahren in der Alt-BRD und die heutige Debatte um die Nazimilliardäre sind Themen des Buches »Braunes Erbe« des niederländischen Wirtschaftsjournalisten David de Jong. Reich, rechts, mächtig weiterlesen »

Gratwanderungen

geschrieben von Harry Friebel

1. Juli 2022

Krieg und Flucht: Zwei neue Biografien beeindrucken durch Nachdrücklichkeit

Wie ist es zu flüchten? Eine brennende und aktuelle Frage angesichts der russischen Invasion in der Ukraine – es ist die größte Fluchtbewegung seit Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Millionen Menschen verlassen ihre Heimat, um der Bedrohung zu entkommen. Wir sind Zeugen durch die Berichterstattung in den Medien. Flucht endet niemals.

Christiane Hoffmann und Abbas Khider skizzieren ihre jeweiligen persönlichen Fluchtgeschichten in besonderen kulturellen Kontexten – in Deutschland/Europa (Hoffmann) und im Irak/Asien (Khider). Die Biografien der Flüchtenden sind eingebettet und berühren durch die Zeit und die Ereignisse. Krieg, Flucht und Vertreibung führen Regie in den Lebensläufen. Gratwanderungen weiterlesen »

Ausgabe Mai/Juni 2022 jetzt online!

13. Mai 2022

Die ramponierte und im Fadenkreuz stehende Friedenstaube drückt unsere geringe Zuversicht für Frieden in der Ukraine aus. Gleichzeitig steht sie sinnbildlich für den Zustand der Kräfte, die tatsächlich auf einen Frieden hinarbeiten. Aufgenommen in Prag, 2011 von Redhope.

Die ramponierte und im Fadenkreuz stehende Friedenstaube drückt unsere geringe Zuversicht für Frieden in der Ukraine aus. Gleichzeitig steht sie sinnbildlich für den Zustand der Kräfte, die tatsächlich auf einen Frieden hinarbeiten. Aufgenommen in Prag, 2011 von Redhope.

Editorial

586 Abgeordnete des Bundestags haben kurz vor Drucklegung dafür gestimmt, nicht nur militärische Ausrüstung an die sich gegen die russische Invasion verteidigende Ukraine zu liefern, sondern über Drittländer auch schwere Waffen und komplexe Waffensysteme. Obwohl sich die Mehrheit der Bevölkerung, laut infratest-Umfrage, wieder gegen Panzerlieferungen ausspricht, verspürten die Verantwortlichen dennoch einen Zugzwang durch die eskalierende Debatte. Der faktische Kriegseintritt, der auch schon von anderen NATO-Staaten im kleineren Rahmen vollzogen wurde, soll zudem als ein solcher beim Gegner ankommen. SPD-Chef Lars Klingbeil will das Signal senden, dass »wir auf der richtigen Seite der Geschichte« stehen. Bei so viel prophetischem Wissen, müssen einem doch Zweifel kommen. Und diese Zweifel versuchen wir auch in dieser Ausgabe diskutierbar zu machen. Dazu braucht es nicht nur Hintergrundwissen über die Kriegsgründe, sondern auch Grundwerte. Das Spezial versucht den Spagat zwischen Aufklärung über den Aggressor Russland und der Frage, welchen Wert unsere antifaschistischen Standpunkte aktuell noch haben. Neben dem Krieg, und dessen Auswirkungen hierzulande, geht es in dieser Ausgabe wieder um den Verfassungsschutz. Dieser musste in Bayern gleich mehrere Schlappen hinnehmen. Zum einen wird aufgrund des vielfältigen Drucks die bayerische Landesvereinigung nicht mehr im VS-Bericht genannt, zum anderen stellte sich das neue bayerische Verfassungsschutzgesetz  als verfassungswidrig heraus (S. 4). Wir werden auch in Kriegszeiten wie gewohnt auf das gesellschaftlich Verdeckte und Verdrängte schauen. So blicken wir auf die Ausgrenzung der »Asozialen« unter den KZ-Opfern (S. 8/9) und deren aktuelle Schlechterstellung vor Gericht (S. 26). Besonders hervorzuheben ist das Interview mit Max Czollek (S. 33) zur Ausstellung über jüdische Rache in Frankfurt am Main, die wir allen Leser*innen empfehlen. Wir danken zudem allen Teilnehmenden unserer 75 Jahrfeier in Frankfurt – es war wirklich ein Fest (S. 12). Nils Becker

