Vergesst Treblinka nicht!

geschrieben von Karl Forster

5. September 2013

Einer der schrecklichsten Orte des faschistischen Terrors muss erhalten
werden.

Jan.-Feb. 2007

AUFRUF

Treblinka!

Hilfe gegen das Vergessen

In Treblinka wurden beinahe eine Million Menschen ermordet. Heute droht das Konzept der Nazis, alle Spuren zu beseitigen, durch das Vergessen dieses Ortes und den langsamen Verfall der Gedenkstätte aufzugehen.

Auschwitz und Majdanek sind staatliche Museen. Alle anderen Gedenkstätten in Polen – und es gibt deren viele – sind den Regionalmuseen zugeordnet. Doch das zuständige Regionalmuseum kann die notwendigen Aufwendungen für den Erhalt der Gedenkstätte Treblinka nicht alleine leisten.

Doch Treblinka ist – wie Auschwitz und Majdanek und die anderen Vernichtungslager – eine deutsche Schuld. Und somit auch eine deutsche Verantwortung. Zu dieser Verantwortung gehört auch der Erhalt der Gedenkstätte. Deshalb ist es erforderlich, dass sich staatliche Institutionen, Vereine und Privatpersonen, Bundes- und Lokalpolitiker, Unternehmen und viele andere, beteiligen am Erhalt dieses wichtigen Gedenkortes.

Wir, die Deutsch-Polnische Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland e.V. und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V. rufen auf zur Gründung einer Hilfsinitiative für Treblinka.

Verbreiten Sie diesen Aufruf und die Informationen über Treblinka. Sammeln Sie Spenden. Wir unterstützen Sie mit Informationen, Referenten. Schreiben Sie uns, wie Sie helfen wollen.

Deutsch-Polnische Gesellschaft der BRD e.V.

Prof. Dr. Christoph Koch, Vorsitzender

VVN-BdA e.V.

Prof. Dr. Heinrich Fink, Vorsitzender

Kontakt: Initiative Treblinka, c/o Karl Forster, Riesaer Str. 18, 12619 Berlin

e-mail: Initiative-Treblinka@polen-news.de

Wir fahren etwa eine Autostunde von Warschau aus in nordöstlicher Richtung. Was wir suchen, ist ein beinahe vergessenes Stück Erde, das eigentlich zu den schrecklichsten Erinnerungen Deutschlands gehört: Treblinka. Ein Name, mit dem nur Menschen etwas anfangen können, die sich mit dem Terror der Nazis, der systematischen Vernichtung jüdischer Menschen, befasst haben. Aber auch unter ihnen ist kaum jemand, der diesen Ort schon gesehen hat. Ihm fehlt die Symbolkraft von Auschwitz, die Anschaulichkeit des ehemaligen Lagers von Majdanek. Hierher kommen keine Scharen von Touristenbussen (Die KZ-Gedenkstätte Auschwitz spricht von derzeit einer Million Besuchern im Jahr). Hier gibt es auch keine Jugendbegegnungsstätte die es Jugendgruppen ermöglicht, in der Nähe zu übernachten. Doch es gibt eine Gedenkstätte, und das ist schon eine Besonderheit für sich. Denn hier hatten die Nazis versucht, rechtzeitig alle Spuren zu verwischen. Und fast ist es ihnen gelungen. Alle Einrichtungen wurden abgebaut, ein Teil der Massengräber exhumiert und die Leichen verbrannt. Das gesamte Gelände umgegraben und darauf ein Bauernhof errichtet. Und befreite Häftlinge, welche sich – wie die ehemaligen Häftlinge anderer Lager – regelmäßig treffen und berichten können gibt es nicht. Nur einige wenige, die fliehen konnten, überlebten diese Hölle und kaum noch einer lebt heute noch. Doch drei Schüler aus Bielefeld arbeiteten gegen dieses Vergessen an.

Dass es in der Gedenkstätte Treblinka heute eine wirklich informative Ausstellung gibt, ist in der Tat drei Schülern des Gymnasiums der Friedrich-v.Bodelschwingh-Schulen in Bielefeld zu verdanken. Eva Budde, Felix Hansen und Jonathan Sokolowski, alle Jahrgang 1984, hatten sich an einem Praktikumsprojekt in Geschichte beteiligt. Von der Gedenkstätte Majdanek, wo das Praktikum hauptsächlich stattfand, fuhren sie nach Treblinka. Der Leiter der Gedenkstätte dort, Edward Kopowka, regte an, eine solche Ausstellung zu erarbeiten. Der Plan erwies sich als schwierig. Die Einarbeitung in das historische Thema, die Einladung an einen Überlebenden, Samuel Willenberg, nach Bielefeld mit beeindruckenden Gesprächen, aber auch die praktische Umsetzung und das Suchen nach Sponsoren für den Druck zogen das Projekt in die Länge. Doch die Schüler verfolgten es auch über ihr Abitur hinaus. Und im Sommer 2005 wurde die Ausstellung von den Schülern und der Geschichtslehrerin Beate Stollberg-Wolschendorf übergeben. Heute können Besucher auf 16 Informationstafeln auf polnisch und deutsch die Geschichte dieses Ortes, der Opfer aber auch der Täter lesen. Gleichzeitig wurde eine Informationsbroschüre hergestellt.

Treblinka war ein Musterbeispiel an Täuschung. Der Name war nämlich in der Bevölkerung durchaus bekannt. Hier befand sich das Arbeitslager Treblinka (später auch Treblinka I genannt) das Ende 1941 gebaut wurde. Heute sieht man unter anderem noch die riesige Kiesgrube dieses Zwangsarbeitslagers. Im Arbeitslager hielten sich ständig zwischen 1.000 und 1.200 polnische Gefangene (Juden und Nichtjuden) auf, mit wechselnder Zusammensetzung. Sie arbeiteten in der Kiesgrube, in den Lagerwerkstätten und auf dem Bahnhof Malkinia. Frauen mussten landwirtschaftliche Arbeiten im Lager ausführen. Anfangs meldeten sich viele sogar freiwillig, hier in der Kiesgrube zu arbeiten – um beispielsweise nicht zur Zwangsarbeit nach Deutschland geschickt zu werden. Wachttürme und Stacheldrahtzäune hinderten die Gefangenen an der Flucht. Die SS hatte ihre Unterkünfte zwischen den Gefangenenbaracken und der Kiesgrube.

Als die Rote Armee sich im Juli 1944 näherte, gab die SS das Lager auf.

Heute sind einige Bereiche des ehemaligen Lagers von Wald befreit, Gras bedeckt den Boden.

Es sind noch einige bauliche Hinterlassenschaften zu sehen: Betonfundamente von Baracken, die Lagerrampe, ein Schwimmbecken für die SS-Mannschaft.

Als man dann im Sommer 1942 zwei Kilometer entfernt Treblinka II errichtete, glaubten viele, es handle sich um das Arbeitslager. Ein wahrhaft tödlicher Irrtum. Denn ein „Lager“ existierte hier eigentlich gar nicht. Zwar gab es einige wenige Baracken für die „Funktionshäftlinge“. Doch alles andere war auf schnelle Ermordung ausgelegt.

Treblinka galt auf Grund der Nutzung von Erfahrungen aus den Lagern Belzec und Sobibor bei der SS als das „perfekteste Vernichtungslager“ der „Aktion Reinhardt“. Im Auftrag des Reichsführers-SS und „Chefs der deutschen Polizei“, Heinrich Himmler, ernannte der SS- und Polizeiführer des Distrikts Lublin, Odilo Globocnik, den SS-Obersturmführer Irmfried Eberl zum ersten Lagerkommandanten von Treblinka. Dieser wurde im September 1942 von dem früheren Kommandanten des Vernichtungslagers Sobibor, Franz Stangl abgelöst. Beide waren zuvor in den „Euthanasie“-Anstalten an der Ermordung psychisch Kranker und Körperbehinderter beteiligt gewesen, ebenso das ihnen unterstellte deutsche Lagerpersonal. Die Bewachung des Lagers und den Betrieb der Gaskammern übernahmen Volksdeutsche und Ukrainer.

