Bitte korrigieren!

geschrieben von Charlotte Buchmann, Berlin

5. September 2013

Zum Titelbild der »antifa«-Ausgabe Januar/Februar

März-April 2007

Das Titelbild der Januar/Februar-Ausgabe hat mich sehr berührt, aber der abgebildete Pfarrer hieß nicht Ludwig sondern Bruno Theeck.

Ursprünglich Berliner, lebte er später in Ludwigslust. Ich kannte ihn persönlich. Er war ein Freund meines Vaters Georg Buchmann, als dieser Vorsitzender der SPD in Berlin-Friedrichshain war, so dass Sie sich auf meinen Hinweis verlassen können.

Die historische Wahrheit

geschrieben von Ludwig Elm

5. September 2013

Gedenktag für die Opfer des Völkermords an den Armeniern 1915

März-April 2007

Siehe auch: Ludwig Elm: Der türkisch-armenische Geschichtsstreit um den Völkermord von 1915 und die Positionen der Linken, Jena 2007, 20 S. (Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen e. V. – Texte & Argumente)

»Wie Sie alle wissen, ist das türkische Armenien während der letzten zehn Jahre der Schauplatz solcher Greuel gewesen, derengleichen die beglaubigte Weltgeschichte kaum aus den rohesten Zeiten vermeldet. Bevor wir es erlebten, hatte keiner für möglich gehalten, dass eine ganze Bevölkerung solchermaßen Gegenstand von Aussaugungen, Folter und Massenmord werden könnte. Das Blut von Hunderttausenden schreit zum Himmel.«

(Georg Brandes, Armenien und Europa, Vortrag am 2. Februar 1903 in Berlin)

Der 24. April ist der Gedenktag für die Opfer eines Genozids, der von der jungtürkischen Junta an diesem Tag im Jahre 1915 mit der Deportation der armenischen Bevölkerung aus ihren Wohngebieten eingeleitet wurde. Auf dem Weg in die syrische Wüste kamen durch die von türkischen und kurdischen Trupps verübten Exzesse, durch Durst, Hunger, Krankheiten und Mord Hunderttausende um. Heute ist von bis zu eineinhalb Millionen Opfern – Kinder, Alte, Frauen und Männer – auszugehen. Es folgten die Schicksale der Überlebenden – Waisen und Verwitwete, Versehrte und Verelendete, Emigranten. Es war der tragische Tiefpunkt einer langjährigen Entrechtung und Repression der christlichen armenischen Minderheit, die bereits 1894-96 sowie 1909 opferreichen Pogromen ausgesetzt war.

Rosa Luxemburg trat 1896 dafür ein, dass die Sozialdemokratie sich mit dem Freiheitskampf der Armenier solidarisiert. Pfarrer Johannes Lepsius, Sohn eines namhaften Ägyptologen, Leiter der Deutschen Orient-Mission und engagierter Helfer der Verfolgten, legte im gleichen Jahr die Schrift »Armenien und Europa« vor. Auf Einladung des Vereins armenischer Studenten in Europa erhob der Philosophie- und Literaturhistoriker Georg Brandes am 2. Februar 1903 in Berlin Anklage gegen die an den Armeniern verübten Verbrechen und appellierte an die Verantwortung der europäischen Mächte. Als einziger Abgeordneter versuchte Karl Liebknecht am 11. Januar 1916 im Reichstag mit Anfragen an die Reichsregierung die mörderischen Geschehnisse im verbündeten Türkischen Reich und die deutsche Mitverantwortung zur Sprache zu bringen. Er erhielt keinerlei Unterstützung und ihm wurde das Wort entzogen.

Die von Wilhelm II., Deutscher Bank und Krupp angeführte Nahost-Expansion und ihr Kernstück – Bau der Bagdadbahn – hatten seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert das Deutsche und das Osmanische Reich politisch, wirtschaftlich und militärisch eng zusammengeführt. Das wurde während des Krieges mit Tausenden deutscher Offiziere und Soldaten in der Türkei fortgesetzt. Aus politisch-militärischem Kalkül vermieden Kaiser und Kanzler ernsthafte Interventionen gegenüber der türkischen Führung. Die deutsche Beteiligung und Mitschuld ist Teil des historisch-politischen Problems. Sie reichte bis zur Beihilfe zur Flucht von Hauptverantwortlichen des Völkermords, die auf Drängen der Siegermächte 1919 vor Gericht gestellt und in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurden.

Einige Zeitzeugen gingen mit ihrem Wissen den Weg des Pazifismus und Antifaschismus. Der Dichter Armin T. Wegner fotografierte als deutscher Sanitätssoldat Todesmärsche. Die Fotos wurden Teil des Beweismaterials gegen die Täter. Wegner wurde 1919 Gründer und Vorsitzender des Bundes der Kriegsdienstgegner. 1933 protestierte der mutige Menschenrechtler gegen die beginnende Judenverfolgung. Nach Haft und Folter bei der Gestapo und in Sachsenhausen konnte er emigrieren. In der Rheinsberger Tucholsky-Gedenkstätte wird auch die Erinnerung an ihn bewahrt.

