In Diktatur getrieben

geschrieben von Holger Czitrich-Stahl

11. Juli 2023

Studie zur »Machtergreifung« von Faschisten im ländlichen Raum

20 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur veröffentlichte William Sheridan Allen 1965 seine Studie über den Aufstieg der NSDAP in der norddeutschen Kleinstadt Northeim, 1966 erschien sie in deutscher Sprache. Der Autor (1932–2013) studierte unter anderem an der FU Berlin und in Göttingen. Northeim liegt in der Nähe des Harzes. Allen nannte es »Thalburg«. Ihn bewegte, wie eine Demokratie lokal in die Diktatur getrieben werden konnte. Es gab erste Studien zur »Machtergreifung« der Faschisten im ländlichen Raum, jedoch keine lokalen Analysen des Zeitraums von 1930 bis 1935. Insofern war seine Arbeit eine Pionierstudie. In Diktatur getrieben weiterlesen »

Die Fragen sind anschlussfähig

11. Juli 2023

Ausstellung für junge Menschen erinnert an Kinder des »Verlorenen Transports«. Gespräch mit Carolin Starke

antifa: Sie haben an der Wanderausstellung »›Wer ein Leben rettet …‹ – Lebensgeschichten von Kindern des ›Verlorenen Transports‹« mitgewirkt. Worum geht es genau in der Exposition?

Carolin Starke: Alles verbindet sich mit einem Räumungstransport kurz vor Kriegsende aus dem KZ Bergen-Belsen bei Hannover. Es gab drei dieser Transporte, allesamt Güterzüge, in denen sich sogenannte Austauschjuden befanden und die jeweils Anfang April 1945 in Bergen-Belsen starteten und Theresienstadt erreichen sollten, was aber nur einem Zug gelang. Jener Zug, der in der Ausstellung Thema ist, war rund zwei Wochen unterwegs und fuhr mit etwa 2.500 jüdischen KZ-Häftlingen quer durch das Reichsgebiet. Die Situation der Menschen war absolut schrecklich: Die meisten hatten mindestens ein Jahr die Qualen im KZ Bergen-Belsen und weiteren Haftorten ertragen müssen, waren krank, geschwächt, und sie wussten nicht, wo sie hinfahren oder wo gehalten wird, Essen und Wasser mussten sie während einiger Halte unter gefährlichen Bedingungen selbst organisieren. Über 500 Häftlinge starben insgesamt während der Fahrt und noch nach der Befreiung. Schließlich ist der Zug nahe des Dorfes Tröbitz im heutigen südbrandenburgischen Landkreis Elbe-Elster zum Stehen gekommen, weil die Brücke über die Elster durch die Hitlerjugend gesprengt worden war, um das Vorrücken der Roten Armee zu erschweren. Am Ende sind die SS-Männer abgehauen, und die Sowjets kamen am nächsten Morgen, dem 23. April 1945, und retteten die Insass:innen. Die Fragen sind anschlussfähig weiterlesen »

Unbeschwert in Zwickau

geschrieben von Sebastian Schröder

11. Juli 2023

»Wenn du hier politisch wirst, ändert sich alles«: Zu »Unter Nazis«

Im sächsischen Zwickau fährt ein Bus der städtischen Verkehrsbetriebe mit einem roten Eisernen Kreuz auf schwarzem Hintergrund. Dieser Bus macht stadtweit Werbung für das Tattoo-Studio eines bekannten Zwickauer Rechten, der auf Fotos schwer bewaffnet posiert und auch die Motive »Schwarze Sonne«, der »Rote Baron« und Wehrmachtssoldaten anbietet. Unbeschwert in Zwickau weiterlesen »

Zwischen kritisch und toxisch

geschrieben von Peps Gutsche

11. Juli 2023

Buch zu Männlichkeiten und der Auseinandersetzung mit dem Patriarchat

Es wird in letzter Zeit richtigerweise viel über Männlichkeiten und die Auseinandersetzung mit dem Patriarchat gesprochen und geschrieben. Das ist gut und wichtig, häufig aber auch eher akademisch oder analytisch geprägt. Die Auseinandersetzung mit Männlichkeiten bleibt dabei eine ernste Angelegenheit zwischen kritischer Betrachtung und toxischer Manifestation. Zwischen kritisch und toxisch weiterlesen »

Vermächtnis der Geretteten

geschrieben von Ulrich Schneider

11. Juli 2023

Antifaschistische Kultur: Eine politische Biografie von Nico Rost

Seit einigen Jahren sind die Themen Antifaschismus und die Geschichte antifaschistischer Verbände zunehmend Gegenstand akademischer Betrachtung. Mit dem Verschwinden der Zeitzeugengeneration, die in ihrer Person beide Themen verkörperten, gibt es eine höhere Nachfrage nach derlei Beiträgen.