Der Massenmord begann am 23. Juli 1942 an Juden aus dem Warschauer Ghetto. Bis zum Frühjahr 1943 wurden dann fast eine Million Menschen, überwiegend polnische, slowakische, griechische, mazedonische und jugoslawische Juden sowie Bewohner des Ghettos Theresienstadt in Treblinka, aber auch rund 30.000 nichtjüdische Polen und tausende Sinti vergast. Anfang März 1943 ließ die SS die Massengräber öffnen und die Leichen verbrennen, um die Spuren des Verbrechens zu verwischen.

Als sich die Leichenverbrennung dem Ende näherte und die Liquidierung des Lagers bevorstand, gelang es Häftlingen des Sonderkommandos am 2. August 1943, Waffen zu erbeuten. Sie wagten den Aufstand. Etwa 840 Häftlinge waren daran beteiligt. Doch die meisten von Ihnen wurden überwältigt und ermordet. Nur rund 60 gelang es zu fliehen. Sie sind die einzigen Überlebenden von Treblinka. Die zurückgebliebenen Gefangenen wurden sofort von der SS erschossen. Anschließend ließ sie das Lager abreißen, den Boden umpflügen und zur Tarnung ein Bauernhaus errichten.

Nach 1945 stellte sich die Frage, wie geht man mit diesem Gelände um, bei dem eigentlich keine Spuren mehr vorhanden sind. Doch man wollte und musste einen Gedenkort schaffen.

1964 wurde am Ort des ehemaligen Vernichtungslagers eine Denkmalsanlage errichtet. Ein symbolisches Tor aus Stein wurde geschaffen, die Bahngleise werden von schwellen-ähnlichen Steinen angedeutet, an denen eine Rampe wiedererstand. Dort wo ein Stacheldrahtzaun und Wachtürme standen, sind große Steinblöcke aufgestellt.

An der Stelle der früheren Gaskammern steht ein großer Turm aus Granitquadern, den etwa 17.000 Granitsteine umgeben, auf denen Inschriften die Länder und Orte nennen, aus denen Juden in Treblinka starben. Für jedes Land, für jeden Ort ein Stein. Die unterschiedliche Größe der Steine soll wenigstens annähernd die unterschiedliche Zahl der Opfer aus diesem Land anzeigen. Eine Besonderheit unter den Steinen die sonst außer den Orten keine Namen tragen, ist die Steingruppe für Janusz Korczak. Henryk Goldszmit, wie er eigentlich hieß, war am 5. August 1942 mit 200 Kindern des jüdischen Waisenhauses aus dem Warschauer Ghetto in Treblinka ermordet worden. Hinter der ehemaligen Gaskammer aus besonderem Material eine Nachbildung der Scheiterhaufen auf denen die Leichen verbrannt wurden.

Ein wirklich beeindruckendes, weitläufiges Mahnmal das ohne die Restaurierung alter Baracken, Effekten etc. auskommt. Aber eine Restaurierung ist auch hier dringend erforderlich. Nach über 40 Jahren drohen viele Teile dieses Monuments zu verfallen. Es ist Zeit zu helfen. Durch eine Finanzierung der Restaurierung auch aus Deutschland. Aber auch durch Besuche in Treblinka. Gedenkstättenfahrten von Gruppen, aber auch Einzelbesuche. Vergesst Treblinka nicht!

… ist unfruchtbar zu machen“

geschrieben von Hans Canjé

5. September 2013

Symposium zu „Justiz und Erbgesundheit“ im Faschismus

Jan.-Feb. 2007

Die Dokumentations- und Forschungsstelle „Justiz und Nationalsozialismus“ an der Justizakademie des Landes Nordrhein-Westfalen in Recklinghausen veranstaltete vom 6.-8. Dezember 2006 ein Symposium „Justiz und Erbgesundheit“. Die für diese Stelle derzeit zuständige Richterin Dr. Hella-Verana Daubach hatte hierzu vor allem Justizangehörige verschiedener Gerichte des Landes sachkundige Referenten, Betroffene und mit Karin Berndt vom Arbeitskreis Justiz Mannheim auch eine Vertreterin des bürgerschaftlichen Engagements zur Aufhellung der Rolle der faschistischen Justiz, der Kontinuitäten nach 1945 und der Würdigung der Opfer eingeladen. Die in die Gegenwart reichenden Folgen der Untaten des Faschismus wurden den Teilnehmern durch den Film „Lebensunwert“ – Der Weg des Paul Brune von Robert Krieg und Monika Nolte auf erschütternde Weise nahegebracht. Wo heute schon über wieder über „lebensunwertes Leben“ laut nachgedacht wird, sollte dieser Film zur Anschauung nicht fehlen.

(Die DVD „Lebensunwert“ ist zum Preis von 14,90 Euro plus 2,50 Euro Versankosten zu beziehen bei: Westfälisches Landeszentrum, 48133 Münster (E-Mail: medienzentrum@lwl.org)

„Tod dem lebensunwerten Leben“ proklamierten die „Nationalsozialistischen Monatshefte 1930. Das war die brutale Kurzfassung dessen, was Adolf Hitler im August 1929 in seiner Schlussrede auf dem Nürnberger Parteitag der faschistischen NSDAP erklärt hatte: Wenn in Deutschland jährlich eine Million Kinder geboren und zugleich 700 000 bis 800 000 der Schwächsten „beseitigt“ würden, wäre das im Endergebnis sogar eine Kräftesteigerung. Am 14. Juli 1933, das Regime war eben im Amt, verkündete die „Reichsregierung“ das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, das im Januar 1934 in Kraft trat. Mit dem Gesetz, so Ministerialdirigent im Innenministerium Arthur Gütt, solle der „Verschlechterung des Erbgutes unseres Volkes“, den Minderwertigen und Asozialen, die „völlig unbrauchbar für das Leben sind“, den „erblich belasteten“, die sich „hemmungslos fortpflanzen“ begegnet werden.

Dessen 1. Paragraph verurteilte die als „erbkrank“ Deklarierten zur „Unfruchtbarmachung“, zur Sterilisierung. Erbliche Taubheit, Blindheit, Fallsucht, Schwachsinn, körperliche Missbildungen (Klumpfuß) oder oft willkürlich konstatierte Schizophrenie waren vorgegebene und damit zu „behandelnde“ Fälle für die im ganzen Land geschaffenen „Erbgesundheitsgerichte“. In den Feldzug zur Vernichtung der „lebensunwerten“ waren die Medizin wie die Justiz als Vollstrecker eingebunden. Darum auch widmete sich das Symposium der Justizakademie konzentriert deren in der Geschichtsschreibung unterbelichteten Rolle bei der Realisierung dieses Gesetzes, der bereitwilligen Mitwirkung der Amtsärzte zur „Reinhaltung der Rasse“, zur „Ausmerze“ der „Volksschädlinge“, der „entarteten“, und des „Untermenschentums“. Etwa 400 000 Zwangssterilisationen wurden zwischen 1933 und 1944 durchgeführt. Mindestens 5000 starben an den Folgen der Verstümmelungen.

Historiker, Richter, von den Maßnahmen des Regimes Betroffene oder deren Vertreter beleuchteten den staatlichen Vernichtungsfeldzug, dessen Vorkämpfer in der Weimarer Republik oder die Rolle von Theoretikern der Eugenik, der Lehre von der „Erbgesundheit, im internationalen Rahmen. „Gedankenspiele“, die im Faschismus gebündelt zur brutalen staatspolitischen Realität werden konnten.