Zeitgeschehen
Frieden schaffen ohne Waffen (Florian Gutsche)
Erfolgreiche Klage gegen Verfassungsschutzgesetz in Bayern (Andreas Siegmund-Schultze)
Solidarität mit Lina: Eine Frage der Haltung (Janka Kluge)
„Deutsche Krieger“ und die bpb (Sebastian Schröder)
Ostermärsche Nachbetrachtung (Friedenskooperative)
„Aktionsplan gegen rechts“ der Bundesinnenministerin (Gerd Wiegel)
UN-Sonderbericht zu Polizeigewalt in Deutschland (Markus Roth)
Die mit dem grünen und dem schwarzen Winkel (Frank Nonnenmacher)
Aktuelle Meldungen
30 Jahre Bundesverband Information & Beratung für NS-Verfolgte e. V. (Ulrich Sander)
Rückblick auf 75-Jahrfeier der VVN (Hannah Geiger)
Stellungnahme zum Tod von Boris Romantschenko
Berlin: Auswirkungen des Krieges an Gedenksteinen

Archiv-Fundstück
Entstehungsgeschichte der bayerischen VVN (Friedbert Mühlendorfer)

Spezial
Zum Angriff Russlands auf die Ukraine (Thomas Willms)
Meinungsaustausch unter Antifaschist*innen zum Krieg in der Ukraine (Regina Girod, Ulrich Schneider, Johann Basko, Jacqueline Andres)

Portrait
Martin Niemöller (Ulrich Schneider)

Geschichte
Der Mord an Walther Rathenau vor 100 Jahren (Axel Holz)
1945: Mord an Matrosen (Ulrich Sander)

Internationales
13.297.760 mal für Le Pen (Andreas Siegmund-Schulze)
34 Jahre nach dem Giftgaseinsatz in Halabdscha (Wanja Musta, Lea Steding)

Kultur
Ronen Steinke: Zur Aktualität der Klassenjustiz (Emma Sammet)
Studie zu Zugängen junger Deutscher zur NS-Geschichte (Ulrich Schneider)
Biografie zu Ruth Gröne (Reinhold Weismann-Kieser)
Zur Instagram-Geschichte @ichbinsophiescholl (Kristin Caspary)
Bettina Wilpert „Herumtreiberinnen“ (Peps Gutsche)
Rechtspopulistisches Denken in Gewerkschaften (Axel Holz)
Faschismus in Italien (Mathias Wörsching)
Interview mit Max Czollek zur Ausstellung über jüdische Rache (Nils Becker / Emma Sammet)
Natascha Strobl: Radikalisierter Konservatismus (Janka Kluge)
Graphic Novel über Beate und Serge Klarsfeld (Ruby Bender)

Editorial

geschrieben von Nils Becker

13. Mai 2022

586 Abgeordnete des Bundestags haben kurz vor Drucklegung dafür gestimmt, nicht nur militärische Ausrüstung an die sich gegen die russische Invasion verteidigende Ukraine zu liefern, sondern über Drittländer auch schwere Waffen und komplexe Waffensysteme. Obwohl sich die Mehrheit der Bevölkerung, laut infratest-Umfrage, wieder gegen Panzerlieferungen ausspricht, verspürten die Verantwortlichen dennoch einen Zugzwang durch die eskalierende Debatte. Der faktische Kriegseintritt, der auch schon von anderen NATO-Staaten im kleineren Rahmen vollzogen wurde, soll zudem als ein solcher beim Gegner ankommen. SPD-Chef Lars Klingbeil will das Signal senden, dass »wir auf der richtigen Seite der Geschichte« stehen. Bei so viel prophetischem Wissen, müssen einem doch Zweifel kommen. Und diese Zweifel versuchen wir auch in dieser Ausgabe diskutierbar zu machen. Dazu braucht es nicht nur Hintergrundwissen über die Kriegsgründe, sondern auch Grundwerte. Das Spezial versucht den Spagat zwischen Aufklärung über den Aggressor Russland und der Frage, welchen Wert unsere antifaschistischen Standpunkte aktuell noch haben. Neben dem Krieg, und dessen Auswirkungen hierzulande, geht es in dieser Ausgabe wieder um den Verfassungsschutz. Dieser musste in Bayern gleich mehrere Schlappen hinnehmen. Zum einen wird aufgrund des vielfältigen Drucks die bayerische Landesvereinigung nicht mehr im VS-Bericht genannt, zum anderen stellte sich das neue bayerische Verfassungsschutzgesetz  als verfassungswidrig heraus (S. 4). Wir werden auch in Kriegszeiten wie gewohnt auf das gesellschaftlich Verdeckte und Verdrängte schauen. So blicken wir auf die Ausgrenzung der »Asozialen« unter den KZ-Opfern (S. 8/9) und deren aktuelle Schlechterstellung vor Gericht (S. 26). Besonders hervorzuheben ist das Interview mit Max Czollek (S. 33) zur Ausstellung über jüdische Rache in Frankfurt am Main, die wir allen Leser*innen empfehlen. Wir danken zudem allen Teilnehmenden unserer 75 Jahrfeier in Frankfurt – es war wirklich ein Fest (S. 12).

