Vergeltung und Fantasie

13. Mai 2022

Interview mit Max Czollek zur Ausstellung über jüdische Rache

antifa: Es hält sich das Bild von Jüdinnen und Juden, die den Holocaust  überwiegend erduldet haben. Nur einige wenige, so das vorherrschende Verständnis, haben Widerstand geleistet. Von Racheakten nach dem Krieg ist hier noch weniger bekannt. Worum geht es bei der Rache-Ausstellung?

Max Czollek: Wir machen ein Angebot, sich mit der Geschichte anders auseinanderzusetzen und fangen historisch viel früher an. Die Geschichte des Judentums ist auch geprägt von der Idee, dass Verfolgung nicht einfach hingenommen wird. Die Jahrtausende anhaltende Diskriminierungsgeschichte erforderte immer wieder neue Strategien, mit den eigenen Erfahrungen umzugehen und Handlungsmacht zurückzugewinnen. Schon die Torah kennt Formen legitimer Rache, die dazu dient, Gerechtigkeit wieder herzustellen, wenn das irdische Recht versagt. Neben den religiösen Aspekten stellen wir zudem den Bezug zu tatsächlichen Momenten der Selbstbehauptung her. Im Kontext feindlicher Umgebungen organisierten sich jüdische »Gesetzlose« als Pirat*innen, Räuber*innen oder später als »Kosher Nostra« –
als Gangs an der US-Ostküste –, um faktisch Vergeltung an der sie missachtenden Dominanzgesellschaft zu üben. Vergeltung und Fantasie weiterlesen »

Wahlen unnötig?

geschrieben von Janka Kluge

13. Mai 2022

Lesenswerte Analyse über den radikalisierten Konservatismus

Die Wiener Politikwissenschaftlerin Natascha -Strobl hat 2021 eine Untersuchung über den radikalen Konservatismus vorgelegt. Sie untersucht dabei die Parallelen zwischen Donald Trump und Sebastian Kurz (ÖVP). Dabei legt sie einen Schwerpunkt auf die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Politikern und kommt zu Parallelen, die auch in Deutschland für die Auseinandersetzung mit der AfD wichtig sind.

Der radikale Konservatismus nimmt dabei Anleihen bei der Neuen Rechten. »Radikaler Konservatismus übernimmt die Strategien und die Sprache des Rechtspopulismus bzw. des parteiförmigen und außerparlamentarischen modernen Rechtsextremismus. Er setzt dabei auf Polarisierung statt auf Konsens und möchte das bestehende politische System zu seinen Gunsten umgestalten.« (S. 39) Ihnen geht es nicht mehr darum, eine konservative Weltsicht zu vertreten, sondern eine Partei und letztendlich einen Staat zu formieren, in denen demokratische Grundregeln nicht mehr gelten. Das Ziel ist, eine Partei hinter einer führenden Person zu vereinen und die Politik auf diese Person auszurichten. Debatten über die Ausrichtung der Partei treten immer mehr in den Hintergrund, stattdessen wird eine Person als der einzige Weg zur »Rettung« aufgebaut. Wahlen unnötig? weiterlesen »

Die Täter finden

geschrieben von Ruby Bender

13. Mai 2022

Eine Graphic Novel über Beate und Serge Klarsfeld und ihr antifaschistisches Wirken

Graphic Novels sind inzwischen in der Popkultur angekommen, allerlei Geschichten werden in diesen grafischen Romanen erzählt. Ferner viele Geschichten von Überlebenden der nationalsozialistischen Verbrechen. »Beate & Serge Klarsfeld –
Die Nazijäger« reiht sich hier ein, geht aber um einiges darüber hinaus. Vor allem behandelt das Buch das Wirken der beiden Antifaschist*innen nach 1945 und erzählt dem Publikum, was Einzelpersonen erreichen können. Beispielhaft steht dafür die Jagd, die Entführung und die Verurteilung von hochrangigen NaziverbrecherInnen wie etwa Klaus Barbie, dem als »Schlächter« bekannt gewordenen Gestapo-Chef von Lyon, der sich in Bolivien unter falschem Namen versteckte.