Prof. Hans-Walter Schmuhl brachte diesen, in manchen Beiträgen doch etwas zu kurz gekommenen Tatbestand auf den Punkt. Die Verkündung des Gesetzes und seine Realisierung bezeichnete er als den „Beginn eines weltweit einzigartigen Experiments“, den „Volkskörper zu reinigen“. Das Regime habe die Exekutierung dieser „ureigensten NS-Politik“ in die Hände der Justiz gelegt. Er verwies dabei u.a. auf einem Sonderlehrgang, der vom 12. bis zum 14. Februar 1934 im Berlin-Dahlemer Kaiser-Wilhelm-Institut zur Vergatterung der Vorsitzenden der Erbgesundheits- und Erbgesundheitsobergerichte statt gefunden hat. Hier wurden die Richter von führenden Vertretern des Regimes über die „Aspekte der „Rassenhygiene im völkischen Staat“ informiert, einschließlich einer Vorführung der „Technik der Sterilisierung“ in der Berliner Charité. Land- und Amtsgerichtsrat von Lehe berichtete seinem Vorgesetzen: „Der Lehrgang hat bei den Teilnehmern großes Verständnis für die Grundzüge der Vererbungslehre geweckt und ihnen die richtige Auffassung von den hohen Aufgaben und Zielen einer nationalen Rassenhygiene vermittelt, die bei den Entscheidungen der Erbgesundheitsgerichte zum Ausdruck kommen soll.“

Die „scheinbare Objektivität der Richter verhalf diesen Gesetzen zur Legitimität und zur Akzeptanz“ erläuterte Astrid Ley von der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen. Die Schlüsselstellung der Amtsärzte habe jeden Einspruch der Betroffene ausgeschlossen. Volker Friedrich Drecktrah illustrierte diese Feststellung am Beispiel des Erbgesundheitsgerichtes Stade. Die laut Vorschrift „rein arischen Richter“ entschieden in den „ordentlichen Verfahren“ zur „Unfruchtbarmung“ pro Fall in acht bis zehn, ab 1935 auch schon in drei Minuten über Wohl und Wehe der Opfer, deren Verkrüppelung, auch über Leben und Tod. Tatkräftige Unterstützung fanden die Hüter der „Erbgesundheit des Volkes“ durch die Wohlfahrtsverbände, Hilfsschullehrer, selbstverständlich durch alle Zweige des Gesundheitswesens, wie Johannes Vossen in seiner Untersuchung zur „sozialrassistischen Ausrichtung“ des Wuppertaler Erbgesundheitsgerichts anmerkte. Nicht wenige Beteiligte seien nach 1945 durch das Gesetz zum Artikel 131 wieder in den Staatsdienst gelangt, standen nicht selten im neuen Amt ihren früheren Opfern gegenüber. Ein Tatbestand der, wie vor allem von Margret Hamm vom Bund der „Euthanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten angemerkt wurde, im Gegensatz stand zur bis heute anhaltenden Stigmatisierung der Opfer und der staatlichen Weigerung, diese Gesetzgebung als faschistisches Unrecht anzuerkennen.

Paul Brune nahm an diesem Symposium teil. Der 1935 geborene, wurde als achtjähriger von einem „Erbgesundheitsgericht“ als „lebensunwert“ abqualifiziert. Er überlebte mit Glück und Lebenswillen „Idiotenanstalten“ und „Pflegeeltern“ die ihn noch bis 1957 als „Psychopathen“ ausbeuten konnten. Seine NS-Akte, die ihm „asoziales Verhalten infolge Erbanlage“ attestiert hatte, lag bis ins Jahr 2003 auf den Schreibtischen von Amtsärzten. Dann endlich wurde er als Opfer des Faschismus anerkannt.

Mit Geschichte leben

geschrieben von Wolfgang Gehrcke

5. September 2013

Jan.-Feb. 2007

Oktober 2006: Erstmals in seiner Geschichte befasst sich der Deutsche Bundestag mit den Freiwilligen, die auf Seiten der Republik im Spanischen Bürgerkrieg die Demokratie gegen den Faschismus verteidigt haben. Die Fraktion DIE LINKE. hat beantragt, ihr Engagement zu würdigen und sie nennt in ihrem Antrag Namen – die Namen aller Abgeordneten des Reichstages und jener, die später im Bundestag saßen, die in Spanien in den Internationalen Brigaden kämpften. Die Linke gibt den Demokraten, die oftmals namenlos blieben, Namen zurück.

Wolfgang Gehrcke ist außenpolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag

Der Antrag der Linksfraktion im Bundestag zur Würdigung der deutschen Kämpfer für die Spanische Republik 1936-1939 war ein Tabubruch, verschwieg doch die offizielle Geschichtsschreibung der Republik West das Thema weitgehend. Angehörige der faschistischen Legion Condor genossen dagegen ungebrochen Renten und Anerkennung. Noch immer gibt es in Berlin die „Spanische Allee“, benannt nach der „siegreichen Heimkehr“ der deutschen Truppen. Die Geschichtsschreibung West war immer auf dem rechten Auge blind.

Der Geschichtsschreibung des „neuen Deutschlands“ droht nach der Vereinigung das gleiche Schicksal. Aber Demokratie in der Gegenwart braucht Wurzeln in der Geschichte. Oder konkret: Der Rechtsextremismus, die Lauheit der Mitte haben geschichtliche Vorläufer. Ein Hauch Weimar liegt noch immer in der Luft. Geschichtliche Verortung kann auch für die Linke kein Beiwerk sein, sondern ist Teil der Standortbestimmung für das Heutige.

Aus der Geschichte muss man lernen können; nicht nur Individuen, sondern Gesellschaften müssen lernen können. Dies Lernen erfordert immer Selbstkritik, „schonungslose Selbstkritik“, wie sie Rosa Luxemburg einforderte. Gerade wenn schonungslose Selbstkritik Richtschnur eigenen Handelns würde, wenn die Linke das einlöst, was Rosa Luxemburg vorschlug, müssen Barmherzigkeit, Wahrhaftigkeit und Nachsicht dazukommen. Diese sind bisher nicht unmittelbar in linken Traditionen verankert, genauso wenig wie die Fähigkeit zu schonungsloser Selbstkritik.

Barmherzigkeit deshalb, weil politische Entscheidungen immer in Raum und Zeit, in geschichtlich konkreten Situationen getroffen werden. Die „Nachgeborenen“ können Entscheidungen abwägen, die Faktoren, welche zu ihnen geführt haben, bewerten, sie prinzipiell verwerfen oder bejahen. Aber keine und keiner möge urteilen, wie sie oder er sich in der konkreten Situation verhalten hätte. Was bleibt, ist Dankbarkeit, dass man selbst in unbarmherzigen Verhältnissen nicht lebte oder sich entscheiden musste. Oftmals werden Menschen, sozialistische Vorkämpferinnen und Vorkämpfer postum als unerschrocken gewürdigt. Das mag so gewesen sein. Für mich würde ich lieber eine Einordnung als „erschrocken“ wählen. Dankbar dafür, dass vieles an meiner Generation und an mir vorüber gegangen ist, was andere bewältigen mussten. Deswegen: Seid barmherzig, wenn ihr über Personen urteilt, aber entschlossen im Urteil über die Dinge.

Wer möchte nicht eine Vorkämpferin oder ein Vorkämpfer für Wahrhaftigkeit sein, der Vergangenheit gegenüber und in der Gegenwart? Wahrhaftigkeit ist eine seltene Tugend geworden in Zeiten, in denen Verlogenheit geradezu ein Markenzeichen der Politik geworden ist. Im Großen wie im Kleinen. Schon die Sprache ist verlogen, ein Mittel der Verschleierung und nicht der Wahrhaftigkeit. Kriegseinsätze heißen heute Friedensmissionen, Sozialabbau wird mit Flexibilisierung umschrieben und Globalisierung lautet das Zauberwort, mit dem jede Schurkerei erklärt wird. Wer sich an Wahlversprechen hält oder diese glaubt, den hält SPD-Minister Müntefering für dumm.

Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit müssen für die Linke Geschwister sein. Ohne Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit wird auch linke Politik hohl und beliebig. Doch Vorsicht: Auch unsere Geschichte ist voll von peinlichen Umschreibungen, Verdrehungen und Lügen. Umschreibungen, nicht weil sich Erkenntnisse erweitert haben, sondern weil Macht sich verlagert hat. Erinnern wir uns an retuschierte Fotos und nicht zu nennende Namen. Auch Linke haben Revolutionäre zur Vergessenheit verurteilt. Stefan Heym beschreibt dies im „König David Bericht“. Das Urteil des Königs Salomo über den von ihm bestellten Geschichtsschreiber lautet, künftig nicht mehr genannt zu werden. Auch in der Geschichte der kommunistischen und sozialistischen Bewegung kennen wir solche Unpersonen. Über Zeiten nur, doch schlimm genug. Wahrheit, die scheibchenweise von oben zugeteilt wird, ist Unwahrheit. Erkenntnis ist immer ein Prozess der Näherung, des Relativen. Geschichte bleibt ein Prozess zwischen dem Tatsächlichen, dem Möglichen und dem konkreten Zufall. Geschichte bleibt ein Widerspruch zwischen der Absicht der handelnden Personen und den Auswirkungen ihrer Handlungen in der Gesellschaft.

Nachsicht forderte Brecht in seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“ ein für diejenigen, die die Welt freundlich machen wollten und glaubten, selbst nicht freundlich sein zu können. „Gedenkt unser mit Nachsicht!“ mahnte er. Mit Nachsicht zu denken und zu gedenken heißt, umsichtig im Urteil zu werden.

Die Linke braucht in diesem Sinne einen über den Tag hinausgehenden geschichtlichen Standort. Ohne ihn wird sie ein Rohr im Winde sein. Sie braucht politische Alternativen, Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit im Handeln, rationale Analysen und Emotionen, Kultur und Kunst.

Und bauet der Freiheit Haus

geschrieben von U. Schneider

5. September 2013

Konferenz zum 60. Jahrestag der Hessischen Landesverfassung

Jan.-Feb. 2007

Seit Oktober vergangenen Jahres feiern Roland Koch und die hessische Landesregierung unter dem Motto „Geschenkte Freiheit“ die Gründung und Konstituierung des Landes Hessen vor 60 Jahren. Geschaffen durch eine Proklamation der amerikanischen Militäradministration vom 19. September 1945, mit der das Land Hessen aus vormals selbstständigen Teil zur Verwaltungseinheit „Groß-Hessen“ zusammengeführt wurde, endet dieser Prozess mit der Volksabstimmung über die neue Landesverfassung am 1. Dezember 1946.

Das Jubiläum des letzten Datums nimmt die Landesregierung zum Anlass, den Vorabend mit einem „Großen Zapfenstreich“ in Wiesbaden einzuläuten. Es ficht diese Regierung auch nicht an, dass gerade die Hessische Landesverfassung einen antimilitaristischen Auftrag hat, wie Bodo Ramelow zur Eröffnung einer politischen Tagung der Fraktion „DIE LINKE“ am 25. November in Frankfurt/Main betonte. Er appellierte an die etwa 200 Teilnehmenden: „Wir dürfen nicht zulassen, dass Roland Koch die Verfassung mit Militärmusik erschlägt.“

Getragen von Gewerkschaften, verschiedenen Parteien sowie Organisationen der demokratischen, antifaschistischen und Friedensbewegung setzten die Veranstalter und Referenten unter dem Titel „… und bauet der Freiheit Haus“ „60 Jahre Hessische Verfassung“ ein demokratisches Gegensignal gegen das offizielle Geschichtsbild der Landesregierung.

Nachdem Bodo Ramelow die politischen Rahmenbedingungen zwischen antifaschistischem Neuanfang und Restauration nachgezeichnet hatte, erinnerten vier Experten in einem moderierten Gespräch an die Vorgänge um die Entstehung der hessischen Verfassung und an Persönlichkeiten, wie Leo Bauer, Walter Fisch, Oskar Müller, Elisabeth Selbert und Lore Wolf, die ihren ganz spezifischen Beitrag zur Ausformulierung der Verfassung geleistet hatten. Eingeleitet hatte dieses Gespräch Dr. Luc Jochimsen mit einem autobiographisch geprägten Rückblick auf die Bedeutung der Verfassung für ihre Familie.

Unter der Überschrift „Der hessische Verfassungskompromiss“ warf Prof. Fisahn (Uni Bielefeld) einen juristischen Blick auf die Geschichte, Gegenwart und Zukunft zentraler Verfassungsgrundsätze in wirtschaftlicher (Recht auf Arbeit, Verbot wirtschaftlichen Machtmissbrauchs) und gesellschaftspolitischer Dimension (Recht auf unentgeltliche Bildung, einheitliche Sozialversicherung für alle Bürger). Er schlug den Bogen bis zur – bislang gescheiterten – EU-Verfassung und machte deutlich, welch unterschiedliche Gesellschaftsmodelle diesen Regelungen zugrunde liegen. Das Publikum erlebte hier, wie anschaulich und wirksam für die politische Praxis selbst juristische Vorlesungen sein können.

In sieben Arbeitsgesprächen wurden anschließend verschiedene Artikel der Landesverfassung vom Sozialisierungsartikel (Art. 41), dem Friedensgebot (Art. 69), den Regelungen zur Bildungspolitik (Art. 59) bis zum Faschismusverbot (Art. 158) auf ihre Entstehung und ihre Aktualität hin untersucht. Die Ergebnisse dieser Arbeitsforen bildeten die Kernthesen einer Podiumsdebatte zwischen Landtagsabgeordneten der SPD, Bündnis 90/ Grüne, dem Landesbezirksvorsitzenden des DGB und Vertretern der LINKEN und der WASG. Diese Runde stand unter dem Titel „Ein anderes Hessen ist möglich!“ Bei aller Übereinstimmung wurde doch deutlich, wie weit sich GRÜNE und SPD von den politischen Optionen, die diese Verfassung enthält, entfernt haben. So kritisierte der DGB-Vorsitzende Stefan Körzell die Befürworter der vorerst gescheiterten Reform der hessischen Verfassung und warf ihnen vor, die sozialen Bestimmungen der Verfassung reihenweise über Bord zu werfen.

Dieses gebündelte Programm mit Reden und Gesprächsrunden wurde aufgelockert und inhaltlich ergänzt durch Erich Schaffner mit Begleiter, der durch Lieder und Rezitationen die demokratischen Traditionen von Georg Büchner bis in die Gegenwart lebendig werden ließ.

Diese Veranstaltung hat zum rechten Zeitpunkt noch einmal den antifaschistischen Gehalt der Verfassung in das Zentrum der politischen Debatte gerückt hat.

Marxhaus, Engelshaus, Thälmannhaus

geschrieben von Dr. Seltsam

5. September 2013

oder: der Kommunismus im deutschen Museum

Jan.-Feb. 2007

Wenn man circa vier Wochen vorher anruft, arrangiert die Thälmann-Crew eine Tagesfahrt „Linkes Hamburg“ mit Hafen, Bredelgesellschaft und Genossenkneipe in Eimsbüttel. Telefon 040-47 41 84. Und wer etwas Geld hat oder demnächst sein Testament macht, sollte an Thälmann denken. Wir brauchen ihn.

