Nicht durchkommen lassen

geschrieben von Peter Nowak

7. November 2022

Ein Film über spontanen Widerstand gegen rechten Kapp-Putsch 1920 in Cottbus

»Dieser Film handelt über den Kapp-Putsch 1920, den ersten rechtsradikalen Umsturzversuch in der deutschen Geschichte.« So führt Bernd Langer gleich zu Beginn in die Handlung des Streifens »Mit der Waffe in der Hand« ein. Der Oralhistoriker ist vielen Linken bekannt wegen seiner Bücher, in denen er die Geschichte der antifaschistischen Bewegung in Deutschland aufgearbeitet hat. Diese Arbeit setzt er im Film fort. Dort dokumentiert Langer, wie in Cottbus der rechte Putsch am spontanen Widerstand großer Teile der Bevölkerung, vor allem der Arbeiter*innenbewegung scheitert. Nicht durchkommen lassen weiterlesen »

Ungewöhnliche Annäherung

geschrieben von Regina Girod

7. November 2022

Wolfgang Herzberg konstruiert eine Geschichte seiner Familie

Seit mehr als 40 Jahren arbeitet Wolfgang Herzberg als Autor, Publizist und Dokumentarist. Er hat Gedichte und Rocktexte verfasst und eine eigene Methode der literarischen Aufbereitung bio-grafischer Interviews entwickelt, mit der er eine Brücke zwischen Literatur, Publizistik und Wissenschaft schlägt. Als sein wichtigstes Buch bezeichnet er selbst den Band »Überleben heißt Erinnern. Lebensgeschichten deutscher Juden«, der 1990 im Aufbau Verlag erschien. Das Bewahren der Erinnerungen jüdischer Überlebender und ihrer Familien, die Auseinandersetzung mit ihren kulturellen und religiösen Prägungen und die Analyse ihrer Rolle im gesellschaftlichen Leben der DDR wurden zu seinen Lebensthemen. Er konnte sie nicht aus sicherer intellektueller Distanz heraus bearbeiten, sie wurden ihm, dem in England geborenen Sohn junger deutsch-jüdischer Emigranten, die als Kommunisten in die DDR zurückkehrten, in die Wiege gelegt. Ungewöhnliche Annäherung weiterlesen »

Genau hinschauen

geschrieben von Sebastian Schröder

7. November 2022

Worin liegt die Einzigartigkeit des Holocaust

In welchem Verhältnis steht der Holocaust zu anderen historischen Verbrechen, zu kolonialen Völkermorden? Ist die Ermordung der europäischen Juden einzigartig, oder ist dies ein Genozid, der der kolonialen Logik folgt? Darum geht es im sogenannten Neuen Historikerstreit; 2021 stehen sich postkoloniale Theorie und Holocaustforschung unversöhnlich gegenüber. Die Bedeutung der Ereignisse und deren Aufarbeitung bzw. Nichtaufarbeitung, ihre Rolle in der Gegenwart und Schlussfolgerungen daraus für Politik und Zukunft sind umkämpft.

Der schmale Sammelband enthält Beiträge von Saul Friedländer, Norbert Frei, Sybille Steinbacher und Dan Diner. Alle beziehen sich auf den Artikel »Katechismus der Deutschen« des Genozidforschers Dirk Moses. Die prominenten Fachhistoriker:innen präsentieren – im Widerspruch zu Moses – zentrale Argumente der Singularitätsthese. Genau hinschauen weiterlesen »

Er darf wieder reiten

geschrieben von Janka Kluge

7. November 2022

Winnetou und die »woken« Spielverderber:innen: Bild-Deutschland ist empört

Jedes Jahr im Sommer dieselbe Leier. Wenn der Bundestag pausiert, werden Meldungen zu Nachrichten, die sonst nur unter Vermischtes zu finden sind. 2022 gehörte dazu, dass der Ravensburger Verlag nach Kritik an seinem Buch über die Jugend Winnetous, dieses wieder zurückzog. Die Kritik kam von antirassistischen Gruppen, die Stereotype in der Beschreibung von Menschen der First Nations in den USA ausmachten. Das Werk ist als Begleitbuch zu einem Kinderfilm über die Jugend des berühmten erfundenen Häuptlings der Apachen erschienen. Er darf wieder reiten weiterlesen »