Als Übersetzer und Dolmetscher erlebte Heinrich Vierbücher 1915 bis 1918 Vertreibungen und Morde. Ab 1919 aktiv in der gewerkschaftlichen und Friedensbewegung sowie als Antifaschist, sprach er häufig über die Wahrheit und die Lehren jenes Genozids. Im Frühjahr 1933 einige Wochen inhaftiert, folgten Jahre mit Hausdurchsuchungen und Meldepflicht bei der Polizei. Nach Verfolgung und Bedrohung starb Vierbücher im Februar 1939.

Der deutsche Beistand bei diesem Völkermord im Schatten des Ersten Weltkrieges gehört zu Herkunft und Erbe des Deutschnationalismus, des Nazifaschismus und der Wehrmacht. Das gilt besonders für die rassistischen Züge eines völkischen Nationalismus, mit denen Hemmungen gegenüber der systematischen Ausgrenzung und Vernichtung großer Menschengruppen beseitigt wurden. Eine ihres humanistischen Anspruchs bewusste antifaschistische Bewegung hat den Völkermord von 1915 als solchen vorbehaltlos zu benennen. Sie ist seinen Opfern die Wahrheit über ihr Schicksal und ihren Platz in der Erinnerungskultur der Menschheit schuldig. Dazu verpflichtet auch der Tod des wegen dieser Überzeugung im Januar 2007 umgebrachten Journalisten Hrant Dink, die Solidarität mit dem aus gleichen Gründen gefährdeten Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk und allen, die Menschenrechte und Wahrheitsliebe über machtpolitisches Kalkül und Opportunismus stellen.

Geschichtsrevisionismus

geschrieben von Ulrich Schneider

5. September 2013

Denkmalsstürmer und SS-Glorifizierung in Estland

März-April 2007

Die Internationale Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) erklärte in einem Protestschreiben an Ministerpräsident Ansip: »Wir sind über diese geplante Schändung der würdigen Gedenkorte für diejenigen, die ihr Leben eingesetzt haben, Europa von der Geißel des Faschismus zu befreien, zutiefst empört. Das ist in unseren Augen ein schwerwiegender Verstoß gegen die demokratischen Grundlagen Europas und widerspricht den Werten der europäischen Vereinigung.«

Der vollständige Text der FIR-Erklärung findet sich unter

www.FIR.at

Das Verhältnis der baltischen Staaten zu Russland und zu ihrer eigenen Geschichte als Sowjetrepubliken ist bekanntermaßen kompliziert. In den letzten Monaten hat in Estland dieses Verhältnis eine Zuspitzung erfahren, das Antifaschisten nicht unberührt lassen kann.

Deutlich zeigen sich geschichtsrevisionistische Aktivitäten zur Rehabilitierung der SS und zur Verdrängung der Erinnerung an die Befreierrolle der Roten Armee. Schon seit vielen Jahren versuchen baltische SS-Angehörige und ihre Freunde, die Kollaboration mit dem deutschen Faschismus als Beitrag zur »Selbstständigkeit Estlands« umzudeuten. Im Sommer 2004 wurde in Lihula von privater Seite ein Denkmal zur Ehrung estnischer SS-Angehöriger errichtet. Damals sorgte noch Premierminister Juhan Parts dafür, dass das Denkmal staatlicherseits abgeräumt werden musste. Man befürchtete nicht zu unrecht, dass sich ein solches politisches Signal auf die Aufnahme Estlands in die Europäische Union störend auswirken könnte.

Nachdem jedoch dieser Schritt erfolgreich vollzogen ist, scheinen die »Dämme gebrochen«. Im August 2006 fand in Sinimae eine Versammlung von Veteranen der 20. SS-Division statt. Die Teilnehmer weihten Denkmäler für die SS-Angehörigen aus Belgien und den Niederlanden ein. Die Denkmäler tragen Hakenkreuze, Flaggen sowie Inschriften auf Estnisch, Französisch und Niederländisch und glorifizieren »die Verdienste« der SS dieser Länder, die dort umkamen. Diese Stelen sind Teil einer Gedenkanlage für die estnische SS, die bereits zuvor errichtet wurde. Nach Angaben der Agentur Interfax waren ca. 300 alte estnische, belgische und holländische SS-Angehörige, aber auch junge »Skinheads«, schwarze T-Shirts tragend, anwesend. Das Antifaschistische Komitee Estlands kritisierte, dass gegen solche Glorifizierung der SS-Verbrecher nur der belgische Botschafter in Tallinn protestierte, die estnischen Behörden jedoch – anders als noch im Jahr 2004 – stumm blieben. Diese neue Haltung überrascht nicht, da sich das politische Klima zugunsten geschichtsrevisionistischer Positionen gewandelt hat. Erkennbar wird dies daran, dass das estnische Parlament am 10. Januar 2007 mit großer Mehrheit ein »Gesetz über den Schutz von Soldatengräbern« verabschiedet hat, mit dem jedoch in der Realität der Abriss sowjetischer Ehrendenkmäler im Land und die »Umbettung« sowjetischer Gefallener verbunden ist.

Konkret sollen die sterblichen Überreste sowjetischer Soldaten beseitigt werden, die bei der Befreiung Tallinns von Nazitruppen starben und in der Nähe eines zentral in der Stadt gelegenen Denkmals beigesetzt wurden. Das Denkmal selbst soll ebenfalls geschleift werden, denn hier handele es sich um ein »Symbol der sowjetischen Besetzung Estlands«.