Im Weihnachtstrubel hatten wir ein schönes Vorhaben. Im Auftrag der Jungen Welt fuhren wir zu dritt anderthalb tausend Kilometer durch Deutschland und besuchten die Gedenkstätten für die Führer des Kommunismus: das Thälmannhaus in Hamburg, das Engelshaus in Wuppertal und das Marxhaus in Trier. Hier einige subjektive Eindrücke.

Interessant ist zunächst die unterschiedliche Trägerform der Häuser. Das Thälmannhaus gehört einem privaten Förderverein, DKP- nah, aber nicht in Parteibesitz und ständig in Geldnot; das Engelshaus ist als städtisches Museum mit einem überaus eindrucksvollen Museum für Frühindustrialisierung verbunden, hat 18 Planstellen und ist als Feierkneipe der Bürgermeister eng ins Stadtleben integriert; „Karl Marx gehört der SPD“ – so sieht man das in Trier. Seine Geburtsstätte, in fußläufiger Nähe zur Friedrich-Ebert-Stiftung – aber in Trier ist alles fußläufig – macht von allen drei Museen den chicsten Eindruck, der Fanshop hat einiges zu bieten. Doch in der Ausstellung wird Marx leider wie eine schlechte Soße behandelt: Verlängert und entschärft.

Hein Pfohlmann ist Vorsitzender des gemeinnützigen Fördervereins des Ernst- Thälmann-Hauses in Hamburg und muss jeden Monat ein Geldloch von über 500 Euro füllen, um den Laden zu erhalten. Seine Domäne ist das umfangreiche Archiv der Gedenkstätte: Seit die Hamburger SPD ihr ganzes Früh-Archiv (und damit ihre proletarische Tradition) abgegeben hat, verfügen Thälmanns über die umfangreichste Materialien-Sammlung zur Hamburger Arbeiterbewegung und werden von Studenten und Historikern gut besucht. Ein ziemlicher Skandal, dass die reichste Stadt Deutschlands diese wertvolle Forschungsstelle nicht angemessen finanzieren kann. Gleichzeitig benutzt sie aber die Erinnerung an die „drei berühmten Eppendorfer: Wolfgang Borchert, Ernst Thälmann und Uwe Seeler“ für ihre Imagewerbung. Insgesamt ein peinliches Bild, dass diese Stadt, das imperialistische „Tor zur Welt“, für die Hafenarbeiter und Seeleute, die sie groß und berühmt gemacht haben, heute kein Geld übrig hat, keine Verwendung mehr und keine Erinnerung.

Vorsitzender der Gedenkstätte ist Uwe Scheer. Er trägt eine veritable Schifferfräse ums Kinn, war aber kein Seemann, sondern Zollbeamter. Als DKP-Wahlkandidat hatte er elf Jahre Berufsverbot und musste mit der gekürzten Besoldung auskommen, wurde schließlich wieder eingestellt und erhielt zur Pensionierung ein Dankschreiben des Finanzministers für 45 Jahre treue Dienste für den deutschen Staat. Immerhin ein gewisser Unterschied zum Hitler-Faschismus, der über 1800 Hamburger Kommunisten das Leben kostete. Einige sagen, das sei nur ein gradueller Unterschied. Nun ja, für Uwe Scheer persönlich ist dieser „kleine“ Unterschied von erheblicher Bedeutung. Für den ganzen Komplex von Berufsverbot bis Schikanen gegen die Gedenkstätte fand er den weisen Satz: Der Kalte Krieg ist nicht zu Ende!

Um ins Engelshaus in Wuppertal zu gelangen, muss man durch einen kleinen Park, vorbei an dem Geburtshaus von Engels` Onkel, in dem heutzutage eine Unternehmensberatung logiert und vor dem Wuppertaler Penner Mülleimer durchstöbern. Sehr dialektisch. 8 Euro (Schulklassen frei) kostet eine Eintrittskarte in das Museum für Frühindustrielle Entwicklung und die lohnen sich. Eine Aufgabe des Museums kann ja sein, der Frage nachzugehen: Wie wird so einer wie Friedrich Engels Revolutionär? Ein Barmer Bürgersöhnchen, der von der Schinderei und Kinderarbeit an den Spinnmaschinen und Webstühlen im eigenen Hinterhof erhalten wird. Die ausgestellten Maschinen aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert werden täglich geölt, vom Museumshandwerker intakt gehalten und von Frau Jablonski live vorgeführt. Sie stammt aus der „Ehemaligen“, wie sie die DDR nennt, hat dort, wie viele emanzipierte Frauen, zwei Ausbildungen erhalten, war nach der Wende Haustechnikerin am Rathaus Wuppertal und ist jetzt eine kongeniale Erklärerin der Wirkmaschinen und damit viel mehr als eine Museumsaufseherin. Eigentlich müsste sie in dieser Funktion mindestens ein Lehrergehalt beziehen, ihre Vorführungen sind so instruktiv, dass einem ein Schauer nach dem anderen über den Rücken jagt.

Erstaunlich für ein bürgerliches Museum ist die Tatsache, dass das obere Stockwerk ganz der Kinderarbeit heute gewidmet ist. Man sieht Filme mit gähnenden Arbeitsmädchen aus Indien, die uns wohlbekannte T-Shirts sortieren und einen halbfertigen Fußball, der von asiatischen Kinderhänden zusammengenäht wird. Sehr, sehr klein steht irgendwo auch der Hinweis, dass es unter anderem. die Arbeiten von Marx und Engels waren, die die Kinder in dem „deutschen Manchester“ aus dieser Hölle erlöst haben.

Zusammen mit einer langen Schwebebahnfahrt durch Wuppertal und dem Besuch bei der Linkspartei, die Plakate geklebt hat, auf denen steht, dass hier ein Viertel der Einwohnerschaft von Hartz 4 vegetieren muss, ein empfehlenswerter Ausflug. Er scheint geeignet, auch ganz harmlose Gemüter binnen Tagesfrist zu wütenden Kommunisten zu machen.

Mehr als ein KZ

geschrieben von Hans Canjé

5. September 2013

Untersuchung beleuchtet die Rolle Sachsenhausen im SS-Terrorsystem

Jan.-Feb. 2007

Hermann Kaienburg: Der militär- und Wirtschaftskomplex der SS im KZ-Standort Sachsenhausen-Oranienburg. Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Bd. 16. Metropol Verlag, Berlin, 428 Seiten, geb. 24 Euro. Der Band ist bei der Stiftung zum Preis von 14,40 Euro zu beziehen.

Theodor Eicke am 2. Dezember 1935 in einem Erlass an die KZ-Kommandanten und den Totenkopfsturmbann „Brandenburg“ vom: „Wir wollen, müssen und werden die todgeweihte Schutzstaffel sein, die, wenn alle anderen einmal den Kampf als verloren aufgeben, auf ein Wort des Führers oder seines Reichsführers- SS die Fahne der Freiheit durch feuerspeiende Gassen trägt und wenn sie dabei stirbt.“

Hermann Kaienburg, der sich durch zahlreiche Untersuchungen über die Geschichte der faschistischen Konzentrationslager einen Namen als herausragender Sachkenner gemacht hat, präsentierte Mitte Oktober letzten Jahres in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen und in der Berliner Topographie des Terrors seine neueste Forschungsarbeit. Beide Orte haben eine geschichtliche Quelle und waren über Jahre eng miteinander verbunden: Auf dem Gelände der Topographie, der ehemaligen Prinz-Albrecht-Straße, saß die Zentrale des faschistischen Terrorregimes. Hier residierten die Schreibtischtäter des Reichssicherheitshauptamtes, der Gestapo, des Sicherheitsdienstes. Und im vor den Toren Berlins gelegenen KZ-Sachsenhausen hatte die SS 1936 nicht nur ein Konzentrationslager für die Gegner des Regimes errichten lassen.