Ehrung für NS-Täter

geschrieben von Axel Holz

7. November 2022

Wie man in Bayern mit einem »Denkmal« für den Kriegsverbrecher Alfred Jodl umzugehen pflegt

Man stelle sich einmal vor, die österreichische Familie Schicklgruber würde auf ihrem Gemeinschaftsgrab ein Steinkreuz errichten – für einen Gefreiten des Ersten Weltkriegs, der dort nicht begraben liegt, weil dessen Asche im Großraum Berlin verstreut wurde. Auf dem Denkmal würde stehen: »Adolf Hitler (geborener Schicklgruber) / 20.4.1889–30.4.1945 / Politiker«. Mit diesen Gedanken beginnt der Schriftsteller Claus-Peter Lieckfeld seine Gedanken zum Fall Jodl. Der Aufschrei im Falle eines Hitler-Denkmals wäre zweifellos groß, über die Grenzen Deutschlands hinaus. Ehrung für NS-Täter weiterlesen »

Verfolgt und verschwiegen

geschrieben von Hannah Geiger

7. November 2022

Homophobie und Holocaust: Anna Hájková will ein Neudenken von Geschichte

War Anne Frank queer? So liest sich zumindest ein Zitat aus ihrem Tagebuch vom 6. Januar 1944: »Unbewusst habe ich solche Gefühle schon immer gehabt bevor ich hierher kam, denn ich weiß dass ich als ich einmal abends bei Jacque [Jacqueline van Maarsen] schlief mich nicht mehr halten konnte, so neugierig war ich auf ihren Körper (…) Ich gerate jedesmal in Ekstase, wenn ich eine nackte Frauengestalt sehe, so wie zum Beispiel in der Springerkunstgeschichte eine Venus.« Dem Zitat nach zu urteilen, scheint es eindeutig, doch das 2021 erschienene Buch der tschechisch-britischen Historikerin Dr. Anna Hájková zielt nicht darauf ab, bestimmte Menschen als queer, lesbisch oder schwul zu bezeichnen. Vielmehr geht es ihr darum, die Geschichtsschreibung für nicht-heteronormative – also queere – Lebensweisen zu öffnen und die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen als heterosexuell charakterisiert werden, aufzubrechen. Nicht nach sexuellen Identitäten, sondern nach queeren Praktiken wird gesucht. Denn »ohne Teil der Holocaustgeschichte zu sein, verlieren diese Menschen [queere Menschen, Anm. d. Red.] ihre historische Zugehörigkeit und verschwinden«. Verfolgt und verschwiegen weiterlesen »

Kampfthema der Rechten

geschrieben von Peps Gutsche

7. November 2022

Ein Sachbuch über Klimapolitik liefert gut lesbar Argumente

Neben der Untätigkeit der Politik und Ignoranz gegenüber dem Thema ist die Einflussnahme rechter Bewegungen eines der größten Risiken, die dem Erreichen der weltweiten Klimaziele im Weg stehen – und somit auch sozialer Gerechtigkeit und Demokratie für alle. Matthias Quent, Christoph Richter und Axel Salheiser bieten mit dem vorliegenden Buch eine verständlich ausformulierte Argumentation, warum der Kampf der politischen Rechten gegen Klimapolitik zugleich eine Auseinandersetzung um rassistische und neoliberale Vorherrschaft ist. Der zentrale Begriff, den die Autoren dabei neu prägen, ist Klimarassismus. Er beschreibt die Gründe und durchweg negativen Auswirkungen des Klimawandels, die rassistisch diskriminierte Menschen, gerade im globalen Süden, besonders stark treffen. Die Kosten des industriellen Wohlstands in den westlichen Ländern werden dabei überproportional von Menschen im globalen Süden getragen. Ein Hauptgrund dafür liegt darin, dass der Wohlstand des Westens seit der Industrialisierung auf der Ausbeutung des globalen Südens und dem Verbrauch fossiler Energieträger aufbaut. Die Lebensweise, an die wir uns alle gewöhnt haben, so stellen die Autoren klar, ist weder nachhaltig noch dauerhaft haltbar, wenn wir die Klimakrise verlangsamen möchten. Kampfthema der Rechten weiterlesen »