Holocaust-Gedenkreise nach Galizien

geschrieben von Karl Forster

5. September 2013

März-April 2007

Den thematischen Schwerpunkt dieser Studienreise vom 18. bis 25. August 2007 bildet das Schicksal der jüdischen Bevölkerung, deren Ghettoisierung, Verschleppung und Ermordung unter anderem im Vernichtungslager Belzec. Beim Einmarsch der Deutschen lebten in Ostgalizien etwa 540.000 Jüdinnen und Juden. Nach drei Jahren deutscher Besatzung war eine der größten jüdischen Gemeinden Europas nahezu vollständig ausgelöscht. Im Vernichtungslager Belzec wurden etwa 200.000 Menschen aus Ostgalizien ermordet. Allein in Lemberg hatten 1939, bei einer Gesamteinwohnerzahl von 340.000 Menschen, 110.000 Juden gelebt. Am 30. Juni 1941 wurde Lemberg von den Deutschen besetzt, die noch am selben Tag mit der Verfolgung der Juden begannen.

Die Reise führt nach Rzeszow, Lancut, Belzec, sowie ins Ukrainische Lviv (Lemberg). Auf der Rückreise gibt es einen eintägigen Aufenthalt in Krakau. Auf dem Programm stehen der Besuch der Gedenkstätte Belzec, ein Ausflug nach Lemberg mit zwei Übernachtungen, ein Treffen mit polnischen Politikern und Vertretern der Polnisch-Deutschen Gesellschaft, touristische Ausflüge wie der Besuch des Schlosses in Lancut, sowie ein Abschlusstreffen am Lagerfeuer. Ein ausführliches Programm, sowie Reisebedingungen, Preis und Anmeldeformular ist ab Anfang April unter www.kontaktpress.de/studienreise.html zu finden. Der Reisepreis liegt für Vollverdiener bei rund 300 Euro, für Schüler und Arbeitslose gibt es Ermäßigung (ab ca. 190 Euro). Inbegriffen sind Fahrt ab/bis Berlin, Übernachtung in 2-Bettzimmern mit Halbpension, Eintritte, Führungen. Veranstalter: Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V. in Zusammenarbeit mit Deutsch-Polnische Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland e.V..

Erzählend überleben

geschrieben von Heinrich Fink

5. September 2013

Vor zehn Jahren starb der Schriftsteller Jurek Becker

März-April 2007

Jurek Becker ist viel zu früh, mit 60 Jahren, am 14. März 1997 gestorben. Geboren ist er in Lodz, sein genaues Geburtsdatum hat er nie erfahren. Sein Vater, Max Becker, hat ihn um einige Jahre älter gemacht, um ihn vor der Deportation aus dem Ghetto zu schützen. Er wurde aber ohne seine Eltern ins KZ Ravensbrück, danach nach Sachsenhausen deportiert. Sein Vater überlebte Auschwitz. Seine Mutter und 20 weitere Familienangehörige wurden umgebracht. Nach der Befreiung gelang es dem Vater durch eine amerikanische Suchaktion, den Sohn zu finden. Die Wiederbegegnung mit seinem Vater, der ihn in seine Arme schloss, nannte Jurek Becker »seine Geburt in die Menschen«. An das, was er bis zu diesem Zeitpunkt erlebt hatte, besaß er kaum Erinnerungen, wollte auch keine haben. Das war vergessen oder verdrängt. »Mein Vater hat nach dem Krieg relativ wenig getan, um Erinnerung in mir wach zu halten, ich würde sogar sagen, er hat viel getan, um die Erinnerung zu tilgen, zu löschen. Wenn ich mich recht erinnere, hat in unseren Gesprächen die damals unmittelbare Vergangenheit nie eine Rolle gespielt, im Gegenteil! Er hat meine Fragen abgewimmelt – wahrscheinlich weil er betroffener davon war als ich.«

Trotzdem schrieb Jurek Becker mit seinem Buch »Jakob der Lügner« ein höchst authentisches Werk über das Leben im Ghetto. »Ich habe Geschichten über Ghettos geschrieben, als wäre ich ein Fachmann. Vielleicht habe ich gedacht, wenn ich nur lange genug schreibe, werden die Erinnerungen schon kommen. Vielleicht habe ich irgendwann auch angefangen, meine Erfindungen für Erinnerungen zu halten.«

Jurek Beckers zweite Kindheit begann in der Lippehner Straße 5 in Berlin, in der sowjetisch besetzten Zone. Diese politische Umgebung wählte der Vater, weil hier, wie er wusste, Antifaschisten an die Macht gekommen waren, die sich gegen Antisemitismus wehren würden. Sehr früh lernte Jurek Becker durch seine polnische Sprache Fremdheit, Ausgrenzung und Verachtung kennen. Er reagierte darauf mit dem Streben, möglichst sehr gut in Deutsch und allen anderen Schulfächern zu sein, um die Achtung der Mitschüler zu gewinnen. Schon als Kind empfand er das Erkennen von Zusammenhängen als das größte Glück. Der Wunsch, nach dem Abitur Philosophie zu studieren, fand bei seinem Vater wenig Sympathie. Wegen politischer Widersprüche mit seinen Genossen gab Jurek Becker das Studium dann auch auf und begann zu schreiben.