Sachsenhausen wurde im Verlaufe der Jahre zum „Schnittpunkt von KZ-System, Waffen-SS und Judenmord“, wie der Untertitel dieses Werkes lautet. die wesentliche neue Erkenntnisse vermittelt über das KZ Sachsenhausen, das bisher als eines unter vielen anderen Einrichtungen des Regimes zur Exekutierung seiner Gewaltherrschaft betrachtet wurde.

Der „KL-Standort Sachsenhausen“ nahm im System des KZ-Staates eine besondere Stelle ein war „nicht nur ein multifunktionaler Militär- und Wirtschaftsstandort sondern mehr ein Organisationszentrum, in dem sich die verschiedenen Gewaltpotentiale wirkungsvoll miteinander verbinden ließen. Entgegen bisheriger Annahme weist Kaienburg nach, dass es sehr wohl „eine organisatorische Verbindung zwischen Holocaust und KZ-System gab“. Das Kapitel über die Entwicklung Sachsenhausens (120 Privatfirmen waren am Aufbau des Lagers beteiligt) „zum multifunktionalen Wirtschafts- und Militärkomplex während des Zweiten Weltkriegs“ macht die Dimensionen dieses Standorts deutlich, der sich von Anfangs 76 ha bis 1945 durch die Ansiedlung immer neuer Einrichtungen auf 388 ha ausdehnte und „in vieler Hinsicht eine Stadt für sich bildete“. Kaienburg: „Die Entwicklung des KZ-Standortes Sachsenhausen zum multifunktionalen SS-Komplex ging also einher mit einer Ausweitung der mit Gewalt verbundenen Einrichtungen und Aktivitäten. Aus einem KZ mit Verhältnissen wie sie in den dreißiger Jahren in den Konzentrationslagern vorherrschten, entstand ein Organisationszentrum der Gewalt, teils in den benachbarten Truppen und Wirtschaftsbereichen“.

Im „Standort Sachsenhausen“ befanden sich als zentrale SS-Einrichtungen neben dem Klinkerwerk und der „Schuhprüfstrecke“ u.a. die „Altsachenverwertungsstelle für Leder“, und die Uhrwerkstatt, in der Häftlinge Raubgut und die Hinterlassenschaften von in den Konzentrationslagern Ermordeten aufarbeiten mussten. Aus dem Kommandostab Himmlers, die Zentralzulassungsstelle für alle SS-Fahrzeuge, ein „Hauptzeugamt“ einschließlich Munitionsniederlage und eigener Munitionsproduktion. Die Kraftfahrtechnische Versuchsabteilung, das „Nachrichtenzeugamt“, die Kriegsgeschichtliche Forschungsstelle, eine Dolmetschereinheit. Die „Wehrgeologeneinheiten“ des Kommandostabes des Reichsführers SS war hier stationiert, damit beauftragt, in den besetzten Gebieten Erdgas, Eröl und andere Bodenschätzen aufzuspüren.

Detailliert betrachtet der Autor den Aufbau, die Organisation, den Korpsgeist der SS-Totenkopfverbände (TV) und deren Vorbereitung auf den von hier aus erfolgtem Einsatz in den von der faschistischen Wehrmacht überfallenen Ländern im Osten. Beispiele für deren Brutalität ergänzen diese Feststellungen. Dieser Truppe widmet er, entsprechend ihrer Rolle bei der Bekämpfung des „inneren und äußeren Feindes“ auch im zweiten Hauptabschnitt „Die Entwicklung des KZ-Standortes Sachsenhausen-Oranienburg 1936-1945“ besondere Aufmerksamkeit.

Theodor Eicke, Kommandeur des ersten Konzentrationslager in Dachau, dann amtlich „Führer der Totenkopfverbände und Inspekteur der Konzentrationslager“, setzte auf harte militärische Grundausbildung und unbedingte ideologische Abrichtung im Sinne der faschistischen Doktrinen. Dazu zitiert er aus entsprechenden Erlassen an die KZ-Wachtruppen :“Dort hinter dem Draht lauert der Feind und beobachtet all Eurer Tun, um eure Schwächen für sich zu nutzen. Gebt euch keine Blößen, zeigt diesen Staatsfeinden die Zähne… Ich kann nur harte, zu allem entschlossenen SS-Männer gebrauchen“. Die Bilanz dieses „Zähnezeigens“ fasst Kaienburg so zusammen:“Neuere Recherchen haben ergeben, dass im Konzentrationslager Sachsenhausen einschließlich der Außenlager bis zum Beginn der Lagerräumung am 21. April 1945 30-35 000 Menschen ermordet wurden und an den Haftbedingungen zugrunde gingen. Darin ist eingeschlossen die Zahl der Exekutierten. Außerdem starben Tausende der über 200 000 Menschen, die in das Konzentrationslager eingeliefert wurden, nach dem Transport in andere Lager oder auf den Todesmärschen in den letzten Tagen des Krieges.“

Gegen mythische Verklärung

geschrieben von Klaus Polkehn

5. September 2013

Eine „kritische Geschichte“ der Juden

Jan.-Feb. 2007

Alfredo Bauer

Kritische Geschichte der Juden

Band 1 – 428 Seiten / Essen 2005 / Euro 19,80

Band 2 – 199 Seiten / Essen 2006 / Euro 14,90

Neue Impulse Verlag, Essen

Probe aufs Exempel: Man frage den Erstbesten nach Juden. Wer sie seien. Woher sie kämen. Die Skala der Antworten kann von Relikten eines Religionsunterrichts bis zu antisemitischen Klischees reichen. In der Auseinandersetzung mit Rassismus und Antisemitismus ist die Kenntnis jüdischer Geschichte von Nutzen. Wer sich kundig machen will, findet auf dem Buchmarkt jedoch meist Traditionsverhaftetes oder nicht Objektives, weil am Zionismus orientiert. In diese Lücke stößt die zweibändige „Kritische Geschichte der Juden“ von Alfredo Bauer, 1924 in Wien geboren, 1939 von den Nazis nach Argentinien vertrieben, Arzt und Autor.

Wieso „kritische Geschichte“? Weil Bauer die Geschichte der Juden ihrer mythischen Verklärung entkleidet und sie aus den historischen und sozialökonomischen Entwicklungen heraus erklärt. Er beginnt mit der Herausbildung des Monotheismus semitischer Nomadenstämme in Palästina im Übergang zur Sesshaftigkeit. Vorstellungen des benachbarten Mesopotamien und Ägypten wurden aufgegriffen. An der Entstehung des Judaismus zu Beginn der Bronzezeit ist nichts Mythisches. Wo Bauer das frühe Königtum in Israel und Judäa und die Zeit der Propheten beschreibt, stellt er vieles vom Kopf auf die Füße.

Naturgemäß nehmen Entstehung und Geschichte der jüdischen Diaspora breiten Raum ein: „Einer der größten Irrtümer, die durch die Zeiten und die Geschichtsbücher geschleppt werden,“ schreibt er, „ist die Annahme, die Juden seien gewaltsam aus Palästina vertrieben worden und hätten immer den Wunsch gehegt, nach dem geliebten Zion zurückzukehren.“ Bauer untersucht, wie sich das Christentum aus dem Judentum heraus entwickelte und von ihm löste. Er stellt die Geschichte der Juden im europäischen Mittelalter bis in die Neuzeit dar, wobei das islamische Spanien und die Zeit in der Reconquista, also die Abfolge von fruchtbarer Symbiose und schrecklicher Verfolgung, breiten Raum einnehmen. Eine umfassende Darstellung der Geschichte der Juden in Polen und die Erklärung der Herausbildung einer jüdischen Nationalität in Osteuropa folgen. Bemerkenswert die Beschreibung der Lage im Osmanischen Reich.