Ausgabe September/Oktober 2022

4. September 2022

fertigte -Sophia Hirsch für antifa an. Sie ist als Illustratorin tätig und wohnt in Berlin. -Informationen unter sophia-hirsch.de sowie  instagram.com/hirsch.sophia_
Das Titelbild ist von Sophia Hirsch

Editorial

Dieser Sommer ist deprimierend – vor allem, weil wir uns auf den Herbst vorbereiten müssen. Während die einen ihre Warnungen vor einer rechten Vereinnahmung von Sozialprotesten so laut hinausschreien, dass AfD und Co. gar nicht anders können, als Großdemos gegen Energiepreiserhöhungen zu organisieren, beschwören andere die Notwendigkeit einer Querfront, um den Frechheiten des Kapitals zu begegnen (Beiträge Seiten 3 und 6). Im Herbst sollte es eigentlich auch eine »Friedensoffensive« geben. Warum es nicht dazu kommt, lesen wir im Beitrag von Florian Gutsche im Länderteil dieser Ausgabe.

Zu Rostock-Lichtenhagen haben wir in den letzten Ausgaben schon einiges geschrieben. Mit den Eindrücken vom Gedenken heimkehrend noch einige Worte: »Es gilt für uns alle, wachsam zu sein für haarfeine Risse im Zusammenleben, wehrhaft gegen die Feinde dieser Gesellschaft und friedfertig im Umgang miteinander und solidarisch mit den Bedrohten« – so mehrdeutig sagte es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) beim offiziellen Gedenken 30 Jahre nach dem rassistischen Pogrom in Rostock. Dem wenig Glauben schenkend und Widerspruch auf den Lippen, versammelten sich am 27. August rund 5.000 Menschen in Rostock, um »dieser Gesellschaft« auf die Sprünge zu helfen, was zu tun wäre, wären diese Worte ernst gemeint: Solidarität nicht nur gegen Neonazigewalt, sondern Alltagssolidarität gegen Alltagsdiskriminierung zu organisieren. Nicht nur Anerkennung von Betroffenenperspektiven, sondern sich selbst zum »Handlanger« der Betroffenen zu machen. Das würde dann auch schonungslose Aufarbeitung von erlittenem Unrecht und Konsequenzen für die Verantwortlichen bedeuten. Und daraus ergibt sich auch die Frage nach angemessener Entschädigung – wenn schon eine Wiedergutmachung nicht möglich ist. Um dieser »Schande für unser Land« (auch Steinmeiers Worte) endlich Rechnung zu tragen, wäre es angemessen, nun diejenigen dazu zu überreden, die was aufzuarbeiten haben und sich größtenteils hinter ihren Gardinen verschanzten. Nils Becker

Zeitgeschehen
»Heißer Herbst«: Thesen zu unseren Aufgaben (Valentin Ulemann, Florian Gutsche)
Vier Morde im Namen der Sicherheit (Bündnis „Ihr seid keine Sicherheit“)
An den Ursprung: Demo in Güstrow (Nico Burmeister)
Zum Untersuchungsausschuss „Franco A.“ (Florian Ritter)
Sozialproteste? Ja, bitte, aber ohn AfD (Irmgard Wurdack)
Bundeswehrserie „Semper Tailis“ (Jan Hansen)
„Neue Stärke“-Partei (Tanja Berger)
Die Anti-Gender-Lobby (Janka Kluge)
Aktuelle Meldungen
Komandantenvilla KZ Sachsenburg: Erinnerung entsorgen? (Hannah Geiger)
Online-Veranstaltung zu Faschismus: Die Gefahr einer Bewegung (Axel Holz)
Studentisch Bildung: Bastion der Kritik (Sebastian Zachrau)

Archiv-Fundstück
Adenauer und die VVN (Bernt Kant)

Nachruf
Der tschechisch-jüdische Auschwitzüberlebende Felix Kolmer ist tot (Karl Forster)

Spezial „Rechte Landnahmen“
Die Thüringer Turonen (Andreas Siegmund-Schultze)
Esoterische Familienlandsitze (Arbeitskreis Anastasia)

Portrait
Entwicklungsbegleiter der DDR: Jürgen Kuczynski (Kristin Caspary)

Internationales
Die Kunstsammlung des Dokuarchivs des österreichischen Widerstandes (Gerald Netzl)
Rechte Wahlbündnisse in Frankfreich und Italien (Cornelia Hildebrandt)