»Liebling Kreuzberg« machte ihn bei einem breiten Publikum bekannt. Die Sendung war wohl die intelligenteste und unterhaltsamste Serie im deutschen Fernsehen. Kein westdeutscher Autor hätte die »Dutzendgeschichten« (so Manfred Krug) um den Westberliner Rechtsanwalt Robert Liebling genauer beschreiben und besser erfinden können als Jurek Becker. Denn inzwischen war er kein DDR-Bürger mehr. Ideologische Widersprüche mit der SED, deren Mitglied er gewesen war, und die Reaktionen auf den von ihm mit getragenen Protest gegen die Ausbürgerung Biermanns und den Ausschluss Reiner Kunzes aus dem Schriftstellerverband hatten ihm keine andere Möglichkeit mehr gelassen, als in den Westen überzusiedeln.

Jurek Becker wehrte sich ständig gegen politische Engstirnigkeit. »Wenn Politiker aufhören politisch zu denken, sollten sie aufhören, Politik zu machen«. Da machte er keinen Unterschied zwischen Ost und West. Wie kaum ein anderer war er in der Lage, Menschen und Zustände aus beiden deutschen Staaten wahrhaftig zu beschreiben. Vielleicht stammt seine souveräne Befähigung dazu gerade aus dem Umstand, dass er aufgrund seiner Kindheitserfahrung ein übersteigertes Bedürfnis nach Verwurzeltsein nicht ausgebildet hatte. Um so fremder musste ihm dann die »neue deutsche Einheit« erscheinen.

Auf die Frage, ob er Jude sei, betonte er immer wieder: »Meine Eltern waren Juden.« Ihm wird nachgesagt, er habe keinen Kontakt zur Synagoge gehabt. Das stimmt, doch dem jüdischen Leben in Ostberlin fühlte er sich verbunden. Unvergessen bleiben für viele seine Lesungen und die intensiven Gespräche im Jüdischen Gemeindehaus in der Oranienburger Straße, etwa über »Jalkob der Lügner« oder »Jüdisch sein«. Und nicht nur diese. Jedes Buch von Jurek Becker hat sicher nicht nur mir neue Räume der Erkenntnis eröffnet.

Westerborg und Auschwitz

geschrieben von Uwe Koopmann

5. September 2013

Schüler auf den Spuren eines Leidensweges

März-April 2007

Die Bertha-von-Suttner-Gesamtschule Dormagen hat die Patenschaft für die ermordete Jüdin Fanny Bamberg-Dahl übernommen. Für sie wird am 10. Oktober ein Stolperstein in der Kölner Straße verlegt. Schülerinnen und Schüler aus dem Zusatzkurs Geschichte des 13. Jahrganges und aus der Schülervertretung unternahmen dazu eine Exkursion in das 300 Kilometer entfernte niederländische KZ-Sammellager Westerbork – für die Dormagener Jüdin eine Zwischenstation auf ihrem Leidensweg in die Gaskammern von Auschwitz.

Das Lager liegt zehn Kilometer nördlich des Dorfes Westerbork. Die Niederländer hatten es kurz vor dem Zweiten Weltkrieg als zentrales Flüchtlingslager (»Centrale Vluchtelingenkamp Westerbork«) angelegt, um die vielen jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich aufnehmen zu können. Am 10. Mai 1940 überfielen die deutschen Truppen die Niederlande. Aus dem »Zentralen Flüchtlingslager« machten die Nazis am 1. Juli 1942 das »Polizeiliche Judendurchgangslager Kamp Westerbork«, in dem nun auch Widerstandskämpfer eingesperrt waren wie der Düsseldorfer Werner Sterzenbach. In unmittelbarer Nachbarschaft liegt heute das »Herinneringcentrum Kamp Westerbork«, die Gedenkstätte, in der wissenschaftlich geforscht wird und Besucher sich umfassend informieren können.

Judith Kazlinger und Thomas Stange von der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste führten die Schülerinnen und Schüler fundiert in die Arbeit des Hauses ein. Um die besondere Beziehung zwischen Westerbork und Dormagen zu dokumentieren, hatten sie die Lebensgeschichte von Fanny Bamber-Dahl recherchiert. Die beiden begleiteten die Jugendlichen anschließend ins Lager – mit dem Fahrrad nur wenige Minuten entfernt. Es war der Weg, auf dem die Häftlinge bis zum letzten Transport am 3. September 1944 in Viehwaggons über eine eigens angelegte Bahnverbindung vom Lager nach Hooghalen transportiert wurden, von dort über Assen, Groningen und den Grenzbahnhof Nieuweschans in die im Osten liegenden Konzentrationslager.

Vom 7. August bis 3. September 1944 war Anne Frank in dem Lager eingesperrt. Auch ihre Familie hatte – wie Fanny Bamberg-Dahl – gehofft, in den Niederlanden vor dem Zugriff der Nazis sicher zu sein. Fanny, geboren am 20.02.1887 in Dormagen als Tochter von Esther Meyer und Jacob Dahl, zog zunächst um nach Kleve, gleich an der niederländischen Grenze. Sie ging dann wahrscheinlich schon früh nach Amsterdam, wo sie heiratete und mit ihrem Mann Jakob Bamberg in der Schipbeekstraat 15 wohnte. Im »Herinneringcentrum« wird angenommen, dass Fanny 1942, im Alter von 55 Jahren, wahrscheinlich schon verwitwet war. 1942, Anne Frank lebte seit dem 6. Juli dieses Jahres in ihrem Versteck im Hinterhaus Prinsengracht 263, wurde Fanny verhaftet und am 12. September nach Westerbork verschleppt.