An sich ist das begrüßenswert, jedoch ist oftmals das Fehlen der Zeitzeugen als vermittelndes Korrektiv in solchen Arbeiten festzustellen. Nur wenn eine Person genügend Materialien und Originaltexte hinterlassen hat, gelingt eine solche Aufarbeitung. Ein gutes Beispiel dafür ist die Doktorarbeit von Markus Wegewitz zu Nicolaas Rost, einem niederländischen Künstler und ehemaligen Dachau-Häftling, der bis zu seinem Tod zahlreiche Veröffentlichungen über seine Verfolgungserfahrungen, aber auch sein Grundverständnis von Antifaschismus vorgelegt hat. Mit dem Ergebnis, dass der Autor mit seiner Studie »anhand des Lebens eines individuellen Akteurs soziale Kontexte, Ideenwelten, organisatorische Zugehörigkeiten und Diskurse des Antifaschismus im 20. Jahrhundert« zu erschließen versucht. (S. 18) Vermächtnis der Geretteten weiterlesen »

Demokratische Militarisierung?

geschrieben von Beryl Bömer

11. Juli 2023

Wie arte versucht, das Polizeiproblem zu umgehen

Auch die großen Medien müssen sich mittlerweile mit der Kritik an der Polizei auseinandersetzen – vor allem in Frankreich. Neben den Verletzten und Toten der Gelbwesten-Bewegung sind bei den Protesten gegen die Rentenreform Straßenschlachten mit der Polizei wiederholt Ergebnis einer sich taub stellenden Regierung. Auch beim Sender arte beschäftigen sich aktuell drei Sendungen (alle in der Mediathek online) damit. Spricht sich arte etwa gegen die Militarisierung der Polizei aus? Das nicht, aber zumindest wird der Kritik an der Polizei in allen drei Dokumentationen ausgiebig nachgegangen. Demokratische Militarisierung? weiterlesen »

Tor zur Sklaverei

geschrieben von Ulrich Sander

11. Juli 2023

Ein Buch zur Rolle Hamburgs für den deutschen Kolonialismus

München als Stadt der Nazibewegung. Potsdam und Berlin als Herzen des Militarismus. So weit, so bekannt. Aber: Hamburg die Metropole des deutschen Kolonialismus? Die Stadt war Tor zur Welt. Und nun ist zu erfahren, dass eines der größten Menschheitsverbrechen – nach dem Holocaust – von Hamburg ausgegangen ist: im neuen Buch »Zucker, Schnaps und Nilpferdpeitsche – Wie hanseatische Kaufleute Deutschland zur Kolonialherrschaft trieben« des Spiegel-Redakteurs Dietmar Pieper.

Es zeigt auf: Schon im 17. Jahrhundert strebten Hamburger Kaufleute in alle Welt, beschafften »Kolonialwaren«. Sie brachten Sklaven von Afrika nach Amerika, und ihre Schiffe kamen hochbeladen mit Kaffee, Gewürzen, Hölzern und Weinen zurück. Tausende Sklaven verblieben auf Besitzungen der hanseatischen Sklavenhalter in Übersee. Tor zur Sklaverei weiterlesen »

Fotografie im Holocaust

geschrieben von Axel Holz

11. Juli 2023

Ausstellung auch mit Dokumenten jüdischer Fotografen in den Ghettos

Wenn die Zeitzeugen verstummen, können Dokumente und Aufarbeitungen zu geschichtlichen Ereignissen hilfreich sein. Dazu zählen auch Fotodokumente, die zugleich viel über die Fotografen erzählen. Die aktuell in Berlin gezeigte Ausstellung zur Fotografie im Holocaust fokussiert auf die besondere künstlerische Form und Aussagekraft dieser Kunst. Tatsächlich erkennt man den Blick der Fotografen und auch der Filmemacher von Filmen, die in der Exposition zusätzlich gezeigt werden. Ob es die Szenen aus dem Olympiafilm »Die Götter des Stadions« von Leni Riefenstahl sind oder die Ausschnitte aus dem Billy-Wilder-Film »Death Mills« (»Die Todesmühlen«), einer Dokumentation über die nach der Befreiung vorgefundenen Konzentrationslager und ihre Opfer. Ersterer sollte den Mythos vom überlegenen »arischen« Sportler stärken, letzterer der Dokumentation, der Anklage der Kriegsverbrecher und der Umerziehung der Deutschen dienen, wie beispielhaft zur suggestiven Wirkung von Fotos in der Ausstellung gezeigt wird. In einem Zeitstrahl wird die Geschichte dieses neuen Mediums Film den Besuchern in Erinnerung gebracht. Doch schon fällt der Blick auf zahlreiche beleuchtete Vitrinen mit einer Unmenge unsortierter Fotos über den Holocaust, seine Täter und Opfer, sozusagen als Gesamteindruck. Fotografie im Holocaust weiterlesen »