Geschichte
Der Weg ins Dritte Reich (1/5): Republik demontiert (Ulrich Schneider)
Das Dulag in Duderstadt (Hans-Georg Schwedhelm)
Eskalation der Schoa: Aktion Reinhardt (Janka Kluge)

Kultur
Antisemitismus in Indonesien (Blake Smith)
Film „Der Passfäscher“: Versteckspiel im NS (Lucas Kannenberg und Emma Sammet)
Blinde im Nationalsozialismus (Trudi Kindl)
„Die Rache der Verlierer“ – Organisation Consul
Wie Bonn versuchte das Holocaustmemorial in Washington zu verhindern (Harry Friebel)
Biografie über Kurt Hirsch (Yves Müller)
Peter Bierl sucht nach Unmenschlichkeit im »linken« Spektrum (Claude Lampe)
Graphic Novel: »Rufe aus der Vergangenheit« (Peps Gutsche)
Eine Ausstellung zum Schweigen, Reden und Zuhören von jüdischen Holocaustüberlebenden (Maxi Schneider)


Editorial

geschrieben von Nils Becker

4. September 2022

Dieser Sommer ist deprimierend – vor allem, weil wir uns auf den Herbst vorbereiten müssen. Während die einen ihre Warnungen vor einer rechten Vereinnahmung von Sozialprotesten so laut hinausschreien, dass AfD und Co. gar nicht anders können, als Großdemos gegen Energiepreiserhöhungen zu organisieren, beschwören andere die Notwendigkeit einer Querfront, um den Frechheiten des Kapitals zu begegnen (Beiträge Seiten 3 und 6). Im Herbst sollte es eigentlich auch eine »Friedensoffensive« geben. Warum es nicht dazu kommt, lesen wir im Beitrag von Florian Gutsche im Länderteil dieser Ausgabe.

Zu Rostock-Lichtenhagen haben wir in den letzten Ausgaben schon einiges geschrieben. Mit den Eindrücken vom Gedenken heimkehrend noch einige Worte: »Es gilt für uns alle, wachsam zu sein für haarfeine Risse im Zusammenleben, wehrhaft gegen die Feinde dieser Gesellschaft und friedfertig im Umgang miteinander und solidarisch mit den Bedrohten« – so mehrdeutig sagte es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) beim offiziellen Gedenken 30 Jahre nach dem rassistischen Pogrom in Rostock. Dem wenig Glauben schenkend und Widerspruch auf den Lippen, versammelten sich am 27. August rund 5.000 Menschen in Rostock, um »dieser Gesellschaft« auf die Sprünge zu helfen, was zu tun wäre, wären diese Worte ernst gemeint: Solidarität nicht nur gegen Neonazigewalt, sondern Alltagssolidarität gegen Alltagsdiskriminierung zu organisieren. Nicht nur Anerkennung von Betroffenenperspektiven, sondern sich selbst zum »Handlanger« der Betroffenen zu machen. Das würde dann auch schonungslose Aufarbeitung von erlittenem Unrecht und Konsequenzen für die Verantwortlichen bedeuten. Und daraus ergibt sich auch die Frage nach angemessener Entschädigung – wenn schon eine Wiedergutmachung nicht möglich ist. Um dieser »Schande für unser Land« (auch Steinmeiers Worte) endlich Rechnung zu tragen, wäre es angemessen, nun diejenigen dazu zu überreden, die was aufzuarbeiten haben und sich größtenteils hinter ihren Gardinen verschanzten.

Massenmobilisierung von rechts?

geschrieben von Valentin Ulemann, Florian Gutsche

4. September 2022

»Heißer Herbst«: Thesen zu unseren Aufgaben als antifaschistische Bündnisorganisation

Das gesamte neofaschistische Spektrum in Deutschland lauert auf seine nächste Chance, um Menschenmassen mit chauvinistischen Parolen auf die Straßen zu bringen. Nach den rassistischen Protesten der Jahre 2015 ff. und den seit 2020 anhaltenden, zuletzt abgeflauten »Corona-Protesten« wäre es die dritte große Mobilisierung. Anlass diesmal: die Explosion der Energiepreise. »Unser Land zuerst!« lautet die von Donald Trump geklaute Parole der AfD für ihre angekündigten Großdemos im Herbst. Massenmobilisierung von rechts? weiterlesen »

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