In dem Lager, aus dem die Nazis von 1942 bis 1944 insgesamt 107.000 Menschen deportierten und ermordeten, erinnert fast nichts mehr an die grausame Geschichte. Stacheldraht, Baracken und Wachtürme sind nur noch angedeutet. Erderhebungen markieren die verschiedenen Gebäude, unter anderem die Strafbaracke, in der die Häftlinge eingesperrt wurden, die sich nicht »freiwillig« bei der Polizei zum Abtransport gemeldet hatten. Dazu gehörte auch die Familie Frank.

Zusammen mit 901 weiteren Menschen wurde Fanny sofort am 14. September 1942 nach Auschwitz deportiert. Der Transport dauerte drei Tage. Direkt nach ihrer Ankunft wurde sie vergast.

Das Reichsbanner

geschrieben von Gerhard Fischer

5. September 2013

Eine DVD informiert und blendet einiges aus

März-April 2007

Als »Schutz- und Wehrorganisation« für die Weimarer Republik verstand sich das »Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold«. Im Februar 1924, also unmittelbar nach dem Ende der revolutionären Nachkriegskrise, wurde es gegründet. Hinter ihm standen die »Weimarer Verfassungsparteien«: die deutsche Sozialdemokratie, das Zentrum und die Deutsche Demokratische Partei. Sein verkündeter Zweck war »Aufklärung und Werbung für den republikanischen Gedanken«. Sie hatte der Weimarer Staat dringend nötig: Die noch der Monarchie nachtrauernde Reaktion stand ihm feindselig gegenüber; die faschistische »Bewegung« schwoll an. In Arbeiterkreisen wiederum, auch in sozialdemokratisch orientierten, kursierte der Vers: »Die Republik, das ist nicht viel – der Sozialismus ist das Ziel!«

Die Hauptgefahr für den Bestand der Weimarer Demokratie ging bekanntlich von Hitler, seinen Auftraggebern und seinem Anhang aus; sie waren es schließlich auch, die ihr das Ende bereiteten. Das Reichsbanner allerdings kämpfte zeit seiner Existenz mit seinen drei Millionen Mitgliedern gegen »rechts« und »links« – gegen »Nationalisten und Kommunisten«, wie es im Sprechertext der Doku-DVD »Demokratie braucht Demokraten« von Werner Müller heißt. Sie wurde initiert vom »Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold – Bund aktiver Demokraten e.V.«, der die Überlieferung jener Organisation bewahren will, und herausgegeben vom Zentralverband Demokratischer Widerstandskämpfer und Verfolgtenorganisationen, dessen Vorsitzende, Annemarie Renger, während der gut dreiviertelstündigen Laufzeit des Films mehrfach zu Wort kommt.

Der bezieht seine Wirkung in der Hauptsache aus der Art, wie er Vergangenheit und Gegenwart miteinander kombiniert und ineinander verschränkt. Zum einen lebt er von einer Fülle zeitgenössischer Foto- und Filmaufnahmen vorwiegend aus den Jahren bis 1933, die damalige geschichtliche Vorgänge vermitteln und echtes Zeitkolorit aufweisen, sowie von Augenzeugenberichten noch lebender Mitkämpfer des Reichsbanners. Spürbar wird einiges von der ökonomischen und sozialen Entwicklung zu Weimarer Zeiten, von der die Nazis begünstigt wurden. Faktisch ausgeblendet werden Faktoren wie etwa die Rolle des Finanzkapitals bei deren Förderung.

Zum anderen bemüht sich die DVD, die Gefahr des Neonazismus in unseren Tagen zu veranschaulichen und vor allem die Weitergabe historischer Kenntnisse und Erkenntnisse an die Nachgeborenen zu vergegenwärtigen. Der Dokumentarist begleitet beispielsweise Schüler bei Fahrten durch Berlin zur Gedenkstätte Deutscher Widerstand und zur Gedenkstätte der Wannsee-Konferenz, bei Begegnungen mit Zeitzeugen und bei Diskussionen mit maßgeblichen Politikern von SPD und CDU. So wird gezeigt, wie jungen Menschen heute Wissen über Früheres nahegebracht wird und wie sie sich damit auseinandersetzen.

Unterbelichtet bleibt die Aktivität linksbürgerlicher Kräfte im Reichsbanner. Insgesamt verlässt der Film nicht die Grenzen, die er durch eine Aufnahme von einer Demonstration aus der Zeit des nahenden Endes der Weimarer Republik mit der Lösung wiedergibt: »Gegen Papen, Hitler, Thälmann!« Das war ein Motto der »Eisernen Front«, zu der sich im Dezember 1931 SPD und Gewerkschaften mit dem Reichsbanner und sozialdemokratisch geführten Arbeitersportverbänden zusammenfanden und die nicht gerade einem gemeinsamen Kampf der Hitlergegner gegen den drohenden Machtantritt der Nazis diente. Die Hinweise der DVD auf den Widerstand gegen den Faschismus an der Macht konzentrieren sich auf Sozialdemokraten, den 20. Juli 1944 und die Geschwister Scholl.

Dein Andenken lebt

5. September 2013

Fiktiver Brief an eine unvergessene Antifaschistin

März-April 2007

Liebe Dora,

vor sieben Jahren, du warst immerhin schon 86 Jahre alt, hast du dem Leben freiwillig vale! gesagt. Vieles von dem, was seither auf der Welt passiert ist, würde dich nur noch mäßig interessieren, deprimieren jedoch so allerlei.