Unser Rücktitel

11. Juli 2023

Zehntausende beteiligen sich am 15. Juni 2023 an einem Protest im Zentrum von Athen, einen Tag nach dem Schiffsunglück vor der griechischen Küste, mit mehr als 500 Toten und Vermissten. Foto: Iason Raissis

Zehntausende beteiligen sich am 15. Juni 2023 an einem Protest im Zentrum von Athen, einen Tag nach dem Schiffsunglück vor der griechischen Küste, mit mehr als 500 Toten und Vermissten. Foto: Iason Raissis

Ausgabe Mai/Juni 2023

geschrieben von Nils Becker

30. April 2023

Erinnern 2022 in Solingen, Foto: Jochen Vogler/ r-media-base.eu

Unser Titelbild zeigt das Erinnern 2022 in Solingen an den rassistischen Brandanschlag, an dessen Opfer auch in diesem Jahr gedacht wird. Vor nunmehr 30 Jahren wurden fünf Mitglieder der Familie Genç umgebracht, acht Menschen verletzt. Kurz vor der Tat war das Asylrecht in der Bundesrepublik faktisch abgeschafft worden. Foto: Jochen Vogler/ r-media-base.eu

Wer kennt hierzulande die Verteidiger des Warschauer Ghettos Mordechaj Anielewicz oder Marek Edelman? In Polen kennen sie alle. Bundespräsident Steinmeier hat in seiner Rede zum 80. Jahrestag des Aufstands in Polen mahnend auf die unterschiedlichen Erinnerungskulturen hingewiesen und dennoch hinzugefügt: »Wir Deutsche wissen um unsere Verantwortung, und wir wissen um den Auftrag, den die Überlebenden und die Toten uns hinterlassen haben. (…) Für uns Deutsche kennt die Verantwortung vor unserer Geschichte keinen Schlussstrich.« Zwischen all den salbungsvollen Floskeln muss sich Steinmeier die Frage gefallen lassen, warum die historische Verantwortung Deutschlands dazu verleitet, sich als fünftgrößter Waffenexporteur an Kriegen weltweit zu beteiligen – von den schwachen Bemühungen, Konflikte politisch zu verhindern, ganz zu schweigen. Apropos Warschau: Was ist eigentlich aus den Reparationsforderungen geworden? Die lehnt Deutschland bekanntlich ab. Es ist wirklich kein »Wunder«, dass es Versöhnung in Europa gibt, sondern Ausdruck der zwischenstaatlichen Kräfteverhältnisse, dass deutsche Interessen regelmäßig obsiegen. Wir freuen uns, dass auch in dieser Ausgabe dieser besondere Zynismus an mehreren Stellen entlarvt wird. Noch zwei weitere Dinge, über die wir uns als Redaktion freuen: Wir gratulieren unserer Autorin Janka Kluge zu ihrem juristischen Sieg gegen die Rome Medien GmbH (gehört dem Ex-Bild-Chefredakteur Julian Reichelt). Janka ist Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Trans­identität und Intersexualität e. V. (dgti). In einem Onlinebeitrag war Janka bewusst dem falschen Geschlecht »Mann« zugeordnet worden und sie wehrte sich gegen das Misgendern erfolgreich am Landgericht Frankfurt am Main. Ein weiterer Punkt: Mit dieser Ausgabe überschreitet antifa erstmalig die symbolische Grenze von 10.000 Exemplaren. Einerseits weil die Mai/Juniausgabe immer größeren Absatz findet, andererseits aber auch weil die Mitgliederzahlen unseres Verbandes sich weiter positiv entwickeln.