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Ausgabe März/April 2022 jetzt online!

geschrieben von Nils Becker

8. März 2022

 
»Kämpft mit der VVN für den Frieden: keine Waffen aus USA! keine Atombomben! keine Remilitarisierung!« Foto: JOVO-Fotos

»Kämpft mit der VVN für den Frieden: keine Waffen aus USA! keine Atombomben! keine Remilitarisierung!« Foto: JOVO-Fotos

Editorial

Angeblich sind wir am 24. Februar »in einer anderen Welt aufgewacht«. So jedenfalls sieht es die grüne Außenministerin Baerbock und stimmt damit auf Maßnahmen ein, die mit ziviler Konfliktlösung nichts mehr zu tun haben. Die Meldung vom russischen Einmarsch in die Ukraine erreichte uns nach Redaktionsschluss und war Grund genug, noch einiges an Planung umzuwerfen. Die Eskalation um die Ostukraine war vorhersehbar, so wie es auch die Reaktionen darauf sind. So können wir heute schon sagen, was in der Folgezeit zu erwarten ist: Aufrüstung der Bundeswehr, ein erneuter Schub für die europäische »Sicherheitsarchitektur« und weitere zwischenstaatliche Konfrontationen. Das ist keine »neue Welt«, sondern die Fortsetzung der Politik, an die sich leider gewöhnt wurde. Doch, was macht uns, die »einfache Bevölkerung«, die die Kriege der Herrschenden erdulden und mitführen soll, wirklich sicher?

Antworten darauf sollen die Beiträge auf den Seiten 6 und 7 liefern. Aber auch Artikel, die weiter hinten im Kulturteil stehen, können helfen. Zum Beispiel, indem individuelle Haltung gegen den Krieg (S. 33) und dialogische Erinnerungsarbeit (S. 34) kombiniert werden. Ebenso befasst sich vieles auf den Länderseiten mit Krieg und aktiver Friedenspolitik. Leider nicht mehr ins Heft geschafft hat es ein Beitrag zum Verbot von Memorial International in Russland, eine Erklärung dazu ist aber auf unserer Website nachzulesen. Diese Ausgabe widmen wir dem 75. Jubiläum unseres Verbands (Spezial ab Seite 17) und hoffen auf rege Beteiligung bei der Feier am 26. März in Frankfurt am Main. Weitere Themen sind die Strategieanpassungen der rechten Kräfte in Deutschland (S. 8–11) und eine Bestandsaufnahme zur europäischen Rechten vor den Wahlen in Frankreich und Ungarn (S. 12, 24, 25). Wir freuen uns außerdem, dass die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten weiter versuchen, historische Stoff aufzuarbeiten und rezensieren diesmal wieder zwei neue Produktionen (S. 27, 35). Auf zwei Ereignisse wollen wir schon jetzt einstimmen: Ab Juni findet die documenta in Kassel statt – antifaschistische Kunst hat dort eine lange Tradition (S. 31). Im August jährt sich zum 30. Mal das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen. Im Länderteil sind dazu vorab Forderungen und Positionen für ein Gedenkjahr 2022 zusammengefasst. Nils Becker

Zeitgeschehen
Causa Faeser: Anti-Antifa im Bundestag (Cornelia Kerth)
Gedenken in Dresden (Andreas Siegmund-Schultze)
Interview: Flüchtlingsdrama in Polen (Miriam Tödter)
Erklärung der VVN-BdA zum Überfall Russlands auf die Ukraine (Bundesvorstand)
Aufrüstungsspirale beenden (Ali Al-Dailami, MdB)
Spaziergänge: Auf der Suche nach Erfolg (Ulrich Peters)
Aktuelle Meldungen
VS-Einstufung der AfD (Axel Holz)
Budapest: Nazievent trotz Verbot (Delegationsbericht)
Europäisches Netzwerk: antifascist-europe.org
Neues zum Berliner Stadtschloss (Cornelia Kerth)
Heideruh nach dem Sturm

Archiv-Fundstück
Richtungskämpfe in der SPD in den 70er Jahren (Regina Girod)

Spezial
75 Jahre VVN (Ulrich Schneider)

Portrait
Ingelore Prochnow: Geboren in Ravensbrück (Regina Girod)