Dass zwei Urenkelinnen unsere Familie vergrößert haben, wäre dir wohl wichtig und eine Freude gewesen.

Warum nun ein Brief an dich? Ursache ist ein anderer Brief, der uns am Weihnachtsabend des vergangenen Jahres erreichte. Darin teilte uns ein Franzose namens Rémy Demonsant mit, die Gemeinde von Gaillac/Brens habe beschlossen, einer Straße deinen Namen zu geben. Es handele sich um die vor dem ehemaligen Internierungslager für Frauen entlang führende Straße. Die dürfte dir in unguter Erinnerung sein, wenngleich du am 14. Juli 1942 durch Flucht deiner Internierung ein Ende setztest.

Der feierliche Akt der Namensgebung sei für den 12. März 2006 vorgesehen und der Sohn herzlich eingeladen. Welch überraschendes Weihnachtsgeschenk für die ganze Familie! In letzter Minute entschloss sich Anja, deine älteste Enkelin, dieses besondere Ereignis nicht zu verpassen. Unsere kleine deutsche Abordnung, zu der noch unser langjähriger Freund Detlef stieß, traf am Vortag der »Hommage à Dora Schaul« in Gaillac ein. Alle waren wir aufgeregt und gespannt.

Kurz vor 10.00 Uhr bummelten wir über die Brücke Pont St. Michel. Wir sahen, dass sich viele Leute versammelt hatten. Natürlich wieselten Kameraleute umher und schnell wurden Sohn und Enkeltochter an das blau-weiße Schild mit der Aufschrift »Route Dora Schaul« gestellt, um sie für die örtliche Presse abzulichten. Es folgten, was natürlich einem solchen Akt gemäß ist – viele Reden. Allen gemeinsam war eines: würdige Worte über dich als mutige Frau aus Deutschland, Kommunistin jüdischer Herkunft, die sich unerschrocken der Résistance anschloss und so dazu beitrug, den deutschen Faschismus zu besiegen.

Angelita Bettini, die als sehr junges Mädchen in Brens interniert war, und sich nur ganz vage an dich erinnern kann, hat Tränen in den Augen, als sie über die harte Zeit im Lager spricht. (Heute ist sie Präsidentin der Vereinigung für die Bewahrung der Erinnerung an die Internierten der Lager Brens und Rieucros). Viele Zuhörer werden von der bewegenden Zeremonie emotional mitgenommen. Aufmerksam lauschen die Versammelten einer Botschaft von Madame Simone Veil, Präsidentin der Stiftung für die Erinnerung an die Shoah. Sie bedauert, an der Straßennamensgebung nicht persönlich teilzunehmen, geht in ihren Zeilen aber sehr ausführlich auf die gefährliche Arbeit ein, die du unter dem Namen Renée Fabre bei der Deutschen Feldpost in Lyon geleistet hast. Auch dein Sohn tritt ans Mikrofon und bedankt sich im Namen der Familie für die Ehre, die man dir in Gaillac erweist.

Bevor die Hommage an dich im Gemeindesaal fortgesetzt wird, gehen alle zu einem anderen Tor des einstigen Lagers. An einem Gedenkstein für die internierten Frauen werden in stillem Gedenken an sie Blumen niedergelegt.

Als wir danach den Saal betreten, ist der schon so gut besucht, dass noch einige Stuhlreihen zusätzlich hingestellt werden müssen. Hier hat zunächst Sterenn LeBerre das Wort. In ihrer Magisterarbeit ist sie dem »Fall Dora Schaul« nachgegangen. Nun präsentiert sie die Persönlichkeit, die du in deiner Lebenszeit gewesen bist. Die Aufmerksamkeit im Saal gehört ihr/dir ungeteilt.

Eigentlich war anschließend noch eine Lesung mit Michel del Castillo vorgesehen, doch leider musste er aus gesundheitlichen Gründen absagen, tat dies jedoch mit einem kleinen wunderbar warmherzigen Text für die Versammelten. Erinnerst du dich an ihn? Du warst für ihn so etwas wie eine zweite Mutter; seiner eigenen ging es unter den Internierungsbedingungen oft so schlecht, dass sie sich nicht viel mit ihm beschäftigen konnte.

Wie lebendig du noch bist, dürfte dir nach der Lektüre unseres Briefes deutlich geworden sein. Viele Freunde und Bekannte, denen wir von der »Route Dora Schaul« erzählten, freuten sich über diese Nachricht und meinten gleichzeitig: »Schade, dass sie das nicht mehr erlebt hat!« Doch wie hast du oft in den unterschiedlichsten Situationen gesagt? C’est la vie!

Es grüßen dich, wo auch immer du bist,

deine Schwiegertochter Nina und natürlich auch dein Sohn Peter

Lübecker Widerstand

geschrieben von Dr. Seltsam

5. September 2013

Gedanken zu einem Buch von Marianne und Günther Wilke

März-April 2007

Marianne und Günther Wilke:

Lübeck unterm Hakenkreuz. Wegweiser zu den Stätten des Widerstandes und der Verfolgung in Lübeck 1933-1945, Hrsg. VVN-BdA, 124 S.