Schließlich wendet sich der Autor der bürgerlichen Emanzipation und Assimilation in Europa zu. Er behandelt eingehend das Wirken jüdischer Wissenschaftler und Künstler und zeigt gerade daran, wie absurd jedweder rassistische Blick ist: Diese „Juden“ sind untrennbarer Teil der Menschheitskultur. (Übrigens konnten sich manchmal nicht einmal die gewalttätigsten Rassisten dieser Wahrheit entziehen: Bauer erwähnt, wie die Nazis den jüdischen Ursprung der Familie des „Walzerkönigs“ Johann Strauß verschleierten).

Der zweite Band widmet sich dem „modernen“ Antisemitismus, der Entstehung des Zionismus. Ein besonderes Kapitel ist zu Recht der Arbeiterbewegung gewidmet. Bauer geht auf die Shoah ein und auf den jüdische Widerstand gegen den Faschismus. Die Gründung Israels und den Krieg von 1948/49 behandelt Alfredo Bauer sehr verkürzt. Seine Sympathie gilt einem Palästina, in dem gleichberechtigter Platz für Juden und Palästinenser ist, in dem beide – heute kaum vorstellbar – freundschaftlich beisammen leben. Er erwähnt die gezielte Vertreibung der arabischen Bevölkerung. Seine Feststellung, Israel sei „nicht von Anfang an ein Schachfigur des Imperialismus“ gewesen müsste jedoch hinterfragt werden. Ein Detail: Unrecht hat er, wenn er im Zusammenhang mit der Ermordung des UN-Vermittlers Bernadotte die Stern-Gruppe als „linksgerichtet und araberfreundlich“ bezeichnet: Die Stern-Gruppe war eine quasi faschistische Organisation, die übrigens 1942 Nazideutschland eine Kooperation angeboten hatte.

Wichtig scheinen mir die Überlegungen Bauers über die Entstehung einer neuen Nation, der jüdisch-israelischen in Israel. Er stellt das in Gegensatz zu dem von den Zionisten „mystifizierten Konzept der ‚jüdischen Nation'“. Diese Position ist auch deshalb wichtig, weil die sowohl von hiesigen Pro-Israel-Kräften, als auch von Antisemiten und von vielen unwissenden praktizierte „Geiselnahme“ deutscher Juden rundheraus bekämpft werden muss: Man kann und darf nicht hiesigen Juden die Menschenrechtsverletzungen durch die israelische Führung anlasten. Im Gegenteil: gerade unter den mit uns lebenden Juden finden sich viele aufrechte Verteidiger der Menschenrechte der Palästinenser. Im Schlusskapitel zieht Alfredo Bauer Bilanz. In der der jüdischen Diaspora macht er voller Hoffnung neue Tendenzen unter den Juden aus: Jene, die die „jüdische Absonderung“ ablehnt, die sich weltweit für Menschernrechte engagiert. Israel aber, schreibt er, „hat auf Dauer nur eine Perspektive, wenn es sich, zu seiner eigenen Sicherheit!, vom Imperialismus löst und eine Verständigung mit den arabischen Völkern sucht. Israel muß ein friedliches Land sein, das die Rechte der anderen Völker respektiert; oder es wird einfach nicht sein.“

Es brennt

geschrieben von Raimund Gaebelein

5. September 2013

Jan.-Feb. 2007

Fritz Starke, Eleftheria lädt ein, Begegnungen zwischen Deutschen und Kretern, Isensee Verlag Oldenburg, März 2006, 80 S. 7,80 €, ISBN 3-89995-290-1

Nachdenkliches weiß Fritz Starke in einem 80 Seiten umfassenden Erzählband aus seiner Wahlheimat Kreta zu berichten. Gegenwart und Geschichte sind in seinen Erzählungen miteinander verwoben. Im Mittelpunkt stehen Begegnungen mit Menschen vor Ort. Vor 43 Jahren geleitete er alternative studentische Reisegruppen nach Griechenland. Gemeinsam mit Mary aus Milwaukee durchstreift er Kreta. Ihr jüdischer Vater wurde im KZ Mauthausen umgebracht. Fritz‘ Mutter hoffte auf blonden, blauäugigen Nachwuchs. Daraus sollte nichts werden. Nachdem Fritz Starke am 21. April 1967 beim Putsch der Obristen in Athen verhaftet, misshandelt und verhört worden war. durfte er Griechenland fünf Jahre lang nicht mehr betreten. Die Erinnerungen an seinen SS-Vaters wurden in der Zelle wieder wach. Schläge und in einem dunklen Raum eingesperrt zu sein, das kannte er noch aus seiner Kindheit. Seit 1997 leitet Fritz Starke im Sommer Lehrerfortbildungsseminare in Anogia auf Kreta. Bewusst wurde dieser Ort ausgewählt. Am 21. August 1944 brannten ihn deutschen Truppen als Vergeltungsmaßnahme nieder, wie so viele andere Orte auf Kreta auch. Verfahren gegen die Täter wurden von der bundesdeutschen Justiz in den 50er Jahren verschleppt und schließlich eingestellt. Hinrichtungen wurden von alten NS-Richtern als notwendiger Bestandteil von Kampfhandlungen gewertet. Fritz Starke beschreibt einige seiner zahllosen Begegnungen auf Kreta. Immer wieder ist er verwundert über die Gastfreundschaft und Offenheit, der er begegnet, obwohl er Deutscher ist. Ob Nikos, Eleni, Panagiota, Alexia, sie alle spüren, dass es dem Autor Ernst ist mit der Aufarbeitung der Verbrechen von Gebirgsjägern und Waffen-SS. Blumen niederzulegen am Denkmal für ihre Opfer ist ein erster Schritt zu einer Fülle persönlicher Begegnungen.

Spiegel der Welt

geschrieben von Alfred Fleischhacker

5. September 2013

Elf Erzählungen über das Leben

Jan.-Feb. 2007

Robert Schopflocher: Spiegel der Welt, Edition Memoria 2006

Unter diesem Titel erschien jetzt ein Band mit Erzählungen in deutscher Sprache. Sein Verfasser, Robert Schopflocher, lebt nicht in Deutschland. Weshalb sei kurz geschildert.

Geboren wurde er 1923 mit einem damals noch nicht erkennbaren Makel. War er doch als Kind jüdischer Eltern zur Welt gekommen. In den ersten zehn Lebensjahren fiel das nicht ins Gewicht. Ab 1933 umso mehr. Fast in Sichtweite seines Geburtsortes Fürth wurden zwei Jahre später auf einem martialisch inszenierten Reichsparteitag der „NSDAP“ einschneidende Ausgrenzungen gegen die im Land lebenden Juden verkündet. Als „Nürnberger Gesetze“ sind sie in die Geschichtsschreibung eingegangen.