Geschichte
Veranstaltungsbericht: Hitlers Rede vor dem Düsseldorfer Industrieclub (Hannah Geiger)
Das KZ in Jasenovac, Kroatien (Gerald Netzl)

Internationales
Frankreich: Zemmour will alle ansprechen (Thomas Willms)
Regressiver Durchbruch der Rechtsparteien in Europa (Cornelia Hildebrandt)
Griechenland: Kriegsversehrte waren Teil der Bewegung (PEAEA-DSE)

Kultur
Die Doku-Serie Nazi-Jäger (Tanja Berger)
Suzanne Maudet: Flucht vom Todesmarsch (Florian Osuch)
Graphic Novel über Ravensbrück (Ruby Bender)
Nora Hespers: Mein Großvater, sein Widerstand gegen die Nazis und Ich (Claude Lampe)
Antifaschismus und die documenta 2022 (Ulrich Schneider)
Jasmina Kuhnke: Schwarzes Herz (Peps Gutsche)
Hans Paasche: Vom Leutnant zum Kritiker (Jakob Knab)
Erinnerungsarbeit mit Aleida Assmann und Robert Hamm (Harry Friebel)
ZDF-Film: Die Wannsekonferenz (Axel Holz)

Anti-Antifa im Bundestag

geschrieben von Cornelia Kerth

8. März 2022

Wie ein früherer Beitrag der heutigen Innenministerin für antifa zum »Skandal« erklärt wurde

Innenministerin Nancy Faeser ist die erste Frau in diesem Amt, dazu eine Sozialdemokratin, die immer klare Kante gegen rechts gezeigt hat. Deshalb gehört sie zu denen, die Drohbriefe mit der Unterschrift »NSU 2.0« bekamen. Das ist offensichtlich eine Herausforderung für die Dienste, deren Vorgesetzte sie nun ist, und sicher auch für manchen der Länderministerkollegen von der CDU, vor allem nachdem die Ministerin »Rechtsextremismus (als) größte Gefahr für die Demokratie« benannt und einen »Aktionsplan gegen Rechtsextremismus noch vor Ostern« angekündigt hat. Anti-Antifa im Bundestag weiterlesen »

Wachsam bleiben

geschrieben von Andreas Siegmund-Schultze

8. März 2022

Dresden: Rechtes Treiben zum Jahrestag der Luftschläge ist mitnichten Geschichte

Seit 2011, als Zehntausende Antifaschist:innen in Dresden einen braunen Großaufmarsch verhinderten, ist bundesweit Jahr für Jahr wenig zum rechten Treiben um den 13. Februar in Dresden zu hören. Dafür gibt es eine Erklärung: Es ist weiterhin tatsächlich verhältnismäßig wenig los rund um dieses Datum in der Elbmetropole. Die Niederlage von 2011 hat gesessen im rechten Sumpf, und die Sache verlor ihren Reiz. Gerade für jene, die vorher von weither anreisten. In diesem Jahr kamen rund 700 rechte Geschichtsverdreher:innen (2011: 6.500) zum »Trauermarsch« in die Altstadt Dresdens. Hunderte protestierten teils mit Sitzblockaden direkt dagegen; der von der Stadt mitinitiierten Menschenkette (die wohl als verhaltener Protest gelten mag) schlossen sich mehrere Tausend an. Wachsam bleiben weiterlesen »

Alle können mitanpacken

8. März 2022

Interview zur Lage an den europäischen Außengrenzen

antifa: Weiterhin flüchten hunderttausende Menschen pro Jahr nach Europa. Sie kommen überwiegend aus den Kriegs- und Krisenregionen Afghanistan, Syrien und aus den kurdischen Gebieten im Irak und in Nordsyrien. Ein Zielland ist Deutschland. In den letzten Monaten hat sich die Situation an der Grenze zwischen Polen und Belarus zugespitzt. Warum?