Als Lübecker Jung erlebte ich meinen Konfirmandenunterricht in der, wie eine Naziburg gebauten, Lutherkirche, in deren Vorraum eine Gedenktafel an Pfarrer Stellbrink gemahnte, ein nicht sehr sympathisch wirkender, streng aussehender Geistlicher mit Hitlerbärtchen. Niemand sagte uns, dass er 1944 als Nazigegner hingerichtet wurde. Dass so viele bedeutende Antifaschisten aus Lübeck kamen, war den Lübeckern meiner Jugendjahre noch im Nachhinein peinlich: Die Manns, Willy Brandt, Julius Leber. Erich Mühsam wurde nicht mal erwähnt, bis sich endlich Ende der 80er-Jahre die rege Erich-Mühsam Gesellschaft bildete. Man kann also nicht gerade behaupten, dass die Stadt Lübeck sehr wohlwollend mit ihren Märtyrern umgegangen wäre, von den vier Pfarrern mal abgesehen.

Umso lobenswerter ist daher die Veröffentlichung »Lübeck unterm Hakenkreuz«, von Marianne und Günter Wilke, beide seit vielen Jahren aktiv in der VVN- BdA in Schleswig-Holstein. Aus ihrem Buch erfuhr ich nun, dass Pfarrer Stellbrink tatsächlich Mitglied der Nazipartei war und ihr zehn Jahre lang treu gedient hatte. Nichts wusste ich vorher aus meiner Jugendzeit von den tapferen Aktionen der Lübecker Hafenarbeiter, der illegalen KPD, die Emissäre der Komintern durch die anrüchigsten Hafenkneipen schmuggelten und über die Arbeiterfamilie Bringmann, die fast vollständig von der Gestapo ermordet wurde. Aber andere Dinge weiß ich, die ein sehr gespenstisches Licht auf die Lübecker werfen und die in dem Buch nicht vorkommen. Damit nun kein allzu guter Eindruck von den »anständigen« Lübeckern entsteht, hier einige der bösen Fakten zur Ergänzung.

Die größte Firma in Lübeck sind heute die Draeger-Werke. Heinrich Dreager war Wehrwirtschaftsführer und besaß ein eigenes KZ mit mehreren hundert russischen Zwangsarbeiterinnen. Gelegentlich wurden angeblich »faule« Arbeiterinnen an einem Galgen im Firmengelände aufgehängt und zur Warnung der Belegschaft hängengelassen. Ende 1944 erschoss die SS zwei Frauen »auf der Flucht«. Eine existierende Widerstandsgruppe im Lager wurde verraten, gefoltert und ausgelöscht, weder am Firmengelände noch sonst irgendwo erinnert man heute an die Opfer. Keiner kennt ihre Namen und es gibt keine ABM unter den vielen arbeitslosen Geisteswissenschaftlern der Hansestadt, um diese Vorkommnisse zu erforschen. Eine Draegertochter ging in meine Gymnasiumsklasse, natürlich wusste auch sie nichts davon.

Zu Beginn der Nachkriegszeit wollte die Fremdenverkehrswirtschaft gern wieder den Bäderbetrieb an der Ostseeküste aufnehmen, aber die infrage kommenden angloamerikanischen Kurgäste wurden noch jahrelang durch angeschwemmte Leichen der Cap Arcona/Thielbek-Katastrophe irritiert, deren Überlebende übrigens von eiligst zusammengestellten Jagdkommandos an den Stränden der Lübecker Bucht erschlagen wurden, wie der überlebende Kommunist und Schauspieler Erwin Geschonneck in einem verschwiegenen Dokumentarfilm von Hermann Leukert aus Lübeck berichtet.

1947 geriet Lübeck wieder negativ in die Schlagzeilen der Weltpresse, als die jüdischen Flüchtlinge der »Exodus« von der Reede vor Haifa hier in Pöppendorf interniert wurden, untere Anleitung der Engländer. Das war nun so geschäftsschädigend für das Renommee der Seebäder, dass der Lübecker Senat sich zu einem einzigartigen Schritt entschloss: Ein frühes Ehrenmal für die getöteten Juden, fünfzig Jahre vor dem sinnleeren Holocaust-Mahnmal in Berlin und genauso peinlich. Sie kamen nämlich auf die Idee, einen überdimensionalen Grabstein zu errichten, mit den Namen der letzten beiden Lübecker Juden, ein Ehepaar, das ausgerechnet von englischen Bomben getötet worden war. Sie meißelten auf den Stein: »Hier ruhen Hermann Israel Schild und Emma Sara Schild«. Und dann wunderten sie sich, dass sich weltweit ein Wutgeheul über diesen Schildbürgerstreich erhob.

Linke Weltsichten

geschrieben von Alfred Fleischhacker

5. September 2013

Die Erinnerungen des Diplomaten Horst Brie

März-April 2007

Horst Brie:

Erinnerungen eines linken Weltbürgers, Karl Dietz Verlag Berlin,

Euro 16,90

Der Bogen der Ereignisse, über die in diesem Buch berichtet wird, überspannt ein halbes Jahrhundert. Sie beginnen 1946 mit der Rückkehr des Autors Horst Brie nach Deutschland. Dieses Land hatten die Eltern und der damals Elfjährige l934 verlassen. Eine wohl lebensrettende Entscheidung für die Familie. War doch der Vater Mitglied der kommunistischen Partei und jüdischer Herkunft. Nach der Machtübernahme der Nazis deshalb in doppelter Gefahr. Das erste Exil bot die Tschechoslowakei. Der Sohn fand bereits dort Kontakt zu der in der Emigration gegründeten »Freien Deutschen Jugend« und blieb ihr verbunden, als die Familie nach Großbritannien auswanderte.