Roberts Eltern deuteten die Zeichen der Zeit richtig, schickten den Sohn zunächst in das Jüdische Internat-Landschulheim- Herrlingen bei Ulm und emigrierten 1937 nach Argentinien. Dort begann er seine berufliche Laufbahn in den Siedlungen von Baron Hirsch. Das waren landwirtschaftliche Einrichtungen, die gegründet wurden, um in Russland von Pogromen des Zarenreiches verfolgten Juden ein Leben ohne Repressionen zu ermöglichen. Doch neben der merkantilen hatte Schopflocher auch eine künstlerische Ader. Die wollte er nicht verdorren lassen. Er begann zu schreiben, veröffentlichte in Spanisch verfasste, mit Preisen bedachte Romane und Theaterstücke. Erst in den neunziger Jahren fand er zurück zu seiner Muttersprache. 1999 erschien hier seine erste Erzählung „Wie Reb Froike die Welt rettete“

Den nun vorliegenden dritten Erzählband könnte man auch als Reflektionen über „die Welt in einem Spiegel“ deuten. Er beinhaltet elf Geschichten, voller Alltagsprobleme und darüber, wie Menschen sie auf die eine oder andere Weise zu lösen versuchen. Zum Beispiel die betagte Frau , die ihre noch verbleibende Zeit in einem Pflegeheim verbringt und ihren Kanarienvogel als Ansprechpartner mehr schätzt als das Personal, das sich um sie kümmert. Da können einem, zumal im Stadium fortgeschrittenen Alters, sehr wohl dunkle Gedanken über unerwünschte Nebenwirkungen in derlei Einrichtungen heimsuchen. Zwei Erzählungen beschreiben das Leben in Argentinien zur Zeit der Militärdiktatur in den siebziger Jahren. Die war nicht von Skrupeln geplagt im Umgang mit allen, die sie als ihre Feinde betrachtete .In „Morgengrauen“ wird eine Familie porträtiert, die eigentlich in das herrschende Establishment eingebunden scheint. Doch die beiden gerade erwachsen gewordenen Kinder, Tochter und Sohn, beginnen sich, zusammen mit Gleichgesinnten, gegen die Junta aufzulehnen. Mit Folgen, die die Eltern nur schwer zu begreifen vermögen. Die vorletzte Erzählung „Sitz der Seele“ beginnt so: „An einem schwülen Dezembermorgen im Jahre 1978, als auf den Straßen das martialische Tam- Tam der argentinischen Militärregierung die Bevölkerung auf den Krieg gegen Chile vorbereiten sollte, wurde im Jüdischen Gemeindehaus von Buenos Aires ein schlecht rasierter Mann mittleren Alters vorstellig“. Er bat um ein Gespräch mit einem Rabbiner und stellte dem behutsam eine dickwandige Flasche auf den Tisch. Das Blut seiner armen Tochter, Gott der Allmächtige habe sie selig. Mehr sei ihm von seinem Kinde nicht geblieben. Auch sie ein Opfer der Generäle. Ihrem Blut, das für ihn sozusagen den Leichnam seiner Tochter darstelle, wollten er und seine Frau ein jüdisches Begräbnis angedeihen lassen. Die Reaktion des Rabbiners vermittelt Einblicke in die Gedankenwelt religiöser Würdenträger und auch in die Verstrickung aller Religionen in die gesellschaftlichen Zustände, in denen sie wirken.

Ein Buch das Frau/Mann, gleich welchen Glaubens, welcher Weltanschauung beim Lesen Spannung, Freude und Einblicke in die facettenreiche Vielfalt des Lebens vermittelt.

Eroberung des Kiezes

geschrieben von Regina Girod

5. September 2013

oder: Das Bild des Nachbarn an meinem Balkon

Jan.-Feb. 2007

Offizielle Website: http://socialartnetworkcampaign.fetterengel.de

Kontakt: fetter Engel e. V.

Winsstr. 09

10405 Berlin

Tel.: +49(0)30/44 31 09 70

+49(0)160/721 78 04

In der Woche vor Weihnachten, als alle schon im Festtagsstress steckten, geschah Seltsames in einem alten Viertel im Berliner Prenzlauer Berg. Innerhalb weniger Tage tauchten an ver-schiedenen Balkonen große Plakate mit schwarz-weißen Porträtfotos auf. Männer, Frauen und Kinder, Alte und Junge blicken seitdem von oben auf die Passanten herab. Wie eine Werbeak-tion wirkt das. Nur wofür? Am Rand jedes Fotos steht zweifarbig das Wort „mitmensch“. Das ist alles. Und dass man die porträtierten Mitmenschen durchaus auch unten auf der Straße treffen kann. Einige sind dabei, die jeder in der Gegend kennt, etwa die Frau vom Spätkauf, oder der alte Mann, der schon ewig hier wohnt und Tag für Tag durch die Straßen läuft. Denn die Porträtierten stammen samt und sonders aus dem Kiez. Genauso wie die Künstler, die sie fotografiert haben. Denen ist auch die Idee zu dieser ungewöhnlichen Kunstaktion zu verdan-ken.

Der Winskiez, von dem hier die Rede ist, ist eines jener Wohnviertel, die sich in den letzten Jahren unaufhörlich verändert haben. Durch Modernisierung der oft mehr als hundert Jahre alten Häuser entstanden wunderschöne, aber teure Wohnungen, die sich nur noch Gutverdie-nende leisten können. Doch auf der anderen Seite existiert hier auch noch genügend alte Bau-substanz mit billigen Wohnungen, in denen Studenten, Rentner und Arbeitslose leben. Und Künstler natürlich. Musiker, Maler, Autoren, Filmemacher. Viele haben schon zu DDR-Zeiten hier gewohnt, wahrscheinlich noch mehr sind erst in den letzten Jahren zugezogen, nicht bloß aus dem Westen, sondern aus der ganzen Welt. Angelockt von dem Ruf Berlins als junger, kreativer Stadt mit bezahlbaren Mieten. Im Winskiez leben sie alle bunt durcheinander: Deutsche und Ausländer, Arme und Reiche, Alte, Junge und Kinder. Und genau das do-kumentiert die ungewöhnliche Ausstellung an den Balkonen.

Von den vierzig Porträtierten sind 15 nichtdeutsche Herkunft, sie kommen aus 12 verschiede-nen Ländern, aus Frankreich und Spanien, Japan und den USA, aus Rumänien, Serbien, Ka-nada. Von den Asiatinnen abgesehen, sind Hiesige und Fremde kaum zu unterscheiden. Alle schauen frontal in die Kamera, der Blick konzentriert sich auf die Gesichter, selbst die Frisu-ren sind meist nur angeschnitten. Menschengesichter eben, denen auch nicht anzusehen ist, ob sie einem Hausbesitzer oder einem Hartz IV-Empfänger gehören. Sie schauen herab auf ihren Kiez, ein faszinierendes Projekt ästhetischer Aneignung.

Und was für ein kommunikatives Netzwerk musste gesponnen werden, um die Ausstellung zustande zu bringen! Da waren zunächst diejenigen zu finden, die bereit waren, sich fotogra-fieren und öffentlich präsentieren zu lassen. Alle Aufnahmen entstanden in dem winzigen Raum eines Künstlervereins in der Winsstraße. Wer sich schon getraut hatte, als Modell zu fungieren, brachte bald neugierige Nachbarn und Freunde mit. Insgesamt entstanden so viel mehr Fotos, als schließlich umgesetzt werden konnten. Denn das Teuerste an dem Projekt, der Druck der Bilder auf bis zu vier Quadratmeter große Planen, war limitiert durch die Mittel, die erfreulicherweise vom Kunstamt Pankow zur Verfügung gestellt worden waren. Alles andere wurde ehrenamtlich geleistet. Eine Druckerei aus dem Kiez sponsorte die Werbung für die Aktion. Besonders spannend wurde es noch einmal, als es darum ging, jene Mieter zu finden, die ihre Balkone für die Ausstellung zur Verfügung stellten. Denn die größte Wirkung entsteht dort, wo viele Fotos am selben Haus hängen. Doch nachdem die ersten Plakate ange-bracht worden waren, wuchs die Bereitschaft anderer Balkonbesitzer sprunghaft an.

Die Ergebnisse dieses ungewöhnlichen, kreativen, soziokulturellen Projektes sind noch bis Ende April an Häusern der Immanuelkirchstraße und der Winsstraße zu besichtigen. Die Aus-stellungsmacher hoffen, dass ihre Idee in anderen Bezirken und Städten aufgegriffen, viel-leicht auch weiterentwickelt wird. Mitmenschen gibt es schließlich überall.

Ältere Nachrichten · Neuere Nachrichten