Miriam Tödter: Wir erleben eine starke Ausweitung der illegalen Rückführungen (sogenannte Pushbacks, Red.) durch die europäischen Staaten. Ob nun Polen, Ungarn, Kroatien oder Griechenland. Alle machen das, und mittlerweile mit großer Brutalität. Deshalb verschieben sich ständig die Routen über die die Menschen nach Europa kommen, um hier Asyl zu beantragen. Die halbwegs sicheren Routen über den Balkan haben lange funktioniert. Nachdem der Grenzschutz mit europäischer Hilfe aber ausgebaut wurde, kam das zentrale Mittelmeer als Fluchtroute ins Spiel. Die Folgen waren katastrophal, wie wir alle wissen. Eine Zeit lang ging es aus der Türkei über die Ägais nach Griechenland. Seit Herbst versuchen Menschen verstärkt, über Belarus in die EU zu kommen, und schlagen sich von Minsk aus durch den Białowieża-Wald, den letzten Urwald Europas, nach Polen durch. Während die südeuropäischen Staaten lange gebraucht haben, um die Grenzen zu schließen, hat Polen sehr schnell gehandelt und schon im Oktober ein Gesetz verabschiedet, das die Abweisung von Geflüchteten an der Grenze legalisiert. Aktuell ist es kälter geworden, und es kommen immer weniger Menschen, aber es sind immer noch viele, die in dem Gebiet ausharren und darauf hoffen, ihren Weg nach Europa fortsetzen zu können. Alle können mitanpacken weiterlesen »

Die Waffen nieder!

geschrieben von Cornelia Kerth, Florian Gutsche #(Bundesvorsitzende)

8. März 2022

Erklärung der VVN-BdA zum Überfall Russlands auf die Ukraine vom 24. Februar

Am 24. Februar haben russische Truppen den offenen Krieg gegen die Ukraine begonnen.

In den letzten Wochen schon hatte die Russische Föderation, unter Ausnutzung einer großen militärischen Übermacht und unter dem Deckmantel falscher historischer Herleitungen nach der Annexion der Krim im Jahr 2014, die Souveränität der Ukraine infrage gestellt und nun, mit der völkerrechtswidrigen Anerkennung der sogenannten »Volksrepubliken« im Donbass und der Übernahme von deren weitergehenden territorialen Ansprüchen, verbunden mit dem Einmarsch russischer regulärer Truppen, die Souveränität der Ukraine schwerwiegend gebrochen. Dies bedeutete den Abbruch langjähriger diplomatischer Bemühungen zur Lösung von Bürgerkrieg und Grenzkonflikt. Nun ist die Russische Föderation vollständig zur nackten Gewaltpolitik übergegangen. Die Waffen nieder! weiterlesen »

Aufrüstungsspirale beenden

geschrieben von Ali Al-Dailami

8. März 2022

Plädoyer für eine konsequente Friedenspolitik. Gastbeitrag von Ali Al-Dailami (MdB)

Nicht selten wird einer Antikriegshaltung von politischen Gegnern Verantwortungslosigkeit und somit auch Regierungsunfähigkeit attestiert. Die Ablehnung von Auslandseinsätzen der Bundeswehr seit Bestehen der Linksfraktion (vorher PDS) hat sich jedoch als richtig erwiesen. Die Linke hat sich den Ruf als letzte verbliebene Friedenspartei erarbeitet und sollte diesen nicht verspielen. Denn tatsächlich verantwortungslos und nicht regierungsfähig sind jene, die Soldatinnen und Soldaten in zum Scheitern verurteilte und nicht selten völkerrechtswidrige Auslandseinsätze entsenden. Aufrüstungsspirale beenden weiterlesen »

Auf der Suche nach Erfolg

geschrieben von Ulrich Peters

8. März 2022

»Spazierengehen« am Montag? Blick auf eine verschwörungsideologische Bewegung

Bei den mehrheitlich an Montagen stattfindenden verschwörungsideologischen »Spaziergängen« handelt es sich nicht, wie oft behauptet, um Proteste einer bürgerlichen Mitte, die mit den Pandemieschutzmaßnahmen unzufrieden ist. Nach dem Ausbleiben überregionaler Mobilisierungserfolge zeigt sich vielmehr ein Strategiewechsel der Pandemieleugner*innenszene, mit dem es gelungen ist, jenen breiten Teil der Gesellschaft, der für Verschwörungsideologien anfällig ist, auf die Straße zu bringen. Auf der Suche nach Erfolg weiterlesen »

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