Ein Jahr nach der bedingungslosen Kapitulation kehrt er von London über Jugoslawien nach Berlin zurück. Mit der Einstellung »Entbehrungen auf mich zu nehmen, um am Aufbau eines antifaschistischen, demokratischen Deutschlands teil zu nehmen«. Zu Beginn in Mecklenburg. Es fehlten dort, wie überall im Land, Personen mit einer antifaschistischen Grundeinstellung. Die hatte er und begann im Studio Schwerin des Rundfunks seine berufliche Laufbahn. Viele Entscheidungen nahmen in jenen Jahren einen spontanen Verlauf. Horst Brie jedenfalls war erleichtert, als er zum stellvertretenden Landesvorsitzenden der FDJ berufen wurde. Es schloss sich eine hauptberufliche Arbeit in der SED an.

1950 begannen in etlichen volksdemokratischen Staaten von Stalin inspirierte Schauprozesse gegen leitende Funktionäre kommunistischer Parteien. Man beschuldigte sie, als »Agenten des Imperialismus« den Aufbau des Sozialismus zu hintertreiben. Die infamen Verleumdungen jener Kampagne, die einige Betroffene sogar das Leben kostete, erreichten – allerdings in abgeschwächter Form – auch die DDR. Zwar gab es hier keine Todesurteile. Doch fast von heute auf morgen galten hunderte der SED verbundene Mitglieder als »unzuverlässige Kader« Betroffen waren davon in erster Linie solche Genossen, die sich nach 1945 frei entschieden hatten, aus westlichen Staaten in das nicht nur materiell zerrüttete Land zurückzukehren.Die damalige Parteiführung setzte eine Personal-Rochade in Gang, von der auch Brie betroffen war. Man schickte ihn in eine Maschinen- und Traktoren-Station, deren Aufgabe darin bestand, die knappen Landmaschinen konzentriert an Neubauern auszuleihen, welche durch die Bodenreform Land erhalten hatten. Die nach Stalins Tod 1953 einsetzende Rehabilitierung erreichte ihn 1955. Man empfahl ihm, mit Blick auf sein bisheriges Leben und seine internationalen Erfahrungen, künftig im Außenministerium zu arbeiten. Schon wenig später wurde er Kulturattaché an der DDR Botschaft in Peking. Es folgte die Ernennung zum Botschafter in Nordkorea, in Japan und schließlich in Griechenland.

Was er in diesen drei Jahrzehnten erlebt und mitgestaltet hat, darüber berichtet der Autor sachlich, offen und sehr informativ. Er lernte Personen kennen, die mit ganz unterschiedlichen Temperamenten, Lebensläufen und Visionen, gesellschaftliche Prozesse in ihren jeweiligen Ländern in Gang setzten. So in China Tschou Enlai und Mao Zedong. In Nordkorea Kim Il Sung. Mit gebotener Zurückhaltung offeriert er dem Leser seine Folgerungen aus den Umwälzungen jener Zeit.

Diplomatische Beziehungen mit Japan waren erst 1974, nach der Aufnahme der beiden deutschen Staaten in die UNO, möglich geworden. Das Auswärtige Amt der Bundesrepublik ließ wissen, fortan wolle man die Welt nicht länger mit den »Querelles Allemandes« belästigen. Leere Versprechen, wie sich alsbald zeigen sollte. In Bonn wollte man sich nicht von der »Hallstein-Doktrin« lossagen, mit der man viele Staaten über Jahrzehnte unter Druck gesetzt hatte. Brie schildert wie Bonn versuchte, den Besuch Erich Honeckers in Japan zu verhindern. Selbst in den späten 80er-Jahren, als der Autor die Botschaft in Athen leitete, ließ das Auswärtige Amt noch immer nicht ab von Einmischungen in die Außenpolitik der DDR. Brie und ich werden nicht mehr präsent sein, wenn die Archive der Alt-BRD geöffnet und damit genauere Einblicke in Praktiken ermöglicht werden, mit denen man am Rhein in der langen Phase des Kalten Krieges die Außenpolitik der DDR so gar nicht neutral, geschweige denn passiv, begleitet hat.

Über viele Jahre hatte der Autor selbstverständlich auch engere Kontakte zu führenden Persönlichkeiten des Landes, das er nach außen vertrat. Genannt seien hier Erich Honecker, Hermann Axen, im Politbüro der SED für Außenbeziehungen verantwortlich, Oscar Fischer, viele Jahre Außenminister der DDR, und Günter Mittag.

Dem Leser bleibt es überlassen, die Wertungen Bries über die Genannten zu akzeptieren oder zu verwerfen. Es versteht sich wohl von selbst, dass er auch mit Geheimdiensten zu tun hatte. Seit knapp zwei Jahrzehnten soll es ja Leute geben, die bei diesem Wort immer nur an den einen denken. Doch in den USA gab es über Jahrzehnte den OSS, den Vorläufer der CIA, oder den sowjetischen KGB und in England den MI 5. Mit all diesen hatte Brie Kontakte und natürlich auch mit dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR.

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