Inhalt der Ausgabe

Zeitgeschehen
Björn Höcke ist ein Nazi – Zeit für eine antifaschistische Kampagne (Thomas Willms)
Metaphorische Affen – Zum Plädoyer der Bundesanwaltschaft im Antifa-Ost-Verfahren (Alena Lagmöller)
Feindbild und Projektion – Anmerkungen zu Dirk Oschmanns Buch »Der Osten: eine westdeutsche Erfindung« (Regina Girod)
Ostermarsch reloaded – Genauer hingeschaut, wer wo zu Ostern auf die Straße ging (Ulrich Schneider)
Schöne Verpackung – Leitlinie »feministische Außenpolitik« oder die Quadratur des Kreises (Jacqueline Andres und Yasmina Dahm)
Sturm im Kreistag – Upahl: Beispiel einer rassistischen Mobilisierung in Nordwestmecklenburg (Axel Holz)
Niemals vergessen – Zum 30. Jahrestag des Solinger Brandanschlags (Inge Krämer)
Meldungen
Ich gab ein Versprechen ab – Gisela Heiden über ihren Großvater und den Kampf um die KZ-Gedenkstätte Sachsenburg (Interview von Maxi Schneider)
Ein Pulverfass – Welche Fragen nach dem Blutbad in Hamburg gestellt werden und welche nicht (Juliet Schnabel)
Sichtbarkeit erhöhen – Bau- und Begegnungstage der »Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark e. V.« (Interview mit Nandi von der Initiative von Andreas Siegmund-Schultze)
Endloses Wettrüsten – Gedanken zu Frieden in Europa nach dem 9. Mai 1945 und aktuellen Kriegen (Florian Gutsche)
Vorstoß zur Querfront – Berlin: »Ostdeutsches Kuratorium von Verbänden« konferierte mit extrem Rechten (Mathias Wörsching)

Leser:innenbriefe
Neue Dinge entdecken – Zur Webveranstaltung »NS-Vergleiche. Die deutsche Debatte um den Ukrainekrieg« (Thomas Hacker)
Zu antifa März-/Aprilausgabe, »Esthers Vermächtnis«, Seite 29 schreibt unsere Autorin Janka Kluge

Spezial: Rechte Rekrutierung
Verschwundene Kinder Eltern halten Nachwuchs von Schulen fern und orientieren sich an rechten Lernkonzepten (Lotta Maier/Andrea Röpke)
Wie in der »Hitlerjugend« – In Herboldshausen finden regelmäßig Veranstaltungen des neonazistischen und völkischen Milieus statt (Timo Büchner)

Porträt
Jahrzehnte engagiert im Bild – Der Künstler Guido Zingerl verstarb mit 90 Jahren (Ernst Antoni)

Geschichte
Abrechnung mit einem Mythos – Francesco Filippi korrigiert das Bild des italienischen Faschisten Benito Mussolini (Maurice Schuhmann)
Systematisch ausgeplündert – Bremen: »Arisierungs«-Mahnmal zum Raub an jüdischer Bevölkerung im NS-Staat (Henning Bleyl)
Stichtag der Barbarei – Zuerst brannten die Bücher: Zum 10. Mai 1933 in Nazideutschland (Janka Kluge)
Die Gleichschaltung – Schaffung kriegsbereiter »Volksgemeinschaft«: Der Weg zur Macht. Teil 5 und Ende der Serie (Ulrich Schneider)

Internationales
Demokratie oder Rebellion – Die Antiregierungsproteste in Israel zur Verteidigung des Rechtsstaats (Warda Morzi, Hashomer Hatzair)
Nicht mal mehr eine Fassade – EU: Hohe Haftstrafen für Geflüchtete und Helfende auf dem Mittelmeer (Jürgen Weber)

Kultur
Umkämpftes Feld – »Iftach el bab!« (»Tür auf!«): Meron Mendels Buch »Über Israel reden« (Sebastian Schröder)
Bitte keinen Krach – Das Buch »Massenradikalisierung«: Von der Mitte, für die Mitte, über die Mitte (Juliet Schnabel)
Naturaneignung – Klimakrise als möglicher faschistischer Mobilmacher (Nils Becker)
Zur Weltveränderung – Feministische Theorie als Ansage für den Umsturz. Ein Essayband vom Kollektiv MF 3000 (Peps Gutsche)
Das unbekannte Wesen – Richard Rohrmosers »Antifa«-Buch: Hohe Ansprüche, banal in der Umsetzung (Bernd Kant)
Aufräumen mit einem Mythos – Garantin einer rechtsstaatlichen Ordnung? Zwei Bücher zur Polizei (Christian von Gélieu)
Skrupulös komponiert – Hans-Albert Walters Anthologie über deutsche Exilliteratur (Janka Kluge)
Zeugnis ablegen – Zwei Veröffentlichungen zu Erinnerungen aus den KZs (Gerald Netzl)

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