Fakten schaffen?

geschrieben von Florian Gutsche

13. Mai 2022

Frieden schaffen ohne Waffen: Zum Bundeswehr-Sondervermögen von 100 Milliarden

Kurz nach dem Überfall russischer Truppen auf die Ukraine verkündete Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) am 27. Februar eine »Zeitenwende«. Der Angriffskrieg Russlands war für ihn Anlass, den im Bundestag versammelten Parlamentarier*innen zu eröffnen, dass die Bundesregierung ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro zur Aufrüstung der Bundeswehr schaffen möchte, welches im Grundgesetz verankert werden soll. Außerdem kündigte Scholz die Aufstockung des regulären Wehretats auf zwei Prozent des BIP an und erfüllte so ein lang gehegtes Ziel von Rüstungslobby und NATO.

Die derzeitige Bundesregierung, in der einige Mitglieder von diesen Plänen überrumpelt wurden, wollte angesichts der Schockwirkung des Krieges und der öffentlichen Stimmung Fakten schaffen. Die Abgeordneten der Koalitionsfraktionen sahen sich veranlasst, dieser Ankündigung mit Stehbeifall zu begegnen. Zwar wird in der medialen Debatte immer kolportiert, dass die 100 Milliarden Sondervermögen und die Aufstockung des Wehretats beschlossene Sache sind, aber bisher gibt es keinen solchen Parlamentsbeschluss – auch wenn wahrscheinlich ist, dass ein entsprechendes Gesetz u. a. dank der Unionsfraktionen die nötige Zweidrittelmehrheit finden würde. Fakten schaffen? weiterlesen »

Grundgesetzwidrig

geschrieben von Andreas Siegmund-Schultze

13. Mai 2022

Erfolgreiche Klage gegen Verfassungsschutzgesetz in Bayern

Die Klatsche dürfte gesessen haben: Das Bundesverfassungsgericht urteilte Ende April, dass zahlreiche Befugnisse des bayerischen VS gegen Grundrechte verstoßen und damit verfassungswidrig sind. Sie waren im Zuge einer Überarbeitung im Jahr 2016 in das Verfassungsschutzgesetz des Landes aufgenommen worden – unter Bayerns CSU-Innenminister Joachim Herrmann. Bis spätestens Juli 2023 muss das Gesetz nun geändert werden. Da ähnliche Befugnisse der Geheimdienste auch in anderen Bundesländern gang und gäbe sind, dürften sich auch die dortigen Innenminister:innen durch das Urteil unter Zugzwang gesetzt fühlen. Das sah sogar Herrmann kurz nach Bekanntgabe des Richterspruchs nicht anders. Grundgesetzwidrig weiterlesen »

Eine Frage der Haltung

geschrieben von Janka Kluge

13. Mai 2022

Zur ausbleibenden Solidarität mit Antifaschist*innen

Die VVN-BdA hat im letzten Jahr viel Solidarität erfahren. Diese Solidarität reichte von Spenden, öffentlichen Äußerungen bis zum Eintritt in die Organisation. Wir waren und sind zu Recht immer noch begeistert von dieser Welle der Solidarität. Wie sieht es aber mit unserer Solidarität gegenüber anderen antifaschistischen Gruppen und Einzelpersonen aus? Sind wir als Organisation und als Einzelne solidarisch mit anderen antifaschistischen Gruppen?

Natürlich gibt es Aktionsformen, die wir als Organisation ablehnen. Es gibt auch Unterschiede in der Einschätzung wie eine »richtige« antifaschistische Politik und sich dann daraus ergebende Praxis aussieht. Der VVN wird beispielsweise immer wieder vorgeworfen, die These zu vertreten, dass der Faschismus fest in der Demokratie verankert ist und es nur eine Frage der Zeit ist, bis er zutage tritt. Genauso regelmäßig widersprechen wir dieser durch und durch falschen Analyse. Wir betonen, dass in der VVN unterschiedliche Menschen mit völlig verschiedenen Faschismusanalysen Mitglied sind. Obwohl wir dies bei vielen Gelegenheiten tun, bleibt die Gegenseite, wie beispielsweise der Verfassungsschutz, weitgehend bei ihrer Behauptung. Eine Frage der Haltung weiterlesen »

Verharmlosend

geschrieben von Sebastian Schröder

13. Mai 2022

Die Bundeszentrale für politische Bildung huldigt dem deutschen Militarismus

Was können wir in Sönke Neitzels 800-Seiten-Buch »Deutsche Krieger. Vom Kaiserreich zur Berliner Republik – eine Militärgeschichte« (2020) nicht alles lesen: Krieg ist auch nur ein Handwerk, eine von Neitzel behauptete militärische Eigenlogik wird (rassistisch besetzt) zur »tribal culture« umgebogen, die deutschen Armeen haben natürlich ihre Fehler – aber den deutschen Militarismus, den gibt es nicht. Also alles nicht so schlimm, eigentlich sowieso normal fürs Militär, das will uns Professor Neitzel weismachen. Halt kämpfen, töten, sterben. Verharmlosend weiterlesen »

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